01.02.2009

Negativ denken?

Es ist soweit. Das positive Denken wird wieder abgeschafft. Darüber berichtet jetzt die FAZ.
Ich habe das positive Denken auch kritisiert, allerdings unter ganz anderen Voraussetzungen.
Weder das positive noch das negative Denken sind hilfreich, solange man in identifizierenden Begriffen denkt. Weder positives noch negatives Denken helfen, wenn man von einem statischen Ergebnis ausgeht. Der Weg ist das Ziel, lautet hier der blumige Sponti-Spruch, hilft uns allerdings auch nicht sonderlich weiter.
Wirksamer ist die Unterscheidung zwischen divergentem und konvergentem Denken. Divergentes Denken wird häufig als abweichendes Denken beschrieben und als eine Sache der Kreativität. Konvergentes Denken wird als ein zielorientiertes Denken beschrieben und als eine Sache von Zielen und Plänen. Könnte man so hinnehmen. Allerdings kommt man hier zwei Beobachtungen in die Quere, die eine ganz andere Betrachtungsweise einführen.
1. Mind-Maps gelten als kreativ. Was aber mache ich, wenn ich eine Mind-Map erstelle? Ich skizziere Beziehungen, die für ein Thema wichtig sind. Mit anderen Worten: ich löse dieses Thema in ein Netz aus Verbindungen auf, ich analysiere. Analysieren ist eine wissenschaftliche Tätigkeit. Wissenschaft und Kreativität gehen immer noch nicht gut zusammen, auch wenn gerade die deutsche Schreibpädagogik hier auf diesem kreativen Aspekt beharrt. Zumindest kann man sich hier aber fragen, was uns so lange den Blick auf die sehr verschiedenen Leistungen der Mind-Map verstellt hat und weshalb so viele Menschen geradezu besinnungslos nachplappern, das eine sei das eine (mind-map = Kreativität) und habe dem anderen (Wissenschaft) nur als eine Art Bespaßungsbeilage zu dienen.
2. Planungen, Zielorientierungen werfen immer wieder Fragen auf, offenbaren Probleme und Lücken, verlangen Alternativen, die man in der Hinterhand behält. Zielorientierungen können sogar als divergente Ziele geplant werden. Zum Beispiel kann man eine Lerngruppe in einen Konfrontationskurs mit bisher Gedachtem steuern, ähnlich wie dies in der provokativen Therapie und der provokativen Intervention im Coaching geschieht. Ziele können divergent sein und Planungen können auf Divergenz angelegt sein.
Bleiben wir also beim divergenten und beim konvergenten Denken, ohne sofort Kreativität oder Zielorientierung ins Spiel zu bringen.
Wichtiger ist, dass man beides nicht identitätsorientiert denkt, sondern differenzorientiert. Differenz, oder, um einen Begriff hier ungenau zu verwenden: différance, ist laut Luhmann, eine fortlaufende Verschiebung von Einheit und Differenz (vgl. Soziale Systeme, S. 202), also eine Temporalisierung der Differenz von Einheit/Differenz. Über diese Temporalisierung lässt sich nicht nur die Paradoxie von Einheit/Differenz lösen sondern auch denken.
Einheiten fungieren hier als Zwischenmarkierungen, als "Haltestellen einer unendlichen Fahrt". Man kann nicht ohne sie, aber mit ihnen fällt man in ideologisches und metaphysisches Denken zurück. Einheiten sind kontingent; eine gewisse Ironie im Umgang mit ihnen scheint mir daher sinnvoll.
Differenzen dagegen sind immer unausgelotete Differenzen, die sich entwickeln, verändern. Sie sind heterogen. Deleuze hat dies unter dem Stichwort Individuation beschrieben: nicht Individualität, sondern ein fortlaufendes, kreatives und produktives Moment in den Differenzen, als ob dies eine kosmische Universale sei. Die "Dinge" ändern sich, weil die Differenzen zwischen ihnen (diese Dinge und sich selbst) "individuieren".
Darunter fällt auch divergentes und konvergentes Denken. Konvergentes Denken zielt auf eine Identität, die als Identität eine Sackgasse des Denkens wird. Das Zielen auf Identität ist sinnvoll, während der "Besitz" von Identitäten hemmend, blockierend wirken kann. Durch Ironie ausgehebelte Konvergenz nenne ich Pseudo-Konvergenz. Ebenso ist divergentes Denken nicht an sich gut, sondern nur rückvermittelt zu ergebnisorientierten Prozessen. Mit anderen Worten: Kreativität ohne Funktionalität ist entfremdend, und Divergenz ohne (anschließende) Konvergenz beziehungslos (man übersetzt Camus' L'Étranger immer mit Der Fremde, kann dies aber auch, durch être étranger à quelquechose, mit Der Beziehungslose übersetzen: Merseult, der einen Mord begeht, divergiert, ohne die Spur einer Konvergenz, eines nachvollziehbaren Motives, zu hinterlassen). Divergenz, der so die Notwendigkeit der Konvergenz eingeschrieben ist, nenne ich Pseudo-Divergenz.
Weder das positive Denken, wie es von Coachs und Selbstverwirklichungs-Gurus angepriesen wird, noch dieses neu entdeckte negative Denken sprechen diesen universell kreativen Tatbestand an oder verweisen auf diese Logik temporaler Differenzen. Dass beides trotzdem funktioniert, positives und negatives Denken, liegt natürlich dann daran (wenn man Deleuze, Derrida und Luhmann folgen möchte), dass auch diese nur durch individuierende Differenzen existieren und dass auch sie dadurch, gleich ob positiv oder negativ, einen schöpferischen Prozess entfalten.
Beides also geht. Nur kann beides - positives/negatives Denken - nicht die größeren Zusammenhänge klären.
Umfassender ist das Denken von Einheit/Differenz und deren je typische Verzeitlichung: Ironisches und heterogenes Denken, pseudo-konvergentes und pseudo-divergentes Denken.
Man müsste an dieser Stelle noch einmal alle Strategien der Systemischen Beratung, des Coachings in eine solche Orientierung auf den Prozess überprüfen und umschreiben.
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