10.07.2008

Queer

Queer (engl.: schräg) ist ein schillernder Begriff. Da sich das »queere« Magazin Siegessäule mal entschlossen hat, eine lesbare Ausgabe zu schaffen, das heißt eine informative, kam ich zu dem Begriff zurück, den ich seit Jahren nicht mehr gebraucht habe. Was will queer?
„Das „Institut für Queer Theory“ arbeitet darauf hin, Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität zu denaturalisieren und deren Dominanz abzubauen. Im Sinne der Queer Theory geht es jedoch weitergehend auch darum, Mechanismen der Normierung und der Hierarchiebildung in allen sozialen und kulturellen Feldern anzufechten. Ziel ist es, Formen der Anerkennung von Differenz zu ent-wickeln, ohne Unterschiede kategorial festzuschreiben oder Normen zu bestätigen, deren Akzeptanz auf Macht- und Herrschaftsrelationen beruht.“
Ich mag hier nun nicht noch einmal Thesen der queer theory herunterbeten. Tatsächlich langweilen mich diese mittlerweile sehr. Theorie: kann den Sprung in eine Umnormierung nicht vollziehen → queer kann von der Theorie unterstützt werden, ist aber eine Praxis. Trotzdem:

a. undefiniert
Queer, das ist die (strapazierte) Vielfalt. Im Einzelfall kann dies alles sein. Die Definition, die in diesem Gemisch aus Begriffen und Geschichten auftaucht, scheint zu lauten: Queer ist undefiniert. Die Definition, die nichts definiert, bricht mit den Konventionen, setzt sich einer Offenheit aus, die Verwunderung, Desinteresse, einen kurzen Augenblick des Genießens, des Genießens einer Provokation mit sich bringt, auch wenn sie sogleich verpufft.

b. Zartgefühl
→ Figur bei Roland Barthes:

Die Äußerung Sades lässt erkennen, worin das Prinzip des Zartgefühls besteht: im Genuss des Analysierens, einer verbalen Operation, die das Erwartete unterläuft (die Wäsche ist schmutzig, soll daher gewaschen werden) und andeutet, dass das Zartgefühl eine Perversion ist, die mit dem überflüssigen (funktionslosen) Detail spielt: Die Analyse produziert Kleinstes (eine mögliche Bedeutung von »delikat«, doch von zweifelhafter Etymologie), und diese Zerlegung, diese Zweckentfremdung ist das Genussvolle → Man könnte sagen: Genuss des »Nutzlosen«. Insgesamt ist Zartgefühl also: Analyse, die zu nichts dient.
(R. Barthes: Das Neutrum)
Barthes zitiert hier de Sade. In Kafkas Roman Der Prozess findet sich direkt hinter der Geschichte von dem Türhüter folgende Stelle:
»Trübselige Meinung«, sagte K. »Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.«
K. sagte das abschließend, aber sein Endurteil war es nicht. Er war zu müde, um alle Folgerungen der Geschichte übersehen zu können, es waren auch ungewohnte Gedankengänge, in die sie ihn führte, unwirkliche Dinge, besser geeignet zur Besprechung für die Gesellschaft der Gerichtsbeamten als für ihn. Die einfache Geschichte war unförmlich geworden, er wollte sie von sich abschütteln, und der Geistliche, der jetzt ein großes Zartgefühl bewies, duldete es und nahm K.s Bemerkung schweigend auf, obwohl sie mit seiner eigenen Meinung gewiss nicht übereinstimmte.
Das Zartgefühl wird hier weniger von einer Person gesprochen – wie in der von Barthes zitierten Stelle bei de Sade -, sondern von zwei Menschen inszeniert. Fassen wir einige dieser Elemente zusammen:

abschließen, ohne ein Endurteil zu bilden: die Zäsur → es ist jedoch keine vollständige Zäsur, sondern eine, die zwar das Gespräch unterbricht, aber nicht das Nachdenken über die Folgen. Die Zäsur ist (hier) ein Zugleich von Abbruch und Kontinuität. Wir finden darin den Genuss des Analysierens wieder. Die Analyse unterbricht, schneidet ein und ab, aber der Genuss daran besteht fort. Das ist ein wenig wie Blinzeln: der Blick wird zerschnitten, doch das Auge hört nicht auf zu sein.

müde sein, oder: zu müde sein, um alle Folgerungen übersehen zu können → das Dandyhafte: der Dandy stellt eine gewisse, gepflegte Müdigkeit zur Schau →
»Seiner Lebensphilosophie liegt die Annahme zugrunde, dass die Welt in ihrer Ordnung schlecht und zum Untergang bestimmt ist. Politisches oder soziales Engagement, selbst die Einhaltung der bürgerlichen Normen sind daher nicht nur sinnlos, sondern geradezu Ausdruck (klein)bürgerlicher Dumpfheit. Mangels Sinnhaftigkeit wendet sich der Dandy der Form, der Stilisierung seiner selbst zu.«
→ Abzug von der Besetzung der Welt, ein psychisches Blinzeln.

unförmlich → Verweigerung der Form als Kulturkritik:
Stil offenbart unterm Scheinwerfer der modernen Kunst selber seine repressiven Momente. Das von ihm erborgte Bedürfnis nach Form betrügt über deren Schlechtes, Zwangshaftes. Form, die nicht in sich selbst vermöge ihrer durchsichtigen Funktion ihr Lebensrecht beweist, sondern nur gesetzt wird, damit Form sei, ist unwahr und damit unzulänglich auch als Form. Potentiell ist der Geist, dem man einreden will, er wäre in ihnen geborgen, über sie hinaus.
(Adorno, Negative Dialektik)
Kafka zeigt an dieser Stelle sehr deutlich, dass das Unförmliche von K. der Gesellschaft der Gerichtsbeamten überlassen wird. Ihm ist die (mögliche) Form des Formlosen unüberschaubar geworden.
Die Stelle im Prozess ist insgesamt eine ambivalente Stelle: K. ist zugleich dem Geistlichen nicht gewachsen, aber auf der anderen Seite skandiert und rhythmisiert er dessen Gedanken. K. selbst erscheint wie ein doppelter Unterbrecher. Er zerschneidet den Monolog des Geistlichen und erschafft ihn erst als einen Monolog, wenn auch einen zerschnittenen; zum anderen unterbricht er sich, zieht sich von der Welt zurück, und skandiert gerade dadurch die Welt. Die Analyse findet nicht durch ein Subjekt statt, wird nicht in die Verantwortung eines Subjekts gestellt, sondern geschieht ein wenig außerhalb von diesem, ist ex-zentrisch. Vielleicht eine Definition des Erzählens: eine leicht ex-zentrische Analyse.

Zartgefühl also → die Wirklichkeit rhythmisieren, indem man sie ganz bewusst nicht besetzt, indem man sich ganz bewusst ein wenig müde gegenüber der Kontinuität eines Stils zeigt.
(»Sie wollen aufgenommen werden?« sagte der Ingenieur, stützte links die Stirne mit der Hand und hielt in der Rechten die Feder über einem Papier. Es war keine Frage, er sagte es nur vor sich hin, es war ein schwacher junger Mann unter Mittelgröße, er musste sehr müde sein, die Augen waren wohl von Natur aus so klein und schmal, es sah aber so aus, als reiche seine Kraft nicht aus, sie ganz zu öffnen. Kafka, Fragmente aus losen Blättern und Heften)

c. kompliziert
»Ich finde queer furchtbar kompliziert.« - Das Komplizierte, das Miteinander-Gefaltete, hier nur in eine knappe Parallele gesetzt:
»Wollen scheint mir vor allem etwas Kompliziertes, Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist.« Ist der Wille erst zum philosophischen Begriff erhoben, sagt er, ist er notwendig eine Art von Fiktion.
(J. Butler: Zirkel des schlechten Gewissens)
Das Problem von queer ist also, dass der Begriff eine Fiktion wird, sobald er definiert ist. → queer ins Unbegriffliche reichen lassen, um dieses Miteinander-Falten vielfältig zu ermöglichen. Queer müsste also alle seine Wurzeln mit umfassen, sogar sein eigentliches Gegenteil: die heterosexuelle Norm.
→ Robin Bauer: »Aus queerer Sicht ist es nicht falsch, sich auf etwas festzulegen. Hier würde ich unterscheiden zwischen queer-politischer Kritik und persönlichem Geschlechtsempfinden und Begehren.« (Siegessäule Juli 2008, S. 12) → Während queer sich in der Theorie auf die Vielfalt festlegt, damit aber in Gefahr gerät, durch die Einheit des Wortes zur Illusion zu werden, folgt der praktisch Queere den Festlegungen seines Begehrens und in der Differenz zu anderen Queeren die Vielfalt. Dies ist fast ein Chiasmus.
Deleuze und Guattari sprechen von molaren und molekularen Einheiten. Ideelle Begriffe und Vereinigungen sind molar und beständig von Paralogismen bedroht: von der Extrapolation (ein ausgesuchtes Element, das alle anderen diszipliniert und hierarchisiert), der bijektiven Applikation (der Begriff sei so wie das Subjekt und umgekehrt), dem double-bind (der Befehl, aus dem Geschlechtsschema auszubrechen). Dagegen suchen sich die molekularen Einheiten entlang von Strömungsmöglichkeiten Wege. (Abbruch der Argumentation: die Linien, die die Moleküle ziehen, sind vielfältig: es sind Fluchtlinien, es sind Wege in Sackgassen, es sind pathetische und komische Linien; ja, manche führen zurück in den Faschismus oder in die Barbarei. Queer sein ähnlich: es ist kein Garant für eine offene Gesellschaft, in der alles möglich ist. Es kann auch nicht versprechen, dass kein Mensch mehr leidet oder unterdrückt wird. Queer ist kompliziert.)

d. Kleidung: Verdrängung der Verdrängung?
Die Unterscheidung zwischen sex und gender zielt auf den Bruch zwischen biologischem Geschlecht und der kulturellen Geschlechteridentität. Erst dieser Bruch ermöglicht die Kritik klassischer Rollenmodelle.
Freilich: das ist die Theorie. → Praxis: zwischen dem Körper und dem kulturellen Geschlecht wird die Kleidung als Enthüllung des Bruches genutzt. Indem der (biologische) Körper bedeckt wird, wird der (kulturelle) Körper angedeutet. Paradoxie: während der kulturelle Körper erlernt wird und mit ihm normative Ausrichtungen, wir es hier also mit einem schleichenden Prozess zu tun haben, ist der biologische Körper ein ›statisches‹ Bild, oder ein Prozess, der durch ganz andere Wandlungen geprägt ist.
Die Kleidung unterläuft diese Körperlichkeit durch Ver-Kleidung ebenso, wie sie die kulturelle Identität mit einer In-Szenierung überzieht. Der Verdrängung des sex/gender-Bruches wird das Ausfransen in einer vestimentären Verdrängung gegenübergestellt. Die Kleidung bedient sich des Körpers und verweigert sich dem Körper zugleich. Selbst das Body-building mit seinem exzessiven Zurschaustellen des Körpers ist noch ein vestimentärer Code: der Körper wird durch eine trainierte Gestalt überzogen, der männliche Körper übermaskulinisiert, der einer kulturellen Regel, nicht einer biologischen Notwendigkeit entspricht.
Das Einkleiden, das Spiel mit den vestimentären Codes könnte also die Praxis des Queer-seins sein, wo die Theorie ›nur‹ eine Unterscheidung macht.

e. Bedrohung
»Jeder Begriff verliert an politischer Kraft, wenn er inflationär gebraucht wird« (Siegessäule Juli 2008, S. 11)
→ Ausweg/Ethik: den Begriff nicht inflationär gebrauchen, sondern ihn vestimentär praktizieren → d.h. die Inszenierungen des Körpers vorantreiben, neue Begriffe finden (metrosexuell ist gerade mal nur eine Möglichkeit), um das Verhältnis zwischen dem biologischen Körper und seinen kulturellen Prothesen zu lockern; sich neue Prothesen erfinden.

Und die Queer-Theory?
Oftmals hält die Queer-Theory noch an dem Blick auf die »ungewöhnlichen« Identitäten fest. Es wäre aber sinnvoll, hier – wie dies teilweise schon getan wird – das Ungebändigte an der scheinbar normalen Existenz zu entdecken und für das Queer fruchtbar zu machen.
Selbst Eva Hermann ist queer: ihr Werdegang von der Vorzeigefrau (unzweifelhaft Extrapolation des Allgemein-Weiblichen) zu einer Übergangsphase, die einer widersprüchlichen Zusammenstellung von Zeichen entspricht, also einem Oxymoron, in dem Karrierefrau und Hausmütterchen in einer schier unerträglichen Mischung zusammenfallen, bis hin zur durchaus inszenierten De-Personalisation könnte als ein queerer Werdegang bezeichnet werden. Letzten Endes muss man den Weg von Eva Hermann doch unter eine Homogeneität stellen: sie passte nur ins Bild, solange sie ins Bild passte. In dem Augenblick, als sie das Bild der Frau in ihrer ganzen Zerrissenheit vertrat – Karrierefrau sein, aber von Hausmütterchen sprechen -, indem sie sich die patriarchale Funktion der Meinungsmache und des Anstelle-anderer-sprechen aneignete und zugleich das schräge(=queere) Bild der Apfelkuchen backenden Frau ins Spiel brachte, musste sie nicht nur wegen antifeministischer Meinungen ins Sperrfeuer geraten, sondern auch, weil sie auf den gefährlichen Moment hinwies, dass die ganze Grundordnung des Geschlechterdaseins bizarr kultiviert wird.

Queer-Theory: das müsste nicht nur sein, diejenigen, die ausgebrochen sind, in den Rang philosophischer Betrachtung zu heben, sondern an dem einzelnen dessen kanonisches Dasein gegen den Strich zu bürsten und das Queere am Schein des Normalen zu pointieren. Tatsächlich könnte das sogar mehr ein skandalon werden, als einem skandalon seine philosophische Legitimität zukommen zu lassen.
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