27.12.2011

Neidrezensionen und Gralshüter der deutschen Unterhaltungsliteratur

Kindle halte ich weiterhin für eine ganz hervorragende Neuerung auf dem Buchmarkt. Leider gibt es auch Schattenseiten und dazu gehören so genannte Neidrezensionen (bösartige Rezensionen, die nur vernichtend sind und einen Stern vergeben, wohl mit der Absicht, ein Buch madig zu machen), aber auch die (vermutlichen) Selbstlobe (also Selbstbewertungen des Autors unter einem anderen Namen).
Wie das im einzelnen tatsächlich ist, lässt sich kaum feststellen, außer, man unterstellt zusätzliche Informationen. Denn es gibt natürlich die Möglichkeit zu Pseudonymen und es gibt natürlich auch recht dümmliche Rezensionen, deren Absicht nicht die Bewertung, sondern die Denunziation ist.

Vampire weinen nicht von Bran Stark
Mir ist nun auch die Ehre zuteil geworden, in diese Praxis der Unterstellung hineingeraten zu sein.
Zu dem Buch "Vampire weinen nicht" von einem Bran Stark schrieb ein Stefan S.:
Ein Vampir-Rockstar, der neben einer Vampirdame und 2 Werwölfen als Opfer aus militärischen Genmanipulations-Experimenten hervorging und nach Jahren der Ahnungslosigkeit von seinen Leidensgenossen für den lang geplanten Rachefeldzug herhalten soll ...
Auf (gedruckten ca. 150) Seiten brennt der Autor hier ein Feuerwerk an Abstrusitäten ab. Zudem spricht der Autor die sowieso schon mehr als platten Anspielungen auf Filme wie "The Fantastic Four" oder "Die Hard" auch noch selbst aus und jubelt dem Leser zudem ganz "subtil" irgendwelche abstrusen Weltverschwörungstheorien unter.
Platte Dialoge, dünne Sprache, flache Charaktere und eine absolut lächerliche Story ... zudem runden zahlreich vorhandene Tipp- und Rechtschreibfehler das entäuschende Gesamtbild ab ... sorry, aber schade um jede Minute und jeden Cent.
Er vergab einen Stern.

Neidrezension?
Darauf antwortet ein Andre Mertens (von mir gekürzt):
Ach, es geht doch nichts über eine nette Neidrezension, nicht wahr? Mit Ihrer Kritik stellen Sie mich - ich habe das Buch sehr gut rezensiert - als Idioten dar. Das würde mir wenig ausmachen, denn jeder hat ein Recht auf seine Meinung, allerdings suche ich vergeblich die vielen Rechtschreibfehler und Vertipper. Ist ein Volkssport bei Kindle-Romanen geworden, dem Autor (oder Verlag) in der Hinsicht Schlamperei zu unterstellen, vermutlich weil man selbst kdp-Autor ist und weniger erfolgreich. Dieser Roman ist schlicht und einfach originell. Mal was anderes.
Ihre Zusammenfassung bringt es auf den Punkt: Eine außergewöhnliche, turbulente und spannende Handlung. Dass Sie allerdings so viel verraten, werden Leser Ihrer kritik weniger schön finden.
[...]
Sie kritisieren die einfache Sprache? Genau das hat mir gefallen. Cool, locker und lesbar. Wenn ich Anspruch suche, lese ich nicht so einen Roman, sondern Klassiker. Wenn ich Unterhaltung suche, kaufe ich mir VAMPIRE ...
[...]
In meiner eigenen Rezension zu diesem Buch habe ich übrigens ähnliche Argumente ins Feld geführt: der Roman will nicht "hochliterarisch" sein und wer mit diesem Anspruch rezensiert, ist weltfremd. Man kann genau diese Art der Literatur erwarten und darf sich nicht darüber beschweren, wenn man sie bekommt.

1-Sterne-Bewertungen
Ein Herr Letcis bemerk dann dazu:
ich selbst habe gerade zu einer 1-Sterne-Bewertung, die ein anderer Roman von Frau Farmer bekommen hat, ein paar Sätze gesagt. Ich beobachte diesen 1-Sterne-Trend auch bei anderen 'kleinen' Romanen, die günstig angeboten werden. Es sind stets wenige Zeilen, und Bewertungen, die sich nicht im mittleren Bereich befinden, sondern stets einen Stern ausmachen. Ich habe den Eindruck, hier handelt es sich um gesteuerte Bewertungen, um die günstigen Anbieter von den oberen Plätzen der Charts zu vertreiben. Dies wird auch dadurch deutlich, dass die 1-Sterne-Rezensenten i.d.R. nur diese eine bis max 3 Rezensionen geschrieben haben und diese meistens an einem Tag, also ganz zielgerichtet vorgehen.
Was zumindest eine plausible Befürchtung ist. Der Kindle-Markt verunsichert tatsächlich die großen Verlage sehr und treibt natürlich auch die selbsternannten Besserkönner aus ihren Löchern hervor (ähnlich wie bei den Blogs, weshalb ich ja einige Zeit die Kommentar-Funktion auf meinem Blog abgestellt hatte).

5-Sterne-Bewertungen
Das wiederum hat mich dazu veranlasst, auch die Praxis der 5-Sterne-Bewertung zu hinterfragen. Ich schrieb also folgenden Kommentar zu der Anmerkung von Herrn Letcis:
Es sind aber leider auch die 5-Sterne-Rezensenten, die häufig nur 1-3 Rezensionen geschrieben haben. Man lässt eben Freunde erstmal rezensieren. Ist auch nicht so toll, oder?
Wohlbemerkt habe ich nicht (sic!) dem Herrn Stark unterstellt, sich hier willentlich mit 5-Sterne-Rezensionen zu schmücken, sondern dies allgemein als eine "falsche" Praxis des Kommentierens in die Runde geschmissen. Die Leser werden das schon spitz kriegen, welchen Kommentaren sie vertrauen wollen und werden. Auffällig ist jedenfalls, dass bestimmte Autoren ihre Bewertungen von wenigen Rezensenten bekommen, die nur genau diese Bücher bewerten und diese Bewertungen dann besonders "prachtvoll" ausfallen, was dem Buch meist nicht "gerecht" wird.

Gralshüter deutscher Unterhaltungsliteratur
Auf meinen Kommentar hin schrieb dann ein morris folgendes:
Upps! Der gute Herr Weitz, Sprach-Coach, etc., schwingt sich nun zum Gralshüter deutscher Unterhaltungsliteratur auf? Das haben wir noch gebraucht.- Wie wäre es mit einem eigenen Roman, Herr Weitz, um Ihre Kompetenz zu beweisen? Oder handelt es sich hier um einen ausgelebten Fall von Profineurose? Ich hoffe nicht ...
Das überspitzt meinen Kommentar in einer geradezu unerträglichen Weise und unterstellt mir eine Meinung, die sich nur mit einiger Blindheit und Boshaftigkeit finden lässt. Mich als Gralshüter der deutschen Unterhaltungsliteratur zu bezeichnen ist jedenfalls eine dümmliche Übertreibung, die wenig über mich aussagt.
Folglich habe ich verschärft geantwortet:
Lieber Morris!
Das ist dämlich und bösartig. Ihr "Missverständnis" ist verräterisch und tendenziös. Ich habe Herrn Stark nicht vorgeworfen, dass er sich die Bewertungen erbeten hat und ich habe auch nichts gegen "niedere" Literatur. Ich habe nur auf eine Praxis hingewiesen, die ich kenne. Von Unterstellungen halte ich nichts, und wenn Herr Stark mit seinen Büchern sein Geld verdienen kann, soll mir das recht sein. Dass ich persönlich andere Literatur mag, soll nicht verschwiegen werden. Ich muss auch meine Kompetenz nicht beweisen; ich denke, dass ich Ihnen gegenüber, der mein doch recht simpel gehaltenes Argument nicht versteht, nichts rechtfertigen muss. Es gibt auch eine Lesekompetenz, die ein Leser zu haben hat. Außerdem haben Sie bisher ebenfalls keinen Roman geschrieben, wie also wollen Sie davon Ahnung haben, was es heißt, ein Buch zu schreiben? Wie also steht es mit Ihrer Profilneurose (mit einem L, denn es heißt Profil, nicht Profi), die Sie auf blödsinnigste Art in mich hineinprojezieren?
Mit freundlichen Grüßen,
Frederik Weitz
Die Antwort von Morris interessiert mich eigentlich garnicht mehr, da er mich nicht kritisiert hat, sondern nur irgendetwas rausgeplärrt hat. Trotzdem bin ich natürlich neugierig, wie diese Diskussion weitergeht. Ich habe Morris hier angegriffen; ich bin gespannt, ob Amazon diesen Kommentar stehen lässt.

... und eine E-Mail: die Wahrheit!
Gestern bekam ich noch folgende E-Mail:
Sehr geehrter Herr Weitz,

sorry, dass ich Sie unbekannterweise einfach so anschreibe und eigentlich ist es auch überflüssig... ich habe mich nur gerade bei Amazon amüsiert, als ich mal wieder die Bewertungen für die e-books von Bran Stark (alias Volker Ferkau bzw. Vanessa Farmer etc.) las.  : )

Falls Sie der Herr Frederik Weitz sind, der in einem Kommentar zu diesem Buch als "Gralshüter deutscher Unterhaltungsliteratur" bezeichnet wird, wollte ich einfach mal Danke sagen, dass endlich mal jemand ausspricht, dass diese ganzen 5-Sterne-Bewertungen keine Leser-Bewertungen sind.

Schon seit Monaten verfolge ich mit Verwunderung und (Entsetzen!), wie ein Autor alle seine positiven Bewertungen selber schreibt und die paar Leser, die ihre ehrliche, schlechte Meinung schreiben, beschimpft.

Na ja, es gibt sicher wichtigeres im Leben. Fand ich trotzdem interessant.

Mit freundlichen Grüßen
K.
Auf diese Mail habe ich mit einer Mail geantwortet:
Sehr geehrte Frau K.!

Genau dieser Herr Weitz bin ich.

Diesem Morris habe ich eine recht böse Antwort gegeben. Mich stört die Aufgeregtheit, die bei "Fans" existiert, dieses maßlos Hysterische. Dabei habe ich garnichts gegen "niedere" Literatur, die ich vorsichtshalber schon nicht so benenne, wie ich es aus der Kulturpsychologie gewohnt bin, nämlich als folkloristische Literatur (wobei ich diese Bezeichnung auch wirklich als unglücklich empfinde). Aufgabe der Literaturwissenschaft ist nicht die Bewertung der Literatur, sondern die Struktur eines Werks zu erörtern und mit der Struktur anderer Werke zu vergleichen.

Übrigens wollte ich den Vergleich zwischen Vanessa Farmer und Bran Stark ebenfalls ziehen, habe es aber unterlassen, weil ich nicht noch einen Topf öffnen wollte. Aber die Schreibweise, insbesondere die Satzlogik und manche Vokabeln, und die Plotstruktur sind gar zu ähnlich, nicht wahr?

Ebenfalls kopfschüttelnd,
und mit freundlichen Grüßen,
Frederik Weitz
Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, dass diese hervorragenden Rezensionen alle vom Autor selbst kommen, doch zumindest wirken sie durch Freundschaften "erkauft", da andere Bücher desselben Genres (die in großen Verlagen veröffentlichten) meist keine in diesem jubilierenden Stil gehaltenen Rezensionen bekommen.
Ich widerspreche Frau K. nicht, bestätige aber auch nicht die Behauptung, die Rezensionen seien vom Autor selbst.

Lehrstück Kindle
Jedenfalls ist es literatursoziologisch interessant, was derzeit mit dem Kindle Publishing geschieht. Wenn ich mal Zeit habe, schaue ich mir an, wie das im englischsprachigen Raum läuft. Ich möchte behaupten, angenehmer, sachlicher.
Die Deutschen offenbaren sich - zumindest die, die an die Öffentlichkeit treten - in puncto Kritik und Diskussion als unvorsichtig, zum Teil eben auch profilneurotisch.
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