21.11.2008

Fluch des kreativen Schreibens

Christof hat sich gerade mit einer sehr umfangreichen Kritik an meinem Text Fluch der Karibik - Eine Abenteuergeschichte schreiben per mail gemeldet. Übrigens einer sehr netten Kritik, die mir "vorwirft", verständlich und umfassend zu schreiben und viele Techniken des Plottens zu erläutern.
Unter anderem schreibt er auch, meine Art des kreativen Schreibens sei amerikanisch, und erläutert das damit, dass ich weniger auf ein offenes und kreatives Schreiben eingehe, als auf ein einübendes und funktionales. Ob das nun amerikanisch ist, sei dahingestellt. Recht hat er damit, dass ich Übungen sehr mag und das zahlreiche meiner Schreibbücher aus dem amerikanischen Raum kommen.

Warum aber wiederhole ich nicht die üblichen Techniken des kreativen Schreibens, die in Deutschland so oft angeboten werden? Warum nicht mind-maps, Cluster, free-writing?
Darauf möchte ich hier Antworten geben.
Die erste Antwort fällt übrigens einfach aus: wer im Internet nach Techniken kreativen Schreibens sucht, wird ständig auf solche eher wolkigen Techniken stoßen. Muss ich also nochmal all dies wiederholen? Ich denke nicht.
Die zweite Antwort bezieht sich spezifische auf das Funktionale meiner Techniken. Wenn ich nicht irgendeinen Text schreibe, sondern einen Text für Leser, muss ich auf bestimmte Sachen Rücksicht nehmen. Ich muss zum Beispiel den Leser über Ort und Zeit aufklären, in dem eine Szene spielt. Ich muss Handlungen nachvollziehbar machen, indem ich sie genau genug schildere und gleichzeitig mit Motivationen versehe.
Auf sehr unterschiedlichen Ebenen des Textes gibt es hier Techniken, die sich bewährt haben: wie man den Leser orientiert, wie man Spannung aufbaut, wie man Rätsel entwirft und in den Text einbindet, wie man Personen charakterisiert, wie man humorvoll oder dramatisch schreibt, wie man eine Abenteuergeschichte, einen Liebesroman, einen Western, einen Krimi plottet. Solche Techniken analysiere ich hier und stelle sie meinen Lesern zur Verfügung.
Sinn und Zweck des Ganzen findet sich zunächst im Nachvollziehen der Analyse. Ich begründe darin, warum hier ein brauchbares Element vorliegt. Dann aber machen Übungen zu genau diesem Element uns den Umgang mit der Technik vertraut. Deshalb stelle ich so viele Übungen vor. Und zum Schluss ist es doch so, dass ich, je sicherer ich eine Technik beherrsche, umso sicherer mit dieser beim Romanschreiben umgehen kann. Da ein Roman nicht ein solch kreatives Chaos wie eine mind-map darstellt, sondern insgesamt leserfreundlich sein muss, braucht man Funktionen, die diese Leserfreundlichkeit herstellen. Man braucht diese guten ersten Sätze, man braucht diese Rätsel, man braucht dieses knackige Vorantreiben einer mysteriösen Geschichte.
All dies muss man sich ja nicht erst erfinden, sondern kann sich dort von anderen Geschichten leiten lassen. Die eine Methode ist, aus solchen Geschichten einfach abzukupfern (zu klauen); die andere Methode ist, aus einem Roman einen Begriff zu ziehen, der die Essenz zu einer Technik darstellt. Und mit diesen Begriffen gerüstet kann man sich dann ans Schreiben machen.
Ich unterscheide ja schon seit langer Zeit zwischen dem kreativen und dem konstruktiven Schreiben. Das kreative Schreiben löst auf, macht Strukturen unverbindlich und ist insgesamt analytisch und sammelnd; das konstruktive Schreiben wählt aus, macht Strukturen verbindlich, ordnet und ist synthetisierend. Beide Aspekte des Schreibens widersprechen sich nicht, sondern gehören zueinander.
Nur wird eben das eine, das kreative Schreiben sehr gepflegt, gleichsam als Allheilmittel, während von dem anderen, dem konstruktiven die wenigsten Autoren eine Ahnung haben. Es gilt als schwierig und "intellektuell". Darin liegt meiner Ansicht nach die weitgehende Unfähigkeit der Deutschen, Begriffe bewusst zu bilden. Begriffe ordnen unser Denken.
Wenn ich über konstruktives Schreiben schreibe, biete ich solche Ordner an (Ordner übrigens, nicht Wahrheiten). Und ich habe immer wieder das Gefühl, dass das Arbeiten mit Begriffen vielen Menschen Angst macht, weil sie dann zu verstehen beginnen, wie diffus, wie narzisstisch, wie blind sie bisher gedacht haben. Dass solche Menschen mich teilweise wütend ablehnen, sehe ich garnicht als mein Problem an, sondern als deren. In der Arbeit mit Begriffen ist immer auch eine Wendung gegen das eigene Denken angelegt: das eigene Denken, wie es bisher gewesen ist.
Letztes Endes biete ich ja nur Begriffe an, die sich auf einen gewissen Erfahrungswert stützen. Ich erkenne, dass ein bestimmter Textabschnitt mich besonders gespannt sein lässt und mir die Freude am Lesen erhöht. Ich frage mich dann, warum. Ich analysiere, fasse das Ganze in einem Begriff zusammen und habe in diesem Begriff zum einen die Technik des Autors und seine Wirkung auf mich kondensiert. Nicht mehr und nicht weniger.   
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