05.03.2017

Kitsch, zweite Lieferung

Alexander Grau ächtet den Kitsch; doch kassiert sich seine Polemik selbst, spätestens dort, wo er den moralischen Kitsch in der Geste der Empörung findet. Graus Kolumne im Cicero ist selbst auf Dauerempörung frisiert.
Vor allem bleibt Grau hinter dem hohen Niveau der Analysen zurück, die die ästhetische Theorie für den Kitsch erarbeitet hat. Die Ästhetik ist dabei nicht, wie der philosophisch unerfahrene Leser meint, die Lehre von dem Schönen und unabhängig vom gesellschaftlichen Zustand. Triftig, wenn auch nicht unangefochten, bleibt Wittgensteins Satz: Ästhetik und Ethik sind eins (Tractatus 6.421): und so mag der aktuelle Zustand der Ethik (die Moral) den aktuellen Zustand der Ästhetik (das Gefällige) mitbestimmen. So wenig man aber Wittgenstein in Gänze zustimmen kann, so befremdlich ist die vollständige Trennung bei Grau in einen ästhetischen und einen moralischen Kitsch. Kitsch war und bleibt Index einer Weltflucht und damit Politik eines unpolitischen Verhaltens.
Wo schließlich Grau die Objekte des Kitsches aufzählt: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gleichheit, klingt er trotz seines zur Schau getragenen Konservatismus wie der marxistisch-revolutionäre Marcuse:
Das gängige … Vokabular der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit konnte auf diese Weise nur einen neuen Sinn, sondern auch eine neue Wirklichkeit erlangen …
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass subkulturelle Gruppen ihre eigene Sprache entwickeln, indem sie die harmlosen Ausdrücke der Alltagskommunikation aus ihrem Kontext lösen und sie zur Bezeichnung von Objekten oder Tätigkeiten gebrauchen, die vom Establishment tabuiert sind. … Beispielsweise wurde »soul« (ihrem Wesen nach lilienweiß seit Platon) — der traditionelle Sitz all dessen, was im Menschen wirklich menschlich, fundamental, unsterblich ist — das Wort, das im etablierten sprachlichen Universum peinlich, kitschig und falsch geworden war, entsublimiert und ist in dieser Transsubstantiation in die Negerkultur eingegangen …
Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung. in Schriften Bd. 8, S. 270-271
Grau hat jedoch selbst, jenseits seiner falschen Polemik und im Widerspruch zu Marcuse, ein Wort zitiert, welches im Kontext seiner Rubrik ›Grauzone‹ peinlich falsch klingt: den der Analyse.
Kaum zu übersehen ist, dass er sich die Partei der Grünen als politischen Feind erkoren hat; kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass diese Feindschaft nie den Kern der Sache trifft. Würde sein Angriff so treffen, dass die Worte im Diskurs stecken bleiben, wie einst Excalibur im schottischen Basalt; nur ein König könnte noch den Stein von dieser Wunde heilen. Dazu aber müsste er mit Kinder-Ernst sein Objekt genauestens untersuchen, und mit Philosophen-Ernst die Fundstücke zusammenstellen. An Fundstücken allerdings findet Grau nur, was sowieso schon in den Bannkreis seiner Verachtung geraten ist: die unerträgliche Musikshow kann gar nichts anderes mehr sein als eben unerträglich. So trifft die Polemik alles und nichts in postmoderner Beliebigkeit und ist so stumpf wie das Holzschwert, das man dem Tölpel und dem Narren zum Ritter-Spielen überreicht.
Darum auch kann sich Grau in seinem eingeschränkten Sichtfeld und seinem kaum analytischen Angriff weder gegen die marxistische Kritik eines Marcuse behaupten noch gegen die subtile (Selbst-) Ironie eines Barthes:
Die sogenannten Humanwissenschaften unterhalten so gut wie keine wahre Beziehung mehr zur gesellschaftlichen Praxis - es sei denn, sie verschmelzen mit ihr und gehen in ihr unter (wie die Soziologie); und die Kultur, die nicht mehr von der humanistischen Ideologie gestützt wird (oder immer mehr davor zurückscheut, sie zu stützen), kehrt in unserem Leben insgesamt nur als Komödie wieder: Sie lässt sich gewissermaßen nur mehr gebrochen rezipieren, nicht mehr als gerader Wert, sondern als umgedrehter Wert: Kitsch, Plagiat, Spiel, Vergnügen, Gefunkel einer Farcesprache, an die wir glauben und nicht glauben (das ist das Wesen der Farce), als ein Stück Pastiche; wir sind zur Anthologie verurteilt, es sei denn, wir wiederholten eine Moralphilosophie der Totalität.
Barthes, Roland: An das Seminar. in ders.: Das Rauschen der Sprache, S. 372 f.
Für Grau gilt, was Walter Benjamin in seinem Fragment Traumkitsch geschrieben hat:
Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. … Die Träume sind nun Richtweg ins Banale.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Benjamin nun versucht am Kitsch zu retten, was am Kitsch zu retten ist: wenn schon nicht den Prozess seiner Herstellung, von dem sich das kitschige Objekt vollständig abgelöst hat, indem es sich nur selbst bezeichnet; so doch den Prozess seines Gebrauchs: trägt doch der Kitsch, und sei es als Staub, die Spuren seiner Verwendung.
Wie wenig Grau das verstanden hat, beweist das Foto, das emblematisch über dem Artikel steht: es zeigt Claudia Roth und eine Art Tunte auf dem CSD. Jener verkleidete Mensch zitiert in seiner Verkleidung den Ort, wo diese Verkleidung entstanden ist: den Schminktisch mit all seinen Utensilien. Ironisch sagt das Kostüm noch einmal, was man in den Sozialwissenschaften seit langer Zeit weiß: Geschichte ist aus Geschichte gemacht, und die Wissenschaft von der Geschichte ist selbst nur eine Geschichte.
Wer das nicht erkennen will, für den hält Benjamin folgende Warnung bereit:
Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Kommentar veröffentlichen