04.03.2018

Deutlich gruselig: Vernichtende Kritiken der gender studies

Mathematikdidaktik: das ist eigentlich mein Thema. Und doch läuft mir gerade ein anderes, älteres, irgendwie immer noch nicht abgehaktes Thema über den Weg. So, wie eben die Mathematik aus Zeichen besteht, so ist auch die Rede über Geschlechter auch ein Gebrauch von Zeichen. Die Basis bleibt wohl gleich und legitimiert die Verbindung.

Gender Mainstreaming

Stefan Sasse gewährt Wolf-Dieter Busch Raum auf seinem Blog deliberation daily zum Thema gender Mainstreaming. Auch das erzeugte bei mir Kopfschütteln. Nicht die Tatsache, dass Sasse einem Gastautor dieses Thema zugesteht, aber der Inhalt. Das beginnt schon mit dem ersten Satz:
Die gegenwärtige Politik ist geprägt vom gender Mainstreaming.
Ehrlich? Die einzigen, die dies ständig auf den Tisch bringen, sind doch die AfDler: Im Parteiprogramm der AfD taucht dieses Thema umfangreicher auf als das Thema Familie, während das Thema Familie bei den Grünen einen breiten Raum einnimmt, aber das gender mainstreaming in einem Halbsatz abgehandelt wird. Es ist doch ein Thema am Rande.
Das zweite Problem dieses Artikels sind solche Aussagen wie:
Den Ausgangspunkt bildet Anfang der 1970 er Jahre die Frauenrechtsbewegung …
Auch das ist keineswegs richtig. Hier gibt es sehr viel mehr „Ursprünge“, angefangen beim Konstruktionismus eines Immanuel Kant, oder zum Beispiel aus der „strukturalen Psychoanalyse“ eines Jacques Lacan (der aber auch - irgendwie - von Kant herkommt).
Busch kritisiert den Reduktionismus, mit dem die gender studies auftreten. Das ist in gewisser Weise richtig. Auch ich habe geschrieben, bereits vor langer Zeit, dass die gender studies sich noch nicht dem Problem der Biologie gestellt haben. Obwohl auch das eine kolossale Verkürzung ist. Das Problem allerdings ist auch, dass sich die Biologen noch nie dem Problem gesellschaftlicher Attribuierungsprozesse gestellt haben. Und wenn man es dann tatsächlich auch noch mit so einem akademischen Mäuschen zu tun hat, dass weder von dem einen noch von dem anderen mehr als eine oberflächliche Ahnung hat, aber meint, sich durch lautstarke Forderungen selbst befreien und in die passende Position hieven zu müssen, dann ist tatsächlich Hopfen und Malz, Blau und Rosa verloren. Dann trifft tatsächlich der Pro-Stammtisch auf den Contra-Stammtisch: und dabei entsteht nichts Sinnvolles und nichts Intelligentes.

Körperlicher Ordner

Um es noch einmal genauer zu sagen: der Körper, der eigene und der der sichtbaren Menschen, ist ein starker Ordner von Zeichenprozessen. Aber die Zeichenprozesse selbst sind nicht kausal durch solche Ordner geprägt. Es gibt also keine Notwendigkeit, sondern eine gewisse Beliebigkeit. Welche Moral man daraus ziehen soll, ist wiederum damit nicht gesagt. Unsere Gesellschaft macht es nun möglich, sich auf der einen Seite den eher körperlichen Ordnern hinzugeben, oder eher den Zeichenprozessen. Besonders eindrücklich wird dies auf manchen Plakaten für Homosexuellen-Partys. Da finden wir auf der einen Seite den fast nackten Muskelmann und daneben die mit allen Zeichen weiblicher Mode ausgestattete „Tunte“, den scheinbar natürlichen, nackten Körper und die aus modischen Signifikanten zusammengekünstelte Konfiguration.
Allerdings zeigen solche Plakate auch, dass hier übergeordnete Zeichenprozesse die Regie übernehmen. Die Diskrepanz zwischen den beiden Erscheinungen wird zur Einheit verschmolzen. Selbst Neonazi-Aufmärsche verschmelzen die Zeichen der rechtsradikalen Mode mit einer Quasi-Natürlichkeit. Was sich hier als Männlichkeit zur Schau stellt, ist im wesentlichen ein Gefüge aus Kleidungsstücken und symbolischen Gesten und damit keineswegs Biologie: der Körper muss nur die grundlegende Möglichkeit bieten, Kleidungsstücke tragen und die Gliedmaßen auf verschiedene Art und Weise verrenken zu können.
Damit ist aber auch klar, dass wir Biologie immer in Zeichen und in Zeichenprozessen interpretieren (müssen). Ein wichtiger Bestandteil der modernen Sprachphilosophie und Linguistik besteht in Bezug auf die Biologie gerade auch darin, die Eigenständigkeit dieser Zeichenprozesse auch im Fach Biologie zu verdeutlichen und hier auf „unbiologische“ Einflüsse innerhalb dieser Wissenschaft hinzuweisen. So zitiert Busch (also der Gastautor von Stefan Sasse) Ulrich Kutschera, einen Evolutionsbiologen. Ich kenne und schätze Kutschera seit 15 Jahren. Er verkennt und missinterpretiert allerdings die Komplexität der gender studies deutlich. So schreibt Kutschera, Judith Butler habe die Theorien von John Money weiter entwickelt. Money erlangte eine recht traurige Skandalisierung, weil er ein Kind, das mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, durch chirurgische Eingriffe, Empfehlungen an die Eltern und durch psychologische Betreuung zu einem „Mädchen“ umgewandelt hat, obwohl auch „jungenhafte“ Vorlieben bei dem Kind aufgetaucht sind. (Eine ältere Kritik zu Kutschera habe ich hier veröffentlicht.)
Tatsächlich ist die Aussage von Kutschera komplett falsch (und es ist nicht die einzige Peinlichkeit, die sich Kutschera leistet). Butler stützt sich keineswegs auf diesen dubiosen Fall und seinen „Autor“. Ihre Wurzeln findet man eher in der Foucaultschen Diskursanalyse und den poststrukturalistischen Interpretationstheorien. Bis zu ihrem späten Werk Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen taucht der Name John Money überhaupt nicht auf. Und dort, im dritten Kapitel (ab Seite 97) werden keineswegs die biologischen Aussagen von Money übernommen, sondern in ein kritisches Verhältnis gesetzt. Von einer Zustimmung kann überhaupt keine Rede sein, und damit auch nicht von einer Weiterentwicklung.
Butler tut genau das, was gute Sprachphilosoph-inn-en machen: Sie untersucht diejenigen Einheiten, die diesen Diskurs prägen, und zwar als Konstellationen von Zeichen. Sie gibt also zu bedenken, dass auch ein biologischer Diskurs in sprachliche Ordnungen eingebunden ist, und dass man diese sprachlichen Ordnungen überprüfen muss, um ihre stille, ideologisierende und dogmatisierende Komponente herauszuarbeiten.
Ein Problem der Kritik an den gender studies ist, und Wolf-Dieter Busch führt dies sehr plastisch vor, Aussagen über biologische Zusammenhänge mit den biologischen Zusammenhängen selbst zu verwechseln. Gelegentlich sind Aussagen über biologische Zusammenhänge falsch oder verkürzt. Dann muss man diese kritisieren. Und insofern man Sprachwissenschaftler ist, interessiert man sich auch dafür, woher nun diese falsche Darstellung kommt. Dann untersucht man eben kulturelle Einflüsse, mithin: Zeichenprozesse.
Busch selbst verweist dann auch auf jene Buchkritik von Spektrum, mit den Worten, Kutschera habe eine "vernichtende Kritik" geschrieben. Kutscheras vernichtende Kritik allerdings wird in den Buchbesprechung gerade nicht euphorisch empfangen, sondern deutlich eingeschränkt, zuweilen sogar mit recht harschen Worten. Und ich mag mich über das Wort "vernichtend" gerade gar nicht mehr äußern. Was für ein adjektivischer Schmonz. Ins Riesenhafte und Groteske aufzublähen ist doch immer noch eine beliebte Strategie rechtspopulistischer Jammergestalten.
Kritik hört sich nach einem Dagegen an. Kritisiert man aber Fehleinschätzungen, dann taucht unter der Hand eigentlich auch ein Dafür auf. Man könnte mit Fug und Recht auch sagen, dass die gender studies gerade nicht gegen die Biologie sind, sondern sie vielmehr von ihren ideologischen Komponenten zu reinigen versuchen. Dass dabei auch Irrwege beschritten werden, das muss man nicht weiter ausführen.
Ich kann es, zum Abschluss, nur noch einmal sagen: Nicht alles, was die gender studies so fabrizieren, ist gut. Manches bringt mich auch zur Raserei. Das heißt aber nicht, dass ihr damit die Legitimität fehle. Im Gegenteil. Wissenschaft produziert Hypothesen und überprüft diese. Und insofern dies in den gender studies getan wird, haben sie auch das Recht, als Wissenschaft aufzutreten und ernst genommen zu werden. Auch wenn sie in der anschließenden Diskussion dann revidiert werden sollten.
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