02.09.2009

Problembegriffe

Luhmann schreibt, die Systemtheorie stelle von Merkmalsbegriffen auf Problembegriffe um (Soziale Systeme, S. 33). Er beschreibt dann leider nicht weiter, was ein solcher Begriff des Problembegriffs bezeichnet.
Quer dazu liegt, dass die Bezeichnung Problembegriff auch für den Begriff des Problems genutzt wird, also für die Definition dessen, was ein Problem ist.
Der Problembegriff, von dem ich hier spreche, ist ein Unterbegriff des Begriffs 'Begriff', so wie der Dackel ein Unterbegriff des Begriffs Hund ist. Es geht also nicht um den Begriff des Problems, sondern um den Begriff, der auf ein Problem hinweist, und, wie wir sehen werden, gleichsam vorstrukturiert.
Allgemein sieht man im Vollzug des radikalen Konstruktivismus, aber auch in der Systemtheorie eine Umstellung von Was?-Fragen auf Wie?-Fragen. Man fragt also nicht: Was ist Lesen?, sondern: Wie funktioniert Lesen?, oder anders gesagt fragt man nicht nach Merkmalen, sondern Operationen.
Genau an dieser Stelle setzt nun der Problembegriff an, und zwar in dem Sinne, dass er die Umstellung auf eine etwas merkwürdige Art relativiert. Hier werden dann Was?-Fragen mit Wie?-Fragen kombiniert.
Was ist Wahrnehmung?, wird gefragt, und eine der Antworten lautet: Wahrnehmung ist Selektion, sprich: Auswahl. Damit ist aber noch nicht bezeichnet, wie ausgewählt wird. Womit wir dann bei der zweiten Frage, der Wie?-Frage wären. Wie selegiert Wahrnehmung? - Hier wäre nutzlos, noch einmal dasselbe zu antworten. Wichtig ist hier nur, dass die Was?-Frage abstrakt eine Operationalisierung behauptet, während die Wie?-Frage auf die konkrete Operation und die Bedingungen dieser konkreten Operation zielt.
Problembegriffe kombinieren also allgemeine Definitionen mit empirischen Faktizitäten, ohne die empirischen Faktizitäten zu benennen. An dieser Stelle lässt sich dann die funktionale Analyse einhängen. Wenn Wahrnehmung immer auswählt, und im konkreten Fall eine bestimmte Wahl getroffen wird, dann kann diese Wahl auch anders ausfallen. Man mag einen Text lesen (=wahrnehmen) und denken: dieser Text bedeutet dieses und jenes. Später liest man den Text noch einmal und denkt etwas ganz anderes. Wie auch immer man jetzt den früheren und den späteren Gedanken bewerten mag: zunächst produzieren beide Lesevorgänge ausgewählte Gedanken. Diese beiden Gedanken lassen sich funktional vergleichen, weil sie beide selektiv sein müssen - laut Definition.
Was dann im Konkreten erschlossen wird, hängt nun von anderen Bedingungen ab (von seinerseits selektiven Wahrnehmungen). Wichtig ist hier nur, dass Problembegriffe allgemeine Was?-Fragen mit konkreten Wie?-Fragen kombinieren, indem sie eine allgemeine Operationalität mit konkreten Operationen, die unter spezifischen Bedingungen ablaufen, kombinieren und die Wie?-Frage dann auf die spezifischen Bedingungen lenken.


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