05.02.2009

Plateaus

Was ich eben beschrieben habe - das negative Denken -, kann man genau so aus einer Misstypologie ableiten.
Gregory Bateson schrieb:

Zweifellos gibt es noch ein Lernen von einer spezielleren Art. Es gibt Veränderungen in A und in B, die der Abhängigkeit-Unterstützung der Beziehung entsprechen. Aber die Beziehung geht vor; sie geht voraus.
Nur wenn man sich eng an den Primat und die Priorität der Beziehung hält, kann man einschläfernde Erklärungen vermeiden. Das Opium enthält keine einschläfernde Kraft, und der Mensch enthält keinen Aggressionstrieb.

Das Material aus Neu Guinea und vieles, das später hinzugekommen ist, zeigte mir, dass es mich nicht weiter bringen würde, stolzes Verhalten etwa dadurch zu erklären, dass ich auf den »Stolz« eines Individuums zurückgriff. Auch kann man Aggression nicht erklären, indem man auf eine triebhafte (oder gar angelernte) »Aggressivität« verweist. Eine solche Erklärung, welche die Aufmerksamkeit vom zwischenmenschlichen Bereich auf eine künstliche innere Tendenz, auf ein Prinzip, einen Trieb oder was immer verlagert, ist meiner Ansicht nach ganz großer Unsinn, der nur die tatsächlichen Probleme verschleiert.
Will man etwa über »Stolz« reden, dann hat man es mit zwei Personen oder Gruppen und mit dem zu tun, was sich zwischen ihnen abspielt. A wird von B bewundert; A's Bewunderung ist bedingt und kann in Verachtung umschlagen. Und so weiter. Dann kann man eine besondere Art des Stolzes definieren, indem man sich auf ein besonderes Interaktionsmuster bezieht.
Das Nämliche gilt für »Abhängigkeit«, »Mut«, »passiv-aggressives Verhalten«, »Fatalismus« und ähnliches. Alle charakterologischen Adjektive müssen so reduziert oder erweitert werden, dass sie ihre Definitionen von Mustern des Austauschs herleiten, d. h. von Kombinationen doppelter Beschreibungen.

Bateson, Gregory: Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Frankfurt am Main 2000, S. 165f.
Das Missverhältnis zwischen einer Unterscheidung von Disposition und konkretem Verhalten wird von Bateson hier wie anderswo (vgl. Bateson, a.a.O., S. 156f) scharf angegriffen. Problematisch allerdings ist bei Bateson, dass er die Interaktionsmuster beschreibt, als gäbe es keine innere Disposition der Interagierenden, ihr Verhalten scharf auf den Interaktionspartner zuzuschneiden.
Tatsächlich ist es fragwürdig, ob jemand direkt mit dem Gegenüber interagiert oder ob er dies vermittelt über ein inneres Bild tut und dies den Dispositionen seines Denkens gemäß. Diesen konstruktivistischen Zug gibt es schon bei Lacan deutlich ausgeprägt. Der Andere ist versperrt und entstellt durch das Bild, das wir von ihm haben.
Deleuze formuliert hier radikaler: ikonische Zeichen sind reterritorialisierende Zeichen, also solche, die etwas oder jemanden an ein Territorium zu fesseln beginnen. (Deleuze und Guattari nehmen folgende Klassifikation vor: ikonische Zeichen = Zeichen der Reterritorialisierung, aktive oder passive Zeichen; indexikalische Zeichen = Zeichen der Territorialität, bejahende oder verneinende Zeichen; symbolische Zeichen = Zeichen der Deterritorialisierung, subjektive oder objektive Zeichen, vgl. dazu Tausend Plateaus, S. 92f, 156f, 195-199, 241.)
Bateson jedenfalls legt hier den Grundstein für das, was Luhmann später doppelte Kontingenz nennt.
Bateson sieht solche Muster des Austausches weniger in Form eines katastrophischen oder klimaktischen Verlaufs, der zu einem bestimmten Zeitpunkt kippt. Wäre dies so, würde er eine narrative Form der Gesellschaft annehmen. Statt dessen formen diese Muster eher metastabile Interaktionen, Plateaus:

Die balinesische Kultur verfügt über festgelegte Techniken für den Umgang mit Streitigkeiten. Wenn sich zwei Menschen gestritten haben, werden sie formal zum Amt des örtlichen Vertreters des Radscha gehen und dort ihren Streit melden, wobei sie sich einigen, dass derjenige, der den anderen anspricht, eine Strafe bezahlen oder den Göttern ein Opfer bringen soll. Wenn der Streit später beigelegt wird, kann dieser Vertrag formal aufgehoben werden. Kleinere - aber ähnliche Vermeidungen (pwik) werden selbst von kleinen Kindern in ihren Streitigkeiten praktiziert. Es ist vielleicht bezeichnend, dass dieses Vorgehen keinen Versuch darstellt, die Protagonisten weg von der Feindseligkeit und hin zur Freundschaft zu führen. Eher handelt es sich um eine formale Anerkennung des Status ihrer wechselseitigen Beziehung und vielleicht in gewisser Weise eine Festlegung ihrer Beziehung auf diesen Status. Wenn diese Interpretation richtig ist, würde diese Methode des Umgangs mit Streitigkeiten der Ersetzung eines Höhepunkts durch ein Plateau entsprechen.
Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes, Frankfurt am Main 1996, S. 163f.
Batesons Sicht auf die balinesische Kultur weist auf soziale "Einheiten" hin, die nicht narrativ verlaufen, sondern eine Art Konfliktvermeidung anstreben, die den Formen der Höflichkeit oder den Formen der (neurotischen) Verzerrung entsprechen. Solche Einheiten sind in sich selbst metastabil, das heißt, sie greifen auf ein Fließgleichgewicht zurück, das nur solange funktioniert, solange alle Beteiligten mitspielen.
Deleuze und Guattari haben auf dieses Konzept der Plateaus in ihrem Buch Tausend Plateaus zurückgegriffen. Statt in Umschwüngen, plötzlichen Wenden zu denken, schälen sie Muster der Metastabilität heraus. Die Nähe zum Neoevolutionismus kann hier angedacht werden: dieser verwendet als Grundmuster Variation, Selektion und Stabilisierung. In der Variation kristallisieren sich neue Abweichungen heraus, in der Selektion werden bestimmte Abweichungen begünstigt, und in der Stabilisierung gelangen diese Abweichungen zu eigenständigen, abgegrenzten Typen. Dies gilt nicht nur für Tierarten, sondern auch für Denkmuster, Interaktionen, Wirtschaftskreisläufe.
Plateaus gibt es demnach in vielen Formen. Während sich die Hummel in den Fortpflanzungszyklus der Orchidee einschaltet, täuscht die Orchidee die Hummel mit einem Bild. Die Interaktion der einen Seite hat nicht dasselbe Niveau wie der anderen Seite. Trotzdem ist es Interaktion. Es entsteht kein Konflikt, sondern eine formal unterschiedliche Anerkennung. Ebenso wenig sieht das Auge: Die Netzhaut interagiert mit dem Licht auf völlig ungleichen Ebenen. Man könnte von einem Licht-Werden des Auges sprechen, wobei mit dem Licht natürlich auch die Dunkelheit gemeint ist (Licht also im physikalischen, nicht im metaphorischen Sinne, als ein graduelles, nicht ein anthropozentrisches Phänomen).
Diese Art der Interaktion unterscheidet sich also in gewisser Weise völlig von der, die Bateson oben beschrieben hat. Gerade weil die Interaktion nicht kommuniziert, sondern nur "einfängt", gerade weil es kein empirisches Bild des Anderen gibt, sondern lediglich ein rekonstruierter Code, gerade dadurch werden die Relationen wichtig: weil sich zwei interagierende Wesen vollkommen gegeneinander abschotten. Interaktion also ohne Kommunikation. Wir sprechen nicht miteinander, wir geben uns Zeichen. Was du meinst, ist völlig uninteressant, solange du mir nur Zeichen gibst, mit denen ich weitermachen kann. Und trotzdem gibt es eine Zone des Austausches, der Mund am Ohr, die Stimme auf dem Trommelfell, ein metastabiler Zustand, vom einen zum anderen und wieder zurück.
Es gibt im negativen wie positiven Denken Momente der Bewegung, die ein Plateau kippen lassen, einen metastabilen Zustand stören und zerstören. Nichts an dem ist ein Höhepunkt, solange man idealistische Begriffe außen vor lässt. Der Höhepunkt, Klimax, ist ein idealistischer Begriff. Wenn sich endlich der Gute und der Böse gegenüber stehen, wenn der letzte Schlag getan wird, der Hammer fällt, finden wir uns mitten in einer paranoiden Struktur wieder. Freilich sind Unterhaltungsgeschichten für sich paranoid. Sie beginnen unvermittelt in einer fremden Welt, und sie enden auf der letzten Seite. So banal diese Feststellung ist: die imaginären Grenzen des Buches sind ein entsetzliches double-bind. Man muss sich für das Buch interessieren, man muss sich für das Buch nicht interessieren; man soll das Buch kaufen, aber am Ende aus der Hand legen und zum nächsten Buch greifen. Die Kette von Büchern, die nichts predigen als Selbstvergessenheit, gleichen den Wirtschaftsexperten, die die Arbeitsteilung predigen, aber die Kapitalakkumulation verschweigen. Das Problem der Unterhaltungsliteratur ist also nicht ihr Realismus, sondern ihr formeller Idealismus, ihr Weg in die Paranoia und das double-bind des Substrats. Natürlich ist auch der Realismus ein Problem: je sinnlicher, je greifbarer man schreibt, umso mehr verwischt sich die formelle Struktur. Man identifiziert sich. Statt sich ein Bild von der Geschichte zu machen, macht die Geschichte den Leser zu einem Bild. Verkehrte, umgedrehte, und doch plastische und sinnliche Welt. In diesem Sinne sind auch Spannung und Analyse entgegengesetzt.
Negatives wie positives Denken sind so lange gut, wie sie ohne Idealismus, ohne Idealisierung funktionieren. Jedoch liegt in den Begriffen selbst schon das Problem, dass sie ihr ideelles Gegenteil implizieren. Es ist schwer, aus dieser Gewohnheit auszubrechen.
Bateson versucht, dieser Falle zu entgehen, indem er auf die Beziehung umschwenkt. Die Beziehung ist immer positiv. Sie beschreibt ein Verhältnis und bewertet nicht die Objekte/Subjekte. Auf der anderen Seite aber sind Wörter wie Mut und Abhängigkeit schon dinglich erstarrte Beziehungen.
Bateson vermischt weiter den Relationismus, der in dieser Aussage steckt, mit dem Positivismus, der nur von äußerlichen Tatsachen ausgeht. Sicher: der Relationismus trägt die Gefahr in sich, in eine Psychologie überzugehen, die nur auf innere Relationen achtet, vom Es zum Ich, vom Vorbewussten zum Triebanspruch, von der Motivation zur Aufmerksamkeit, vom Bedürfnis zur Objektivierung, und ähnlichem. Andererseits mündet ein Positivismus, der die inneren, unsichtbaren Komplexitäten übergeht, in einem rein behaviouristischen Blickwinkel. Der innere Relationismus und der äußere Positivismus bilden eine Art double-bind, teilen zum Beispiel Menschen in Psychologisierte und Handelnde auf.
Deleuze und Guattari entgehen diesem Problem, indem sie die Interaktion zwar pragmatisch, aber nicht im kommunikativen Sinne pragmatisch definieren (s. Postulate der Linguistik aus Tausend Plateaus). Was aber macht dann die Pragmatik der Interaktion aus? Kurz und sehr vereinfacht gesagt: eine vierfache Grammatik. (In der Aufteilung in Inhalt und Ausdruck, Substrat und Form, bzw. deren jeweiliger Kombination finden wir diese Grammatik.) Eine Grammatik ist keine Struktur. Wäre dies so, dann verliefen Interaktionen in sehr festgefügten Bahnen. Die Strukturalisten mussten dies sehen: sie sprechen vom strukturalen Menschen, von seinem strukturalen Denken, jedoch nicht davon, dass die Welt an sich struktural sei. Die Strukturen sind Idealisierungen des Denkens, laut Lévi-Strauss.
Wenn Strukturen allerdings keine Idealisierungen sind, was sind sie dann? Ich möchte mich auch hier kurz fassen. Es sind Filter, oder - wie man in einem systemtheoretischen Vokabular sagen könnte - Sinneinschränkungsangebote. Ich vermute seit langem, dass Luhmann zumindest in einer Sache falsch liegt: Kommunikation operiert nicht im Medium des Sinns. Laut Luhmann teilen Kommunikation und Denken ein gleiches Medium, den Sinn. Statt dem zu folgen, postuliere ich hier eine Art von komplexer Filter, der sich konstituiert und dem Denken eine schwer abzulehnende Richtung weist. Die Reichweite dieser Spekulation muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Statt die Gesellschaft wie bisher in Funktionssysteme einzuteilen, müsste man mit der Verteilung von Filtern, von Einschränkungsangeboten operieren.
Von Plateaus kann man dann sprechen, wenn sich ein Filter metastabil verhält und eine Zone undramatischer Interaktion konstituiert. Undramatisch darf hier nicht psychologisch gefasst werden, sondern in Bezug auf einen Klimax. Auch der Stellungskrieg, auch der Holocaust wären in diesem Sinne undramatisch. Humanistisch gesehen ist dies natürlich eine Zumutung, die man nur ablehnen kann, formell auf soziale Strukturen gerechnet bezeichnet es die Abwesenheit einer Zuspitzung, die diese soziale Struktur zerstört würde.
Schließlich legt die kommunikationslose oder sinnlose Interaktion nahe, dass es sich bei Plateaus eigentlich nicht um eine Wechselwirkung handelt, sondern mindestens um zwei, die in gewisser Weise aneinander gekoppelt sind und erst durch diese Kopplung funktionieren. Die Frau, die immer wütender auf ihren Mann reagiert, weil dieser immer später nach Hause kommt, investiert in einen anderen Wirkungskreislauf als der Mann, der immer später nach Hause kommt, weil seine Frau immer grantiger wird. Die Trennung und Kopplung dieser beiden Wirkungskreisläufe geschieht über die Aufteilung der Interpunktion.
Dies wäre die letzte These: jedes Plateaus definiert sich durch zwei oder mehrere alternative Interpunktionen, an denen sich jeweilige Kreisläufe, Wechselwirkungen oder Metastabilitäten zugleich verbinden und trennen. Bei der Definition von Plateaus sind es also zuallererst die äquivalenten Schnitte, Brüche oder Interpunktionen, die uns interessieren sollten. (Und man müsste hier dann 1. alle systemischen Untersuchungen zu Teufels- und Engelskreisen umschreiben, 2. die Untersuchungen Batesons zu der balinesisches Kultur auf die Verteilung von Interpunktionen untersuchen, 3. die Momente genauer beschreiben, in denen ein Plateau sich destabilisiert, weil die Äquivalenz von zwei Interpunktionen nicht mehr gegeben ist, sei es, dass sie zusammenfallen und eins werden, sei es, dass eine Interpunktion sich so verändert, dass sie der anderen nicht mehr gleichwertig ist.)
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