25.11.2008

Trainieren

Matthias Pöhm - um hier mal auf ihn zurückzukommen - schreibt, dass man neues Verhalten trainieren müsse, sonst ändert sich nichts.
Nun hatte ich neulich geschrieben, dass man Elemente des Erzählens mehrfach einüben sollte. Warum? Damit man sie beim Schreiben in den Text einbauen kann. Hier immer nur auf kreative Methoden zurückzugreifen, ist nicht sinnvoll. Zahlreiche kreative Methoden sind einfach zu wenig strukturiert.
Dazu zwei Anmerkungen:

1. Pöhm geht davon aus, dass man Verhalten trainieren müsse. Dem stimme ich voll und ganz zu. Wenn man immer nur mit guten Ratschlägen kommt, ändert sich nichts. Aber: ich würde das Ganze noch ein wenig tiefer legen. Man muss auch die Beobachtung und die kognitive Verarbeitung trainieren.
Beobachtungen und kognitive Verarbeitungen lernt man, indem man Begriffe und Modelle immer wieder anwendet. Das geschieht zum Beispiel durch Analysen und Argumentationen.
Deshalb ist mir neben dem Einüben von Textelementen die Analyse von Texten wichtig. Und deshalb empfehle ich jedem Autor, nicht nur regelmäßig Fragmente aus Texten zu schreiben, sondern sich seine Beobachtungen zu Texten zu notieren und diese durchzukommentieren.

Ich nutze dazu mein Arbeitsbuch. Dieses ist eine Art Tagebuch, enthält also auch persönliche Dinge, aber eben alles, was mir persönlich auffällt, auch zu Romanen. Übrigens schreibe ich hier ohne großen Druck etwas Intelligentes zu produzieren, sondern einfach das, was mir gerade einfällt.

2. Ich habe oben geschrieben, kreative Methoden seien zu wenig strukturiert. Das ist natürlich ein Pauschalurteil.
Wenn man sich zum Beispiel Gabriele Ricos Buch Garantiert schreiben lernen ansieht, dann hat sie nicht, wie man das oft hört, die Methode des Clusters eingeführt, sondern die Methode, Cluster zu entwerfen und in Gedichte oder kleine Essays zu übersetzen. Es geht also nicht nur um den Ideenpool, sondern um die Übersetzung in einem strukturierteren Zusammenhang.

Warum aber ist das Strukturieren so wichtig?
Aus einem ganz einfachen Grund. Ein strukturierter Sachverhalt lässt sich einfacher merken. In der Intelligenzforschung misst man zum Beispiel einen Aspekt der Intelligenz daran, wie viele Elemente einer Menge sich ein Mensch merken kann, bevor er diese gruppieren muss. Wenn ich zum Beispiel eine Menge von Tieren habe - Kolibri, Dackel, Lachs, Truthahn, Siamese, Perser, Schleie, Setter -, und soll diese in zehn Sekunden auswendig lernen, teile ich mir die Menge in Gruppen ein. Ich nehme zum Beispiel alle Hunde und Katzen zusammen, und alle Vögel und Fische. Gruppen mit vier ungeordneten Elementen lassen sich leichter merken als Gruppen mit acht ungeordneten Elementen. Wer sich sieben ungeordnete Elemente merken kann, gilt als Gedächtniskünstler. Sieben ist nun nicht viel, und wir können erahnen, wie rasch wir beim Auswendiglernen anfangen müssen, Gruppen zu bilden.
Darum strukturieren wir also, darum brauchen wir auch Begriffe, Modelle, Abstraktionen. Nicht, um Theorie zu machen, sondern um besser zu behalten.

Übrigens kann man sich solche Listen wie die mit den Tieren auch noch anders merken: ich stelle mir aus diesen kleine Bilder zusammen, die die Elemente vereinigen. So habe ich für die ersten vier Elemente mir einen Dackel mit Kolibrischnabel und Truthahnschwanz vorgestellt, der ein Wehr hochspringt. Albern, aber extrem wirksam. Noch besser ist es, wenn man beide Raster hat: einmal indem man die Tiere in ihre regulären Klassen einteilt: Hunde, Katzen, Fische, Vögel, plus eben den Bildern.

Wenn ich eine andere Menge habe, die sich nicht in Bilder umsetzen lässt, dann suche ich nach einer anderen Lösung.
Telefonnummern merke ich mir, indem ich sie in eine kleine, mathematische Formel packe. Zum Beispiel: 41790227 (habe ich gerade erfunden, also bitte nicht anrufen) - darüber lege ich solche Sätze wie "Die dritte Zahl (7) ist die Summe der ersten beiden plus zwei." Hier kommt es nicht auf den Gesamtsinn an, sondern auf die Versprachlichung. Indem man ein Netz aus Sätzen um die Nummer spannt, bleibt sie besser im Gedächtnis haften. Auch hier nutze ich aber ein zweites Raster, nämlich das melodische. Ich singe mir (im Kopf) die Nummer mehrmals hintereinander vor.

Ein drittes Beispiel: als ich mich intensiv mit der Aufteilung von Geschichten in Szenen beschäftigt habe, habe ich drei grundlegende Szenetypen gefunden, die Handlungsszenen, die Informationsszenen und die Situationsszenen. Nimmt man die Anfangsbuchstaben der drei Szenetypen zusammen, dann erhält man das Wort HIS.
Nun gibt es verschiedene Funktionen von zum Beispiel Handlungsszenen in Romanen. Manche Szenen beginnen eher ruhig und enden mit einem konfliktreichen Höhepunkt. In einem meiner amerikanischen Schreibratgeber heißen diese Szenen increasing action scenes. Umgekehrt gibt es Szenen, die sich steigern, aber auch wieder abflauen, und deshalb decreasing action scenes heißen. Weiter gibt es Szenen, die schildern, wie etwas vorbereitet wird, umgebaut, aufgebaut wird, die manipulation scenes. Und schließlich gibt es Szenen, in denen Handlungen beobachtet werden, die observation scenes. Auch hier kann man sich aus den Anfangsbuchstaben ein Wort zusammenbasteln: IDMO.
Dasselbe habe ich dann für die Informationsszenen und die Situationsszenen gemacht und bekam dann eine Art sinnlosen Satz, der sich aber gut merken ließ: IDMO PRICED JED.

Trainieren besteht also nicht nur aus dem Einüben von anderem Verhalten, sondern auch aus dem Einüben von Beobachtungsrastern und Strukturierungsmöglichkeiten. Und natürlich muss man auch Beobachtungen und Strukturierungen wieder umfassend einbinden.
Es ist zwar nett, wenn man sich eine Menge aus vierzehn Wörtern rasch einprägen kann. Aber wenn man mit dieser Menge nichts weiter anfangen kann, führt dieses Auswendiglernen zu nichts.
Andererseits habe ich, als ich mich mit der Typologie von Szenen beschäftigt habe, nicht nur verschiedene Romane in ihrer Szenenabfolge analysiert, sondern auch selbst jeweils kleine Szenen zu jedem Typ geschrieben, also sowohl analytisch als auch kreativ gearbeitet. Und von diesem Training profitiere ich heute noch. 
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