21.02.2009

Peter Fuchs schreibt

ich denke, dass man sich dem Phänomen [der Gewalt, FW] nähern kann, wenn man das Theoriestück der Symbiotik mit dem der Adressabilität verbindet. Gerade im Blick auf gewaltbereite Jugendliche vermute ich, dass die Gewalt (als symbiotischer Krisenmechanismus) einen Adressabilitätskollaps anzeigt. Das ist sehr abstrakt formuliert, aber ich habe in Lehrforschungsprojekten bemerkt, dass dieser Ansatz sehr fruchtbar sein könnte, vor allem, wenn es gelingt, etwas auszumachen über das psychische Widerlager sozialer Adressen und seines (internen) Adressabilitätsmanagements. Im Zentrum stünde die Form der Person (Person/Unperson).
Dabei hatte ich nur in Bezug auf die Jugendkriminalität ein wenig herumgeflachst und mich selbst einer alteuropäischen Semantik bezichtigt (was, für Nicht-Luhmann-Leser, eine Art Beschimpfung, hier also Selbstbeschimpfung, ist).
Entstanden ist dies folgendermaßen: Herr Sander thematisierte den Begriff des sozialen Bewusstseins (bzw. etwas Ähnliches), und wir hatten darüber ein kleines, nettes Scharmützel, ob die Gesellschaft als Form des Mediums lose gekoppelter Bewusstseine sei (Nicht-Luhmannianer bitte hier mit dem Denken aufhören!). Jedenfalls schrieb ich als Antwort:
Im übrigen hat das soziale Bewusstsein ja schon eine hübsche Karriere hinter sich, siehe die Schule von Durkheim. Ob man hier gegen Luhmann anglänzen kann (um mal eine nicht ganz so saloppe Formulierung wie anstänkern zu benutzen)? Ich habe da meine Zweifel.
Man kann diese Verquickung von sozialen Tatbeständen und Kollektivbewusstsein bei Durkheim in den Regeln der soziologischen Methode nachlesen (Frankfurt am Main 2002). Durkheim spricht den faits socials eine große Macht zu. Gewöhnlich verinnerlicht ein Mensch diese faits socials, zum Beispiel christliche Glaubensregeln, und integriert sich dadurch in die Gesellschaft. Das Kollektivbewusstsein ist also kein wie auch immer geartetes summendes und brummendes, sprich: emergentes soziales Bewusstsein, sondern eine sich verändernde (evolutive) Masse sozialer Tatbestände. Auch der Widerstand gegen die faits socials ändert nichts an deren Wirksamkeit, in dem Sinne, dass noch der Widerstand diese anerkennt, auch wenn er gegen sie protestiert. Alleine die Anomie fällt aus dem Kollektivbewusstsein heraus, weil die normative Bindung nachlässt. Die normative Bindung in der Gesellschaft regelt unter anderem das Maß menschlicher Bedürfnisse (siehe - haha! - Bankmanager), also das, was ein einzelner Mensch sich als das ihm Zustehende an der gesellschaftlichen Produktion zuspricht, bzw. zusprechen darf (es ist also eine gesellschaftlich normierte Selbstattribution). Wenn die normative Bindung nachlässt, verschwindet dieses Maß, wird unsicher, schwankend, - Durkheim spricht hier unvorsichtiger von einem Wachsen ins Maßlose.
Um hier nochmal den Argumentationsgang zu wiederholen: Normative Bindung durch soziale Tatsachen spricht jedem Individuum einen bestimmten Anteil der gesellschaftlichen Produktion zur Bedürfnisbefriedigung zu. Diese normative Bindung macht das Kollektivbewusstsein aus. Es entsteht nicht aus individuellen Bewusstseinen, die sich irgendwie in einen Gesamtbezug setzen, sondern das individuelle Bewusstsein verinnerlicht das kollektive Bewusstsein und integriert sich damit in die Gesellschaft. Wenn diese Verinnerlichung schwindet, entstehen unklare normative Lagen: das Individuum gerät in Gefahr, anomisch zu werden.
Weder aber bezeichnet die normative Bindung eine Art sozialer Gerechtigkeit. Die Zuweisung von individuellen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung kann sogar sehr ungerecht sein. Es geht hier einzig um die Tragweite der bindenden Kraft, nicht um die Gerechtigkeit des Maßes. Noch ist die Anomie ein Versagen des Individuums. Laut Durkheim (soweit ich mich erinnere) sind es vor allem rasche gesellschaftliche Wandlungen, die zu einer schwindenden Regulierung der Bedürfnisse führen, also Zeiten, in denen gesellschaftliche Krisen oder konjunkturelle Blüten die regulativen Mechanismen der Gesellschaft auseinandertreiben. (Systemtheoretisch gesprochen: durch eine Inflation von Gegenwarten kommt es zu einer Deflation von Erwartungsinterdependenzen.)
Soweit also der kleine, aus dem Gedächtnis geschriebene Exkurs zu Durkheim. Maurice Halbwachs wäre als ein weiterer Vertreter zu nennen, und eventuell Marcel Mauss.

Hier nur soviel: Luhmann definiert die Norm als Einschränkung von Erwartungsselektionen. Erwartungen selbst sind Einschränkungen von dem, was die Zukunft mit sich bringt. Man kann nicht alles erwarten und vor allem nicht gleichzeitig unterschiedliches oder gar widersprüchliches. Aber es könnte einem von Moment zu Moment etwas anderes einfallen, was er erwarten könne, und wenn jeder Mensch in der Gesellschaft einfach nur irgendwelche Erwartungen hätte, dann könnten diese wirr und durcheinander ein ziemliches Chaos erzeugen. Als Normen gelten bei Luhmann nun Strukturen, die den Spielraum von Erwartungen begrenzen, also nicht-beliebig machen. Solche Normen müssen nicht offen thematisiert werden. Sie haben oft einen mehr oder weniger vagen semantischen Gehalt - wie etwa "Würde des Menschen" oder "Gleichheit vor dem Gesetz".
Normen schränken Entscheidungsfreiheiten ein. Diese Einschränkung nennt Luhmann Integration (was nicht heißt, dass Normen die einzige Möglichkeit von Integration sind). Das Gegenteil von Integration ist aber nicht die Anomie (nicht unbedingt), sondern zunächst nur die Desintegration, also die Ausweitung von Freiheitsgraden. Und Luhmann bemerkt irgendwo sehr richtig dazu an, dass Menschen der Unterschicht integrierter seien als Menschen des gehobenen Mittelstandes oder der Oberschicht, in dem Sinne, dass das äußerst flexible Kommunikationsmedium Geld viele Freiheitsgrade des Konsumierens zulässt, bzw. auch viele Möglichkeiten, sich Zutritt zu besonderen Formen der Kommunikation (Kunst, Oper, Bildung) zu leisten.

Herr Sander jedenfalls schrieb auf meinen Einwurf:

Luhmann ist tot und wir leben, soll heißen: gelernt haben und erinnern ist alles sehr schön, aber wir leben jetzt und müssen die Phänomene unserer Gesellschaft (und ihr Versagen) jetzt beschreiben. Und alle zusammen am besten so schnell wie es geht, ohne uns in Disziplingrenzen einzumauern, denn ich bin sicher: Es brennt schon an vielen Ecken. Wenn das kapitalistische Kartenhaus, für das wir alle keinen Ersatz wissen und kennen, wenn es zusammenbricht, wird es für ausgeklügelte Theorien zu spät sein. Heute regiert eine verdeckte, kaschierte, tabuisierte, von keiner Soziologie wahrhaft beim Namen genannte Gewalt, im Falle des hoffentlich nicht eintretenden Falles wird es nur noch die nackte sein.
Ohne jetzt diesen Beitrag weiter auseinanderzunehmen, hier nun meine kurze Antwort, die dann Peter Fuchs zu seiner Antwort (siehe Anfang des Artikels) veranlasste:
Gewalt ist tatsächlich ein Phänomen, das in der Systemtheorie so nicht hochgehalten wird. Obwohl ich mich viel mit Jugendkriminalität beschäftige, ist selbst mir noch nicht in den Sinn gekommen, die Gewalt systemtheoretisch zu betrachten. Belagert mich hier alteuropäische Semantik?
Jetzt puzzle ich schon den ganzen Nachmittag und Abend an der Semantik der Gewalt herum. Eigentlich wollte ich mich mit dem semantischen Gedächtnis auseinandersetzen, aber das Thema hat meinen Fahrplan hübsch durcheinander gebracht.

Im übrigen liegt dieses Thema nicht entfernt von dem, was ich mir durch die Schablonen der kognitiven Psychologie erhoffe. In einer Nebenbemerkung schrieb ich an Peter Fuchs:

Im übrigen auch, um hier einen Gedankengang anzuspinnen, auf den Sie mich auf ganz anderem Wege gebracht haben [ich hatte Herrn Fuchs einen Aufsatz über Cechovs Möve geschickt, FW]: es gibt eine Art narrativer Strategie - zumindest bei bestimmten Familien, bzw. Personen aus diesen Familien -, Bruchstücke der Welt in einen Theaterrahmen zu packen, und wiederum eine "quasi-therapeutische" Strategie, diese Theatralisierung seinerseits zu theatralisieren. So dass wir hier Shakespearsche und Cechovsche Qualitäten entdecken können.
Herr Fuchs antwortete:
in Eile: Dieser Gedanke gefällt mir sehr gut. Er offeriert die Möglichkeit, jene Theatralik als 'Kompaktkommunikation' zu begreifen, also tatsächlich - kunstanalog. Ferner passt mir natürlich die 'Narrativität' ins Konzept, da ich sie, wie ich hier schon erwähnt habe, als Medium des SELBST auffasse, das ich gegenwärtig als System beobachte (am Beispiel psychischer Systeme), aber sehr gern generalisieren würde in Richtung adressabler Systeme wie Organisation und Familien.
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