10.10.2012

Bedürfnisse II: gender mainstreaming

Bedürfnisse spielen selbstverständlich auch im realen Leben eine wichtige Rolle. Wenn ich von der psychologischen Konsistenz der erzählten Figuren spreche, handelt es sich vor allem um eine Übertragung realer Erfahrungen in eine Erzählung.
Die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Motiven ist auch deshalb so brisant, weil sie die „Gleichberechtigung“ in gewisser Weise torpediert, zumindest aber recht komplex macht. Auch daran habe ich gestern immer wieder herum gearbeitet.

Ganz kurz und knapp gesagt sehe ich folgende Probleme beim so genannten gender mainstreaming:
(1) Eines der größten Probleme ist die Zurückkürzung des gender-Begriffes auf das Mann/Frau-Ding. Das kulturelle Geschlecht ist aber eben nicht das biologische Geschlecht. Und wenn man das kulturelle Geschlecht präzise nimmt, muss man eigentlich jedem Menschen seine eigene, individuelle Geschlechtsidentität zusprechen. Der Peter Müller, der seine Gabi Müller vor 20 Jahren geheiratet hat, mit ihr zwei Kinder hat und der gar nicht daran denkt, noch jemals mit einer anderen Frau intim zu werden, hat eine dermaßen individualisierte Geschlechtsidentität, dass diese sich gar nicht mehr unter Begriffe wie Männlichkeit subsumieren lässt. (Wie sagten Deleuze und Guattari so schön: jedem sein eigenes Geschlecht.)
Wir müssen also zwischen einem wissenschaftlichen gender-Konzept und einem politischen unterscheiden. Das wissenschaftliche gender-Konzept muss zunächst feststellen, welche Formen es hier gibt und wie sich diese dann gruppieren lassen. Und hier könnte man rasch feststellen, dass gelebte Geschlechtsidentitäten schon immer eine größere Streubreite aufweisen, als dies heute in manchen Ausführungen des gender mainstreaming suggeriert wird.
(2) Die analytische Ausrichtung des gender-Begriffs muss zunächst auf eine Zerstreuung und Trennung zielen. Damit widerspricht sie in gewisser Weise der politischen Ausrichtung des gender-Begriffs, die ökonomische und institutionelle Ressourcen bündeln und zusammenfassen muss, zum Teil aus rein pragmatischen Gründen.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, bzw. Wissenschaft und Politik wird mir zu wenig beachtet und führt zu der zum Teil zurecht bemängelte Gleichschalterei der Frauen in der Politik, bzw. im politischen Diskurs.
(3) Schließlich, und hier komme ich auf die Bedürfnisse zurück, ist immer noch die Frage, wie Menschen in unserer Gesellschaft ihre Bedürfnisse konkret befriedigen können. Fehlende Bedürfnisbefriedigung ist nicht einfach nur ein Problem von überkommenen Geschlechterbildern. Hier müsste man die Verquickung konkreter Machtverhältnisse an Einzelfällen aufzeigen. Wo die Theorie eine analytische Trennung vornehmen darf und sich rein auf Mechanismen, wie Geschlechtsidentitäten hergestellt werden, fokussieren darf, geht dies in der Analyse realer Situationen nicht mehr. Das Problem ist also, dass hier eine analytische Schärfe suggeriert wird (zwischen sexuellen Machtverhältnissen und anderen), die sich empirisch gar nicht durchhalten lässt.
Die Abstraktion ist wissenschaftlich gesehen ein wichtiges Instrument. Sie wird aber genau dann problematisch, wenn sie einer realen Situation „aufgedrückt“ wird oder wenn sie zum Beispiel zu einseitigen politischen Entscheidungen führt.

Sollte ich ein vorläufiges Fazit geben, dann dieses: in der gender-Theorie muss schärfer auf Trennungen geachtet werden, insbesondere auf die sehr unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände einer reinen Theorie und einer empirischen Untersuchung. Vor allem aber muss der Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis schärfer getrennt werden. Schlägt eine Theorie gedankenlos in die Praxis durch, handelt es sich nämlich nur um ein despotisches System (vergleiche auch: Terroristisches und dogmatisches Sprechen).
Und auch wenn ich den Feminismus als sehr wichtig erachte, gibt es durchaus „Feministinnen“, die es nicht zu einer kritischen Theorie schaffen, sondern nur zum Despotismus.
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