11.07.2008

Schlagfertigkeit und figurale Muster

Inhalt:
Praktizieren/Umschreiben
Umschriften
Muster: → Umdefinieren durch Personifikation → den Fetischismus ausspielen → der Klimax → falsche Antithese → Exclamatio / Tautologie → ironische Antithese / Antiklimax → Subversion (Umdefinition und Gegenschlag) → rhetorische Frage + Pejorativ
Und wenn’s mal kein Vorwurf ist?

Praktizieren/Umschreiben
Zur Schlagfertigkeit mag ich noch mal auf den Internet-Auftritt von Matthias Pöhm verweisen. Herr Pöhm sagt ja, man müsse die einzelnen Muster der Schlagfertigkeit ordentlich durchüben. Ich sage, umschreiben ist auch sinnvoll. Umschreiben verbindet das oberflächliche Muster, das jede Übung zunächst ist, mit dem individuellen Gedächtnis, und individualisiert dadurch auch die Muster selbst. Das Praktizieren dagegen erfasst vor allem die sinnlichen und emotionalen Aspekte des Musters.
Hätte ich nur eine Möglichkeit zur Auswahl, Muster der Schlagfertigkeit zu trainieren, würde ich mir auf jeden Fall das Praktizieren aussuchen. Da ich beide Möglichkeiten aber zur Verfügung habe, nutze ich sie natürlich auch.

Umschriften
Ich komme von einer klassischeren Rhetorik her als Matthias Pöhm und so hat es sich angeboten, die Schlagfertigkeitsmuster noch einmal auf der Ebene der klassischen Rhetorik zu rekonstruieren. Tatsächlich wurden meine Aufzeichnungen dazu rasch sehr komplex, vor allem, da viele witzige Antworten auf Metaphern beruhen und die Metapherntheorie ein Feld ist, das fast die ganze Philosophie des 20. Jahrhunderts umfasst. Aber selbst wenn man nur auf den einfachen Definitionen beharrt, kommt man rasch ins Schleudern, denn diese können nicht genau die Mechanismen des Witzes erklären.
Deshalb werde ich nur für ein Muster eine etwas genauere Erklärung liefern und die restlichen Vorschläge nur kurz behandeln.

Muster
→ Umdefinieren durch Personifikation
Jeder Vorwurf begründet sich in bestimmten Persönlichkeitseigenschaften, die gut, und gegenteiligen, die schlecht sind. Um eine schlechte Eigenschaft in etwas Gutes zu verwandeln, braucht man für die Antwort etwas, das dieses Gute genießt. Was aber, wenn ein solcher Mensch nicht zur Hand ist? Die Lösung lautet hier: Personifikation. Ich tue so, als sei ein bestimmtes Etwas belebt und habe genau diese schlechte Eigenschaft dringend nötig.
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Meine Kleider finden den Boden halt sympathisch.“ (oder: „Ich verschaffe meinen Sachen eben regelmäßig neue Perspektiven.“)
Der Witz liegt erstens in dem unlogischen Sprung: von der Schlampigkeit zur Sympathie (bzw. im zweiten Beispiel: zum Perspektivwechsel & Lernen) ist ebenso bizarr, wie die Tatsache, dass es unbelebte Gegenstände sind. Gerade das aber lässt das Gegenüber stutzen oder lachen: die schlagfertige Antwort weißt einfach zu wenig gewohnheitsmäßige Anschlüsse auf, und setzt den Gegner unter Druck: Nun muss er erstmal nachdenken, was er hier erwidern kann.
Ein weiteres Beispiel:
  • „Sie stehen am falschen Platz.“ → „Bisher hat sich der Platz mit mir ganz wohlgefühlt.“ (oder: „Ich weiß, aber der Platz wollte partout nicht gehen.“)
  • „Du machst immer wieder dieselben Fehler.“ → „Ja, der Fehler hat sich schon mehrmals beschwert, dass ihn jemand beseitigt, sobald ich ihn mache.“

→ den Fetischismus ausspielen

In jedem Vorwurf steckt eine Norm. Überspitzt man diese Norm ins Dinghafte (den Fetisch), spielt man den Fetischismus aus. Übrigens ist der Fetischismus meist sexuell eingefärbt, manchmal sogar sehr offen.
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Wenn ich Lust gehabt hätte, gut zu kochen, hätte ich einen Mann mit Geschmack geheiratet.“ (oder: „Warum soll ich gut kochen? Wer mich heiratet, hat eh’ keinen Geschmack.“ → analog zu Woody Allens: „Ich kann mit keiner Frau zusammensein, die bereit ist, mich als ihren Partner zu akzeptieren.“ → oder: „Chef, ich kann Sie einfach nicht ernst nehmen, solange Sie mich als Mitarbeiter akzeptieren.“)
  • „Du bist doch schwul.“ → „Wieso? Wird dein Schwanz noch schlaffer als sonst?“ (oder: „Wieso? Kriegste endlich mal ’nen Steifen?“)

→ der Klimax

Der Vorwurf wird überspitzt und ins Ironische gewendet.
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Und ich färbe ab. Das gibt besonders hässliche Flecken.“
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Nicht ungewöhnlich bei meinen dreckigen Gedanken.“
  • (Bei dem Nicht ungewöhnlich handelt es sich übrigens um einen Litotes, einer Verstärkung durch eine scheinbare Abschwächung.)
  • „Du hast ja wieder scheußlich gekocht.“ → „Da solltest du mich erstmal im Bett erleben.“

→ falsche Antithese
Die Antithese widerspricht normalerweise der These: „Die Erde ist flach.“ ↔ „Die Erde ist rund.“ – Bei der falschen Antithese wird zwar widersprochen (1. Schritt), der Vorwurf dann aber indirekt bestätigt (2. Schritt).
  • „Du bist doch schwul.“ → „Ich bin nicht schwul. Ich bin eine Königin.“
  • „Du bist aber schlampig.“ → „Ich bin nicht schlampig. Ich lebe nur gerne im Müll.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Keineswegs. Ich mag halt fades Gemüse und verbranntes Fleisch.“
  • „Du bist ja unsicher.“ → „Quatsch. Ich fische ganz entschieden im Trüben.“

→ Exclamatio / Tautologie
Die Exclamatio, der Ausruf, verbunden mit der Tautologie, dem unnötig wiederholten Gleichen, kann einem verbalen Angriff rasch den Wind aus den Segeln nehmen.
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Ach, deshalb bin ich so unordentlich.“ („Ach, deshalb lebe ich in einem Saustall.“)
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Ach, deshalb habe ich so wenig Verständnis für dich.“
  • „Sie sind ein armer Schlucker.“ → „Ach, deshalb verdiene ich so wenig.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Darum schmeckt mein Essen so scheiße.“

→ ironische Antithese / Antiklimax
Hier wird der Vorwurf durch eine Umdeutung und oft auch einer gegenläufigen Steigerung umgewendet.
  • „Sie sind ein armer Schlucker.“ → „Wenn man das Maß tief hängt, verschafft man selbst Stümpern Erfolgserlebnisse.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Super! Ich hatte Angst, du wolltest dich gar nicht beschweren.“

→ Subversion (Umdefinition und Gegenschlag)
Statt gegen den Vorwurf direkt vorzugehen, wird die Voraussetzung des Vorwurfs denunziert.
  • „Du bist aber schlampig.“ → „Du hast einfach kein Gefühl für subtile Ordnung.“
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Das merkst du? Das hätte ich von einer Seegurke wie dir nicht gedacht.“
  • „Sie sind doch ein armer Schlucker.“ → „Ich habe halt mein ganzes Geld in Bildung gesteckt. Und du sparst für ein neues Hirn?“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Wundervoll, und ich dachte schon, dir sei dein Geschmack gänzlich flöten gegangen.“

→ rhetorische Frage + Pejorativ
Die rhetorische Frage fragt, gibt sich aber implizit oder explizit selbst die Antwort. Das Pejorativ ist eine eindeutige Abwertung.
  • „Du bist ein Idiot.“ → „An welchen Zeichen haste denn das erkannt, du Intelligenzindianer?“
  • „Du bist doch schwul.“ → „An welchen Spuren haste denn das gelesen, du Geschlechtsdetektiv?“

Und wenn’s mal kein Vorwurf ist?
Auch hier kann man schlagfertig sein. Man kann eine Aussage behandeln, als sei sie ein Vorwurf und darauf kontern.
So sagte meine Chefin vor drei Tagen zu mir: „Du warst echt super.“, darauf ich: „Ach, ist’s schon wieder vorbei?
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