06.08.2010

Plurales Lesen

Lotman spricht davon, dass zunächst ein Text vorhanden ist und dann seine Sprache rekonstruiert wird. Er spricht dann allerdings von Bruchstücken einer fremden Kultur, Text in einer unbekannten Sprache oder aus dem Kontext gerissene Fragmente von Kunstwerken oder Werkzeugen materieller Natur. So weit bleibt Lotman im gewöhnlichen Rahmen.

Dann aber kommt er auf innovative Kunstwerke zu sprechen, die in einer unbekannten Sprache geschrieben seien. Diese müssen die Adressaten erst rekonstruieren und sich aneignen. Lotman bezeichnet dies als »Selbstschulung« des Adressaten (Lotman, Jurij: Die Innenwelt des Denkens, S. 25f.).

Tatsächlich muss man aber sagen, dass jeglicher Text und jegliche Äußerung als solche vielfältig rekonstruiert werden kann; selbst die banalste Äußerung ist einem pluralen Lesen zugänglich.

Modelle dienen dazu, dieses plurale Lesen zu ermöglichen.

Aus den Äußerungen von Lotman kann man folgern (und da bin ich sehr dafür), dass Modelle zunächst (und wahrscheinlich immer) der Selbstschulung dienen. Modelle sind Anleitungen zur Metakognition.

 

Komponenten der metakognitiven Kompetenz

1. Metakognitives Wissen, beziehungsweise metakognitive Bewusstheit: was Menschen über sich selbst und andere Menschen als kognitive Verarbeiter wissen;

2. Metakognitive Regulationen: bezeichnet das Regulieren und Kontrollieren von Kognitionen und Lernerfahrungen durch eine Reihe von Aktivitäten, die dem Menschen helfen zu lernen;

3. Metakognitive Erfahrung: bezeichnen Reflexionen, die auf die aktuellen kognitiven Bemühungen gerichtet sind.

Ziel der metakognitiven Kompetenz ist die Fähigkeit, das richtige Werkzeug für die richtige Arbeit auszuwählen, das heißt die Fähigkeit, die richtigen Lernstrategien effektiv und zielorientiert zu nutzen.

 

Lotman geht davon aus, dass diese Selbstschulung nur deshalb möglich sei, weil an einer Sprache, selbst einer extrem individualisierten Sprache, nicht alles individuell sei. Darin sieht er den Einstieg in den Sinngehalt einer Sprache.

Ich würde dies anders ausdrücken: weil alles, was ich wahrnehme, in Form von Mustern (oder kognitiven Fertigkeiten) existiert, liegt die Grundbedingung der Selbstschulung darin, dass ich in Mustern wahrnehme und in Mustern interpretiere.

Selbstschulung bedeutet, in fremde Muster einzudringen, um eigene Muster aufzubauen. Lapidar sagt Luhmann, dass man fremde Komplexität nutze, um eigene Komplexität aufzubauen.

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