17.06.2009

Coaching-Literatur

Eine denkwürdige Korrespondenz zu der Begriffsarmut von Personal trainers und Coaches (natürlich nicht allen) findet sich in Walter Benjamins erstem Essay von Das Paris des Second Empire bei Baudelaire, der Die Bohème heißt und aus vielerlei anderen Gründen sehr aktuell ist. Bei der Coaching-Literatur gehen Elend des Begriffs und Wortreklame Hand in Hand; was das Elend angeht, das mich immer wieder so sehr frappiert, hier Benjamin:
Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.
Benjamin, Walter: Charles Baudelaire - Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, in: ders., GW I,2, hier S. 521.
Man darf sich übrigens nicht wundern. Den Wörtern, die von diesen halb spiritualistischen Beratern benutzt werden, wird eine einschmiegsame, fürsorgliche Seele zugesprochen, wie sie einst den Lemuren und Penaten eigen war: dienstbare Heinzelmännchen im runtergewirtschafteten Haushalt der Seele. Diese blinkenden Reklamen sind eher magische Embleme gegen die alltägliche Achse des Bösen, gegen Neid, Konkurrenz und einem diffusen "Wir haben all dies nicht gewollt". Schon dass es mittlerweile üblich ist, das Wort Problem durch das Wort Herausforderung zu ersetzen, als habe man keine Probleme, ist leicht zu lesende Chiffre, wenn auch undurchschaubar ihren Protagonisten. Denn in der Herausforderung lebt noch der Sinn für die Balgerei und pubertäres Kräftemessen. Vor allem aber wird der Begriff des Problems, eine lange gut erforschter Sachverhalt, aus seinen theoretischen Bezügen gelöst. Die Worte mögen schmeicheln, aber sind dann nicht mehr die Begriffe der Sache. Denn die Begriffe richten und richten zu. Sie machen handhabbar gerade durch ihre kristalline Spröde, und liegen darum nicht in der Hand wie ein Handschmeichler, sondern wie eine Rohrzange oder ein Schraubendreher, nicht geeignet für das allgemein Abstrakte aber nützlich für das konkret Besondere. 


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