05.12.2009

Amphibolie

Die Amphibolie ist ein rhetorisches Mittel und bezeichnet eine Doppeldeutigkeit, bzw. ein Wortspiel oder einen pointierten Doppelsinn.
Sehr hübsch ist zum Beispiel ein Kalauer, den Freud zitiert: Er hat viel verdient und soll sich etwas zurück gelegt haben, während sie sich etwas zurück gelegt und dabei viel verdient hat.
Mein Lieblingsbeispiel allerdings ist immer noch: Ich bin so gut zu Luchsen wie du zu Vögeln.
Neulich fand ich in einem Streiflicht: Auch Diebe können ihrem Broterwerb in Bäckereien nachgehen.
Grund, warum ich gerade zur Amphibolie schreibe, ist, dass seit vorgestern bei Google dieses Wort mehrmals gesucht worden ist.

Poetische Codes
Roland Barthes schreibt in Die Ausgänge des Text (aus: ders., Das Rauschen der Sprache, S. 267-278) folgendes:

Im Text Batailles gibt es zahlreiche »poetische« Codes: einen thematischen (nieder/hoch, edel/unedel, leicht/schlammig), einen amphibologischen (das Wort »Erektion« zum Beispiel) und einen metaphorischen (»der Mensch ist ein Baum«); es gibt auch Codes des Wissens: einen anatomischen, zoologischen, ethnologischen und historischen. Es versteht sich von selbst, dass der Text - durch den Wert - über das Wissen hinausgeht; aber selbst innerhalb des Felds des Wissens gibt es Unterschiede des Drucks, der »Seriosität«, und diese Unterschiede erzeugen eine Heterologie. Bataille inszeniert zweierlei Wissen. Ein endoxes Wissen: das von Salomon Reinach und der Herren des Redaktionskomitees von Documents (der Zeitschrift, aus der der hier betrachtete Text stammt); ein zitierendes, referentielles, Reverenz erweisendes Wissen. Und ein fernes, von Bataille (seiner persönlichen Bildung) erzeugtes Wissen. Der Code dieses Wissens ist ethnologisch; er entspricht in etwa dem, was man früher als Magasin pittoresque bezeichnete, einer Sammlung sprachlicher und ethnologischer »Kuriositäten«; in diesem Diskurs des zweiten Wissens gibt es eine doppelte Referenz: das Fremdartige (das Anderswo) und das Detail; dadurch wird das Wissen (sein Code) bereits erschüttert, weil läppischer und miniaturisiert; am Ende dieses Codes steht das Staunen (»die Augen aufreißen«); es ist insofern das paradoxe Wissen, als es staunt, sich entnaturalisiert, das »Selbstverständliche« erschüttert. Diese Jagd auf das ethnologische Faktum steht sicherlich der Romanjagd sehr nahe: Der Roman ist tatsächlich eine gefälschte Mathesis, die zu einer Entwendung des Wissens unterwegs ist. Diese Reibung von Codes unterschiedlicher Herkunft, von verschiedenen Stilen,steht im Gegensatz zur Monologie des Wissens, die die »Spezialisten« in den Himmel hebt und die Polygraphen (die Amateure) verachtet. Im Grunde entsteht ein burleskes, heteroklites (etymologisch: nach beiden Seiten geneigtes) Wissen: das ist bereits eine Schreiboperation (die Schriftstellerei verlangt die Trennung der Wissensarten - wie man sagt: die Trennung der Gattungen); das Schreiben, das von einer Mischung der Wissensarten herkommt, hält die »wissenschaftlichen Arroganzen« in Schach und bewahrt gleichzeitig eine scheinbare Lesbarkeit: ein dialektischer Diskurs, der der des Journalismus sein könnte, wenn er nicht unter der Ideologie der Massenkommunikationen abgeflacht wäre.
Der "gute Humor" kann, wie etwa die Amphibolie, ihren Ausgang nur von anderen Codes nehmen. Es gibt keinen Code, der monologisiert.
Hier sei nochmal auf den Blog von Phantomscherz verwiesen, aber auch den von Daniel Subreal. Beide mischen die Codes, Phantomscherz in einer provokativen, Daniel Subreal in einer surrealistischen Form (wobei sein "Surrealismus" darin besteht, dass die Realität umso metaphorischer erscheint, je konkreter er sie schildert).
Mario Barth dagegen probt den Monolog. Das funktioniert natürlich nicht. Während Daniel Subreal die verschiedenen Codes zwar vermischt, dabei aber auch differenziert, entstehen die Verwechslungen bei Barth durch Entdifferenzierung. Oberflächlich gesehen mag das auf die gleichen rhetorischen Mittel hinauslaufen. Doch der Unterschied wird spätestens dann deutlich, wenn man die Ebene der Argumentation hinzu nimmt. Barth scheint eine starke Interpretationsregel zu haben, die er, 'ironisch', mit dem Titel seiner Show ankündigt. Daniel dagegen entzieht diese Regeln der Interpretation, überspringt sie oder deutet sie nur an. Gerade dadurch wird der Code aber auch umfangreich, da es viel zu entdecken und viel zu verstehen gibt.
Man kann also genau dann von einem "guten Humor" sprechen, wenn zwischen den Figuren der Wortbedeutung (Metapher, Metonymie, z. T. Amphibolie, Katachrese) und den Figuren der Argumentation ein Bruch entsteht und eine fortlaufende Reibung.


Amphibolie der Reflexionsbegriffe

Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu bekümmern, wohin ihre Objekte gehören, ob als Noumena für den Verstand, oder als Phänomena für die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit diesen Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst transzendentale Überlegung nötig, für welche Erkenntniskraft sie Gegenstände sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit. Ohne diese Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von diesen Begriffen, und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transzendentalen Amphibolie, d. i. einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erscheinung, gründen.  
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft / Anmerkung zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe

Defaitismus lähmt den spezifisch philosophischen Impuls, ein Wahres, hinter den Idolen des konventionellen Bewusstseins Verstecktes aufzusprengen. Der Hohn des Amphiboliekapitels gegen die Vermessenheit, das Innere der Dinge erkennen zu wollen, die selbstzufrieden männliche Resignation, mit der Philosophie im mundus sensibilis als einem Auswendigen sich niederlässt, ist nicht bloß die aufklärerische Absage an jene Metaphysik, die den Begriff mit seiner eigenen Wirklichkeit verwechselt, sondern auch die obskurantistische an die, welche vor der Fassade nicht kapitulieren. Etwas vom Eingedenken an dies Beste, das die kritische Philosophie nicht sowohl vergaß, als zu Ehren der Wissenschaft, die sie begründen wollte, eifernd ausschaltete, überlebt in dem ontologischen Bedürfnis; der Wille, den Gedanken nicht um das bringen zu lassen, weswegen er gedacht wird.
Adorno Theodor: Negative Dialektik


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