11.06.2013

Ein zweideutiges Plakat der NPD: Konnotation und Kontext; die Aufgabe der Literaturwissenschaft

Immer wieder beschäftige ich mich mit dem Thema Konnotation, das heißt dem "Sinn", der zwischen den Zeilen steht.
Folgt man der Definition von Jürgen Link in Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe (München 1993, derzeit vergriffen), dann findet man Konnotate sowohl als Anspielungen, als auch als Bezeichnungen einer umfassenderen Struktur. Ich möchte dies kurz an einem Beispiel deutlich machen: wenn ein Autor von einem "rauschenden Fest" auf der einen Seite und von "Bäumen, die in der Winterlandschaft wie Gerippe aussahen" schreibt, so konnotiert dies Leben/Tod. Hier wird die Konnotation über Bilder geschaffen, die sich inhaltlich widersprechen, durch Konvention und Thematik aber zusammengehören.
Um das Plakat der NPD hat es ziemlichen Wirbel gegeben. Zunächst sieht dieses Plakat harmlos aus. Udo Voigt, Vorsitzender der NPD, ist auf einem Motorrad zu sehen, mit der Hand am Gasgriff. Nun kann man als erste Konnotation notieren, dass die Politik sich nicht schnell genug ändert, zu langsam und zu schwerfällig ist und dass die NPD hier rascher und unbürokratischer auf Veränderungen eingeht. All das steht nicht auf dem Plakat, sondern wird von ihm konnotiert oder, was ein alternatives Wort wäre, suggeriert.
Dies wäre der eine mögliche Kontext: die Politikverdrossenheit, die aktuelle Wahl (das Plakat wurde während der Berliner Senatswahl aufgehängt), die vom Berliner Senat (angeblich) verschleppten Entscheidungen.
Nun konnte man allerdings dieses Plakat vor dem jüdischen Museum betrachten. Dadurch wurde eine ganz andere Konnotation möglich. Der Zusammenhang Gas/jüdisch suggeriert den Holocaust, bzw. die Judenvergasung. Jetzt kann der Slogan "Gas geben" sogar als Aufforderung zum Mord, eventuell sogar zum Völkermord gelesen werden.
Das einzige Problem dabei ist: es wird nur angedeutet, nicht gesagt. Linguistisch gesehen haben wir es mit drei konkurrierenden Kontexten zu tun: einmal einem Motorrad, einmal der berliner Politik und einmal dem jüdischen Museum. Dadurch entstehen drei Strukturen, die sich je unterschiedlich zusammenfassen lassen, bzw. unterschiedlich konnotieren lassen. Dies wird auch das Problem einer Anzeige sein, die der NPD Volksverhetzung vorwirft. Was explizit gesagt wird, ist natürlich justiziabel, aber nicht, was implizit gesagt wird, zumindest meistens nicht.
So entstehen unterhalb, gleichsam zwischen Text und Kontext, einer pragmatischen Konstellation (mit dem Motorrad gibt man Gas) weitere Bedeutungen, die den Text anreichern und seinen Zusammenhang verstärken. Die Aufgabe einer kritischen Analyse ist es, auf diese verborgenen Verbindungslinien aufmerksam zu machen, ohne sie überzubewerten. Wir dürfen sie natürlich nicht wegreden. Aber wir dürfen sie auch nicht eindeutig machen. Was ein Text nicht explizit sagt, sagt er eben nicht explizit. Diesen umgedrehten Fall habe ich am "Tod von Walter Faber" kritisiert. Walter Faber, der Protagonist von Max Frischs Roman Homo Faber, wird zwar eng mit dem Tod verknüpft; doch dass er stirbt, ist nirgendwo zu lesen.

Hier finde ich auch eine Art Definition, was die Aufgabe der Literaturwissenschaft ist: sie untersucht die Prozesse, die einen Text kohärent (zusammenhängend) machen und beharrt auf der Vieldeutigkeit des "wirklichen" Textes. Kohärenzbildung ist immer mit ideologischen Prozessen verknüpft, wobei man Ideologie in einem altertümlichen Sinne lesen muss, nämlich als Illustration, bzw. Hypotypose einer Idee, noch nicht als ein System von Ideen und schon gar nicht als ein System politischer Ideen. Letzteres ist nur eine Spielart ideologischer Prozesse.
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