16.04.2014

Vergöttlichte Wesenheiten — der Euro, die Frauen, die Schriftsteller

Zu den Krisenzeiten einer Gesellschaft gehören nicht unbedingt radikale Umbrüche und Kurswechsel, mit Sicherheit aber eine Schwemme an Propheten unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften.
Aus irgendwelchen Gründen habe ich mich heute Morgen auf der Internet-Seite eines besonders beliebten Prophetentums befunden: dem Untergang des Euro. Alexander Maguier vom Cicero hat dies in einem ebenso scharfen wie witzigen Artikel analysiert. Die Untergangspropheten des Euro stellen eine Währung so dar, als existiere diese wie eine außerweltliche Wesenheit, wie eine göttliche Existenz, die von außen in unsere Welt eingreift, mal als Schrecken, mal als Heilsbringer. 

Gegner und Befürworter

Die Befürworter des Euro sind daran mit schuld. Wenn man sich zum Beispiel jene Talkshow ansieht, in der Lanz und Jörges auf Wagenknecht eingeschrien haben, dann ist hier die Europäische Union nicht in ihren Bedingungen erörtert, sondern als ein quasi-religiöses Ereignis verteidigt worden.
Beiden Arten des Prophetentums, ob dafür oder dagegen, ist aber eines gemeinsam. Es geht nicht mehr darum, etwas zu wissen, sondern etwas zu glauben. Ob man nun pro oder contra den Euro ist: auf diese Weise mit ihm umzugehen hat nichts mit Aufklärung zu tun. Ein rational denkender Mensch muss beides ablehnen. Er muss notwendigerweise zwischen beiden Stühlen sitzen.
Propheten etablieren einen Glauben auf Kosten der Aufklärung. Und es gilt Lenins Wort, dass Religion als Opium fürs Volk benutzt werde.

(Anti-)Gender-Propheten

Diese Hochkonjunktur an Propheten betrifft aber nicht nur den politischen Bereich. Wir finden ihn derzeit auch beim gender-Mainstreaming. Die manchmal dermaßen unsachlich geführten Attacken gegen die Gleichberechtigung oder die Homosexuellen wird von der Gegenseite mit teilweise ähnlich dümmlichen Positionen beantwortet. Wobei ich an dieser Stelle ein persönliches Bekenntnis loswerden möchte: als ich mich vor 20 Jahren mit der gender-Theorie zu beschäftigen begann, habe ich die gay-Theorie nicht sonderlich schätzen können. Ich fand sie zu selbstverliebt und zu sehr dem Essentialismus verhaftet. Mittlerweile hat sich diese Position deutlich umgekehrt. Vermutlich ist es hier die große Politik, die den vielen schönen Ansätzen des Feminismus den Garaus macht und die scharfen Analysen durch einen „Pragmatismus“ übertüncht. 
Man kann an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass die gesellschaftliche Rolle einer Frau nicht die verdinglichte Position innerhalb einer Hierarchie ist. Ihre Position ist nur ein struktureller Effekt. Und der nicht-essentialistische Feminismus, wie er von Judith Butler vertreten wird, analysiert solche Positionen als Effekte, nicht als unabhängige Tatsachen. Deshalb sind erfolgreiche Frauen nicht gleichzusetzen mit feministischen Frauen. Und deshalb ist die Frauenquote, unabhängig davon, ob sie sinnvoll ist oder nicht, für die feministische Idee nur ein Herumbasteln an Effekten.

Selfpublisher

Ebenso geht es zurzeit bei Schriftstellern hoch her. Der Kulturverfall wird prophezeit, die Krise des Buches, der vollständige Umbruch der Märkte, der Tod des klassischen Verlags, die Revolution (jawohl!) und was man sich sonst noch so ausdenken kann, um ein wenig an der Skandalisierung und Sensationslust teilzuhaben. Auch hier wird wenig analysiert. Es geht um Glaubensbekenntnisse, um Zugehörigkeit zu religiösen Sekten. Es werden Zeitschriften veröffentlicht, denen lediglich die paradiesischen Bilder eines Wachtturms fehlen. Wer auf die vielfältigen Wege zu einem Buch, den vielfältigen Nutzen eines Buches (und nicht unbedingt nur den ökonomischen Nutzen) hinweist, wird schnell in die Ecke gestellt, gar nichts mehr zu wissen. Wer nicht den Weg zum Bestseller kennt, hat gleich keine Ahnung mehr von der Schriftstellerei und wer zufälligerweise einen Bestseller geschrieben hat, ist schon ein Meister der Literatur und wird aus diesen Gründen in seiner Meisterschaft wütend verteidigt, egal, was er noch so zu schreiben oder zu sagen hat. 

Dogmatische Anfänge

Wenn wir zur Argumentationslehre übergehen, also diese ganze Situation ein wenig aus der Distanz eines Logikers betrachten, dann ist der Übergang von Wissenssystemen zu Glaubenssystemen immer durch unvollständige Argumentationen gekennzeichnet. Formal findet hier folgendes statt: eine Argumentation wird nicht mehr in ihrer vollständigen Länge entfaltet, sondern beginnt irgendwo mit einem dogmatischen Satz und schlussfolgert entweder eine Sensation oder einen schrecklichen Skandal. Dieser erste dogmatische Satz wird entweder als Expertenwissen oder als pure Tatsache behauptet. Im ersten Fall wird angedeutet, dass die Argumentation länger ist, man sie aber auf die wesentliche Schlussfolgerung zusammengefasst hat. Im zweiten Fall werden strukturelle oder ideelle Phänomene, wie zum Beispiel eine Währung oder die Qualität eines Buches, einfach behauptet. Sie liegen dann in der Welt herum wie Steine oder ausgespuckte Kaugummis. Sobald man auf sie tritt, kleben sie einem am Schuh fest. 

Echte Experten und falsche Propheten

Für mich ist ein Experte ein Mensch, der über die Grenzen seines Wissens reden kann. Und es gibt für mich sehr eindeutige Anzeichen, wann ein Experte nicht mehr ein Experte, sondern nur noch ein falscher Prophet ist. Wenn zum Beispiel jemand ein strukturelles Phänomen (zum Beispiel eine Währung) zu einem Ding deklariert. In der Frankfurter Schule (Adorno, Marcuse, etc.) spricht man in einem solchen Fall von einem Fetisch. Ebenso eindeutig vorsichtig bin ich, wenn sich jemand selbst zu einem Experten benennt, hier aber keine langjährige Beschäftigung, keine öffentliche Auseinandersetzung vorweisen kann. Zwar sollte man dabei vorsichtig vorgehen, weil man damit alle Menschen, die sich am Rande eines Fachwissens bewegen und durchaus Kenntnisse und Ideen beizusteuern haben, auch mundtot machen kann. Zumindest aber sollte man versuchen, dieses Expertenwissen auf Herz und Nieren zu prüfen. So tummeln sich in der selfpublisher-Szene einige Menschen herum, die irgendetwas mit Marketing gemacht haben, und die angeblich wissen, wie man ein Buch schreibt. In Wirklichkeit wissen sie aber nur, wie man ein Buch verkauft. Vom Schreiben erfährt man von ihnen gar nichts. Oder nur sehr wenig.

Witzigerweise kann ich an dieser Stelle eingestehen, dass es kein wirklich gutes Wissen gibt, um diese falschen Propheten zu enttarnen. Möglicherweise bin ich zwar ein Experte der Argumentationstheorie (ich weiß es ehrlich gesagt nicht), aber zum Propheten der größeren Vernunft mag ich mich nun nicht deklarieren.
Mit diesem Schlenker auf mich selbst zurück muss dann dieser Artikel auch enden. Selbst weiterzudenken ist erlaubt, ja sogar erwünscht.
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