25.10.2012

25.000 Wörter; Mikrologik einer Passivkonstruktion

Es ist 4:30 Uhr morgens. Höchste Zeit ins Bett zu gehen. Meine bescheidene Ausbeute aus fast 10 Stunden Kommentieren: 25.000 Wörter. Wer das beeindruckend findet, den darf ich eines besseren belehren. Ich sammle nur Zitate und Textstellen aus Cusslers Roman Eisberg, um die später zu systematisieren. Durch mein Spracherkennungsprogramm kann ich relativ schnell Zitate eindiktieren. Und die meisten meiner Kommentare dazu sind schlichte Identifizierungen von erzählenden, stilistischen und rhetorischen Mitteln. Solche Identifizierungen sollte ich schon beruflich und durch das Studium gründlich beherrschen. Sie sind bei mir relativ automatisiert und bedeuten deshalb wenig Anstrengung.
Das Sammeln von Textpassagen ist übrigens eine ziemliche Erbsenzählerei. Viel aufregender und anstrengender ist dann die Interpretation.Und da schaffe ich dann immer nur einen Bruchteil.

Mikrologik

Gelegentlich veröffentliche ich ja mal solche Kommentare, meist aber etwas modifiziert, weil sonst niemand meine recht abgekürzten Anmerkungen versteht.
Ein Beispiel:
„Eine weiße Dampfwolke stieg auf, und das Schiff war verschwunden.“ (151)
logische Verknüpfung: undeutlich; unglückliche Passivkonstruktion
Ich übersetze das. In dem zitierten Satz ist das Wort „und“ etwas befremdlich. Denn es bedeutet eine gewisse Gleichartigkeit. Die wird meiner Ansicht nach aber schon grammatisch nicht hergestellt. Der erste Halbsatz bezeichnet ein Ereignis mittels eines aktiven Verbes (aufsteigen), der zweite dagegen einen Zustand (verschwunden sein). Das erscheint mir als äußerst ungünstig. Zudem ist die Passivkonstruktion im zweiten Halbsatz insgesamt nicht schön. Solche Passivkonstruktionen kann man eventuell dann benutzen, wenn ein Ereignis am Ende noch einmal zusammen gefasst und ein wichtiger Zustand herausgehoben werden soll.
An dieser Stelle wäre ein aktives Verb, sogar eine Ausweitung der Passage günstiger gewesen. Und natürlich eine Trennung der Sätze. Das würde dann so klingen:
„Eine weiße Dampfwolke stieg auf. Die letzten Aufbauten des Tragflächenboots versanken in der See. Bereits einen Augenblick später wurde aus dem weißen Schiffskörper ein dunkler Schatten. Und gleich darauf verschwand auch dieser in der eisigen Tiefe. Trotzdem starrte Pitt ihm noch eine Weile nach, als fürchtete er, das Schiff könne wieder an die Oberfläche steigen. Doch es blieb versunken. Schließlich schüttelte Pitt seinen Kopf wie jemand, der einen Albtraum loswerden möchte. Er wandte sich um.“
Ich habe übrigens selbst eine Passivkonstruktion eingefügt: „Doch es blieb versunken.“ Diese erscheint mir allerdings wesentlich angebrachter, auch, weil sie auf den vorhergehenden Satz inhaltlich reagiert. Hier wird ein Zustand bestätigt und als endgültig beschrieben. Zugleich wird damit eine Folge von Ereignissen abgeschlossen und die Geschichte für eine neue Folge von Handlungen/Ereignissen; „bereitgemacht“. Eine Empfehlung lautet also:
Passivkonstruktionen sind am Ende einer Handlungsabfolge gut, um diese abzuschließen und den entsprechenden Zustand für den Leser noch einmal deutlich zu machen; in laufenden Ereignissen sollte man sie weitestgehend vermeiden.

Sie merken also: für mich ist das Wort Passivkonstruktion umfangreich besetzt. Ich habe damit zahlreiche Erfahrungen gesammelt und selbstverständlich kennen Sie meine Erfahrungen nicht. Vielleicht haben wir ähnliche Erfahrungen gesammelt. Doch das kann ich natürlich nicht voraussetzen. Insofern sind meine Kommentare für andere Menschen oft unverständlich, während ich selbst genau weiß, worum es sich handelt.
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