23.04.2017

Sie ist nicht ganz so einfach zu haben, diese Wissenschaft

Nein, das ist sie nun wirklich nicht.
Gestern hat in Berlin der March for Science - insbesondere wohl auch gegen die AfD - stattgefunden. Prinzipiell ist das zu begrüßen. Nicht, dass ich sonderlich viel von Parteiprogrammen halte, und es ist nun nicht so, als wären wissenschaftliche Patzer der CDU, CSU, FDP, Grünen, etc. fremd. Aber dieses wüste Konglomerat, welches sich die AfD als Parteiprogramm geleistet hat, zudem die pointierte Abwertung wissenschaftlicher Forschung zugunsten populistischer Ansichten, all dies lässt sich auf Böses umdeuten.
Auch, was die Darstellung der Wissenschaftsvermittlung in den letzten Jahrzehnten angeht, liegt einiges schief. Die Debatte um das gender-Mainstreaming wurde mit heißer Nadel hinter kaltem Ofen gestrickt; und auch wenn es dieses wissenschaftliche Fundament gibt, so ist doch ein gewisses Verständnis dafür aufzubringen, dass sich einige Menschen schlichtweg überfordert fühlten und jetzt von ihrem trotzigen Dagegen-sein nicht mehr abrücken wollen.
Aber beginnen wir mit etwas ganz anderem.

Das liebe Hirn

Hirn in Mode

Vorbei sind die Zeiten, da gefühlt jede dritte Spiegel-Ausgabe in knallig buntem Gepräge die neuesten Sensationen der Hirnforschung verkündete. Die Rückkehr der Geopolitik ist die neuere Dringlichkeit. Wie bei Moden üblich, ist der Nachlass dieser Erregung nicht begutachtet worden. Er ist, und das war er eigentlich schon immer, deutlich nüchterner, als dies die Hochglanzbilder mitzudeuten schienen.
Als Manfred Spitzer vor fünfzehn Jahren eine feindliche Übernahme der Pädagogik durch die Neurophysiologie prophezeite, war das sogenannte Jahrzehnt des Gehirns frisch vorüber (so nannte man das letzte Jahrzehnt des ausgehenden Jahrhunderts). Um die Jahrtausendwende kamen noch verfeinerte bildgebende Verfahren hinzu, deren ansprechende Darstellung wohl die Phantasie der Bevölkerung ähnlich ansprach, wie Anfang der 80er Jahre die kolorierten Julia-Mengen (die Seepferdchen-Grafiken).

Ikonografie des Denkens

Natürlich blieb die Auffassung Spitzers nicht unwidersprochen. Gerhard Roth schreibt, dass die Lehr-Lern-Forschung nicht durch die Neurophysiologie ersetzt werden könne (in: Bildung braucht Persönlichkeit). Noch schärfer greift er allerdings das hirngerechte Lernen an: diese Gebrauchsbücher seien zumindest teilweise "obskur", "teilweise falsch verstanden, teilweise irreführend dargestellt" (278).
Ebenso scharf stellt Sigrid Weigel in ihrem letzten Buch Grammatologie der Bilder die neueren populären Interpretationen so genannter brain scans dar. Bei brain scans handelt es sich eben um jene farbig aufgeputzten Bilder von arbeitenden Gehirnen. Weigel stellt diese Interpretationen in eine Reihe mit der Phrenologie, die nicht erst seit ihrer Wiederbelebung im III. Reich unter wissenschaftliche Ächtung gefallen ist, sondern lange vorher bei Lichtenberg und Goethe. Lichtenberg wandte gegen den "Großmeister" der Phrenologie - Lavater - ein, der Charakter eines Menschen ließe sich besser an dessen bewegtem Mienenspiel als an dem Profil seines Antlitzes erkennen. Ebenso ergeht es dem neuroimaging: die farblich kodierten Flächen weisen auf transitorische Zustände hin, auf Zonen der Weiterverarbeitung, nicht aber auf festzulegende Inhalte. Das Gehirn ist kybernetisch organisiert, nicht manifakturiell.
So erzeugen die Bilder, obwohl sie bei richtiger Lesart durchaus aufschlussreich sein können, bei einer falschen ein sehr statisches, und, zum Teil, wenn darauf weitere irrige Schlüsse aufgepackt werden, rein esoterisches Denkbild.
Was nun einen heimlichen Motor all dieser Missdeutungen ausmacht, so darf man den polemisch gemeinten Spruch Albert Einsteins als eine der Quellen ansehen, wir würden nur 10% unseres geistigen Potentials nutzen. Dieser ist, kombiniert mit brain scans, dann z. B. von Scientology aufgegriffen worden. Die ruhenden Teile des Gehirn sollten hier als Beweis dafür dienen, dass das Gehirn nicht 100%ig aktiv sei. Aber auch dies verwendet das Bild falsch. Um seine Funktionalität zu erfüllen, muss das Gehirn Muster bilden. Auch wenn die Aktivitätsbilder nur den Energieverbrauch angeben, verweisen diese doch auf ein spezifisches Muster. Genau dies stellt aber die Frage nach den Gehirnteilen anders, die in diesem Zustand wenig Energie verbrauchen. Denn das Muster bildet sich nur als Differenz zwischen starker und schwacher Aktivität, und nur als solches scheint es nützlich zu sein. Damit werden die schwach genutzten Hirnteile gerade dadurch wirksam, als sie, gleichsam als Außenseite, an dem Aktivitätsmuster teilhaben. Die Leistung des Gehirns wird dann auch weniger durch eine größtmögliche gleichzeitige Aktivität erlangt, als durch einen "geschickten" Wechsel der Aktivitätsmuster, was auch immer hier "geschickt" dann bedeutet.

Man steigt niemals in den gleichen Selbstfluss

Thomas Metzinger schreibt in seinem Buch Der Ego-Tunnel von dem Riss zwischen NCC und PSM. NCC, dies bedeutet neural correlate of consciousness, also das Bewusstsein, nicht, wie es aus der Sicht eines Psychologen oder Phänomenologen beschrieben wird, sondern aus der eines Neurophysiologen, nämlich als organisches Substrat; PSM ist das phänomenale Selbstbild (phenomenal self model), also jenes Bild, welches wir in jedem Moment unseres Bewusstseins von uns selbst besitzen.
Nun ist leicht einzusehen (was Metzinger dann wesentlich präziser beschreibt), dass dieses phänomenale Selbstbild beständig fließt:
Es gib ein spezielles NCC für einzelne Bewusstseinsinhalte (eines für die Röte der Rose, ein anderes für die Rose als eine Ganzheit und so weiter), und es gibt auch ein globales NCC.
Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. München 2014, S. 79
Nun hängt das PSM innig mit dem NCC zusammen, obwohl sie nicht dasselbe sind; und so verändert sich das PSM mit den Bewusstseinszuständen beständig mit. Es fließt, um diesen Ausdruck des alten Heraklit mit dem moderneren freudschen Konzept des Unbewussten und Latenten zu verbinden. Dass das nicht nahtlos im NCC aufzufinden ist, liegt nun wieder daran, dass es in Erscheinung tritt. Und damit gehorcht es einem grundlegenden Mechanismus der neuronalen Weltkonstruktion: dem Kohärenzprinzip. Das Gehirn schließt die Lücken dieser Welt oder überblendet sie (aber das sind alles nur Metaphern), um uns und - insbesonders - unserer Handlungsfähigkeit, eine Ordnung zu erschaffen, die sich sinnvoll verändern lässt. So ist unser Selbstbild pragmatisch geprägt.

Die Wahrheit in der Physik

Dies führt uns zu zwei weiteren Aspekten. Einmal verweist uns das "Alles fließt" auf die Mechanik des 19. Jahrhunderts und ein essentielles Problem der Physik, welches durch Einstein dann so blitzhaft wie kongenial gelöst wurde. Zum anderen wird uns dies an das Problem der gender-Theorien heranführen und wo diese ihre biologischen Grundlagen findet. - Beginnen wir zunächst mit der Physik, mit zwei kurzen Anmerkungen.

Atome in der Schule

Wie jedermann weiß, wird in der Schule das Bohrsche Atommodell gelehrt. Dieses ist mittlerweile, als Ikon, als Architektur, in das Bildgedächtnis der (westlichen) Kultur eingegangen. Um einen aus mehreren ineinandergeknäulten Kugeln gebildeten kugelförmigen Haufen kreisen zwei oder drei kugelförmige Elektronen auf einer Kreisbahn. In nichts aber ähnelt dieses Modell den modernen Berechnungen von Atomen. Die Nähe zum Sonnensystem dagegen ist augenfällig. Man kann also nicht davon sprechen, dass überkommenes Wissen beiseite gelassen wird; immer noch lernen es die meisten Menschen in ihrem Physikunterricht kennen und sehen es als wahr an.
Tatsächlich hat sich in dieses Modell aber ebenfalls ein Pragmatismus, eigentlich sogar ein doppelter Pragmatismus eingeschlichen. Zum einen wäre es für Lehrer und Schüler eine Überforderung, das Atom nach Maßgabe der modernen Quantenphysik zu erlernen. Hier nimmt die Darstellung Rücksicht auf den pädagogischen Prozess. Zum anderen taugt das Atommodell und das sich relativ unkompliziert daran anschließende Modell von den Elektronenbesetzungen auf den "Schalen", um daran grundlegend die Verbindungen von verschiedenen Atomen zu Molekülen zu erklären. Dieses Wissen ist sicher, und das Modell reicht, obwohl es an Genauigkeit zu wünschen übrig lässt, für diese Erklärung vollkommen aus. Dies ist die Rücksicht der Darstellung auf weiterführende Erklärungen, die dann im Chemieunterricht eine wichtige Rolle spielen.
Wir sehen also, dass die Wissenschaft durchaus auf gewisse Praktiken reflektiert und sich dabei reduziert oder anähnelt.

Flüchtige Nullpunkte

Einstein wiederum hat sich dadurch berühmt gemacht, dass er ein lange ausgehecktes Problem der Physik praktisch über Nacht gelöst hat. Die Mechanik stützte sich im 19. Jahrhundert (und den Jahrhunderten davor) auf das Prinzip des panta rhei, des Alles fließt. Demnach gab es keinen Fixpunkt und keine Null-Geschwindigkeit. Der Elektromagnetismus wiederum hatte rechnerisch dargestellt, dass er einen Fixpunkt brauchte, um bestimmte Phänomene mathematisch begründen zu können. Dafür postulierte dieser dann ein nicht nachgewiesenes Element, den Äther. Nun widersprach der Fixpunkt scheinbar dem verbotenen Nullpunkt, und damit entwickelten sich Mechanik und Elektromagnetismus zunehmend auseinander. - Einstein kam nun auf den Gedanken, dass der Fixpunkt gar keine Untergrenze der Geschwindigkeit sein müsse, eben jene Geschwindigkeit Null, sondern auch eine Obergrenze sein könne, also eine höchste, nicht steigerbare Geschwindigkeit. Diese nannte er Lichtgeschwindigkeit. Damit waren größere Teile des Elektromagnetismus revisionsbedürftig.
Keine Frage: das Postulat des Äthers hatte über hundert Jahre seine Zwecke gut erfüllt und die Physik in diesem Bereich weitergebracht, obwohl es sich dann als falsch erwies. Die Wahrheit ist nicht so einfach zu haben; und wer will heute und angesichts der zahlreichen Umbrüche und Revolutionen in der Wissenschaft, behaupten, die Wissenschaft würde uns die Wahrheit lehren?

Gender-Theorien

Der Nicht-Fluss

Der Lesende wird richtig liegen, wenn er/sie vermutet, dass ich durchaus biologische Grundlagen für die gender-Theorie sehe und diese mit eben jenem phänomenalen Selbstbild verknüpfe, welches ich oben vorgestellt habe. Mehrere Aspekte stützen die kulturelle Produktion von Geschlechtern. All diese Aspekte sind nicht in der anatomischen Ausstattung zu finden, sondern in den Mechanismen des Gehirns. Um also zu einer biologischen Grundlegung der gender-Theorie zu kommen, dürfen wir uns nur zweitrangig mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit befassen. Allerdings darf diese auch nicht außer Acht gelassen werden. Ich werde gleich erklären, warum sie weiterhin eine zentrale Rolle spielt.
Zunächst können wir feststellen, dass das NCC beständig im Fluss ist, und damit auch das PSM. Nun unterliegt das PSM dem Kohärenzprinzip, dem die ganze neuronal erzeugte Welt gehorcht, weshalb es anscheinend still steht, während es sich doch von Moment zu Moment wechselt (soweit ich bis jetzt mit meinen Nachforschungen gekommen bin, etwa 15 mal pro Sekunde!). Man merke auf: sowohl der Fluss als auch der Nicht-Fluss des Selbstbildes sind keine körperlich-statischen Zustände, sondern Konstruktionen des Gehirns. Was immer an Körper dahinter liegt: es lässt sich nicht direkt erreichen. Übertüncht wird der Körper also nicht durch philosophische Werke, nicht von Judith Butler, nicht von Luce Irigaray und nicht von Martha Nussbaum, sondern durch kooperierende biologische Funktionen des Hirns.

Der Skandal der biologischen Grundlagen

Nun steht dieses Postulat (mehr gibt der Metzinger für mich zur Zeit nicht her) auch in einem gewissen Widerspruch zu dem, was die gender-Theorien sagen. Da ich dieses Wort im Plural benutze, und da ich mich noch nicht in der Lage sehe, hier eine bestimmte herauszupicken und daran meine Kritik genauer darzulegen, werde ich nur einige grundlegende Bedenken formulieren:
1. Der fließende Charakter des Selbstbildes und sein vorgetäuschter Stillstand machen eine Klassifizierung von Sexualitäten trügerisch. Nimmt man nämlich einen solch fließenden Charakter zugleich mit seiner spontanen Feststellung an, muss die gender-Theorie dem Rechnung tragen. Wie dies aussehen soll, weiß ich nicht vorzustellen. Sie müsste aber so etwas wie ein erlebtes kulturelles Geschlecht und ein diskursives kulturelles Geschlecht auseinanderdividieren.
2. Die Klassifikation in drei, sieben, achtundsiebzig Geschlechter mag vielleicht offen und revolutionär klingen, oder zumindest hinreichend anstößig. Aber die Geste der Einordnung und Unterwerfung unterscheidet sich nur wenig von der Klassifizierung in zwei Geschlechter. Damit stellt sich die Frage, ob man durch eine Vermehrung der Benennungen überhaupt der patriarchalen Deutungsmacht entkommt (so man ihr denn entkommen will, was bei den gender-Gegnern recht klar verneint, bei einigen der Pro-gender-Stimmen aber durchaus bezweifelt werden muss).
3. Drittens ist die spontane, und wie man bei Metzinger gut nachlesen kann, an Sinnliches gekoppelte Neubildung des NCC durchaus nicht immer sexuell zu nennen. Die Frage, ob und wie sich im NCC überhaupt ein "sexuelles" PSM anzeigt, bleibt ein großes Rätsel. Zumindest auf dieser Ebene ist die Forschung wenig bis gar nicht aussagekräftig.
4. Natürlich gibt es andere Modelle, wie kulturelle Sexualität hergestellt wird. Diese sind allerdings nicht biologisch, sondern orientieren sich mehr oder weniger an der sprachlichen Verfassung, die sich der Mensch gibt und geben muss, indem er an der Kultur teilhat. Zumindest zwei Räume können wir hier eröffnen. Der eine ist der politische Raum, nämlich jener, der die Fragen des Zusammenlebens sowohl im Kleinen wie im Großen zu beschreiben und zu ordnen sucht. Die politische gender-Theorie untersucht die Probleme, die sich ergeben, wenn ein Mensch in seiner Sexualität "abweicht" und damit eventuell in seinem politischen Status. Dies ist zum Beispiel das, was Judith Butler immer wieder aufgreift (bzw. aufgegriffen hat). Der andere ist der ethische Raum, der, so darf man das wohl heute sagen, seine Ableitung aus dem politischen Raum erfährt: dieser stellt die Frage nach der Sorge um sich, nach der Askese, der Selbstdisziplin, nach der ästhetischen Lebensführung und nach den Arten des Widerstands.
All dies sind aber eben einzelne Sphären; ihr Zusammenhang ist damit noch nicht gegeben. Zumindest in einem stimme ich den Gegner der gender-Theorie deshalb hiermit zu: eine gender-Theorie, die sich nicht um das biologische Substrat kümmert, kann keine weitreichenden Forderungen stellen. Dass das biologische Substrat nicht vorrangig in der Anatomie und zuallererst im Gehirn zu suchen ist, habe ich oben begründet.

Insistieren

Daran möchte ich zwei weitere Fäden knüpfen. Den einen hatte ich bereits angekündigt: wie man sich die Zweigeschlechtlichkeit vorzustellen hat; daran lässt sich gut die Erklärung anhängen, welchen Sinn der Spruch Butler hat: the sex is always already gendered.
Was die Zweigeschlechtlichkeit angeht, so wird diese im weitesten Sinne zunächst als Eingeschlechtlichkeit des eigenen Körpers erlebt. Dies ist nicht immer so, aber durchaus die Regel. Der eigene Körper wird nun nicht direkt erfahren, sondern erst im Gebrauch erlernt das Kind ein Körperselbstbild zu haben und dieses situativ zu seinen Gunsten zu nutzen. Dies ist nun eine recht komplexe Sache, da es sich immer um eine Erfahrung des Körpers in einer bereits kultivierten Umwelt handelt. Inwieweit die Kultur hier Geschlechterrolle und Körperselbstbild prägt, ist ungewiss. Man darf sowohl individuelle Dispositionen, evolutionäres Erbe als auch den kulturellen Nahbereich als Wirkungen annehmen und damit feststellen, dass dieses Bild heteronom ist, also aus vielen Quellen gespeist.
Wichtiger ist aber, dass dort, wo diese Quellen zusammenfließen, nämlich in den momentanen Konstruktionen des Selbstbildes, dies nicht in direktem Kontakt entsteht. Denn tatsächlich erfährt das Gehirn seinen Körper nur über Nervenimpulse, also immer wieder aufgelöst in bereits vorverarbeitete elektronische Impulse. Ein direkter Zugriff ist nur scheinbar und nur aufgrund der trügerischen Kohärenz, die uns unser Gehirn vorgaukelt, möglich. Trotzdem gibt es eine Art Hartnäckigkeit, mit der sich unser Körper meldet. Es ist diese Hartnäckigkeit, die uns lehrt, wie wir unseren Körper so gebrauchen, dass wir ihn zur Befriedigung unserer Bedürfnisse einsetzen können.
Die körperlichen Reize insistieren also. Aber sie geben uns kein exaktes Bild. Erst dadurch, dass wir (oder besser: unser Gehirn) sich darauf verlassen kann, dass es schließlich, durch bestimmte Bewegungen, diese Reize auch willkürlich hervorrufen kann, beherrscht es nach und nach seine Bewegungen und die Manipulation der Umwelt. Damit können wir noch einmal feststellen, dass ein solches Körperbild rein praktischer Natur ist, aber nicht irgendeiner naturalistischen Abbildtheorie gehorcht. Wir lernen unseren Körper nur insofern kennen, als wir mit ihm praktische Bewegungen ausüben, die uns zu irgendwelchen wünschenswerten Zielen führen, oder, indem wir Hindernisse zu überwinden suchen, die uns von solchen Zielen abhalten.

The sex is always already gendered

Wir können uns nun kurz fassen. Es mag sein, dass es eine wie auch immer genau geartete Zweigeschlechtlichkeit gibt. Der direkte Zugriff auf sie ist ebenso verwehrt, obwohl manche Behauptung darlegt, wir könnten uns dieser annähern. Die Heteronomie des eigenen Leibbildes können wir im Abstrakten, aber nicht im Konkreten analysieren. Jede Selbstbeobachtung kommt erstens zu spät und unterliegt zweitens ebenfalls diesen vielfältigen evolutiven, dispositionellen und situativen Einflüssen.
Dass sich die Zweigeschlechtlichkeit nicht verleugnen lässt, hängt damit zusammen, dass wir typischen Bildern aufsitzen. Wir erleben die Geschlechter eher ikonisch; die Biologie stützt und verwissenschaftlicht diese. Aber all dies sind unpolitische Bilder (oder politische Bilder derart, dass sie uns als Nicht-Politik vorschweben), die uns nichts über das Zusammenleben der Geschlechter sagen. Den eigenen Körper erleben wir als eingeschlechtlich; und sofern wir diesem gegenüber sensibel und aufmerksam sind, als eine Art heterogene Eingeschlechtlichkeit, die zugleich Insistieren des biologischen Körpers, Erfolg und Misserfolg des embodied minds (verkörperten Geists) bei seinen Unternehmungen und diskursive Verortung im politischen Feld ist.
Der sex, der von Butler keineswegs ausgemerzt wird, ist lediglich auf eine Weise verzerrt, dass die Analyse und die Politik des Körpers ohne diese unbiologischen Einflüsse nicht zu haben und von diesen nicht zu scheiden ist. Wir empfangen unser Geschlecht immer als Koordinate in unserer Kultur.

Verwissenschaftlichung

Die Afd hat in ihrem Parteiprogramm postuliert, die gender-Theorie sei unwissenschaftlich. Diese Bemerkung verdient eine Entgegnung. Wie ich oben gezeigt habe, hatte auch die Physik lange Zeit mit einem recht hartnäckigen Problem zu kämpfen. Darf man den Geschichtsbüchern Glauben schenken, so war die Debatte oft hitzig, immer mal wieder wütend, gelegentlich ausfällig.
Wissenschaft ist auch, wie das Beispiel des Atommodells zeigt, nicht auf den neuesten Stand der Erkenntnis angewiesen, solange ein gewisser Pragmatismus genügt.
Ein ganzes Forschungsgebiet zurückzuweisen, dies einfach per Akklamation zurückzuweisen, das ist allerdings eine Einmischung, die so widersinnig, so antiaufklärerisch ist, wie es nur geht. Es mag sein, dass sich in Zukunft die gender-Theorie tatsächlich als falsch erweisen wird. Aber sofern dies geschieht, dann nicht durch politische Parolen, sondern durch Prozesse der Verwissenschaftlichung. Und diese liegen nun nicht in der Hand von obskuren Politikern, sondern von gewissenhaften Wissenschaftlern. Die Afd praktiziert den Obskurantismus selbst, den sie bei anderen zu entdecken meint. Ähnliche Gesten wiederholt sie in ihrer Kulturpolitik, die von einem wüsten Konglomerat aus Evolutionstheorie und Hegelscher Dialektik geprägt zu sein scheint, und in einer Schulpolitik, die dem Nachhinken der Institution Schule hinter neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis nicht Abhilfe schafft, sondern alles nur noch viel verschlimmert (sie geht mit dem Rufe "Vorwärts!" nämlich rückwärts).
Wenn und sofern es eine Kritik an den gender-Theorien gibt, dann nur in dem Maße, in dem wissenschaftliche Argumente die bisher bestehenden aushebeln können. Dazu aber müsste man die entsprechenden Theorien kennen und - argumentieren können. Beides fehlt der AfD von der Spitze bis zur Basis.

Schluss

Der march of science ist sicherlich wohlmeinend gedacht. Ich bezweifle, dass er die Gesellschaft wirklich ändert. Zu wenig werden wissenschaftliche Werke gelesen. Zu häufig werden populäre Darstellungen wissenschaftlicher Erkenntnisse noch mehr popularisiert, so dass sich am Ende einer Stille-Post-Kette eine völlig verdrehte Aussage finden lässt, die mit dem ursprünglich ausgegebenen Argument nur noch wenige Vokabeln teilt, keinesfalls aber die Struktur oder den argumentativen Gang.
Die Kultur der Massenmedien hat, gerade auch durch das Internet, die inszenierten Skandale für sich entdeckt. Die ruhigeren, ausführlicheren Darstellungen sind zwar auch zu finden, aber sie ziehen nicht die Massen an, und wer sie sucht, muss lange suchen. Ursprünglich war das Internet zur besseren Verbreitung wissenschaftlicher Artikel, zur besseren wissenschaftlichen Kommunikation gedacht. Dies war blauäugig. Das Gegenteil ist wohl der Fall. Einzelfälle, wie etwa der Holocaust-Leugner David Irving, oder, im deutsche Raum, der "Nahost-Experte" Udo Ulfkotte, haben seit langer Zeit ihre alternativen Fakten präsentiert. Das Internet hat diese Tendenz verstärkt. Unter anderem liegt das auch daran, dass die echten Wissenschaftler so wenig im Netz präsent sind. Für Klaus Jäger, Mitinitiator des Berliner march of science, bestehe die Aufgabe der Wissenschaftler nicht nur in der Forschung - so er gegenüber der Zeit; sie "seien auch Berater, Lehrer und Vermittler." Und "Forscher könnten das Misstrauen vieler Menschen abbauen, wenn sie sich mehr in die Öffentlichkeit wagten."
Dem ist wenig hinzuzufügen. Es wäre längst an der Zeit. Es wäre, unter anderem, auch die Aufgabe von gender-Beauftragten an der Uni, statt Vorschläge für eine geschlechtersensible Sprache zu unterbreiten, erst mal den Boden dafür zu bereiten, warum und aus welchen Gründen eine solche Sprache angemessen sei. Dies ist vielen Menschen nämlich nicht klar, und, wie ich befürchte, auch manchen gender-Beauftragten nicht. Dann aber wäre die Erstellung solcher Kataloge zum gendersensiblen Sprechen kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie. Das wäre schade, denn das Problem, was dahinter steckt, ist durchaus ein ernsthaftes und allgemein wissenswertes.
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