07.04.2015

Empathiezonen

Nimmt man den Vorschlag von Breithaupt ernst, nämlich dass Empathie zunächst nur eine übersteigerte Annahme von Ähnlichkeit sei, also das, was man in der Entwicklungspsychologie eine Übergeneralisierung nennt, und weiterhin, dass Empathie sich dann bewährt, wenn darin Vorsichtsmaßnahmen, Grenzen und praktische Regulierungen eingebaut sind, dann kann man daraus eine ganze Reihe spekulativer Schlussfolgerungen ziehen.

Vygotskij: Ursprünge im Dialog

Zunächst kann man aus Breithaupts Behauptung schließen, dass Empathie eine höhere kognitive Funktion ist. Ihre Wurzel beruht auf dem primitiven Mechanismus, ein bekanntes Merkmal auf ein unbekanntes Objekt zu übertragen, also zum Beispiel die eigenen Gedanken auf einen fremden Menschen. Der Witz an der ganzen Geschichte ist dann, dass hier, aufgrund der Fähigkeiten der Spiegelneuronen, unterhalb des Bewusstseins eine interpretative und zugleich motorische Regelung aufbaut, die zugleich die Fähigkeiten der Spiegelneuronen wieder einschränkt.
Diesen Lerneffekt kann man mit einer der zentralen Aussagen des russischen Psychologen und Neurophysiologen Lev Vygotskij erklären:
Ursprünglich war jede höhere [kognitive] Funktion von […] zwei Menschen geteilt, sie war ein gemeinsamer psychologischer Prozess.
Vygotskij: Ausgewählte Schriften. Bd. I, S. 329.
Dies müsste dann auch für die Empathie gelten. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass die Empathie bereits fix und fertig im Gehirn vorliege. Die Spiegelneuronen liefern nur die Basis für diesen Prozess, der ohne eine soziale Förderung vermutlich nicht zufriedenstellend ablaufen würde.

Bateson: Regelkreise

Man kann hier von mehr als nur Dialogen ausgehen. Dialoge entwickeln sich. Sie sind in Regelkreise eingebaut oder funktionieren nur aufgrund von Regelkreisen. Bateson schildert solche Regelkreise als Prozesse, die bestimmte Ausgangsinformationen weiterverarbeiten und dann in den Prozess wieder einführen, so dass sich solche Regelkreise (zum Teil) ihre eigenen Voraussetzungen erschaffen.
Dies wäre einfach, wenn es sich nur um einen einfachen Regelkreis handeln würde, bei dem die Elemente unkomplex auseinander hervorgehen. Typischerweise wird dies an iterativen Gleichungen vorgeführt, also zum Beispiel der Gleichung x = f (x) und hier f (x) = x2 definiert. Setzt man nun den Anfangswert x = 1.01, so erhält man bereits nach der zwölften Wiederholung für x einen Wert über 100. Wählt man dagegen den Anfangswert zwischen 0 und 1, konvergiert die Wiederholung gegen 0.
Doch solche mathematischen Rechenspiele zeigen nur, dass der Ausgangswert einen entscheidenden Einfluss auf die laufende Operation besitzen kann, ob es dann aber tatsächlich in einem komplexen Regelkreis so abläuft, davon gibt das mathematische Beispiel keinen Beweis.

Verinnerlichung und Rekonstruktion

Sollten solche Regelkreise tatsächlich im Dialog ablaufen, dann kann man bei lernenden Systemen davon ausgehen, dass sie diese Dialoge oder dialogischen Prozesse verinnerlichen. Hier muss man weiter vermuten, dass der Teil des dialogischen Prozesses, der nicht von dem Lernenden ausgeführt wird, von diesem nur rekonstruiert werden kann, so dass die Verinnerlichung zugleich eine Rekonstruktion darstellt. Die Rekonstruktion wird gegebenenfalls von der Umwelt korrigiert.

Probleme mit Regelkreisen

Abgesehen davon, dass man solche Funktionen nur schlecht beobachten kann (ihre Rekonstruktion ist aufwendig), wäre auch ein konkreter Regelkreis noch zu abstrakt, um Lernprozesse zu beschreiben. Meist greifen mehrere dialogische Prozesse ineinander und regulieren sich zusätzlich untereinander, so dass man hier insgesamt von einer hochkomplexen Struktur ausgehen kann. Regelkreise bieten dafür nur einfache Modelle an, die weniger eine wissenschaftliche Erklärung leisten, als dass sie ein Problem im Vorhinein begrenzen und dadurch lösbar machen. Sie sind also nichts anderes als wissenschaftliche Modelle und bieten genau die gleichen Leistungen wie andere Modelle; dies ist vor allem die Kanalisierung der Aufmerksamkeit und die Beschränkung der Fragestellung. Die objektive Wahrheit dagegen ist ihre Sache nicht.

Empathie und Dialog

Für die Empathie lässt sich zudem noch beobachten, dass sie nicht unabhängig von dialogischen Prozessen wirksam werden kann, in ihr also keine wirkliche Verinnerlichung möglich ist. Sie ist so etwas wie eine dialogische Metakompetenz. Man kann daraus schließen, dass Empathie keine rein psychische Funktion ist, sondern auch dann, wenn ein Mensch besonders empathisch ist, im Zustand der Kooperation und des Dialogs verbleibt.

Rückkehr in die Übergeneralisierung

Von hier aus lässt sich auch erklären, warum Empathie nicht „an sich“ funktionieren kann. Wenn sie nicht beständig korrigiert wird, gleitet sie in den Zustand der Übergeneralisierung zurück, die sich weniger als Förderung, denn als Zumutung bemerkbar macht.
Es muss also so etwas wie eine Art Meta-Empathie geben, die die Empathie überwacht und auf ihre blinden Flecken hinweist.

Oder doch keine Empathie?

Damit stellt sich die Frage, was von der Empathie übrig bleibt. Sie ist zunächst dialogisch; ihre Funktion muss beständig korrigiert werden. Doch genau dann könnte man auch die Empathie einfach als Fähigkeit bezeichnen, Dialoge zu führen, die darauf beruhen, bestimmte Ähnlichkeiten überzubewerten, diese Überbewertung aber prozesshaft einzusetzen und sie gegebenenfalls zu korrigieren.
Das alles hört sich kompliziert an. Ist es wohl auch. Der Dialog und dessen offene Begrenzung durch eine Art Bescheidenheit und eine wachsame Selbstkorrektur bilden im Abstrakten bereits ein kompliziertes Geflecht.

Empathiezonen

Es gibt noch eine weitere Vermutung, die ich hier zum Besten geben möchte, und die sich mehr aus der Beobachtung von Menschen denn aus psychologischen Modellen ableitet. Empathie gilt nicht überall und für alle Menschen, sondern nur in bestimmten kulturellen Zonen, so dass derselbe Mensch in einem bestimmten Kulturkreis (mit dem er kooperiert) empathisch sein kann, mit anderen Kulturkreisen allerdings nicht.
Typischerweise kann man dies zum Beispiel (auch wenn's klischeehaft ist) bei Männern und Frauen in einem Kollegium beobachten. Hier bilden sich gelegentlich Gruppierungen, die einander unterstützen, viel voneinander wissen und sich gegenseitig Vorteile zuschanzen. Damit werden zum Teil über oberflächliche Merkmale, über Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten Empathiezonen etabliert, die eher darauf hinauslaufen, bei wem die Empathie im Dialog beständig überwacht und korrigiert werden muss und bei wem nicht. Wenn der Grundansatz der Empathie Übergeneralisierung ist, dann ist es kein Wunder, dass sich hier für die Gruppe, bei der diese Selbstüberwachung empathischer Prozesse nicht greift, rasch Vorurteile bilden.
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