24.06.2013

Kopflos, Zopflos und was vom literarischen Kanon zu halten ist

Kopflos ist ein "Thriller" eines jungen Autoren, eines gewissen Kutschers. Er hat sich gegenüber einem Rezensenten recht seltsam verhalten, was mich geärgert hat. Daraufhin habe ich mir das Buch zugelegt und konnte gleich auf den ersten beiden Seiten eine ganze Menge an stilistischen und narrativen Fehlern entdecken. Jedenfalls hat es gereicht, um dies in einer Rezension zu zerpflücken. Ich habe sogar auswählen müssen. Der Rest der Geschichte ist ähnlich verwirrend geschrieben. [Siehe auch meinen Nachtrag dazu und zur Parodie Zopflos am Ende des Artikels; wer einen wesentlich besser geschriebenen Thriller lesen möchte, dem sei das Buch Der Prediger von Nathalie Schauer empfohlen: es ist zwar auch "nur" ein Unterhaltungsroman, aber eben einer, der gut geschrieben ist. Gut heißt: man kann in der Geschichte bleiben. Während man in manch anderen Büchern von Kindle-Autoren alleine durch die Rechtschreibung oder den Stil ständig daran erinnert wird, dass man liest, nicht, dass man "eine Wirklichkeit erlebt".]
Ich habe daraufhin eine Mail vom Autoren bekommen, in der er "androht", mein Werk auch zu "rezinsieren". In einer weiteren Mail hat Kutscher dann behauptet, dass, wer über Einhörner schreibt, keine Ahnung von Thrillern habe. Das allerdings ist eine recht kühne Behauptung. Sowohl Fantasy als auch Thriller bedienen nämlich weitestgehend eine sehr ähnliche Struktur. Die Unterschiede sind eher oberflächlich. Das wird zwar meistens vom Leser nicht gelesen (und muss es ja auch nicht), aber für Literaturwissenschaftler ist das schon wichtig und wer Spannungsgeschichten schreibt, tut jedenfalls ganz gut daran, sich an diese Struktur zu halten. Es gibt natürlich Ausnahmen und hervorragende Ausnahmen, zum Beispiel Der Buick von Stephen King. Dieser Roman ist eher eine Enttäuschungsgeschichte, weshalb er bei den Lesern auch nicht besonders gut angekommen ist.
Hitchens, den ich als Diskussionspartner sehr schätze, hat in einem Kommentar zu meiner Rezension die fehlende Kenntnis von klassischer Literatur eingeklagt. Ich stimme mit ihm zum Teil darin überein. Mir wäre es auch lieber, ich könnte mich über die Bücher, die ich faszinierend finde, mit möglichst vielen Menschen unterhalten. Andererseits ist natürlich die Aufgabe des Buchmarktes oder der Leser nicht, meine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Ich muss also damit rechnen, dass andere Menschen andere Bücher lieber mögen. Meine ganze Antwort an Hitchens zitiere ich noch einmal hier, da sie verdeutlicht, wo für mich tatsächlich komplett schlechte Literatur anfängt.
Wobei ich von einem solchen Kanon [gemeint ist der literarische Kanon der Klassiker] wenig halte. Die Konflikte, die Goethe in seinen Werken schildert, sind eindeutig nicht die Konflikte der meisten Menschen von heute. Ich empfinde auch manche Schullektüren als zu schwierig, als dass man sie den Schülern anbieten könnte. Agnes von Peter Stamm, ein wunderschöner Liebesroman, ist sehr schwierig zu interpretieren, gerade weil er zu schlicht schreibt, gerade weil er die tiefere Bedeutung nicht durch Symbole, sondern durch die Aneinanderreihung von Szenen vermittelt.
Andererseits empfehle ich meinen Kunden, möglichst viel und möglichst unterschiedlich zu lesen, und natürlich auch den Kanon an Klassikern zu beachten. Nur seien wir ehrlich: wer hat schon mal etwas von Gerhart Hauptmann gelesen, immerhin ein Literaturnobelpreisträger? Und wie viele Werke von Goethe kennt der gute Bildungsbürger eigentlich? Ein paar Gedichte, drei, vier Theaterstücke? Und was davon hat er eigentlich gelesen?
Im übrigen halte ich von der Goethe-Rezeption des 19. Jahrhunderts meist gar nichts. Die läuft allzu häufig auf eine Tautologie hinaus: Goethe ist wichtig, weil Goethe wichtig ist.

Natürlich haben Sie recht: Sprachgefühl, Logik und die dazugehörigen Teilgebiete wie Begriffsbildung und Urteilsvermögen, Schlussfolgerungen oder sei es nur eine präzise Wahrnehmung werden wenig gepflegt, wenig überdacht. Andererseits müsste man dann allerdings schon von den ersten Philosophen so etwas wie eine endgültige Wahrheit fordern können. Doch die Logik hat sich über die Laufe der Jahrhunderte extrem verändert, was nicht nur an gesellschaftlichen Änderungen liegt, sondern eben auch, dass mithilfe der Logik die Logik kritisiert wurde. Derzeit ist wohl das größte Problem, dass die Massenmedien eine mediale Logik anbieten, die zur klassischen Logik überhaupt nicht passt. Die Folge ist, dass die meisten Menschen nicht mehr den großen Denkern folgen, sondern den rhetorischen Verdrehungen aktueller Medien. Das allerdings kann man nicht den Menschen anlasten, sondern vor allen Dingen auch den Journalisten. Mindestens die großen Tageszeitungen, aber auch die öffentlichen Sender hätten hier die Pflicht, auf solche Kompetenzen zu achten. Und notfalls eben auf viele Zuschauer zu verzichten.

Nein, ich denke, in meiner Rezension geht es einfach um ganz grundlegende Sachen, eher um eine Unfähigkeit, den Alltag zu erzählen und noch lange nicht um die Fähigkeit, eine bedeutsame Geschichte zu schreiben. Und das macht mir wirklich Angst: wenn die Menschen nicht mehr in der Lage sind, Tatsachen zumindest so zu ordnen, dass sie in der richtigen Reihenfolge erscheinen, wie sie aufgetreten sind. Oder auftreten sollten, wie man dies für fiktive Prosa in Anspruch nehmen darf.
Und da finde ich Kutscher noch nicht einmal besonders relevant. Wenn ich dies aber in einer Beurteilung eines Schülers entdecke, in den Behauptungen, die jemand über einen anderen Menschen macht (bis hin zur Erfindung von Tatsachen, weil sich sonst der logische Bruch allzu deutlich zeigt), finde ich das schon extrem bedenklich. Hier rutschen einzelne Menschen bis hin zu ganzen Bevölkerungsschichten in die Esoterik zurück, während wir doch versuchen, die Aufklärung voranzutreiben.
Nachtrag:
Kutscher hat mittlerweile das Buch gelöscht und wiederum neu eingestellt. Er schreibt, es sei eine verbesserte Auflage. Er begeht hier einen Fehler, mit dem ich bei meinen Kunden immer wieder zu kämpfen habe: man muss sein Buch, aber auch die Kritik dazu, liegen lassen. Manchmal muss man sie lange liegen lassen. Blinder Aktionismus schadet nur. Und so hat Kutscher eben nicht nur zahlreiche seiner Rezensenten beleidigt, sondern sein Buch auch verschlimmbessert. Will sagen: es ist immer noch unglaublich anstrengend erzählt und damit nicht das, was ein unterhaltendes Buch leisten sollte: zu unterhalten. 
Unterhaltsam allerdings ist, wenn auch manchmal etwas schwarzhumorig und derb, der Kein-Roman Kopflos. Dieser Mensch kann schreiben. Und er kann gut schreiben. Sofern man manchen etwas böseren Spruch abkann. 
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