18.03.2018

Konsumphilosophie

Die Zeit online beklagt, dass es zwar recht viele ausgebildete Philosophen in Deutschland gäbe, aber die durchschnittliche Leseranzahl für einen philosophischen Artikel bei 2-3 läge. Das ist nicht verwunderlich.
Verwunderlich dagegen ist die Reaktion all dieser gemeinen Leserinnen und Leser. Sie behaupten, die Philosophie würde im Elfenbeinturm sitzen. Man würde dort unverständlich schreiben. Usw.
Aber was erwarten die Menschen? Habe ich Kant beim ersten Lesen verstanden? Nein, habe ich nicht. Ich bezweifle, ob ich ihn heute in Grundzügen verstanden habe. Mir würde das etwas ausmachen, wenn ich nicht den Begriff des Verstehens ablehnen würde. Ich arbeite lieber mit Büchern.
Genau das aber ist das Problem all dieser Leser. Und vielleicht auch das Problem der modernen Philosophen. Ein Philosophiebuch ist nicht dazu da, dass es, auch bei reiflicher Kritik, ein für alle Mal überwunden wird. Tatsächlich gibt es natürlich viele Aspekte an Kant, die ihn altbacken und unmodern machen. Vieles hat er nicht bedacht. Vieles konnte er nicht bedenken. Und trotzdem ist es eben ein Werk, das zu lesen sich lohnt. An dem man Jahre herumsitzen kann. Über dessen Sätze man brüten darf.
Unverständlichkeit ist relativ. Und wer sich mit solch hanebüchenen Sätzen und Vorwürfen auf Facebook verbreitet, hat sich mit Sicherheit noch nicht intensiv mit einem der klassischen Philosophen auseinandergesetzt. Mitdenken und selbst denken wird einem durch ein philosophisches Buch nicht erspart. Genau das ist doch der Reiz daran.
Wie Michel Foucault einmal gesagt hat: Ich denke gerne.
Im Übrigen steht es mit der deutschen Philosophie längst nicht so schlecht. Ich erinnere an Sybille Krämer. Ich erinnere an Sigrid Weigel. Ich erinnere an Rahel Jaeggi. Unter anderem. Da hat man dann auch gleich Diskursanalyse, Medienanthropologie und politische Philosophie. Also ein ganzes Spektrum. Nein, ganz so schlecht steht es mit der deutschen Philosophie tatsächlich nicht, finde ich.
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