28.10.2012

Mikrologik IIIb: Cussler und Coleridge, Stephen Kings "Buick"

Halt, halt, halt! - Ich streue Asche auf mein Haupt und werde noch einmal konkreter. (siehe Mikrologik III: Symbolische Schicht - eine Möglichkeit, eine Geschichte in sich zu verklammern)

Stephen Kings "Der Buick"
Um zu verdeutlichen, wie sich Symbole in einer Geschichte anschaulich niederschlagen, möchte ich hier auf ein hervorragendes Beispiel eingehen und auf einen Schriftsteller, dem man nun nicht nachsagen kann, er würde zu der wirklich hohen, ernsthaften Literatur gehören. Es handelt sich um den Roman „Der Buick“ von Stephen King, der 2003 auf Deutsch erschien.

Die Geschichte
In diesem Roman findet die Verkehrspolizei (ich besitze das Buch leider nicht, deshalb zitiere ich hier etwas frei) an einer Tankstelle einen verlassenen Buick. Laut des Besitzers der Tankstelle habe ihn ein „schwarzer Mann“ abgestellt und sei dann verschwunden.
Sie schleppen den Wagen also ab und stellen ihn, wie alle herrenlosen Wagen, in einen Hangar. Und dort zeigt das Auto, dass es ein Eigenleben besitzt. Es spuckt von Zeit zu Zeit Monster aus, am Anfang relativ häufig, dann immer seltener, und am Ende des Buches entdecken die Polizisten, dass der Wagen zu zerfallen beginnt, also auch materiell kaputt geht.
Die Monster, die das Auto ausspuckt, überleben allerdings nicht lange. Sie scheinen in der Luft der „realen“ Welt nicht atmen zu können.

Der Buick als „Symbol“
Ich setze mal das Wort Symbol in Anführungsstriche. Dass ich es für nicht besonders glücklich halte, hatte ich ja schon gesagt.
Fragen wir uns zunächst, welche Idee King mit seinem Buch ausdrückt. Ich behaupte nun, das King  so etwas wie die Geschichte von seinem schriftstellerischen Werdegang erzählt und in gewisser Weise auch eine sehr ironische Wertung seiner eigenen Romane vornimmt. Der Buick ist King selbst, ein Wagen, der nicht fahren kann und den ein großer, böser, unbekannter, schwarzer Mann irgendwo abgestellt hat, ohne mitzuteilen, für wen oder für was. Man könnte diesen schwarzen Mann als Symbol für das psychische Trauma sehen, von dem King manchmal Andeutungen macht, uns aber, glücklicherweise, hier nicht an einer Nabelschau teilnehmen lässt.
Die Monster, die der Wagen am Anfang häufig und dann immer weniger ausspuckt, sind natürlich die Romane. Und es ist eine sehr ironische Wendung, dass diese Monster (also die Romane) in dieser Welt sehr rasch sterben. Es verweist darauf, wie der Autor seine eigenen Werke einschätzt. Er kann sich diese Bescheidenheit wohl ohne Stirnrunzeln leisten.
Schließlich kann man das Kaputtgehen des Wagens ebenfalls symbolisch lesen: es ist ein Zeichen für die nachlassenden Kräfte des alternden Schriftstellers.

Die Realität dieser Interpretation
Nun wird wahrscheinlich jemand kommen und sagen: all das steht doch überhaupt nicht in dem Roman drin. Stimmt! Es handelt sich bei meiner Interpretation keineswegs um eine objektive Wahrheit. Aber ich denke, man kann ihr eine gewisse Haltbarkeit zusprechen. Ich interpretiere nicht den konkreten Inhalt, sondern das Verhältnis bestimmter Inhalte zueinander mithilfe einer von außen kommenden Situation. Eine Interpretation ist nicht wahr wie der Satz „es ist draußen dunkel“. Sie ist mehr oder weniger wahrscheinlich und mehr oder weniger nachvollziehbar.
Das passiert, wenn man ein solches Buch auf der symbolischen Ebene interpretiert. Andererseits: ist meine Idee, wie man diesen Roman interpretieren könnte, deshalb uninteressant? Ich glaube nicht.

Die allegorische Schreibweise
Was ich King hier unterstelle, ist eine allegorische Schreibweise. Eine Allegorie kann man, kurz gesagt, als eine geordnete, symbolische Darstellung einer Idee bezeichnen. Die Idee wird also nicht nur mit einem Symbol dargestellt, sondern mit mehreren und diese Symbole müssen dann untereinander auch noch eine nachvollziehbare Ordnung aufweisen.
Die Idee, die ich dem Autor hier nun unterstelle, ist: das Leben eines Horrorschriftstellers.
Fassen wir die Symbole, die ich identifiziert habe, noch einmal kurz zusammen: Buick = Schriftsteller, schwarzer Mann = traumatisches Ereignis, Monster = Bücher, nachlassende Aktivität = schwindende schriftstellerische Kraft.

Offizielle und inoffizielle Symbole
Die allegorische Schreibweise setzt solche Symbole bewusst ein. Das allerdings ist nur die eine Möglichkeit, wie der Literaturwissenschaftler mit Symbolen umgehen kann. Die andere Möglichkeit ist, solche Beziehungen herauszuarbeiten und festzustellen, ob die umliegende Kultur oder das persönliche Leben des Autors solche Symbole nahe gelegt haben und sie deshalb in der Geschichte auftauchen.
Ein Symbol muss also nicht mit dem Willen des Autors einhergehen, sondern kann unbewusst oder konventionell in einer Erzählung auftauchen. Und da Literatur eben einfach auch unterhalten darf und nicht immer intellektuell daherkommen muss, ist das eine ganz erlaubte Möglichkeit, sich auf konventionelle Symbole zu stützen.

Cussler, Coleridge und „The Rime of the ancyent marrinere“
Eine weitere Möglichkeit, Symbole systematisch zu benutzen, sind Gedichte. In seinem Buch Eisberg versucht Cussler dies mit der berühmten Ballade von Coleridge.

„The Rime of the ancyent marrinere“
Coleridges Ballade ist nun selbst hochsymbolisch. Ein alter Mann hält einen zu einer Hochzeit geladenen Gast an und erzählt ihm eine Geschichte, wie er, durch eigene Schuld, wie er meint, sein Schiff ins Unglück gestürzt hat. Dabei ist ein wesentlicher Aspekt der Albatross, der als Symbol für Glück und Hoffnung steht. Einen solchen nun tötet der alte Seemann und beschwört damit das Unglück herbei.
Eine zentrale Stelle, um dieses Gedicht symbolisch zu interpretieren, ist nun der Vers "At length did cross an Albatross, / Thorough the Fog it came; / And an it were a Christian Soul, / We hail'd it in God's name." Der Albatros wird mit der christlichen Seele gleichgesetzt. Wenn der alte Seemann nun real gesehen nur einen Albatros tötet, so tötet er doch, symbolisch gesehen, eine christliche Seele. Damit beschwört er den Zorn Gottes herauf. Dass er dann später den Schiffsbruch überlebt, liegt daran, dass Gott alle Kreaturen gleichermaßen liebt und dass der Mensch ihm darin zu folgen habe (das ist die Moral dieser Ballade).

Cusslers Umgang mit der Ballade
Cussler nun nutzt nicht die gesamte Ballade und auch nicht die darin zum Tragen kommende symbolische Übersetzung (nachzulesen auf den Seiten 184 f.). Berührungspunkt ist hier vor allem der Albatros, der in dem Firmenlogo von Rondheim, dem großen Bösewicht dieses Romans, auftaucht. Nun ist eine Ähnlichkeit, bzw. in diesem Fall sogar eine Gleichheit, gerade kein Symbol.
Wenn Kant in seiner Urteilskraft die Kaffeemühle mit dem despotischen Staat vergleicht und sie deshalb als Symbol bezeichnet, dann ist dieser Zusammenhang begründet. Nun kann ich aber zum Beispiel nicht hingehen, den Räuber Hotzenplotz nehmen und nur, weil die Großmutter am Anfang eine Kaffeemühle benutzt, behaupten, die Großmutter würde den despotischen Staat  unterstützen. In diesem Fall ist die Kaffeemühle leider (oder zum Glück) nur eine Kaffeemühle und kein (politisches) Symbol.
Cussler jedoch tut genau dies mit dem Albatros. Er versucht dem Leser ein Symbol unterzuschieben. Erinnern wir uns daran, dass der Albatros außerhalb von Cusslers Roman sogar relativ häufig als Symbol gebraucht wird. Ich verweise einfach mal aus dem Gedächtnis auf das zweite Gedicht in Die Blumen des Bösen von Baudelaire, auf Moby Dick von Melville, Nietzsche aus den Idyllen von Messina (Vogel Albatros), oder zum Beispiel jene Stelle, die für sich allerdings überhaupt nicht symbolisch ist, sondern erst im Zusammenhang, aus Herta Müllers Roman Atemschaukel (übrigens wie die überwuchernden Büsche in Woolfs MondSilberLicht: die sind für sich selbst auch erstmal nicht symbolisch, sondern nur im Zusammenhang): 
„Auf jedem Silberknopf seines Jacketts flog ein Vogel, wilde Ente oder eher Albatros. Denn das Kreuz auf seinem Brustabzeichen wurde, als ich mich weiter vorbeugte, ein Anker. Der Regenschirm stand wie ein Spazierstock zwischen mir und ihm. Ich fragte: Nehmen Sie den mit. Dort schneit es doch noch mehr als hier, sagte er.“ (Seite 16)
Gerade Müllers Roman eignet sich hervorragend, um zu zeigen, dass ein einzelnes Symbol (wie hier zum Beispiel der Albatros) noch nicht reicht, um etwas bedeutsames auszudrücken. Müller arbeitet mit wesentlich mehr Symbolen und das auf einer äußerst subtile Art und Weise, was den ganzen Roman auch so hervorragend macht.
Cussler dagegen, der versucht, dieses und ein anderes Symbol mit einem berühmten Gedicht holzhammerartig  zu verbinden, bewirkt eher das Gegenteil. Es wirkt aufgesetzt und lächerlich.

Gedichte als Symbolsysteme
Trotzdem eignen sich natürlich Gedichte als Vorrat für symbolische Geschichten oder den symbolischen Hintergrund von Geschichten. Dazu muss man auch nicht den Bereich der Unterhaltungsliteratur verlassen. Stephen Kings Symbolisierung ist mit Sicherheit nicht von großer literarischer Bedeutsamkeit, aber sie bietet unterhalb  des recht unterhaltsamen Romans noch ein gewisses intellektuelles und sogar durch seine Ironie humorvolles Vergnügen.
Wenn man also ein Gedicht als Bezugspunkt für solche Symbolisierungen nennt, dann sollte man sich davon fernhalten, hier eine Art intellektuellen Trick einzuführen. Vor allem sollte aber die Idee des Gedichtes in irgendeiner Weise mit der Idee des Romans korrespondieren. Dass der Mensch jede Kreatur Gottes lieben sollte, findet sich in Cusslers Roman überhaupt nicht ausgeführt. Hier schreibt er komplett an Coleridge vorbei.

Aber Sie können ja mal selbst ausprobieren, ob Sie zum Beispiel aus Rilkes „Panther“ oder aus Goethes „Prometheus“, beides symbolische Gedichte, erstens die Idee in einem knackigen Schlagwort ausdrücken können und ob Ihnen dazu dann auch noch eine gute Geschichte einfällt, die mit der Idee und der Struktur des Gedichtes spielt, ohne sich dieser gleichzusetzen.
Das dürfte auf jeden Fall eine interessante, wenn auch recht anspruchsvolle Aufgabe des kreativen Schreibens sein.

Epilog
Damit sind noch nicht alle Möglichkeiten, wie man mit der symbolischen Schicht umgehen kann beschrieben. Tatsächlich bin ich hier sogar eher noch auf recht einfache Aspekte eingegangen. Ich hoffe trotzdem, dass ich den Gedanken hinter dem Begriff der symbolischen Ebene deutlicher und anschaulicher machen konnte. Weitere Fragen dazu sind natürlich ausdrücklich erwünscht, ob im Kommentar oder per E-Mail.
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