01.08.2010

Stranger than fiction

Dieser ganz bezaubernde Film wurde von Marc Forster gedreht, der auch bei Ein Quantum Trost Regisseur war. Will Farrell spielt einen Steuerbeamten, der merkt, dass sein Leben von einer fremden Frau geschrieben wird, einer Schriftstellerin, die ihn am Ende ihres Romans umkommen lassen will. Er macht sich auf die Suche nach dieser Frau, findet sie, stellt fest, dass dieser Roman, der Roman über sein eigenes Leben (und Sterben), das Schönste ist, was er jemals gelesen hat und überredet die Schriftstellerin dazu, ihn sterben zu lassen (im Roman und im wirklichen Leben).

Sie werden wissen, wie dieser Film ausgeht.

Was mir so wichtig an diesem Film ist, ist diese wunderbare Vermischung der verschiedenen Ebenen, die eine Erzählung ausmachen. Und gerade weil dieser Film diese Ebenen so gut vermischt, macht er sie so deutlich. So ist Stranger than fiction nicht nur eine ganz bezaubernde Fast-Komödie, sondern auch ein Lehrstück über Erzähltechniken.

In vielen Filmen spielt die so genannte Falken-Theorie eine wichtige Rolle. Der Falke ist eine Metonymie für das Dingsymbol, einem zentralen Gegenstand, der das Problem der Geschichte symbolisiert. Ein solcher "Falke" ist in diesem Film ein Apfel. Dieser Apfel wird als der Auslöser eingeführt, wodurch der Hauptdarsteller später stirbt. Doch gerade zum Schluss wird er ersetzt, und statt seinem Apfel hinterherzulaufen, rettet der Hauptdarsteller einen Jungen vor dem Überfahren-werden. Ist der Apfel ein Symbol für ein Problem, so ist der Junge eine Metapher für die Lösung.

Hier zeigt sich, wie der Autor in seine Erzählungen eingreift und sich mit diesen vermischt, untergründig und oft unerkannt. Die Autorin (wunderbar gespielt von Emma Thompson) sieht diesen Apfel, sie sieht ihn auf die Straße rollen, sie beschreibt, zuvor, wie der Protagonist jeden Morgen, zwanghaft, diese Art von Apfel isst, und bis zum Schluss weiß weder sie noch der Zuschauer, wie diese Geschichte enden soll. Im Apfel drückt sich also die Notwendigkeit des Todes aus. Zum Schluss, und das zeichnet diesen Film dann doch als Komödie aus, wird der Tod verdrängt, durch eine Metapher.

Zu diesem Satz wäre einiges zu sagen. Die Metapher ist nicht, wie uns das die heutige Vulgärliteratur über Metaphern glauben machen möchte, ein Verbildlichen, sondern eine Verdrängung, ein Ungeschehenmachen des Todes. In diesem Fall, also im Falle des Films Stranger than fiction, ist das sogar wortwörtlich zu nehmen. Häufiger jedoch ist eine Metapher tatsächlich eine Blockade eines "kleinen Todes", also einer Veränderung, einem Bruch in der Identität. Die Metapher verpfropft, so liest man bei Lacan, das Ende/Entweichen eines Symptoms. Stranger than fiction ist mehr als nur eine romantische Komödie: es ist eine Allegorie auf die Wirksamkeit von Metaphern.

Hatte ich schon erzählt, dass ich diesen Film liebe? Zu dumm, dass ich ihn erst heute entdeckt habe (und wieder einmal vielen Dank an meine Videothekarin, die mir mit großer Treffsicherheit die allerschönsten Filme aussucht).

Kommentar veröffentlichen