21.04.2014

Lesen heißt analysieren

Bottom-up und Top-down

Den ganzen Tag über arbeite ich bereits an einem vielleicht etwas abstrus klingenden Problem, nein, schreiben wir mal: „Problem“, denn diesmal hat das Wort seine Gänsefüßchen wirklich verdient. Es geht um so genannte bottom-up- und top-down-Phänomene und deren Einteilung in Prozesse und Organisationen. In der Systemtheorien ist es ein weit verbreitetes und gut untersuchtes Gebiet, das sich zunächst aus einem Haufen benachbarter Phänomene bestimmte Organisationsstrukturen herausschälen.
Ab einem bestimmten Punkt kippen aber diese Organisationsstrukturen um und „versklaven“ ihre Elemente durch Abstraktion. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist die Organisation nicht mehr von unten herauf entstanden, sondern von oben herab aufgezwungen worden.
Man kann dies ganz gut bei Phänomenen der Aufmerksamkeit sehen. Und dabei bin ich gerade, nämlich das Buch Konzentriert euch! von der Daniel Goleman auf diese Prozesse hin durchzuarbeiten. 

Versklavtes Lesen

Neulich hatte ich eine etwas unerquickliche Diskussion mit einem notorischen Fan von Sebastian Fitzek. Der drückte sich folgendermaßen aus: das erste Buch von Fitzek sei total spannend gewesen, und in der Folge hätte er nur weitere, hervorragende Bücher geschrieben. Ich habe nun nicht alle Bücher von Fitzek gelesen (und wie ihr wisst, mag ich ihn auch überhaupt nicht), habe dann aber einige Fragen zu den Büchern gehabt, bzw. mich mit diesem sich in der Schriftstellerei übenden Kollegen zu einigen inhaltlichen Fragen ausgetauscht.
Mir fiel nun auf, wie wenig jener Kollege vom Inhalt wiedergeben konnte und vor allem, dass er schlichtweg nicht in der Lage war, formale Elemente zu benennen. Seine eigenen Ideen kamen etwas roh daher. Beeindruckt hat ihn die Spannung und die wollte er nachahmen. Nun ist Spannung tatsächlich ein top-down-Phänomen, während die Schriftstellerei oftmals, leider aber nicht immer, ein bottom-up-Phänomen bleibt. Sprich: die Spannung eines Buches wird meist von einem Gesamteindruck aus gewertet, während man ein solches Buch Satz für Satz schreiben muss.
Bei dem Kollegen hat sich nun, wie ich das sehr oft erlebe, eine Versklavung all jener Elemente ergeben, die ein Schriftsteller beherrschen sollte. Er hat nämlich behauptet, dass das, was Fitzek schreibt, spannend sei, und das bis in die kleinsten Elemente hinein. Eine Diskussion der einzelnen Aspekte war gar nicht mehr möglich. Von dem Gesamteindruck „hervorragend“ hat sich das Merkmal bis in einzelne Teile des Werkes übertragen. Kurz gesagt: der Kollege war nicht mehr in der Lage, ein Buch von Fitzek auch nur andeutungsweise zu analysieren. 

Gutes Lesen

Lesen muss man auch Satz für Satz. Ein gutes Lesen ist immer ein bottom-up-Phänomen. Es stellt sich nämlich heraus, immer wieder, dass all die Leser, die sich auf die Qualität eines Schriftstellers berufen, meist sehr schlampige Leser sind, die wenig von einem Werk erfassen, weil sie es unter der Versklavung durch eine herrschende Meinung gelesen haben, d.h. abstrakt und nicht konkret, von einem zu gewinnenden Gesamteindruck aus, nicht Satz für Satz.
Als ich neulich meine sehr positive Bewertung des letzten Buches von Zoe Beck, Brixton Hill, gegeben habe, habe ich mit heftigen Widerständen gerechnet. Ich bin nämlich von der gesamten Geschichte gar nicht so beeindruckt. Sie ist nett konstruiert, aber keineswegs überraschend. Was mich sehr überzeugt hat, das war die Sprache und die Komposition im Kleinen, also Sachen, die normalerweise bei den selfpublishern wenig Beachtung finden. Zumindest wird dies wenig diskutiert.
Insofern ist mein Lob auch unüblich ausgefallen.
Gerade habe ich den Newsletter von Kindle gelesen. Der erste Beitrag betraf das Lesen und den Einfluss des Lesens auf die schriftstellerischen Fähigkeiten. Das würde ich auch nicht bestreiten, wenn Lesen nicht eine so komplett heterogenen Fähigkeit wäre, die von einem höchst gründlichen, bohrenden Lesen bis hin zu einem solch versklavten Lesen, wie ich es eben geschildert habe, reicht. 

Kill your darlings

Für den Schriftsteller gilt der Satz „Kill your darlings!“. Man solle, wenn man ein Werk redigiert, gerade auch seine schönen Stellen darauf hin überprüfen, ob diese in das gesamte Werk hineinpassen. Notfalls solle man diese streichen (obwohl ich hier empfehle, diese aufzuheben: für so etwas habe ich meinen Zettelkasten).
Dasselbe gilt allerdings auch für den schriftstellernden Leser: wer gut schreiben lernen möchte, muss sich gerade an seinen Vorbildern gründlichst wetzen.
Hier empfehle ich eigentlich (und fast ausschließlich) das Durchkommentieren. Ich nehme meine Bücher, die ich besonders gerne mag, und lese sie ein zweites und drittes Mal, möglichst Satz für Satz. Das habe ich sowohl mit populären Unterhaltungsromane gemacht (Stephen King, Joanne Rowling, Tolkien), als auch mit „Klassikern“ (zum Beispiel Max Frisch). Ein vielleicht etwas mühsames Geschäft. Aber durchaus sehr nützlich. In gewisser Weise tötet man damit tatsächlich seine Lieblinge. Ich kann Max Frisch heute nicht mehr so lesen, wie ich es vor zehn Jahren getan habe. Aber das ist ja nicht schlimm. Notfalls gibt es andere Schriftsteller, mit denen man sich vergnügen kann.
Und eine gute Analyse hat noch niemandem geschadet, außer den dummen Menschen.
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