06.08.2010

Immanente Übersetzung

Bei Lotman findet sich eine seltsame Bemerkung:

"Dabei hat sich gezeigt, dass die kleinste funktionierende semiotische Struktur nicht eine künstlich isolierte Sprache oder ein Text in einer solchen Sprache ist, sondern ein paralleles Paar ineinander nicht übersetzbarer, aber dennoch durch den »Flaschenzug« einer Übersetzung verbundener Sprachen. Ein solcher Mechanismus ist die kleinste Keimzelle, aus der sich neue Mitteilungen generieren."

(Seite 10)

Jede bedeutungstragende Einheit besteht also nicht aus einer Sprache, sondern immer aus zweien.

Wenn Lotman sagt, dass diese doppelte Sprache (plus einer losen Übersetzung) auch die kleinste Einheit eines semiotischen Objekts sei, so führt er den Bruch und die Vagheit mitten durch die Kultur (Vergiss nicht, dass du der Kern eines Bruches ist!).

Weiters spricht Lotman in diesem Zusammenhang von einer "bipolaren Asymmetrie semiotischer Mechanismen" (Seite 11).

Hier und an anderen Stellen formuliere ich im Moment zwischen Lotman und Anderson (Kognitive Psychologie) hin und her. Anderson schreibt, dass neues (deklaratives) Wissen durch bereits vorhandene Prozeduren (prozedurales Wissen) interpretiert und in "sinnvolle" Handlungen übersetzt werde.

Die Parallele zu Lotman dürfte klar sein: das Erlernen von Wissen besteht wie das semiotische Objekt Lotmans aus zwei Polen. Beide Autoren unterstreichen in diesem Zusammenhang den konstruktiven Charakter von Lernen und Interpretation, und verweisen hier auf eine immanente "Unklarheit".

Kommentar veröffentlichen