13.10.2016

Wie sprechen?

Manchmal ist es (eigentlich) ganz einfach: mit Unbehagen sehe ich einer Ausweitung des Volksentscheids entgegen; Volksentscheide garantieren noch nicht eine Demokratisierung. Unbestritten dürfte sein, dass sich wissenschaftliche Ergebnisse (selbst, wenn diese sich später doch wieder als falsch erweisen) nicht durch Mehrheitsentscheide widerlegen lassen, weder der Klimawandel, noch die gender-Theorie oder die Verbrechen im Dritten Reich. Über Meinungen lässt sich natürlich streiten, aber über Tatsachen nicht.
Wichtiger als der Volksentscheid ist doch, dass die Begriffe diskutiert werden, dass ihr Für und Wider abgewogen, ihre praktische Relevanz erschlossen wird: vor der "demokratischen" Wahl kommt die Aufklärung; und mehr als die Wahl ist die Aufklärung das Wichtige an der Demokratisierung.

Julia Schramm und Hagen Grell

Mir ist eigentlich schleierhaft, warum Hagen Grell Julia Schramm so unsympathisch findet. Sie sind sich eigentlich ziemlich ähnlich. Gut, die Analysen von Grell sind schlechter als die von Schramm, dafür ist der Vernichtungswahn, der sich in manchen Aussagen von Schramm findet, greller als bei Grell. Dass die beiden inhaltlich zufälligerweise auf verschiedenen Seiten gelandet ist, machen sie durch eine ähnliche Struktur ihres teils pöbelhaften, teils sich elitär gebärdenden Redens wieder wett. Beide jedenfalls meinen etwas über das Deutsche und das (der/die) gender zu sagen zu haben.

Guter und schlechter Patriotismus

Mich treibt, ich hatte es ja schon geschrieben, seit etwa zwei Wochen das Buch Politische Emotionen von Martha Nussbaum um. Dazu mag ich noch gar nichts sagen, da ich viele Sachen von ihr noch nicht gelesen habe. Ich hatte auch schon geschrieben, dass ich ihr Buch „irgendwie“ wunderbar, aber unrealistisch finde. Es ist zu blauäugig (oder ich selbst bin bereits zu resigniert). Jedenfalls sieht Nussbaum im Patriotismus ein zwiespältiges Phänomen. Weder ist er von sich aus gut, noch von sich aus schlecht: er ist eben unter bestimmten Bedingungen gut, unter anderen schlecht.
Als eine erste Gefahr sieht sie die falscher Werte.

Verzerrte Männlichkeitsnormen

Das Attribut verzerrt

Man muss genau lesen. Etwas, was vielen Deutschen leider fehlt, Pisa lässt grüßen. So, wie Judith Butler nicht das biologische Geschlecht leugnet (was ihr aber oft vorgeworfen wird), findet sich bei Nussbaum keineswegs eine Ablehnung von Männlichkeitsnormen. Als falsche Werte listet sie nicht die Männlichkeit an sich auf, sondern „verzerrte Männlichkeitsnormen“, wobei unklar bleibt, was hier verzerrt und was nicht (was zum Teil aber auch daran liegt, dass ich dieses Buch noch sehr unvollständig gelesen habe, und, wie bereits oben gesagt, auch andere Werke von ihr noch nicht).

Werte und Normen

Ich weiß nur nicht, was solche Männlichkeitsnormen sein könnten. In den letzten Jahren bin ich einen anderen Weg gegangen: entlang der Unterscheidung von Werten und Normen bin ich zu Aristoteles zurückgekehrt. Niklas Luhmann bezeichnet Werte als Konstruktionen, die ein bestimmtes Verhalten als „gut“ hervorheben, Normen dagegen als Grenzen, ab denen bestimmte Sanktionen stattfinden.

Probleme mit Werten: Begründung und Konkretisierung

Beide Begriffe haben ihre Schwierigkeiten. So sind Werte nicht einfach nur „gut“, sondern werden mit verschiedenen Attributen belegt, die als gute gelten, z.B. schön, nützlich, human, patriotisch, usw. Und natürlich sind solche Werte nicht aus sich heraus gut: Sie brauchen eine gewisse Legitimation, also einen Begründungsvorgang; und auf der anderen Seite würden sie nicht so überzeugen, wenn es nicht eine gewisse Konkretisierung gäbe, die sie vermutlich zugleich ungebührlich einschränkt (man denke nur an die Schönheit, die von unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich beurteilt wird).

Probleme mit Normen: Egoistische Wurzeln

Genauso kritisch sind Normen zu sehen: diese bilden nicht nur absolute Grenzen, sondern finden sich häufig abgestuft: und je nachdem gibt es schwächere und stärkere Sanktionen. Zudem bilden viele dieser Normschwellen keinen juridischen, noch nicht einmal einen ansatzweise gerechten Tatbestand, sondern sind schlichtweg egoistisch. Nur bei Normen mit starken Sanktionen greift zunehmend der Staat ein und entzieht seinen Bürgern die Macht, Sanktionen auszuüben. Aber jemanden nicht zu beachten: das geht häufig.

Männliche Werte: biologisch und nicht-biologisch

Ich weiß, dass das nur ein Streit um Begriffe ist, aber ich möchte hier bei meinen Begriffen bleiben: es geht um Werte, bzw. um Tugenden (und nicht um Normen), mithin um praktische Werte, auch für so etwas wie die Männlichkeit. Nur kann ich mich an dieser Stelle nicht mit dem Begriff der Männlichkeit anfreunden. Entweder meint man die biologische Männlichkeit; die kann aber nicht tugendhaft sein, weil sie vor dem Bewusstsein und damit auch in gewisser Weise jenseits des Bewusstseins liegt.
Männlichkeit dagegen als Tugend zu bezeichnen, wird immer in gewisser Weise darauf hinauslaufen, dem bestimmte Tugenden zuzuschreiben, die eben nicht unbedingt männlich sind, sondern nur in einem losen Zusammenhang damit stehen (auch wenn man behaupten würde, diese seien bei Männern statistisch wahrscheinlicher). Damit wird aber die Berufung auf eine nicht-biologische Männlichkeit bei Tugenden genauso obsolet wie sie es für die biologische Männlichkeit sein muss. Es reicht hier schlichtweg, bestimmte Tugenden zu vertreten und zu leben.
Dasselbe gilt übrigens auch für „deutsche Tugenden“ – das Attribut deutsch ist dabei überflüssig.

Fehlgeleiteter Patriotismus

Nussbaum geht davon aus, dass der Patriotismus fehlgeleitet sein kann. Sie zählt dazu, wie eben gesagt, die falschen Werte, den Gewissenszwang und die unkritische Homogenität; etwas später fügt sie dem noch die verwässerte Motivation hinzu. Bilden die ersten drei Gefahren das, was ich gleich aus einer semiotischen Sicht mit Roland Barthes erläutern möchte, so ist die letzte Gefahr die eines Laissez-Faire, oder, wenn man so will, einer Politikverdrossenheit; jedenfalls ist dies die Dummheit oder Faulheit, sich nicht in aktuelle Diskurse einzumischen, oder sich in einer solchen Art und Weise einzumischen, dass die Dummheit und Faulheit einen starken Tenor dazu geben.

Dogmatisches und terroristisches Sprechen

Häufig hat mich an der offiziellen (und oftmals „feministischen“) Rede über Männer in Bezug auf Frauen die Undifferenziertheit gestört: wie ich oben dargelegt habe, spielt das Geschlecht in Bezug auf gelebte Tugenden nur eine locker assoziierte Rolle; nichts spricht dagegen, diese noch weiter aufzulösen. Der umgedrehte Fall erscheint dann, wenn bestimmte Tugenden nur mit einem aus den Hinterbühnen hervorgezauberten Geschlechtsmerkmal funktionieren. Roland Barthes hat hier zwei verschiedene Arten des ideologischen Sprechens unterschieden: den dogmatischen und den terroristischen Diskurs.

Dogmatisches Sprechen

Der dogmatische Diskurs besteht, grob gesagt, darin, dass jegliches Sprechen auf eine bestimmte Vorstellung (ein Signifikat, um es semiotisch zu sagen) bezogen wird, sei es in der positiven Aneignung des eigenen Sprechens, oder in der negativen Abwehr fremden Sprechens. Dies kann man im Moment sehr gut an den Neokonservativen und den Rechtspopulisten (wobei ich mich frage, was Linkspopulismus sein soll) studieren: deren Rede ist keinesfalls einheitlich, zum Teil sogar zutiefst gebrochen und widersprüchlich, manchmal geschmacklos wirr und manchmal einfältig monoton, aber das scheint alles keine Rolle zu spielen, solange man sich nur genügend zu einer gewissen, nicht näher definierten Idee, der des Deutschtums, bekennt. Es gibt dabei kein einheitliches Signifikat, obwohl dieses immer wieder behauptet wird.

Terroristisches Sprechen

Fast komplementär tritt dann der terroristische Diskurs auf: dieser entsteht dann, wenn es nur um die Wiederholung von Signifikanten geht, mit der Inklusion/Exklusion legitimiert wird. Der Signifikant ist ein materieller Zeichenträger, eine Fahne, ein Symbol, ein bestimmtes Wort oder ein Idiom. Glücklicherweise kenne ich das noch nicht vom Deutschsein, soweit sind wir noch nicht, und es besteht doch Hoffnung, dass wir nie so weit kommen werden. Aber ich fühle mich gelegentlich schon zu einem anderen Signifikanten hingedrängt, den zu wiederholen ich mich gezwungen sehe, gerade dann, wenn ich ihm den Status eines Begriffes zugestehen möchte, und das ist nun leider das Wort „gender“.

gender-Terror?

Ich hoffe schon, dass ich genügend deutlich gemacht habe, dass ich an diesem Begriff und an seinen theoretischen Bezügen generell nichts auszusetzen habe; dass ich ihn legitim finde. Und dass ich mich im Moment noch nicht dazu gedrängt fühle, gegenüber Rechtspopulisten damit vorsichtig umzugehen. Aber ich äußere doch gelegentlich schon recht deutliche Kritik daran, was darunter so alles verstanden wird, und jedes Mal sehe ich mich wieder dabei, dass ich zuerst – gebetsmühlenartig – ein Bekenntnis dazu schreibe, bevor ich Kritik äußere. Man muss die Feinheiten dabei hören: weder mag ich mich dem dogmatischen Diskurs einer naturalisierten Geschlechterdifferenz hingeben, noch möchte ich mich von dem terroristischen Diskurs einer rein signifikanten gender-Rede disziplinieren lassen.

Symbolische und ikonische Ressentiments

Sowohl der dogmatische als auch der terroristische Diskurs sind von Ressentiments durchzogen, die man symbolische Ressentiments (bestimmte Sachen dürfe man nicht sagen) und ikonische Ressentiments (bestimmte Sachen müsse man zeigen) nennen könnte. Beide sind vor allem an Normen gebunden und an die Abwehr „fremder“ Werte. So ist es in gewisser Weise nicht richtig, wenn Martha Nussbaum von ausgrenzenden Werten spricht; es handelt sich vielmehr um eingrenzende Unwerte, über die sich rachsüchtige und destruktive Werte (das Re-Sentiment) bilden und bei manchen Menschen nur auf diese Art und Weise bilden zu können scheinen (Hagen Grell und Julia Schramm sind dafür nur zwei Beispiele).

Das schöpferische Sprechen

Was bleibt?
Wie jede Sprache, so ist auch das, was man unter der „deutschen Sprache“ und der „deutschen Kultur“ versteht, ein heterogenes, unabgeschlossenes, zerfranstes Projekt. Will man dies nur in die Vergangenheit hinein verlängern, sich also auf Tradition und Bewahrung von Beständen stützen, müsste man mit dem Wahnsinn der Zerstückelung umzugehen lernen; ein, wie ich befürchte, recht mühsames, geistloses und unbefriedigendes Geschäft. Dies verlängert sich hinein in die Abwehrkämpfe, die im Namen der deutschen Kultur gegen fremde Kulturen und deren Einmischung ausgeführt werden.
Angstvoller, als dies die AfD in ihrem Parteiprogramm ausdrückt, kann man es wohl nicht sagen: „Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit.“ (S. 47) – Geschichtsblind allerdings ist, dass die modernen Werte, wie sie in den letzten 30 Jahren gelebt wurden, auf vielerlei Weise aus der europäischen Tradition entstanden sind, und trotzdem zu einer Heterogenität geführt haben, die weder einen Anschluss an das 18. Jahrhundert und damit z. B. an Kant und Mendelssohn einfach möglich machen, noch an Epochen, die noch weiter zurückliegen. Geradezu diffus widersprüchlich wird das Programm dort, wo es von einem „stets veränder[t], aber dennoch ... einzigartig[...]“ spricht, als gäbe es ein geheimnisvolles großes deutsches Wesen.
Was bleibt also? Der schöpferische Rest: man müsste und sollte, ungeachtet des biologischen Geschlechts und ungeachtet einer Rücksicht auf zumeist doch nur mythische Traditionen dem Vorgefundenen jene Lust abgewinnen, die zu eigenen Werken und einer eigenen Kultiviertheit führt. Kant oder Goethe sind dabei relativ egal; oder wer sich sonst noch so als bevorzugter Stern am deutschen Kulturhimmel tummelt. Zumindest daran sollte man sich ein gewisses Beispiel an den Neonazis nehmen: die sind mit Sicherheit nicht in der Lage, ein solches Werk wie die Kritik der reinen Vernunft auch nur ansatzweise zu verstehen. Und es muss ja auch nicht verstanden werden. Aber wenn es eine Tradition geben sollte, dann vielleicht genau diese. Warum soll man die Latte niedrig hängen, wenn sie schon einmal so hoch gehangen hat?
Für alle anderen sei noch einmal jene Empfehlung gegeben: schafft entlang den Tugenden, und nicht entlang der Ressentiments.
  • Barthes, Roland: Lust/Schrift/Lektüre. in ders.: Die Körnung der Stimme. Frankfurt am Main 2002
  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1986
  • Nussbaum, Martha: Politische Emotionen. Frankfurt am Main 2016
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