17.06.2009

Vögel

Im übrigen erinnert mich der Lärm, den manche dieser Selbstdarsteller erzeugen, an jene Szene in Hitchcocks Die Vögel, in der die Familie in ihrem Landhaus gefangen ist und die Schreie der Vögel zu einer unermesslichen Kakophonie anschwellen. Dieser Krach wurde mit Hilfe von Elektronik erzeugt, während die sonstigen Insignien der Spannung durch Musik vollständig vermieden werden. Es gibt in diesem Film keine symphonische Untermalung.
So beobachte ich seit über einem Jahr mit wachsendem Kopfschütteln die Ergüsse eines Matthias Pöhm, einem seit langer Zeit sehr gefeierten Rhetorik-Trainers. Letztes Jahr habe ich mich von ihm hier und da anregen lassen. Doch ist er mir hier eher als ein Ereignis, denn als Ideengeber aufgetreten. Neuerdings gibt sich Pöhm so schicksals- wie naturergeben, ganz esoterisch und ganz im Einklang mit einer erpressten Versöhnung. So schreibt er
Nichts passiert ohne Zustimmung Ihrer Seele. Gar nichts. Jede Krise, jeder Unfall, jedes Verlassen werden, jeder Jobverlust... ist von Ihrer Seele so gewollt. Deswegen können Sie alles bejahen, was Ihnen passiert. Alles passiert im Einklang mit Ihrer Seele. Sonst WÜRDE ES IHNEN NICHT PASSIEREN!
Statt also von Komplexität und Komplexitätsmanagement auszugehen, wird das Ereignis zu einer tiefgründigen Resonanz eines wie auch immer psychischen oder spirituellen Unbewussten. Der Ernst von Wirtschaftskrisen wird genauso wegbehauptet wie Grundtatbestände unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems, zum Beispiel der Arbeitsteilung, oder unseres politischen Systems, der (sowieso nur noch teilweise und nur noch strukturell wirkenden) Solidarität.
Im übrigen vermischt Pöhm, im Gegensatz zu Osho, hier Zustimmung und Willen. Diesen Unterschied kann man, in ähnlichen Begriffen, bei Osho allerdings sehr gut lesen. Die Seele bei Osho hat keinen Willen. Die Seele kennt hier auch keinen Tod. Der Grund dafür liegt darin, dass bei Osho die unendliche Zustimmung eine unzeitige ist. Dazu hatte ich am Montag bereits geschrieben. Diese Zustimmung ist deshalb universell, weil sie wie eine Art Resonanzraum an allem Teil hat, was die Seele umgibt. Man kann sich das in etwa vorstellen wie einen Ort, von dem aus die Umgebung Wechselwirkungen herstellt. Alles, was jenseits dieser Umgebung liegt, berührt die Seele dann buchstäblich nicht. Der Wille dagegen ist nicht Teil der spirituellen Unbewussten. Auch die spirituelle Seele will nicht Krisen, Unfälle, Jobverluste. Sie tritt nur in einen Echoraum mit diesen Ereignissen, jenseits eines Wollens.
Pöhm jedenfalls verkauft hier einen extrem faulen Apfel. Wenn er schreibt, man wolle den Tod, seinen eigenen und den eines anderen und deshalb könne man ihn rückhaltlos bejahen, dann macht er aus der notwendigen Trauerarbeit eine dumme, weil für sich selbst blinde Resignation.
Hier wird der Schrecken, die Existenzangst privatisiert. Dass dabei keinerlei gesellschaftliche Analyse ausfällt, dürfte klar sein.


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