09.04.2015

Selbstverliebtheit und Empathie

Selbstverliebtheit, so lese ich gerade, breite sich geradezu epidemisch aus. Als Ursache wird angegeben, dass heute ein gesteigerter Erwartungsdruck auf den Kindern laste und dass Eltern gerade ihre eigenen Kinder für etwas ganz Besonderes hielten. (Und man höre hier, dass so etwas ähnliches an Montessori-Schulen propagiert wird, allerdings mit dem feinen, vielleicht entscheidenden Unterschied, dass zugleich der Wert des Zusammenseins betont wird.)

Narzissmus

Der Narzissmus, so der Artikel weiter, zeichne sich durch ›ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit‹, ›Glaube an die eigene Einzigartigkeit‹, ›Anspruchsdenken‹, ›Arroganz‹ oder ›Mangel an Einfühlungsvermögen‹ aus.
Dies allerdings scheint mir selbst eine grandiose Überbewertung zu sein. Grandios und überbewertet deshalb, weil solche Phänomene zu psychisch gedacht werden. So kann man doch heute ältere Menschen belauschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, und die jetzt, am Ende ihres Lebens, kaum mehr als vor sich hin vegetieren können. Haben solche Menschen etwa nicht das Recht auf ein gewisses Anspruchsdenken?
Oder wenn zum Beispiel jemand hochtrabend seine Fähigkeiten anpreist, während man gleichzeitig sieht, dass dieser Mensch gar nicht so toll ist, wie er behauptet, eventuell sogar, dass er durch seine Behauptungen unbedarfte Menschen verwirrt; wenn man einen solchen Menschen zurecht weist, ist das schon Arroganz?

Ein Totschlagargument

So gesehen ist der Vorwurf des Narzissmus' ein Totschlagargument, genauso wie der der Arroganz. Häufig gibt es von einem solchen Argument aus entweder die Unterwerfung, die einer Zustimmung des Argumentes gleichkommt, oder eines Widerspruchs, der aber dazu führen kann, dass der Vorwurf wiederholt wird und der Äußernde sich bestätigt fühlt.

Argumente

Und überhaupt die Argumente: die ganze Debatte um Kompetenzen hat doch dazu geführt, dass man das Maß für ihre soziale Entstehung und die Abhängigkeit solcher Kompetenzen (sie müssen beobachtet werden können) aus den Augen verloren hat. Ein ganz typischer Vorwurf ist zum Beispiel der der Erfahrung, den bestimmte Menschen hätten, weil sie lange in der Praxis gearbeitet haben. Meiner Ansicht nach ist das überhaupt kein Argument. Das Gegenargument lautet dann auch oft: betriebsblind. Unsere Gesellschaft leistet sich so verschiedenartige Argumente. Doch wie immer, wenn man auf diese semantischen Oppositionen trifft, kann man sich darauf verlassen, dass man einen dritten, prozesshaften Weg findet. Mindestens. Denn meist stehen hinter so klar entgegengesetzten Argumenten nicht nur einfache, ideologische Prozesse, sondern komplexe Zusammenhänge, die zahlreiche, teilweise nur kurzfristige Argumentationen zulassen.
So wenig das Wort objektiv noch eine Bedeutung hat, so wenig kann man sich mit dem Begriff der Praxisorientierung schmücken; und mit ein zentrales Problem der gender-Debatte ist nicht nur, dass angeblich die Männer genau wissen, was Frauen sind, sondern dass umgekehrt auch Frauen (zumindest bestimmte) wissen, was Männer sind. Dummheit und Blindheit kann man in diesem Fall wohl beiden Seiten vorwerfen.

Tunnelblick

Gehen wir davon aus, dass Stress einen Tunnelblick verursacht und dass mit dem Tunnelblick andere Menschen nur noch reduziert beobachtet werden, dann können wir von hier aus auf einen stärkeren Hang zur Verallgemeinerung schließen und damit auf einen Anschein einer stärkeren narzisstischen Persönlichkeit.
Mich hat gerade deshalb jener Artikel auch so verwundert, weil die Erforschung der Spiegelneuronen uns einen ganz anderen Menschen zeigt, als die psychologische Untersuchung, die im Tagesspiegel zitiert wird. Wie denn nun? will man wissen. Ich habe nun keine schöne Theorie zu bieten, die das Verhältnis zwischen Narzissmus und Empathie ausformuliert, schon gar nicht auf der Basis der Spiegelneuronen. Aber vielleicht sind die Menschen gar nicht schlecht bestellt. Vielleicht ist es insgesamt nur der Stress, der hier zeitweilig für eine solche Irritation sorgt.
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