22.02.2009

Gewalt und Langeweile

Hier noch ein Bruchstück aus der Diskussion in der Mailing-Liste zur Systemtheorie. Vieles daran ist wohl leider recht verkürzt und nur für Menschen mit einer gewissen Kenntnis der Luhmannschen Schriften verständlich. Da ich durch diese Anregungen und dadurch, dass hier zahlreiche ähnliche Argumentationsgänge geäußert werden, sehr ermutigt bin, werde ich wohl in näherer Zukunft das eine oder andere auch für meine anders orientierten Leser ausarbeiten.

Hier also die Anregungen, die Ludwig Schreiber mir zukommen ließ.
Ich habe geschrieben:
Interessanter wäre es hier allerdings, Langeweile als soziales Phänomen noch einmal durch das Nadelöhr der Systemtheorie zu schleifen.
Herr Schreiber antwortete:
Nur so ein Seitenblickversuch: Wenn sich 'Langeweile' insbesondere auch als Form (in) der Kurzweiligkeit moderner Entscheidungssysteme finden ließe, läge die Erosion von 'Arbeit' als gesellschaftliches Synchronisationsmedium nicht weit? 'Faulheit' könnte (würde) mithin zu einem exklusiven, quasi gewaltigen Qualifizierungsschema organisatorischer INKLUSIONskommunikationen avancieren?
Meine Antwort darauf ist nun etwas schräg, sozusagen durch den Aufwind ins Trudeln geraten. Ich habe sie für den Blog ein wenig strukturiert und ergänzt, damit die einzelnen Aspekte deutlicher werden.
Sehr geehrter Herr Schreiber! Liebe Liste!

Synchronisation
Sicherlich fehlt hier auch die Arbeit als gesellschaftliches Synchronisationsmedium.
Ich würde aber auch noch vermuten, dass es an einer Differenzierung narrativer Muster gebricht. Narrative Muster sind kleine Schemata im Diskurs, die für typische Differenzierungen geeignet sind, also linguistisch zwischen Sätzen und kleinen Erzählformen zu finden.
Um das ganz empirisch zu halten: mir fällt immer wieder auf, dass es schwierig ist, mit manchen Menschen zu reden, weil sie nur sehr wenige solcher narrativer Muster "besitzen"; es gibt sozusagen nur wenige formale Differenzierungsmöglichkeiten in ihrer Welt. Andere dagegen sind sehr reich an solchen narrativen Mustern und das sind meist Menschen, die gut erzählen können.
An meinem Sohn beobachte ich, wie sich solche Muster zuerst durch Imitation, dann durch Varianzen in sein tägliches Erzählen einbauen. Faszinierend dabei ist, dass solche Muster anscheinend gut geeignet sind, neues Faktenwissen in sich aufzunehmen und dieses dann quasi-narrativ zu reproduzieren, also ein hervorragendes Medium für's Lernen sind.
Ich würde schon alleine deshalb narrative Muster als gesellschaftliches Synchronisationsmedium von Personen, Interaktionen und Organisationen vorziehen, weil Arbeit zu viel an Handlung suggeriert, aber durch narrative Muster (in diesem Fall: Arbeitsabläufe) ebenso geordnet werden kann. Insofern stimme ich hier Herrn Fuchs voll und ganz zu.

Nachträgliche Anmerkung:
1. Als ich oben zum Semantischen Gedächtnis geschrieben habe, zur Deduktion und Induktion, aber auch zum Szenischen Schreiben, zur Metonymie und Konnotation, zum Modell und zur Personencharakterisierung, habe ich das Thema des narrativen Musters immer wieder angespielt. - Kleine Texte, die verschiedene Methoden und Modelle vorführen, werde ich noch in den Blog setzen.
2. Herr Fuchs bezeichnet die Narrativität als Medium des Selbst. Dieses Medium müsste man natürlich genauer ausarbeiten. Obwohl ich narrative Muster derzeit vor allem in der Belletristik untersuche, dürfte sich das leicht auf den Alltag übertragen lassen und als ein allgemeines Medium alltäglicher Inszenierungs-/Konstruktionsprozesse von Alltag fruchtbar sein.
3. Es gibt hier natürlich zahlreiche klassische Verweise. Benjamins Passagenwerk wäre zu nennen, die Untersuchungen von Foucault, die projektiven Einsätze von Michel Serres, schließlich aber auch jede gute Biographie oder Autobiographie, Tagebücher und Briefwechsel. Insbesondere interessiert mich gerade der Begriff des Ritornells aus Tausend Plateaus, und die Theorie sozialer Rhythmen in André Leroi-Gourhans Hand und Wort.


Erosionen
Was die Erosion dieses Synchronisationsmediums angeht, so kann man sich hier vielleicht in verschiedenen Ersetzungsmöglichkeiten üben, wie zum Beispiel das Dingschema nicht mehr im Schematismus von innen/außen behandelt wird, sondern warenförmig als ganz/kaputt oder funktionierend/verbraucht (bzw. veraltet). Wurden früher noch Telefone von Hand repariert, Fernseher aufgeschraubt, Tische mit einer neuen Tischplatte versehen, wissen viele Menschen heute nicht mehr, wie man solche handwerklichen Tätigkeiten ausübt, bzw. was sich überhaupt in diesen Gegenständen befindet. Das heißt ja auch, dass es hier einen Verlust, eine Erosion an Ablaufschemata gibt, an Skripten, an narrativen Mustern.
Wissenschaftlich gesehen geht es hier um Methoden (zeitlich), Modelle (sachlich) und disziplinäre Übersetzung (sozial, wobei die andere Theorie, zum Beispiel die Psychoanalyse, als Quasi-Anderer fungiert).

Nachträgliche Anmerkung:
1. Wissenschaftlich mag es heute so sein, dass eine Deflation von funktionalen Äquivalenten der narrativen Muster durch eine Art Karrierehysterie hervorgerufen wird. Es gilt nicht mehr, ordentliche Wissenschaft zu leisten, sondern eine Position zu ergattern. Und andererseits sind die Professoren an der Uni entweder zu überfordert oder zu faul, um hier eine fachgerechte Blockierung von Karrierechancen vorzunehmen. - Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt und gilt nur in Einzelfällen.
Aber es ist schon auffällig, wie dünn gesät diejenigen Wissenschaftler sind, die von einer Theorie profunde Ahnung haben, geschweige von mehreren Theorien. Und wie viele Akademiker die Universität verlassen und kein einziges theoretisches Grundlagenwerk mehr in die Hand nehmen, ja noch nicht mal während des Studiums zu einem Werk gekommen sind, das man als Grundlagenwerk bezeichnen könnte.
Dümmstes Argument: "Mich interessiert vor allem die Praxis!" - Jede Praxis muss strukturiert werden. Diese Strukturierung geschieht durch Sinnmuster oder auch narrative Muster. Und damit diese irgend kontrolliert werden können, müssen Vergleichbarkeiten her, und natürlich auch Argumente, Argumentationsgänge. Wer also sagt, es ginge ihm nur um die Praxis, behauptet eigentlich nur, dass er unreflektiert vor sich hinfuddelt.
2. Ohne hier in eine konservative Kerbe schlagen zu wollen: Grundlage aller über den Satz hinausgehenden Muster und Strukturen ist die Struktur des Satzes, also die Grammatik. In die Logik übersetzt: die logische Proposition. In die Neurophysiologie gewendet: die kognitive Proposition. Ohne eine reiche, differenzierte Grammatik verarmen auch - meiner Ansicht nach - die narrativen Muster. Eine Kultur des Lesens und Schreibens, der Sprachreflexion und des kreativen Sprachgebrauchs sind also für eine weitergehend reiche Kultur notwendig und beides vor allem in der Schule (und im Elternhaus) zu pflegen. Soviel also zu meinen persönlichen Werten.
3. Methoden, Modelle und disziplinäre Übersetzungen sind Formen der offenen Produktion, nicht des konservativen Ziels. In diese Dreiteilung mag ich sehr kurz gefasst die drei Produktionsformen von Deleuze und Guattari einhängen:
Methoden entsprechen dem Konnexionstypus der Produktion, also der Produktion von Produktion. Methoden/Konnexionen ziehen sich eine Serie von Partialobjekten aus einem Objekt. Der methodische Gang folgt einem "und dann ... und dann ...", hat also einen sehr schlichten narrativen Charakter, einer Art theoretischem road-movie gleich oder der Hypotaxe. Der Paralogismus der Konnexion ist die Extrapolation, die aus der Serie eine Art hervorragendes Objekt zieht. Beispielhaft sei hier das Mittelmaß, die statistische Höchstverteilung genannt. Wenn ein bestimmter Typus von Mensch zum Beispiel gesellschaftlich erfolgreich ist, heißt das noch nicht, dass dieser die Norm darstellt oder darstellen darf. Die Logik dahinter wäre ja, dass, je mehr Menschen diesem Typ entsprechen, dass die Gesellschaft insgesamt umso erfolgreicher sein müsste. Das ist eine rein quantitative Argumentation. Man könnte aber genauso gut argumentieren, dass der Erfolg sich darauf begründet, weil die Differenzen dieses Menschentypus zu anderen produktiv ist. Das ist eine qualitative Argumentation. Nicht also der erfolgreiche Mensch ist die Norm, sondern die Qualität der Differenz führt zu einer besonderen Produktion.
Modelle entsprechen dem Disjunktionstypus der Produktion, also der Produktion von Distribution. Modelle/Distributionen verteilen Singularitäten auf einer Fläche, zum Beispiel Nachrichten auf die vier Seiten einer Nachricht (Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun), oder die Konnotationen eines Textes auf fünf verschiedene kulturelle Codes (Konnotationsmodell von Roland Barthes). Sie zeichnen Karten von Alternativen, die sich parataktisch in einem "... oder ... oder ..." ausdrücken, gleich jenen Abenteuerspielbüchern, wo der Leser jeweils entscheiden kann, wie der Held in einer Situation handeln wird und dementsprechend eine andere Geschichte zu lesen bekommt. Der Paralogismus der Disjunktion ist das double-bind: wie du dich auch entscheidest, es kommt alles auf's Nämliche raus, denn ich behalte das letzte Wort. "Seien Sie kreativ!", sagt der Arzt, und was immer der Patient nun malt oder schreibt, es wird dem Arzt die pathologische Deformation bestätigen. Der Patient hat gar keine Chance.
Disziplinäre Übersetzungen entsprechen dem Konjunktionstypus der Produktion, also der Produktion von Konsumption. Übersetzungen/Konjunktionen lassen Strömungen entstehen und je intensiver sie übersetzen, umso mehr wird das passive Objekt der Übersetzung in ein Werden hineingetrieben, in eine unerbittliche Wandlung, die nicht stillzustellen ist: unendliche Semiose, solange man immer und immer wieder übersetzt; so die schizophrenen Wanderungen bei Beckett, so die Rhythmisierung der Reise in Handkes Bildverlust, einer Reise, die nicht aufhören kann, weil sie nicht äußerlich ist, aber auch nicht innerlich, sondern in einem Dazwischen gleitet, das aus jedem Flug, aus jedem Warten, aus der schnellsten Bewegung und aus dem Stillstand eine intensive Reise macht. Die Konjunktion verfährt entsprechend metataktisch: "Das also ...", interpretierend im weitesten Sinne. Der Paralogismus ist diejenige Übersetzung/Konjunktion, die still stellt, die bijektive Applikation. Jedes Element wird eindeutig zugeordnet, gerastert und eingetütet. Damit ist der Prozess zu Ende. Familienmodelle verfahren manchmal so. Es gibt die gute Familie, es gibt, als Alternative, ein paar Muster der pathologischen Familie. Eines dieser Muster wird der Familie übergestülpt, und was nicht ganz genau hineinpasst, als unbedeutende Abweichung disqualifiziert. Schulnoten werden so behandelt: wer sehr gute Noten schreibt, ist auch intelligent. Er hat gelegentlich (unbedeutende) Ausrutscher. Wer schlechte Noten schreibt, ist weniger intelligent, hat aber gelegentliche (unbedeutende) Geistesblitze.
Dieses Schema müsste man an Luhmann rückbinden, Deleuze/Guattari mit Luhmann übersetzen und umgekehrt. Derzeit arbeite ich mich durch die Synthesen Kants durch, deren Übersetzung ins Unbewusste Deleuze/Guattari mit ihrem Anti-Ödipus geleistet haben.


Langeweile, Gewalt und Kultur
Langeweile wird - folgt man meiner Interpretation von Nietzsche - durch einen Verlust an Kultur erzeugt, und, als Gegenpol, entsteht dann auch die Ausformung von Gewalt. Kultur, hier vage definiert, als gesellschaftliches Gedächtnis von narrativen Mustern (also nicht das gesamte gesellschaftliche Gedächtnis, sondern nur dasjenige, das die drei Sinndimensionen in kleine, komplexe Figurationen zu stellen weiß, im Prinzip also Aphorismen, Maximen, Witze, etc.) Langeweile und Gewalt beruhten dann auf einer Deflation von solchen Mustern, bzw. werden im Anschluss daran als kompakte Sperre von Reflexionsgewinnen gepflegt, Langeweile mehr auf's Innen bezogen, Gewalt mehr auf's Außen bezogen (woran sich psychoanalytisch Sadismus und Masochismus, bzw. Schuld und Scham anschließen ließen, die Kultur als Sublimierung). Beides kann man als Synchronisationskrisen bezeichnen: der Adressabilitätskollaps geht hier mit dem Kollabieren von Handlungsalternativen einher, und mit diesen auch die Differenzierung von Zukünftigkeiten, Planbarkeiten.


Humor und List
Und, um hier zwei letzte Gedankengänge einzuhängen, ist Humor in all seinen Schattierungen die Inflation solcher narrativen Muster, oder zumindest der Indikator von dieser Inflation. Listen/Tricks dagegen sind das Ausflaggen des Humors als Handlungsverläufe (nicht immer zu allseitiger Freude), wobei ich hier großzügig auch "unbewusste", unfreiwillige Listen (Fehlleistungen, neurotische Mechanismen, Abwehrstrategien), subsumiere.


Das sind - krude umrissen - die Gedanken, die ich dazu anhäufe. Zur Zeit schiebe ich eine explizitere Beschäftigung mit der juristischen Argumentationslehre vor mir her, die mir eigentlich sehr vielversprechend erscheint (zur klassischen philosophischen Deduktion habe ich vor einiger Zeit eine Verknüpfung zum Krimi entworfen).
Vielen Dank für den Begriff der Synchronisation. Der ist mir tatsächlich noch nicht in diesem Gebiet untergekommen und erscheint mir sehr vielversprechend.

Mit freundlichen Grüßen,
Frederik Weitz
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