21.07.2008

Charakterisierung von Personen (kreatives Schreiben)

Ich hatte weiter oben schon versprochen, dass ich noch einmal darstelle, wie man von einer Fragestellung zu einer Typologie zu Übungen kommt. Hier also zu der Personencharakterisierung. Die ersten beiden Abschnitte (Charakterisierung und Frage) verdeutlichen nur meinen Ausgangspunkt. Wenn Sie selbst eine Typologie zusammenstellen, können Sie dies weglassen. In Elemente beschreiben zeige ich beispielhaft, wie ich an einem konkreten Text arbeite. Was hier fertig aussieht, war für mich natürlich ein Suchprozess; meine Rohfassung sah etwas anders aus: durcheinander, mit vielen Durchstreichungen und Verbesserungen. Denken Sie daran, wenn Sie selbst Elemente beschreiben. Die Typologie stellt dann eine fertige Liste mit Elementen vor und in Übungen finden Sie Beispiele, welche kleine Aufgaben man sich ausdenken kann. Schließlich werden Sie in Noch etwas zu den Übungen ein paar Anmerkungen finden, die den Zweck und die Reichweite dieser Übungen betreffen.

Charakterisierung

Unter Charakterisierung verstehe ich all die schriftstellerischen Mittel, mit denen ein Autor seine Person beschreiben kann. (→ Normalerweise nutze ich eine solche explizite Definition nicht. Ich habe ja bereits eine Vorstellung davon, wonach ich suche. Dieser Schritt ist nur für Sie als Leser dieses Blogs gedacht.)

Frage

Wie charakterisiert man eine Person in einem erzählenden Text? (→ auch dies nur zur Verdeutlichung.)

Elemente beschreiben

1.
"Uff!", stöhnte Seppel, "und das am Sonntag!" (aus: Hotzenplotz)
→ ich notiere: a) wertender Ausruf, bzw. Personenkommentar; b) Verb, das gleichzeitig eine Handlung schildert und ein Befinden der Person ausdrückt.

2.
Nachdem er alles in Ordnung gebracht hatte, hatte er sie gefragt, ob sie einmal »zum Schwoof« mitkommen wollte. Anderson hatte höflich abgelehnt, und Chiles hatte sie mit einem Ausdruck bedacht, der weltmännisches Wissen andeuten sollte und dem nicht viel an Dummdreistigkeit fehlte. (aus: Das Monstrum)
→ ich notiere: a) jemanden zu etwas bewegen wollen → eine Motivation ausdrücken; b) ein spezifisches Wort (»zum Schwoof«) benutzen; c) das charakterisierende Adverb (höflich); d) ein Gesicht (durch den Autor) interpretieren.

Die Typologie

Jede Typologie sollte von hier aus 1. eine Art Benennung erhalten und 2. ein (möglichst selbst entworfenes) Beispiel einbringen.
Das könnte dann so aussehen:
1. Adjektive, die sehr momenthaft gehalten sind, also meist Adverbien → »Florian reckte sich stolz.«
2. Verben, die zugleich eine Handlung und eine Charaktereinfärbung haben → »Annegret seufzte.«
3. Charakterisierung von einem Geschehen → »Klara hatte einen scheußlichen Abend.« („scheußlich“ charakterisiert nicht nur den Abend, sondern wie Klara diesen Abend empfunden hat.)
4. Personenkommentar → »„Was für ein Unglück!“, schrie sie.«
5. indirekt wertende Erklärung → »„Lass das Buch mal stehen. Du hast sicher dreckige Finger.“« (D. h. die Person achtet auf die Sauberkeit ihrer Bücher.)
6. Als-ob-Ausruf → »Er hatte sich so viel Mühe gegeben. Und jetzt sollte er alles noch mal schreiben.« (Der Ausruf geschieht nur indirekt: in diesem indirekten Ausruf vermischt sich die Empörung der Person mit der Empörung des Erzählers.)
7. direkte Charakterisierung mit anschließender Erklärung oder Anekdote → »Dieter war die Zurückhaltung in Person. Er überließ jedem den Vortritt, der an der Supermarktkasse drängelte; er duldete wortlos, dass die Nachbarin seine Rosen abschnitt, um sich daraus Sträuße zu machen; ja, es kam des Öfteren vor, dass er sich im Kreise seiner Freunde meldete, wenn er etwas sagen wollte.«
8. Person sich selbst charakterisieren lassen → »Ich bin gar nicht intellektuell. (Es gibt sich nur niemand Mühe, mich verstehen zu wollen).«
9. Als-ob-Gesicht, das eine Absicht ausdrückt, diese durch a) einen typischen Satz ergänzt oder b) durch eine Außenwirkung kontrastiert → »Rosi kniff Augen und Mund zusammen, als wollte sie damit andeuten, dass Janes Verhalten genauso sauer sei, wie eine Zitrone.«
10. typische Wortwahl → »Das kleine Mädchen sagte, sie wolle ihr „Leseexemplar“ gerne noch zwei Wochen „zum Studieren“ behalten.«
11. innere Stellungnahme → »Mist! Mist! Mist! Die Tintenflecke bekommt er doch nie raus.«
12. innerer Dialog → »Und wenn doch? Ja, was wenn doch? Oder bildete er sich das alles nur ein?«

Übungen

1. + 2. Hier können Sie zunächst einmal zu jedem Typ der Charakterisierung Beispiele sammeln. Diese Übung ermüdet rasch (aber fangen Sie trotzdem erst mal mit dieser Übung an). Schreiben Sie also zu den Beispielen kleine Erzählabschnitte auf, also alles, was drumherum passiert. Kleine Erzählabschnitte heißt nicht, dass es sinnvolle Geschichten sein müssen. Fangen Sie irgendwo an und hören Sie irgendwo auf. Hauptsache ist, dass das Beispiel nicht alleine steht.
3. Nehmen Sie sich einige Stellen aus Romanen vor. Schreiben Sie diese um, bürsten Sie sie gegen den Strich, was die Charakterisierung angeht, ja, am besten füllen Sie diese Stellen so sehr mit Charakterisierungen auf, dass sie ungenießbar werden.
Beim Lesen der folgenden Stelle werden Sie feststellen, dass zwar aus der personalen Sicht erzählt wird, aber eher andeutungsweise. Schreiben Sie den Text so um, dass Lothar, der hier in eine Redaktion eingeführt wird, durch möglichst viele Momente charakterisiert wird. Behalten Sie dabei aber den Gang der Geschichte bei und verändern Sie möglichst wenig die Abfolge der Wörter:
»Eine alte Frau, das runzelige Gesicht von einer Spitzenhaube umrahmt, saß auf einem Lehnsessel am Fenster und wärmte sich im Sonnenstrahl, der durch das Laub der Topfpflanzen auf dem Fensterbrett auf sie fiel. Den Kopf zurückgebogen, schlummerte sie. Zu ihren Füßen, auf einem Schemel, saß ein schmächtiges, sechzehnjähriges Mädchen; dünnes, flachsblondes Haar war ihm am Nacken zu einem mageren Knötchen aufgesteckt; das bleiche, lasterhafte Gesichtchen steckte es in ein Buch, aus dem es mit traurig singender Stimme vorlas, dass es wie ein Schlummerlied klang. »Das ist die Frau Fliege - - von der haben wir die Zimmer gemietet,« erklärte Rotter. »Eine brave, alte Frau; unsere Zukunfts-Witwe, wie Oberwimmer sie nennt. Wir gehen hier rechts.« Die Redaktion bestand aus zwei Zimmern, die nach einem kleinen Nebenhof hinauslagen, und daher stets eine bleiche, graue Beleuchtung hatten. In der Mitte des ersten Zimmers befand sich ein großer Schreibtisch von Stühlen umringt. Ein kleiner Tisch stand an dem einen Fenster, ein Stehpult an dem anderen. Von der Decke hing eine mächtige Lampe mit grünem Schirm nieder. An dem Mitteltisch saß ein kränklich aussehender Schreiber und schrieb, während neben ihm Oberwimmer auf dem Sitzbock des Stehpultes ritt, eine mittelgroße Gestalt, sehr sorgsam gekleidet; ein hübsches, zartes Knabengesicht mit kurzsichtigen, graublauen Augen, roten Wangen und Lippen und einer Fülle kurzer, blonder Locken. Mit hoher Stimme diktierte er dem Schreiber etwas und drehte sich auf seinem Sitzbock in die Runde.« (aus Eduard von Keyserling: Die dritte Stiege)
Falls Ihnen dieses Beispiel nicht passt, suchen Sie sich andere Beispiele aus ihren liebsten oder verabscheuenswürdigsten Romanen.
4. Nutzen Sie andere Medien, Foto, Malerei, Film: Beschreiben Sie entweder sachlich den Charakter der dargestellten Menschen, Mimik, Gestik, Haltung, Stimme; oder erzählen Sie diese (bei einem Film natürlich nur ausschnittsweise).

Noch etwas zu den Übungen

1. Übungen sind natürlich Übungen. Literarische Qualität sollte Sie hier nicht so sehr interessieren. Natürlich können Sie die Übungen verbessern und an ihnen herumfeilen, wenn Ihnen das wichtig ist. Aber das ist erst der zweite Schritt.
2. Bei den Charakterisierungen dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass nicht nur das charakterisiert, was man hinschreibt, sondern auch das, was man weglässt. Kinderbücher wie der Hotzenplotz zeichnen sich dadurch aus, dass sie stark von außen her charakterisieren, während ein psychologischer Roman die Personen mit all ihren inneren Vorgängen abschildert und das heißt natürlich mit solchen Typen wie innerer Stellungnahme und innerem Dialog. Forschen Sie dem ein bisschen nach.
3. Wenn Sie sich selbst Übungen entwerfen, achten Sie darauf, dass Sie nicht nur die Muster nachahmen, sondern Sie in größere Strukturen einbinden, wie hier im Falle der Charakterisierung in kleine erzählende Abschnitte. Finden Sie da für sich selbst die richtige Mischung aus Nachahmung (von Mustern) und freiem Schreiben.
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