12.04.2014

Spaltungsirresein

So bezeichnete man früher die Schizophrenie.

Wladimir Putin, so lese ich soeben, hat ein Gesetz erlassen, welches den Aufruf zur Separation unter Strafe stellen soll. Eingeschränkt wird das ganze, dass es sich um einen öffentlichen Aufruf handeln muss. Wie allerdings ein nicht-öffentlicher aussehen soll, steht wohl in den Sternen. Geschweige denn, ob ein solcher Sinn macht. 

Kognitive Dissonanz I

Jan Frederik Wienken von der Grünen Jugend bezeichnet dies als kognitive Dissonanz. Und verweist auf die Ukraine/Krim.
Nun haben wir hier eine Patt-Situation. Denn wenn es dieses Gesetz von Putin tatsächlich gibt, geschieht hier dreierlei: (1) die Krim selbst wurde, auch durch den öffentlichen Aufruf von Russland, von der Ukraine separiert; durch die zeitliche Nähe dürfte dieses Gesetz ohne Mühe ein wenig vorverlagert werden und damit die Annexion der Krim-Halbinsel als verfassungswidrig oder gesetzeswidrig bezeichnet werden; (2) dieses Gesetz ist insgesamt völkerrechtswidrig, da das Völkerrecht, egal ob es sinnvoll ist oder nicht, die Selbstbestimmung der Völker festgelegt ist; (3) und der Westen kann sich nur um den Preis eines moralischen Verlustes nun entweder gegen die Separation der Krim oder gegen das Gesetz von Putin und damit der Separation anderer Teile Russlands stellen kann, und dies zusätzlich zu dem moralischen Schaden, den sich der Westen selbst zugefügt hat, als er beim Auseinanderbrechen von Jugoslawien anders entschieden hat als neulich bei der Krim-Krise. 

Kognitive Dissonanz II

Was aber bezeichnet nun eine kognitive Dissonanz wirklich?
Zunächst erscheint dieser Begriff in den fünfziger Jahren in der Kognitionspsychologie, etabliert durch den Psychologen Feininger, einen Widerspruch zwischen innerlichen Ansprüchen und äußerer Wirklichkeit. Meines Wissens war es dann Jerome Bruner, der eingewendet hat, es müsse sich bei der äußeren Wirklichkeit nicht um eine Realität handeln, sondern um eine Rekonstruktion der Realität als innere Wirklichkeit und damit sei die kognitive Dissonanz eigentlich zwischen zwei Verarbeitungsmustern zu suchen, nicht aber auf der Ebene zwischen System und Umwelt.
Kognitive Dissonanzen, so wird behauptet, rumoren nun im Hintergrund und bereiten dort Lösungswege für spätere Zeiten vor. Besonders dem Traum wird hier ein großes Potenzial zugesprochen, indem er sich an spannungsgeladenen Zusammenstellungen abarbeitet und so neue, „kreative“ Wege des Betrachtens und Handelns entdeckt. 

Heureka und Allgemeinbildung

Ihr wird deshalb auch eine tragende Rolle beim so genannten Heureka-Effekt zugesprochen. Dabei handelt es sich um diese blitzartigen Einfälle, die scheinbar aus heiterem Himmel in unseren Sinn kommen. In Wirklichkeit aber sind solche Effekte vorbereitet worden. Ihre Vorbereitung ist uns bloß nicht bewusst.
Je mehr „Material“ ein Mensch zur Verfügung hat und je differenzierter dieses „Material“ vorliegt, umso eher scheint er für solche Heureka-Effekte empfänglich zu sein. Natürlich handelt es sich bei diesem Material um Gedächtnisinhalte und man könnte dies dann Umwelten und einfach als Allgemeinbildung bezeichnen, also als ein umfängliches, nicht unbedingt besonders tiefes Wissen in vielen Bereichen.
Das dürfte auch logisch sein: denn dieser Allgemeinbildung stellt viele Muster zur Verfügung, die sehr unterschiedlich funktionieren und begünstigt damit Übertragungseffekte zwischen diesen Mustern. Solche Übertragungen entwerfen dann wohl nach und nach mögliche Lösungswege. Und je flexibler hier ein Mensch gelernt hat, umso mehr wird er auf überraschende und neue Pfade geleitet.
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