02.04.2014

Unpersonen - soziale Empathie

In einem Abschnitt über soziale Empathie schreibt Goleman sehr bedrückend davon, wie Menschen, dadurch, dass sie aus dem eigenen sozialen Raster herausfallen, der Ausbeutung und Unterdrückung anheimfallen. Er berichtet hier von einem mexikanischen illegalen Einwanderer. Offensichtlich ist es in Los Angeles Praxis, dass diese Illegalen morgens an bestimmten Orten stehen, dort von jemandem abgeholt werden, für diesen einen ganzen Tag arbeiten und abends dann mit dem versprochenen Lohn nach Hause gehen.
Miguel berichtete nun davon, dass er nach einem ganzen Tag Arbeit seinen Lohn komplett verweigert bekommen habe und war tief bestürzt:
Miguel stand am Rand der Bühne und sah schweigend zu, wie seine eigene Geschichte nachgespielt wurde. »Am Ende konnte er sich nicht einmal umdrehen und mit uns anderen darüber sprechen – er weinte«, berichtete Blair [ein Psychologe, der solche Erlebnisse im Psychodrama aufarbeitet]. »Miguel sagte, ihm sei nicht klar gewesen, wie unterdrückt er wirklich war, bis er sah, wie seine eigene Geschichte von jemand anderem erzählt wurde.«
Der Kontrast zwischen der Vorstellung der Frau von seiner Situation und seiner Realität machte deutlich, wie es sich anfühlt, wenn man nicht gesehen, nicht gehört und nicht gefühlt wird – wenn man eine Unperson ist, die jeder ausbeuten kann.
[…]
Dabei [bei seiner Arbeit] ist Blair auf eine unterschwellige Kraft gestoßen, die Menschen anhand ansonsten unsichtbarer Anzeichen von sozialer Stellung und Machtlosigkeit trennt: Die Mächtigen hören den Machtlosen häufig nicht zu, und das tötet die Empathie ab.
Goleman, Daniel: Konzentriert euch! München 2013, S. 158-159,
Hervorhebungen von mir
Das ist ziemlich bedrückend.
Vor einigen Jahren habe ich einen ähnlichen Artikel zu einer gewissen Form der Soziopathie und Gefühlsblindheit gelesen. Dort wurde diese Manager-Krankheit genannt.

Seltsamerweise kenne ich diese Gefühlsblindheit vor allem bei Frauen. Gut, gefühlsblinde Männer kenne ich auch, aber weniger. (In dem Beispiel, in dem Miguel seinen Lohn verweigert bekommen hat, handelt es sich auch um eine Frau.)

Siehe auch zu Horst Arnold: Dreimal gender, nein eigentlich zweimal: Michael Kausch, Horst Arnold
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