11.11.2008

Langeweile (Zum Diskurs der Jugendkriminalität)

Der Diskurs der Jugendkriminalität wird durch eine Reihe seltsamer Oppositionen getragen, die einerseits in einem Kontrast stehen, andererseits aber eine seltsame, schwer zu fassende Komplizenschaft aufweisen; so das Beieinander von Langeweile und Gewalt, von Sprachlosigkeit und fehlendem Mitgefühl, von Information und Desinformation, von Handlungsdruck und Ohnmacht.
Ich möchte an dieser Stelle trotz der dringlichen Probleme für eine Entschleunigung plädieren und sich auf das kulturelle Gedächtnis und die Umwege des Erinnerns einzulassen. Denn es scheint mir, dass der Verlust der Kultur nicht nur die gefährdeten und gefährdenden Jugendlichen bedroht, sondern den Diskurs insgesamt. Dies möchte ich an einem Beispiel darstellen und so den Gedanken plausibel machen, dass die Effekte des Diskurses immer auch Defekte des Diskurses sind.

Langeweile

„Sie schlagen oft aus purer Langeweile.“ (hier)

1. Nietzsche

Nietzsche hat, neben vielem anderen, eine Typologie der Langeweile aufgestellt. Die Langeweile ist das Zeichen des wahren Gelehrten (I, 397), während der gewöhnliche Denker sie flieht und die Zerstreuung suche. Kurz darauf schreibt Nietzsche, dass der große Denker unter den Bedingungen der Freiheit entstehe: „…frühzeitige Menschenkenntnis, keine gelehrte Erziehung, keine patriotische Einklemmung, kein Zwang zum Brot-Erwerben, keine Beziehung zum Staate …“ (I, 411f). Diese Freiheit sei zugleich eine „schwere Schuld“, und dem „gewöhnlichen Erdensohn“ nicht zuzumuten. „Er ginge ja sofort an seiner Freiheit und seiner Einsamkeit zu Grunde und würde zum Narren, zum boshaften Narren aus Langeweile.“ (I, 412f)
Drei Formen der Langeweile sind es also, die Nietzsche unterscheidet:
1. Die Langeweile, in der der echte Philosoph seine Muße findet, seine Pflicht zu einzigartigen Taten und Werken (bei Nietzsche ist dieser Typus der Langeweile oft mit der Figur des heiligen Sünders verbunden, und geht in alle möglichen Figuren des religiösen Kampfes über, siehe II, 142f);
2. die Langeweile, die der gewöhnliche Gelehrte flieht und in der Zerstreuung zu entgehen sucht (tatsächlich ist die Langeweile an einigen Stellen eng mit einer psychischen Ambivalenz zusammengedacht:
„Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen Alles interessant, er weiß die belehrende Seite einer Sache rasch zu finden und den Punkt anzugeben, wo eine Lücke seines Denkens mit ihr ausgefüllt oder ein Gedanke durch sie bestätigt werden kann. Dabei verschwindet immer mehr die Langeweile, dabei auch die übermäßige Erregbarkeit des Gemütes.“ s. II, 211);
3. die Langeweile, die daraus resultiert, die Freiheit nicht ertragen zu können und darüber zum boshaften Narren zu werden.
Dazu drei Anmerkungen:
1. Die „gute“ Langeweile geht mit einem Schwebezustand zwischen der formlosen Wahrnehmung und dem Bedürfnis, darin wieder eine Form zu schaffen, einher (dies ist unter anderem Thema der 3. und 4. Unzeitgemäßen Betrachtung). Feind dieses Schwebezustandes ist die überreizte Buntheit des modernen Menschen (I, 456f). – Benjamin schreibt ähnlich, wenn er konstatiert:
„Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet.“ (B, 446)
2. Wird die Langeweile nicht ausgehalten, ist eine ihrer Methoden die Wendung gegen sich selbst (wenn man es psychoanalytisch ausdrücken will), hier also der Sadomasochismus des sich oder andere geißelnden Sünders auf der einen Seite (II, 142f) und des Asketen, der sich sinnlosen Ritualen unterordnet (II, 133).
Erinnern wir uns, dass diese Form der Langeweile die des gewöhnlichen Gelehrten ist und dass man diese drei Typen heute in der Diskussion über die Jugendkriminalität tendenziell wiederfindet: denjenigen, der sich als (Teil der) Gesellschaft die Schuld gibt; denjenigen, der dies gegen andere als (Teil der) Gesellschaft tut; und denjenigen, der sich in Ritualen des Beklagens, des Analysierens oder des Aktionismus ergeht.
3. Die Langeweile wird zur übermäßigen Erregbarkeit (=Aktionismus und Gewalt) nicht als Kontrast, sondern als Gegenpol beschrieben, zwischen denen das Hin- und Herpendeln das einigende Band stellt.
Dagegen ist der kultivierte Mensch jener, der zwischen der belehrenden Seite einer Sache und seinem erkennenden Trieb vermittelt.

Ohne hier auf eine nähere Diskussion eingehen zu wollen, stelle ich folgende These in den Raum: gegen die Langeweile, die zur übermäßigen Erregbarkeit hin- und zurückpendelt, stellt Nietzsche eine zweite Pendelbewegung dar: die zwischen der Lust an der Unsicherheit und der Lust am Erkennen.

2. Benjamin

Benjamins schwieriges Werk möchte ich eher unter dem Aspekt der Anspielung nennen, als ihm eine wie auch immer begrenzte Analyse zukommen zu lassen.
Unter all den Begriffen, die Benjamin zu seinen Leitbegriffen gemacht hat, den der Übersetzung, der Aura, des Eros oder des Sammlers, findet sich auch der Begriff der Erfahrung (E, 230ff).
Die Annäherung an den Begriff der Langeweile kann man eng mit dem Begriff der Erfahrungslosigkeit verbinden, wie ihn Benjamin für die Menschen aus dem 1. Weltkrieg beschreibt:
„Konnte man damals nicht die Feststellung machen: die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung.“ (B, 214)
Mitteilbare Erfahrung, das ist die Erzählung, die Anekdote, das Sprichwort. Und dass die Menschen all dies nicht mehr wissen, dass sie nichts mehr mitzuteilen haben, liegt nicht daran, dass sie keine Erfahrungen gemacht hätten, sondern dass nie Erfahrungen
„gründlicher Lügen gestraft worden [sind] als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch den Hunger und die sittlichen durch die Machthaber.“ (B, 214)
Die Erfahrung wird durch die Erzählung zu einem nomadischen Band zwischen den Lauschenden. Sie ist nichts Enormes, nichts Heldenhaftes. Doch gerade darin scheint für Benjamin ihr Glanz zu liegen. Indem sie von Mund zu Ohr geht, spinnt sie ein Netz aus der Gabe zu Lauschen und der Gabe zu Erzählen (B, 446f).
Man kann hier, neben die Erfahrungslosigkeit, die Sprachlosigkeit, aber auch die Gehörlosigkeit stellen. Mit der Gehörlosigkeit, oder die Unfähigkeit zu Lauschen, klingt dann ein drittes Thema des Diskurses über Jugendkriminalität an: das fehlende Mitleid.

Bleiben wir also bei der Frage, was für uns in dieser Gesellschaft noch Erfahrung ist, was erzählbare Erfahrung ist. Auch hier werden wir bei der Frage stehen bleiben müssen. Aber es ist leicht nachzuvollziehen, dass sie nicht nur die Kinder derjenigen Eltern berührt, die aus einem fremden Land stammen und ihre alten Erfahrungen nicht sinnlich und vorbildlich vorleben können. Schon die rasante Veränderung der Gesellschaft, die Computer, die Handys, die Globalisierung, wirken sich auf die Nützlichkeit der Erfahrung aus.
Es ist, wie Benjamin konstatiert,
„[e]ine ganz neue Armut […] mit dieser ungeheuren Entfaltung der Technik über die Menschen gekommen.“ (B, 214)

3. Das Psychoanalytische

Es gibt nicht die Psychoanalyse. Deshalb werde ich hier, im Dunstkreis oder aus ihrer Mitte, einige Ideen versammeln, die an die Langeweile anspielen.

a. Die klebrige Identifikation

„Die Reduktion der Lektüre auf einen Konsum ist natürlich verantwortlich für die »Langeweile«, die viele vor dem modernen (»unlesbaren«) Text, dem avantgardistischen Film oder Bild empfinden: Sich langweilen heißt, dass man den Text nicht hervorbringen, nicht auf ihm spielen, ihn nicht zerlegen, ihn nicht loswerden kann.“ (RS, 71)
Man kann in Barthes Kritiken immer wieder den nämlichen Tenor hören: die Verpflichtung auf den Konsum macht handlungsunfähig. Unter dem Konsum aber schwingt auch der Kanon mit, die Kanonisierung der Kultur. Dies ist ein gleichbedeutendes Ereignis durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Es gibt Idole, aber keine Idolatrie.
Man höre auch den anderen Tenor in dem Zitat. Einen Text zu lesen, ein Kulturgut zu „lesen“, heißt, es zu zerlegen, zu zerstören, loszuwerden. Das ist eine große Aufgabe für die Erziehung: nicht die Kulturgüter einzuführen, um sie auf einen Sockel zu stellen, sondern um sie hinter sich zu lassen.
Die Identifikation ist, laut Freud,
„… eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten so benimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich aufnimmt.“ (NV, 69)
Gleich darauf verknüpft Freud die Identifizierung mit einer kannibalistischen Tendenz. Der Kannibale konsumiert den Körper des Feindes, verdaut ihn und scheidet ihn aus.
Hier scheint die Ambivalenz jedes Idols auf: man ist zur Identifizierung verpflichtet oder gedrängt, aber man kann es nicht selbst werden. Zum Teil verhindern gesellschaftliche Schranken den Weg dorthin und man spielt nur noch das Idol; zum Teil wird einem auch der Weg dorthin verwehrt, indem man zum Nimbus, zur Analyse, zur Reproduktion erzogen wird.
Die Identifikation wird klebrig, weil sie nie vollständig vollzogen wird. Und das wiederum verursacht, folgt man Barthes, die Langeweile.

b. Die fehlende Revolution

Sich aus der Identifikation zu lösen, sie „auszuscheiden“ (ein Akt der analen Aggression: da hast du deinen Scheiß!), ist eine Form der Revolution. Die Revolution ist allerdings kein Wert an sich, weder im persönlichen Bereich, noch im politischen. Zunächst ist die Revolution ein Experiment mit den Werten, die etwas wert sind (NP). Dagegen fehlt die Revolution beim Bürger, indem die Werte konsumierbar gemacht werden:
„Der Bürger zerstört den Wert nicht, er verflacht ihn, verkleinert ihn, begründet ein System des Kleinlichen, Schäbigen.“ (RS, 268)
Statt also das kulturelle Werk zu „zerstören“ (durch Arbeit, durch Spiel, durch Zerlegung, wie Barthes schreibt), werden seine Wirkungen und Wertungen verflacht. Größenwahn und Minderwertigkeit, Überhöhung und Erniedrigung gehen auch in der Kultur Hand in Hand.

c. Die fehlende Evolution

Wurmser stellt in seinem außergewöhnlichen Buch Die Maske der Scham folgende These auf:
„Langeweile - ein Zeichen unterdrückter Triebe - ist auch die Manifestation einer machtvollen Abwehr gegen das Erleben von Gefühlen; wenn Gefühle an sich als unpassend angesehen werden, wenn ihr Glanz sozusagen ausgelöscht wird, dann zieht der feuchtkalte Nebel der Langeweile auf.
Letztlich glaube ich jedoch, dass alle diese Zustände von "Erstarrung" und "Langeweile" sich auch wieder auf die schweren Formen der chronischen Depersonalisierung und damit auf Verleugnung und allgegenwärtige Affektverdrängung zurückführen lassen.“ (MS, 308)
Die Erstarrung und die Abwehr der Affekte aber gerade ist es, die ein Lernen, ein Sich-Vervollständigen unmöglich machen.

Man kann von hier aus folgende Schlüsse ziehen: die Verpflichtung zum Konsum macht handlungsunfähig und verhindert die Identifikation ebenso wie das Verlassen der Identifikation; die fehlende Identifikation verhindert den Aufbau von Werten und verflacht sogar die Werte; diese Verflachung geht mit einer Gefühlsverdrängung einher. Handlungsunfähigkeit, fehlende Identifikation, Gefühlsarmut und Werteverlust erweisen sich aber nicht als ein Problem von Problemjugendlichen, sondern als ein komplexes gesellschaftliches Gefüge, als ein kulturhistorisches Syndrom.

4. Schluss

Hier ist nicht der Ort, abschließende Thesen aufzustellen, noch nicht einmal, die gerade begonnene Arbeit auf den aktuellen Diskurs der Jugendkriminalität zu beziehen. Sinn und Zweck ist vielmehr, ein Stück weit die Selbstverständlichkeit der Begriffe zu erschüttern. Der ganz banale Satz Sie schlagen oft aus purer Langeweile. erweist sich als höchst problematisch in dem ganzen Umfeld, in dem er steht.
Es scheint mir nicht das Schlechteste zu sein, hier das „höchst Problematische“ in den Vordergrund zu stellen. Denn zum einen erweist sich der Begriff der Langeweile als ein spannender Begriff, der sich in einen enormen Zusammenhang stellt, angefangen von dem der Wahrnehmung des Kulturellen bis hin zu der Frage, inwiefern ein gewisser handlungsarmer Bildungsbegriff seine eigenen Werte zerstört und zugleich manche Menschen in die Langeweile-Gewalt-Spirale treibt.
Zumindest aber sollten wir den Gedanken aufgeben, dass dieses soziale Problem sich beherrschen ließe, indem man immer wieder Begriffe beschwört, ohne sie aufzufüllen und auszukosten. Denn auch Begriffe müssen auf der Grundlage unserer Kultur gebildet und durchgearbeitet werden, sollen sie sich nicht als defekte Begriffe oder einfach nur als pure Wörter, bloße Mittel zur Skandalisierung erweisen. Wären das die Effekte des Diskurses, dann hätte sich das Reden über Jugendkriminalität vielleicht sogar in eine heimliche Komplizenschaft zu ihrem Untersuchungsgegenstand gebracht.
  • RS = Barthes, R.: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2006
  • B = Benjamin, W.: Gesammelte Schriften II (Aufsätze, Essays, Vorträge). Frankfurt am Main 1991
  • NP = Deleuze, G.: Nietzsche und die Philosophie. Hamburg 2002
  • NV = Freud, S.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Band XV. Frankfurt am Main 1999
  • I = Nietzsche, F.: Kritische Studienausgabe Band I. München 1988
  • II = Nietzsche, F.: Kritische Studienausgabe Band II. München 1988
  • E = Weber, T.: Erfahrung, in: Opitz, M./Wizisla, E.: Benjamins Begriffe, 1. Band. Frankfurt am Main 2000
  • MS = Wurmser, L.: Die Maske der Scham. Berlin/Heidelberg/New York 1993
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