31.07.2008

Inneres Team und zirkuläres Interview

Manchmal stolpert man über die einfachsten Dinge zuletzt. So zum Beispiel heute.
Ich beschäftige mich seit Jahren schon immer mal wieder, am Rande, mit dem inneren Team. Dessen Anwendung habe ich vor allem im Bereich des kreativen Schreibens und der Schreibblockaden gepflegt. Auch, um sich einen guten Dialog auszudenken, braucht man als Schriftsteller ein inneres Team, das man in einen Dialog treten lassen kann. Schriftsteller sollten sogar solche Personen, auch die sehr unliebsamen Personen, bewusst pflegen, denn diese sind natürlich für die Spannung eines Romans sehr wichtig.
Schon bei den ersten Gehversuchen mit dem inneren Team ist mir aufgefallen, dass viele Menschen Probleme haben, einzelne Teammitglieder in sich zu identifizieren.
Also habe ich sehr unterschiedliche Übungen dazu gesammelt. Und natürlich wurden diese Übungen auch erstmal fleißig gemacht. Aber gerade bei negativen Figuren zeigte sich eine starke Vorliebe zur Verdrängung und Verklärung. Und gerade hier haben sich dann auch Seiten von Menschen gezeigt, die ich mit meiner stärker an psychoanalytischer Literatur ausgerichteten Theoriebildung nicht behandeln wollte. Ich bin eben kein Psychoanalytiker.
Heute habe ich vieles durch systemische Ansätze ergänzt. Und das hätte mich eigentlich auf die Spur bringen sollen. Erst jetzt aber hat mich ein Artikel aus Coaching-Tools zu einer deutlichen Gegenreaktion veranlasst. Dort steht – in einem übrigens sehr guten Artikel – zum Zirkulären Interview, dass dieses eher wenig im Bereich des Selbstmanagement eingesetzt werden sollte (S. 90).
Wieso eigentlich nicht?, war mein erster Impuls; und dann kam sehr rasch die Arbeit mit dem Inneren Team, die ganze Theaterpädagogik hinterher.

Das zirkuläre Interview I
Zirkuläre Interviews dienen der Vernetzung von Wissensbereichen und der beteiligten Personen. Ziel des zirkulären Interviews ist es, dass die interviewte Person sensibler mit problematischen (Sozial-)Strukturen umgeht. Dazu stellt der Interviewer Fragen, die nicht nur die Bereiche rund um das Problem berühren, sondern vor allem durch den Interviewten verschiedene andere Beteiligte „zu Wort kommen“ lässt. „Woran wird Ihr Chef erkennen, dass Sie selbstbewusster geworden sind?“, ist ein typisches Beispiel für eine Frage in einem zirkulären Interview, da es den Beobachterstandpunkt des Chefs imaginiert.

Beobachte den Beobachter
Kern des zirkulären Interviews ist die systemtheoretische Weltsicht. Beobachte den Beobachter, heißt es dort. Diese Anweisung gründet sich in der Annahme, dass verschiedene Systeme getrennt operieren, und das heißt, dass Denken immer nur auf Denken folgen kann, und Kommunikation nur auf Kommunikation. Das Denken schließt sich operativ und kann nicht kommunizieren, während die Kommunikation, die ebenso geschlossen operiert, nicht denken kann.
Schlimmer noch: es gibt keine Wahrnehmung in der Kommunikation. Die Kommunikation kann zwar über Wahrnehmungen sprechen, weil dies sich als sinnvoll erwiesen hat, aber die Kommunikation selbst kann nicht wahrnehmen. Insofern sind Wahrnehmungen in der Kommunikation nur Konstruktionen, die sich ein soziales System erbastelt hat. Prinzipiell macht es also zunächst keinen Unterschied, ob man sagt: „Steine sind hart.“, „Der Eiffelturm steht in Paris.“ oder „Frau Müller ist eine unfähige Mitarbeiterin.“ Es sind und bleiben Konstruktionen.
Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass diese nicht sehr reale Auswirkungen haben. Wäre der Eiffelturm nur eine Kommunikation, müsste man nicht nach Paris fahren, um sich unter seinem Stahlgerüst fotografieren oder bestehlen zu lassen. Und sollte Frau Müller entlassen werden, was sehr real geschehen kann, wird sie sich kaum damit trösten, dass alles nur ein kommunikativer Akt ist.
Trotzdem gilt: ein Beobachter beobachtet die Welt, und irgendwie ist er in der Lage, diese Beobachtungen so in die Kommunikation einzubringen, dass man ihm bereitwillig glaubt. Aber, und darauf baut dann später das zirkuläre Interview auf, es ist weder notwendig, dass der Beobachter auf diese Art und Weise beobachtet, noch ist es notwendig, dass er dies so kommuniziert, wie er es tut.
Den Beobachter zu beobachten heißt zunächst, Merkmale festzustellen, WIE er die Welt beobachtet; oder alternativ, WIE er Herrn Meier und Herrn Schmitt beobachtet, oder die Entwicklung in der Abteilung oder das Verhalten in den Chefetagen.
WIE?, das heißt vor allen Dingen, nach der Art und Weise einer Konstruktion zu fragen.

Das Netz der Unterschiede
Es bleibt meist unergiebig, nur einen ganz bestimmten Menschen in Bezug auf ein sehr spezielles Thema zu beobachten. Sinnvoller ist es, hier möglichst viele Unterschiede einzuführen. So kann man ein Thema dadurch beobachten, dass man möglichst viele Beobachter dazu beobachtet, so etwa, wenn man zum Thema Empathie Autoren von Goethe und Kant bis Nietzsche und Sartre befragt. Die Autoren garantieren verschiedene Behandlungen des Themas und damit genügend Unterschiede. WIE behandelt der Autor das Thema? – Folgendermaßen: …; und WELCHE Unterschiede ergeben sich daraus zu einem anderen Autor? – Diese, und diese, und diese …

Das zirkuläre Interview II
In sozialen Situationen findet man natürlich keine Autoren vor, sondern vor allem unterschiedliche Personen. Deshalb fragt der Interviewer den Interviewten zum Beispiel nicht nur nach seiner Beschreibung eines Problems, sondern was andere Menschen darüber denken könnten. Es geht hier erstens darum, eine Situation nach Differenzen und Konfliktkonstellationen abzutasten. Es geht aber vor allem darum, den Interviewten zu einem Beobachter von Beobachtern zu machen. „Was denken Sie, hält Herr Teubner von diesem Anliegen?“ – womit der Interviewte seine Aufmerksamkeit auf Herrn Teubner wenden muss, um sich vorzustellen, was dessen Position ist.
Eine sehr wichtige Technik beim zirkulären Interview ist das Fokussieren der (möglichen) Wahrnehmung. „Woran erkennen Sie, dass …?“, „Wie würde Herr X sich verhalten, wenn …?“ – So konkret wie möglich eben. Denn die Sichtweise eines anderen Menschen zu imaginieren ist die eine Sache; sie an einem konkreten Verhalten festzumachen, eine andere.
Zugleich kann natürlich das konkrete Verhalten in Konflikt zu dem imaginierten Denken stehen. Wenn man einer Kollegin Faulheit unterschiebt, aber zugleich sieht, dass sie immer wesentlich früher im Büro ist und immer wesentlich später geht, dann entstehen hier Spannungen, die zu einer veränderten Wahrnehmung zwingen.
Das zirkuläre Interview verlegt also den Fokus von der eigenen Sichtweise auf das Netz der möglichen Deutungen. Ähnlich wie an einem philosophischen Thema stricken an einer Situation viele Autoren mit. Gerade wenn man sich von der eigenen Sichtweise lösen kann, an ihr nicht mehr kleben muss, kann viel Energie frei werden.

Das innere Team
Ich bin vom inneren Team ausgegangen und kehre zu diesem zurück.
Wenn man mit dem inneren Team arbeitet, hat man es mit psychischen Instanzen zu tun. Wie passgenau diese in eine psychoanalytische Betrachtungsweise passen, soll hier nicht das Thema sein. Viel wichtiger erscheint mir hier der spielerische Aspekt.
Zunächst einmal kann man mit erfundenen Figuren arbeiten, die man entweder schon kennt, oder die man probeweise „setzt“. Dann kann man aber den Figurenkreis auch immer wieder erweitern oder eben verengen.
Dann kann man für das Arbeiten mit dem inneren Team auch die Techniken des zirkulären Interviews übernehmen. Gerade wenn es um Veränderungsprozesse geht, die für einen Menschen spannungsgeladen sind, bekommt ein Coach es mit sehr konfliktreichen inneren Stimmen zu tun. Diesen verschiedene Namen zuzuweisen, ist sowieso sinnvoll, um sie für den Gecoachten zu trennen und sie handhabbarer zu machen. Wenn jemand einen sehr rabiaten Pessimisten im inneren Team hat, kann man dessen Querschläger deutlicher machen und besser gegen andere Stimmen abgrenzen, wenn man ihm eine scharfe Gestalt gibt.
Diese scharfe Gestalt kitzelt man auch dadurch heraus, dass man unterschiedliche innere Mitglieder zu Wort kommen lässt: „Was denkt denn dein Karrieremensch, was dein Pessimist von dieser Bewerbung hält?“ – „Wie könnte dein Pessimist denn am besten deinem Karrieremenschen Knüppel zwischen die Beine werfen?“ – usw.

Gestern hatte ich nun folgendes Erlebnis: ich äußerte gegenüber einer Kollegin, dass ihre Ziellosigkeit in bestimmten Dingen ja eigentlich im Widerspruch zu ihrer konstruktiven Neugierde stehe. Sie kam heute darauf zurück, und meinte, das habe sie noch beschäftigt, und eigentlich hat sie phasenweise einen recht zerstörerischen inneren Drang und das hindere sie, ihre Lernbereitschaft konsequenter umzusetzen. Frau Werwolf sagt, witzelte ich daraufhin, dass Frau Einstein lieber den Stinkekäse kaufen soll. Diese Neckerei wäre in einem anderen Team und bei einer anderen Kollegin sicherlich nicht so gut gekommen. Hier haben die Kollegen das aber auf eine sehr sympathische Art aufgenommen, und nicht zuletzt hat die betreffende Kollegin damit zwar deutlich berührt, aber doch gelassen umzugehen gewusst.
Das Beispiel zeigt vor allem, dass sich an solchen Situationen Mitglieder des inneren Teams setzen lassen, setzen im Sinne von: Jetzt ist es da! – Und den Tag über wurde dann aus diesen Figuren so etwas wie ein: Jeder bringt sich ein wenig dazu ein, witzelt damit auch ein bisschen herum, stellt fest, dass er selbst so etwas auch kennt, und kann dadurch etwas zu dieser Figur beitragen. Dass die Kollegin dann selbst in einer Situation sagt: das war meine Frau Werwolf!, zeigt, wie eine solche innere Figur übernommen wird. Natürlich ist das sehr offene, humorvolle Team meiner Kollegen dafür sehr hilfreich gewesen (und wird es in Zukunft hoffentlich weiterhin sein).

Hier habe ich mich natürlich nicht bewusst für das zirkuläre Interview entschieden, es auch nicht intendiert. Das waren dann eher die Kollegen. Mein Zutun war hier, dass ich in einem entscheidenden Moment eine nette Frotzelei eingebracht habe. Das war eher Zufall, dass mir ein solch starkes und glückliches Bild eingefallen ist und durchaus nicht geplant, Figuren aus dem inneren Team zu konstruieren. – Aber manchmal ist ja der Zufall ein starker Motor und das darf man dann auch genießen.

Deshalb, und weil ich gerade das Buch Coaching-Tools lese, kam mir dieser Widerstand gegen die Verwendung des zirkulären Interviews im Selbstmanagement. Mit einigen Abänderungen der Methode dürfte es sogar sehr brauchbar sein und ich bin mir ziemlich sicher, dass es Therapeuten und Coaches gibt, die damit arbeiten.
Natürlich sollte man hier die Liste mit systemischen Fragen an diese Methode anpassen. Das darf jeder für sich selbst machen.
Gute Einführungen zum systemischen Fragen findet ihr bei
  • von Schlippe, Arist/Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie I, Göttingen 2000; S.137-163.
  • Simon, Fritz B./Rech-Simon, Christel: Zirkuläres Fragen, Heidelberg 2007.
Das Buch, das ich derzeit lese, Coaching-Tools, wurde von Christopher Rauen herausgegeben. Die beiden Artikel, die mich angeregt haben, sind folgende:
  • Backhausen, Wilhelm: Beobachten des Beobachters, S. 77-80.
  • Schäper, Carsten: Zirkuläres Interview, S. 90-94.

29.07.2008

Soft-skills: Empathie und Lernzielanalyse

Noch so ein unvollendetes Projekt von mir: die soft-skills durch den Fleischwolf der Lernzielanalyse zu drehen. Fleischwolf ist hier durchaus als Analogie zu nehmen, denn die Lernzielanalyse gliedert in einzelne Stränge auf, zerfasert das Thema, ähnlich wie das Fleisch durch den Fleischwolf zerfasert und durch verschiedene Löcher gepresst wird.

Systematisierung
Wie immer bei solchen doch recht gewalttätigen Systematisierungen habe ich mich längere Zeit davor gescheut. Das ist natürlich aus dreierlei Gründen eher unverständlich: 1. ist die Basis allen Lernens die Aggression, und mit einem recht aggressiven Modell zu beginnen, wie es die Lernzieltaxonomie bereitstellt, ein guter Beginn einer solchen Auseinandersetzung mit soft-skills; 2. ist der Einstieg noch lange nicht das Ergebnis, und insofern kann man im Nachhinein verändern, was im Vorhinein nur befürchtet (oder gewünscht) werden kann; 3. ist meine Erfahrung, dass ein Begriff, der nicht gründlich durchgearbeitet wird, und zudem ein so schwammiger Begriff wie der der Empathie, dort Gewalt erzeugt, gleichsam auf seiner Rückseite, wo er nicht genügend ausdifferenziert wird: wo der Aggression des Lernens nicht genügend Raum gegeben wird, duldet man die Gewalt des Zusammenhangs.

Lernzielanalysen
Was aber ist nun eine Lernzielanalyse? - Ich gehe hier nicht auf neuere Taxonomien ein, die das Konzept durchaus verwässern mögen, sondern halte mich an die Taxonomie von Bloom. Bloom unterscheidet zwischen den Dimensionen des kognitiven Prozesses und den Dimensionen des Wissens.
Die Dimensionen des kognitiven Prozesses teilt er in sechs Bereiche auf: 1. erinnern, 2. verstehen, 3. anwenden, 4. analysieren, 5. bewerten, und 6. erschaffen.
Die Dimensionen des Wissens werden in vier Bereichen dargestellt: 1. faktisches Wissen, 2. begriffliches Wissen, 3. prozedurales Wissen und 4. meta-kognitives Wissen.
Diese Dimensionen werden in einer Tabelle zusammengestellt, so dass sich jeweils ein Schnittpunkt ergibt, also eine Tabelle mit 24 Kästchen entsteht.

Empathie und idealtypischer Beobachter
In Bezug auf die Empathie gibt es nun eine gewisse Komplikation, die mir zwar vorher undeutlich bewusst war, die ich aber erst deutlicher formulieren konnte, als ich dann die Bloomsche Tabelle anhand der soft-skill-Seite von André Moritz ausformuliert haben.
1. Ich selbst setze mich als einen passiven Beobachter, der die andere Person als gegeben voraussetzt, und dessen Weltbild rekonstruiert, als ob ich selbst nicht an dieser Konstruktion beteiligt wäre. Ich behandle mich selbst also als eine Art extramundanes Wesen, eine Art Gott, für den die Heisenbergsche Unschärferelation nicht gilt.
2. Ich sehe mich als einen Mensch an, der die Empathie lernen will (und sehe davon ab, dass ich auf bestimmte Weise schon empathisch bin).
3. Ich sehe mich als einen Mensch, der empathisch ist und diese Empathie anwendet (und sehe davon ab, dass es keine Totalität der Empathie geben kann).
Das heißt, dass ich in allen drei Fällen einen idealtypischen Beobachter/Handelnden konstruiere und danach natürlich auch die Lernzieltaxonomie von Bloom jeweils unterschiedlich ausfüllen muss.

Sie sehen hier schon, wie komplex das Ganze insgesamt wird, und tatsächlich sind meine Aufzeichnungen dazu ein Wirr-Warr an vielerlei Formulierungen, die erst nach und nach in der Bloomschen Taxonomie selbst zu einem halbwegs sinnvollen Ergebnis gekommen sind, und zweitens erst im Ausformulieren die verschiedenen idealtypischen Beobachter getrennt haben.
Ich werde wohl in den nächsten Tagen diese ganzen Notizen ordnen und das eine oder andere in den Blog stellen. Jedenfalls ist die Tabelle von Bloom hervorragend geeignet, um eine Differenzierung in Begriffe zu bringen, die eher diffus angewendet werden.

28.07.2008

Erholung & "Coaching-Tools"

In den letzten Tagen habe ich noch Überbleibsel längerer Überlegungen in den Blog gestellt. Letzte Woche hat dann das neue Projekt auf meiner Arbeit viel Kraft geraubt, und am Wochenende war ich dann etwas lustlos, noch viel für den Blog zu schreiben.

Zudem habe ich vier neue Bücher zum Rezensieren bekommen, alle aus dem managerSeminare-Verlag, und nach der ersten Durchsicht scheinen auch alle mindestens gut zu sein. Die vier Bücher sind:
  • Rachow, Axel: SICHTBAR. Die besten Visualisierungs-Tipps für Präsentation und Training
  • Methodensammlung für Trainerinnen und Trainer
  • Rauen, Christopher (Hrsg.): Coaching-Tools I + II
Coaching: Dramatisierung = praktische Relevanz & Narration
Im übrigen wird bei amazon.de die Sammlung mit Coaching-Tools als Kraut und Rüben bezeichnet, und die einzelnen Artikel als zu oberflächlich. Das ist mithin ein recht verfälschendes Bild dieser beiden Bücher, denn erstens hat Rauen nicht den Anspruch, hier tief in die Materie einzusteigen, und seine Mitstreiter natürlich auch nicht, zweitens kann er den Anspruch auch garnicht haben, denn sechzig Tools auf 348 Seiten lassen wenig Platz für tiefgreifende Darstellungen. Insofern wendet sich dieses Buch auch nicht an Einsteiger, sondern an solche, die über den Tellerrand des systemischen oder des humanistisch orientierten Coachings hinausschauen wollen.
Mich stört eher etwas anderes an den beiden Büchern: wie das Coaching selbst ist der Umgang mit Coaching-Werkzeugen ein Lernprozess. Hier aber bleibt das Buch, bzw. Rauen sehr vorsichtig bei einem Nehmen Sie sich, was zu Ihnen passt (einer Art hedonistischer Feyerabend: anything goes, as long as it is comfortable for you). Das verleitet geradezu zur methodischen Faulheit. Nun kann es aber nicht die Pflicht von Herrn Rauen sein, die Leser seiner Bücher zu einem intensiveren Einarbeiten zu bewegen, bzw. einem Sich-Selbst-Umarbeiten. So viel Lese- und Lernkompetenz sollte jeder Coach selbst mitbringen, schließlich hat man es doch mit gewissermaßen erwachsenen Menschen zu tun. Und mit einigen Grundkenntnissen anderer theoretischer Zugänge sollte dann auch ein Abschätzen eines Artikels möglich sein, und sei dieser aus dem psychoanalytischen Coaching (das es tatsächlich gibt).
Tools im Titel verleitet zu einer solchen Annahme: man packt einen Werkzeugkoffer aus, sucht sich das passende Tool heraus und arbeitet dann damit. Grundsätzlich kann man vom Werkzeugcharakter solcher Tools aber nicht sprechen, und insofern ist das Wort irreführend. Es handelt sich eher um kleine Dramatisierungen, die einer halbwegs geordneten kleinen sozialen Situation (also der Coaching-Sitzung) eine neue Wendung geben. Man hat es, mit einer Vergleich gesprochen, mit ähnlichen Prozessen zu tun wie beim Romanschreiben, beim Plotten: hier sind es die Szenen, die Wendungen einführen und so die Geschichte weitertreiben, und ähnlich den Szenen sind diese Tools geordnete Abläufe, die im Coaching dasselbe tun.
Man kann darin dann eine doppelte Einheit jedes Coaching-Tools sehen: einmal durch die Zielorientierung innerhalb der Dramatisierung, also ihrer praktischen Relevanz; und einmal durch die Einordnung in einen Prozess der Wandlung und des Entdeckens, also in eine Narration - Coaching ist doch schließlich nichts anderes als ein Bildungsroman ohne Buch.

25.07.2008

Antifa-Trümmer

Die Politik Stalins habe, so paraphrasiert oder zitiert der Parteienforscher Harald Bergsdorf gestern im Tagesspiegel (Berlin) Sahra Wagenknecht, "nicht Niedergang und Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen Zeitraumes" bewirkt.
So weit also die Pressestimme, die der Linken das Hofieren von Diktatoren vorwirft. Ein gewisses gefährliches Spiel mit linkem Geschichtsreduktionismus gibt es immer noch in der Links-Partei. Das ist mit Sicherheit die eine Seite, die man mit aller Aufmerksamkeit beachten muss. Auf der anderen Seite darf man weder verkennen, aus welchen historischen Strömungen "Diktatoren" entstanden sind, und dass hier die eine oder andere Nuance genutzt werden sollte.
So wird Rosa Luxemburg als militante Demokratiefeindin "gewürdigt": vergleicht man aber, dass Luxemburg stark gegen Lenin und seinen Obrigkeitsstaat polemisiert hat, relativiert sich diese Aussage schon wieder. Schließlich muss man einfach sehen, wann Luxemburg wie gelebt und gegen wen gekämpft hat. Sie hat in den letzten Tagen des parlamentarischen Kaiserreichs ihre ersten politischen Schritte getan, saß mehrmals während des ersten Weltkrieges im Gefängnis und wurde 1919 ermordet. Ihre politischen Einsätze galten also nicht gegen ein demokratisches geführtes Land, sondern gegen ein Unrechtsregime.
Im wilhelminischen Reich zum Beispiel hatte der Angeklagte die Beweise seiner Unschuld vorzubringen. In der demokratischen Verfassung gilt aber der Grundsatz Unschuldig bis zum Beweis der Schuld. Hier einfach eine unhistorische Wertung draufzusetzen, eine so geradezu dämliche Polemik, sollte doch eines Parteienforschers nicht würdig sein, oder?
Sicher: was Stalin getan hat, glich schon einer militanten Industrialisierung. Negt und Kluge haben in ihrem Buch Geschichte und Eigensinn ein schönes Bild gezeichnet: nachdem deutschen Großstädte in Trümmern lagen, fanden sich die alten Wege rasch über den Trümmern wieder zusammen. Die Menschen waren so gewohnt, genau diese Wege zu gehen, dass sie selbst das veränderte Terrain nicht davon abbringen konnte. Michel de Certeau berichtet in Kunst des Handelns, dass die südamerikanische Bevölkerung die christliche Missionierung rasch annahm. Erst viele Jahre später zeigte sich, dass unter der symbolischen Anpassung an den christlichen Glauben die animistischen Überzeugungen weiterlebten. Der Animismus hatte lediglich sein Gewand gewechselt. - Und so könnte Stalins Leistung tatsächlich nicht nur im Gesamtkontext fragwürdig sein, sondern schon alleine wegen dieser Industrialisierung im Schweinsgalopp: das Volk könnte sich darunter - aber dazu habe ich tatsächlich zu wenig Ahnung von der Sache - an alten Strukturen festgehalten haben, an Obrigkeitsstrukturen, die den aristokratischen Terror nur durch den bürokratischen ersetzt haben.
Und so können wir die Ära Stalins vielleicht nicht nur wegen Stalins Politik nicht als Triumph werten, sondern auch, weil die materielle und symbolische Umwandlung nur an einem sehr oberflächlichen Teil der Gesellschaftsstruktur kratzt.
Im übrigen ist mir der Mensch Stalin egal. Wir sehen durch die historische Brille doch nur ein Phantom von ihm. Wichtiger ist doch, welche Lehren wir aus dieser Ära ziehen können. Aus einem Menschen ein Monster zu machen, dürfte dabei kaum hilfreich sein. Seine Taten zu verniedlichen oder zu verharmlosen, natürlich ebensowenig.
Nun kenne ich Sahra Wagenknecht als eine scharfe Analytikerin, die, trotz aller unterschiedlicher Auffassungen, die zwischen uns stehen dürften, eben kein einfaches Bild zeigt, und nicht ohne gründlich nachzudenken eine Aussage trifft. Vor allem habe ich, zumindest als Intention, nie eine Fiktionalisierung bei ihr gespürt: ihr geht es um die Menschen, die heute leben, und die Geschichte ist ihr ein lehrreicher Prozess, der nicht rosarot angepinselt werden darf.
Eher zieht sich Harald Bergsdorf auf eine Kritik zurück, die dadurch besonders delikat wird, weil er der Linken Freund-Feind-Denken vorwirft, das dann auch noch durch das Wort Klassenfeind, in Klammern und Anführungsstrichen, besonders markiert; und macht doch selbst nichts anders, als durch Entdifferenzierung genau dieses Freund-Feind-Bild aufzubauen.
Ebenso unsinnig ist Bergsdorf Satz, Kommunismus sei per definitionem undemokratisch (hier jedoch der wikipedia-Artikel). Kommunismus ist, wie Marx an der einzigen Stelle, wo er dieses Wort meines Wissens benutzt, der Deutschen Ideologie, der gleichberechtigte Umgang aller Menschen ohne Ansehen ihres Standes, ihrer Herkunft oder ihres Besitzes. Marx sagt dort noch nicht mal, dass jeder Mensch nur das Gleiche besitzen solle oder dass alles Eigentum dem Staate gehört. Kommunismus ist per definitionem also demokratisch und die Frage, die sich mir stellt, ist eher: wenn Kommunismus so und so ist, was haben dann Stalin etcetera gemacht, was machen heute die sogenannten Kommunisten?
Harald Bergsdorf sollte also schleunigst an seinem Weltbild arbeiten, denn dieses Sammelsurium an linken Monstrositäten, das er im Tagesspiegel versammelt hat, ist eine Folge seiner undifferenzierten Betrachtungsweise, nicht ein Phänomen linker Politik.
Selbstverständlich muss man deshalb nicht aufhören, die Links-Partei zu kritisieren. Aber, wie Bergsdorf dies konzediert, ein Aufruf zur Parteienkritik ist nicht Folge, sondern Grundlage jeder demokratischen Gesinnung. Muss man dies noch einmal für einen politisch gebildeten Menschen so hervorheben?

24.07.2008

Sofas

Frank hat in seinem Blog über den Prenzlauer Berg geschrieben, dass “…ach ja und noch was ganz furchtbares: hier setzen alle ihre sofas aus, was so ein ding wirklich nicht verdient hat. was hat man auf einem sofa nicht alles gemacht und getrieben und dann einfach ab an den straßenrand damit … nicht nett!! …” (hier).
Das hat sich nicht geändert.
Neu dagegen ist, dass man jetzt seine Bücher in Baumstämme stellen kann, wenn sie ausgelesen sind und keine der öffentlichen Bücherhallen sie mehr haben will. Dort können sie dann von anderen Bücherbummlern mitgenommen werden. Eine nette Idee, die es mittlerweile auf der ganzen Welt gibt.

Frank hat eine neue Rubrik: wer schreiben will, muss sehen. und notieren. - Das ist im Prinzip meine Kategorie erleben, auch zu finden unter Aufspaziertes. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich seit Wochen nicht mehr in dieser Rubrik geschrieben habe. Ich habe einfach zu viele davon.

Multi-Kulti oder Nationalgesellschaft?

Niklas Luhmann hat mit seiner Theorie der operativen Geschlossenheit und der strukturellen Kopplung ein sehr scharfes Konzept erstellt, das immer noch quer zu dem Alltagsglauben steht. Da ich seit einiger Zeit immer auch mal wieder am Kulturbegriff arbeite, bin ich natürlich auf Luhmann gestoßen (der ja über Jahre hinweg derjenige Theoretiker war, den ich hauptsächlich gelesen habe: dass er heute so aus meinem Denken verschwunden ist, liegt nicht daran, dass ich ihn für unwichtig halte, sondern dass viele Menschen seine Gedanken nicht nachvollziehen können).
Ich möchte hier nicht weiter auf die Theorie Luhmanns eingehen, auch nicht auf die Begriffe operative Geschlossenheit und strukturelle Kopplung, die ich mal so schick in den Raum geworfen habe. - Kultur, darum geht es hier.

Grenzen der Kultur

Luhmann findet gegen den Kulturbegriff zahlreiche Argumente. Das wichtigste dürfte sein, dass Kultur sozusagen eine Grenze erzeugt, die etwas einschließt, und anderes ausschließt. Etwa die deutsche Kultur, die alles einschließt oder einschließen soll, was deutsch ist, und alles ausschließt, was undeutsch ist. Soweit es sich um einen Begriff handelt, ist dies sogar ein üblicher Vorgang. Begriffe müssen trennen. Problematisch wird es zuallererst auch dann, wenn man den Begriff mit einem Territorium verkoppeln möchte. Kurz gesagt ist es der deutsche Eiche egal, wie sie genannt wird. Es lässt sie nicht besser wachsen und hindert sie nicht bei ihrem alltäglichen Geschäft.

Schwerwiegende kriminelle Prozesse

Der Begriff der Kultur hat für sich das Problem, dass er nicht erklären kann, warum die Grenze gerade hier oder dort gezogen wird, warum sie für dieses noch eine Zugehörigkeit bereit hält und für jenes nicht mehr. Neonazis, aber auch viele gemäßigtere Menschen, halten nationalpathologische Prozesse für die Schuldigen und argumentieren, dass diese Prozesse eliminiert werden müssten, in welcher Form auch immer, um das Kulturproblem zu lösen. Es ist aber sehr viel sicherer, dass der unklare Begriff gerade diese Prozesse erzeugt. Nicht erzeugt in dem Sinne, dass durch den Kulturbegriff plötzlich Dönerbuden statt Rouladenkiosks entstehen, oder die Ausländer-Kriminalität besonders ansteigt, sondern in dem Sinne erzeugt, dass hier ein besonders qualitatives Gewicht geschaffen wird und dass die Ausländer-Kriminalität als eine Art schwerwiegender pathologischer Prozess gesehen wird, im Vergleich zur "normalen" deutsche Kriminalität.

Unscharfe Begriffe und der Zorn

Unscharfe Begriffe sind immer Begriffe, die sehr ungefertigt dastehen. Vor allem ist der Zusammenhang zwischen der kognitiven Struktur und dem sinnlichen Dasein eher lose oder auch mal ganz und gar widersprüchlich. An solchen Konstellationen aber klebt der Zorn oder die Resignation. Zorn, das ist immer noch eine pathologische Verschiebung einer gesunden Aggression, die zum Lernen dazugehört, und auch zur Begriffsbildung. Kann ein Begriff nicht das leisten, was er zunächst verspricht, und der Begriff der Kultur gehört hier auf jeden Fall dazu, dann muss man ihn entweder fallen lassen, oder man gerät in Gefahr, den Zorn auf jene Prozesse abzuspalten, die gerade den Begriff auflösen oder aufzulösen drohen. Im Falle der Kultur sind dies natürlich dann all die Sachen, die nicht in die erste Handhabung der Kultur passen. Dass hinterrücks damit auch ganz andere Phänomene aus der Kultur herausgeworfen werden, wie zum Beispiel die meisten klassischen deutsche Schriftsteller, mag dann niemand mehr sehen.
Unscharfe Begriffe sind immer ein Problem. Sei es Kultur, sei es sinnentnehmendes Lesen, sei es subjektorientierte Diagnostik, oder demokratische Institution: sie hüten einen Zorn in sich, sind, um mit Sloterdijk zu reden, Zornbanken, die selbst wieder zu abweichenden Prozessen führen.

Verschiebungen des Multi-Kulti

Der Begriff des Multi-Kulti ist ein genauso dummer Begriff. Im Prinzip stützt er sich auf den Kulturbegriff, kann hier aber nur durch Gleichwertigkeit ersetzen, was nationalistische Konzepte durch Höherwertigkeit bewertet haben. Beide Wertungen müssten eigentlich als vollkommen imaginär erkannt werden. Multi-Kulti ist also nur eine bedingte Verschiebung, statt einer wirklichen Lösung oder einem sinnvollen Gegenkonzept.
Niklas Luhmann jedenfalls schreibt dazu:
Wie eine umfangreiche Debatte über »Relativismus« und »Pluralismus« zeigt, fällt es schwer, aus dieser Sachlage die erkenntnistheoretischen Konsequenzen zu ziehen. Man geht so weit, zuzugestehen, dass alle Gesellschaften, Kulturen usw. eine »eigene Welt« erzeugen und dass man dies in den Sozialwissenschaften zu akzeptieren hat. Aber dann bleibt der Standort des Beobachters, der Pluralismus akzeptiert, ungeklärt. Man wird ihn kaum, in Gottnachfolge, als weltlosen Beobachter beschreiben können oder als freischwebende« Intelligenz. Es muss also eine Erkenntnistheorie gefunden werden, die es erlaubt, ihn als Beobachter anderer Beobachter in der Welt zu lokalisieren, obwohl alle Beobachter, er eingeschlossen, verschiedene Weltentwürfe erzeugen. Es kann deshalb keine pluralistische Ethik geben, oder wenn, dann nur als Paradox einer Forderung, die zu sich selbst keine Alternativen zulässt. Man kann nach all dem nicht davon ausgehen, dass die Welt ein »Ganzes« sei, das in »Teile« gegliedert sei. Sie ist vielmehr eine unfassbare Einheit, die auf verschiedene, und nur auf verschiedene, Weisen beobachtet werden kann. Ihre »Dekomposition« ist nicht auffindbar, sie kann nur konstruiert werden, und dies setzt die Wahl von Unterscheidungen voraus. Dem trägt der radikale Konstruktivismus in der Weise Rechnung, dass er Welt als unbeschreibbar voraussetzt und das Geschäft der Selbstbeobachtung der Welt in der Welt auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung verlegt.
Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 155f.

23.07.2008

Plotten

Als ich letztes Wochenende damit begann, einen Plot von hinten her aufzurollen, wusste ich noch nicht, wohin das führen würde. Mittlerweile steht eine recht komplexe Abenteuergeschichte, in der bereits einzelne Szenen und zahlreiche Figuren geplant sind. Nicht alle - an einigen Stellen werde ich noch herumbasteln müssen und hier und da werden diese Veränderungen auch noch einmal andere Teile der Geschichte umstoßen.
Hier jedenfalls so etwas wie eine Erfahrung mit dieser Art des Plottens.

Ausgegangen bin ich von dem dramatischen Höhepunkt der Geschichte: ein Jugendlicher stellt einen Mann, der für den Tod zweier Menschen verantwortlich ist. Von dort aus bin ich zunächst genauer auf diese Szene eingegangen: wo passiert sie? wo liegt der grundlegende Wertekonflikt?
Dann kamen praktischere Dinge dran: wie hat der Jugendliche den Mann gefunden? welche Spuren hat der Mann hinterlassen? wie hat der Jugendliche diese Spuren zusammenfügen können?
Als nächstes habe ich die Ausgangssituation entworfen: wo und wie lebt der Junge? was zieht ihn in diesen Konflikt hinein?

Bis zu diesem Punkt war der ganze Entwurf des Plots mehr oder weniger ein reines Brainstorming und ich habe mich weitestgehend nicht um die Logik gekümmert. Das war auch gut so.
Denn ab diesem Moment haben mich die Lücken im Plot sehr herausgefordert: sie haben Probleme aufgeworfen, die ich lösen wollte. So habe ich dann mehrere Abfolgen der groben Handlung skizziert, diese ergänzt, umgeschoben und erneut zusammengefügt, bis eine hübsche Geschichte entstanden ist, die rasch in den Konflikt hineinspringt, aber eben noch viel Zeit zur Entfaltung lässt.

Zuallererst also habe ich den ganzen Bezug ausgeklammert und eher nach Lust und Laune einige Elemente für den Plot zusammengestellt. Dann aber habe ich mich auf Techniken des Problemlösens gestürzt.
Allen voran war es der Bergsteigeralgorithmus, die mir hier sehr geholfen hat. Der Bergsteigeralgorithmus besteht darin, dass man immer nur ein wenig auf das Ziel zugeht, eben so weit, wie man sich gerade dazu in der Lage fühlt, und wenn man ermüdet, sich einen anderen Berg aussucht. Und - um dies weniger metaphorisch auszudrücken -: der Plot hatte zahlreiche offene Probleme, die ich immer abwechselnd bearbeitet habe, für die ich in groben Zügen Handlungslinien entworfen habe, und wenn ich an dieser einen Stelle nicht weiterkam, bin ich zu einem anderen Problem gesprungen. Schließlich hat sich eine Art Interaktion zwischen den Teilen hergestellt. Diese habe ich dann mehr und mehr in einen Zusammenhang gebracht. Und jetzt steht eben dieser recht komplexe Plot mit nahezu sechzig Szenen; wobei, ich sagte es ja schon oben, einige Abschnitte immer noch bearbeitet werden müssen.

Das ist eine ganz hübsche Art und Weise, sich einen Plot zu entwerfen. Vielleicht probiert ihr das selbst mal aus: sozusagen das Finale entwerfen, dieses Finale knapp skizzieren, dann die letzten Züge vor dem Finale, endlich den Ausgangspunkt. Ab da füllt ihr den Zwischenraum auf.
Nebenbei gesagt: ich habe gut zwanzig DIN A4-Blätter vollgekritzelt, und den neuesten Stand der Geschichte immer wieder übertragen, wenn das aktuelle Blatt zu unübersichtlich wurde. Das macht schon Arbeit. Auf der anderen Seite ist dieses Ordnen und Verschieben auf dem Papier günstiger, als wenn man es nur im Kopf macht: man erreicht hier einfach eine größere Komplexität.

22.07.2008

Romanblog - "Landeplatz der Engel"

Ich darf hier auf einen sehr frischen Blog hinweisen: Landeplatz der Engel. Einen Blog anzulegen, um das Entstehen eines Romans zu reflektieren ist nun nicht neu. Und häufig "versackt" der Blog dann in Untätigkeit und vom Roman wird nie wieder etwas gehört. Ohne zynisch sein zu wollen, kann man bei 98% aller Blogs auch sagen: zum Glück, denn was dort mitgeteilt wird, ist banal und oftmals unverhohlene Selbstbeweihräucherung ohne einen anständigen Boden unter den Gedanken. Über Rechtschreibung und Grammatik mag ich nun so garnicht mehr reden. Das macht zwar noch nicht den guten Schriftsteller aus, sollte aber mindestens gut beherrscht werden.
Dieser Blog hier verspricht zumindest besser zu sein. Wenn er sich nicht qualitativ völlig absetzt. Aber kein Wunder: die Vita des Bloggers ist hier zu bewundern: Frank Maria Reifenberg. Nur das mit den kleinen Kniffen des Bloggens, wie zum Beispiel das Einbinden von HTML, das klappt noch nicht so ganz. Aber das habe ich bei meinem Blog ja auch erst nach zwei Jahren umgesetzt.

Nachtrag:
Der Roman ist ja schon veröffentlicht (siehe hier). Na gut, ich nehme alles zurück. - Fast alles.

Scribefire, meine Leiden beim Bloggen

Mittlerweile bin ich sehr stolz darauf, dass ich nicht nur sehr regelmäßig Artikel hier schreibe, sondern diese auch mit einem kleine Inhaltsverzeichnis versehe, so dass sich die Leser hier besser zurechtfinden können.

Mozilla Firefox und Scribefire
Ein Grund für diesen Fortschritt liegt natürlich auch daran, dass ich doch regelmäßig Besuch bekomme und mich mein Ehrgeiz gepackt hat, meine HTML-Kenntnisse hier gründlicher einfließen zu lassen. Besonders wichtig aber war meine Umstellung auf Mozilla, den wesentlich komfortableren Browser, vergleicht man ihn mit dem Internet Explorer, und dem kleinen Zusatzprogramm Scribefire, auf dem man sehr komfortabel Texte erstellen kann und sogar einige Tage ruhen lassen kann, bevor man sie überarbeitet und ins Netz stellt.
Hier findet ihr den Mozilla-Download.
Habt ihr den Mozilla installiert, könnt ihr über Scribefire Blog Editor die Erweiterung herunterladen. Sobald dies geschehen ist, seht ihr rechts unten auf der Informationsleiste ein orangenes Symbol, über das ihr Scribefire aufrufen könnt. Dort müsst ihr nur noch einrichten, auf welchen Blog Scribefire zugreifen darf und schon könnt ihr losschreiben.

Zwischenüberschriften anlegen
Wollt ihr Unterverzeichnisse anlegen, wird die Sache etwas komplizierter. Diese Funktion unterstützt Scribefire nicht direkt.
Links oben im Bedienfeld seht ihr zwei Symbole: ein einfaches A und eines in Klammern: <A>.
Mit diesen beiden Symbolen wechselt ihr zwischen der Text-Version eures Artikels und der HTML-Version hin und her.
Um nun Unterverzeichnisse anzulegen, müsst ihr jedes Unterverzeichnis mit einem HTML-Befehl versehen. Dieser HTML-Befehl lautet wie folgt:
<a name="XXX">yyy</a>
Der Befehl name="" definiert das Sprungziel. Dieses Sprungziel steht zwischen den Gänsefüßchen. Wie ihr das Sprungziel nennt, ist aber egal. Hier habe ich es XXX genannt.
Wichtig ist, dass der Befehl name="" zwischen dem kleiner-als und dem größer-als steht und dass hinter dem kleiner-als direkt das a folgt. Der Befehl </a> schließt das Sprungziel ab.
Wenn ihr nun den Text veröffentlicht, sieht der Leser aber nur die Zeichen zwischen den ersten Befehl und dem abschließenden Befehl: er sieht also nur das yyy, also die Zwischenüberschrift.

Das Sprungziel nutzen
Auch dazu bleibt ihr in der HTML-Ansicht von Scribefire.
Wollt ihr innerhalb des Artikels einen Sprung zu einer Zwischenüberschrift ermöglichen, dann nutzt ihr folgenden Befehl:
<a href="#XXX">Springe nach yyy</a>
Mit href="#" definiert ihr einen Sprung innerhalb des Artikels. Wichtig ist, dass das erste Zeichen zwischen den Gänsefüßchen eine Raute ist. Diese Raute müsst ihr setzen, auch wenn sie im Namen des Sprungziels nicht vorkommt. Die Raute sagt dem Programm, dass es sich um ein Sprungziel im Artikel selbst und nicht im gesamten Internet handelt.
Das Springe nach yyy erscheint später als ein Link zu der entsprechenden Stelle. Diesen Link kann der Leser anklicken und dadurch zu dem Sprungziel kommen. Nach diesem Link müsst ihr wieder ein abschließendes </a> setzen.

Das Sprungziel in einen anderen Artikel nutzen
Wollt ihr zu einer markierten Stelle in einem anderen Artikel nutzen, geht das natürlich auch.
Ihr müsst hier nur einen Link auf diesen Artikel setzen und dann am Ende der Adresse die Raute plus dem Namen des Sprungziels setzen.
Will ich also zum Beispiel auf eine Internetseite mit dem Namen Fussball zu der Zwischenüberschrift Podolski springen, muss ich den Link so definieren:
<a href="Fussball#Podolski">Podolski forever</a>
Sobald ich den Artikel veröffentlicht habe, sehe ich dann einen Link Podolski forever, der mich an die entsprechende Stelle bringt. Dieses Beispiel funktioniert natürlich nicht, sondern soll nur klar machen, wie das prinzipiell funktioniert.
Aber probieren wir mal ein Beispiel aus, das tatsächlich funktioniert. Der Link
<a href="http://frederikweitz.blogspot.com/2008/07/schlagfertigkeit-und-figurale-muster.html">Schlagfertigkeit und figurale Muster</a>
führt auf die entsprechende Seite in meinem Blog. Hier könnt ihr das ausprobieren: Schlagfertigkeit und figurale Muster.
Und der Link
<a href="http://frederikweitz.blogspot.com/2008/07/schlagfertigkeit-und-figurale-muster.html#falsche Antithese">falsche Antithese</a>
führt auf eine Unterüberschrift. Hier in der Praxis: falsche Antithese.

Das alles ist ein wenig umständlicher, als notwendig wäre, aber mit ein wenig Übung klappt das ganz gut.

Meine Leiden
Nun schafft mir mein Blog, bzw. Blogspot ein kleines Problem: er erkennt die internen Links nicht und erweitert deshalb die Befehle, wodurch der Link nicht mehr funktioniert. Dann muss ich nochmal in den Editor des Blogs hineingehen und die Erweiterung rauskürzen. Danach klappt es auch, meistens. Aber es ist doch mühsam.

21.07.2008

Motivationen/Bedürfnisse im Roman (kreatives Schreiben)

Neben den Typologien, die man sich selbst erarbeitet (siehe dazu oben), kann man für das freie und kreative Arbeiten natürlich auch Typologien nutzen, die die Wissenschaft liefert. Das ist natürlich eine ganze Ecke bequemer, zunächst.
Denn bei diesen Typologien handelt es sich häufig nicht um Modelle, die für den Schriftsteller gemacht wurden. Und dann muss dieser doch noch viel Denkarbeit leisten.
Ich stelle zunächst eine solche Typologie vor, und dann drei Übungen (analytische Übung - reflektierende Übung - Jagen, Sammeln, Verarbeiten), die den Umgang mit dieser Typologie einüben. Das alles natürlich mit Bezug auf die schriftstellerische Tätigkeit.

Die Bedürfnispyramide nach Maslow
Abraham Maslow ist ein amerikanischer Psychologe, der heute vor allem wegen seiner Bedürfnispyramide berühmt ist. Man mag von diesem Modell halten, was man will. Zunächst bietet es uns ein wunderbares Analysemittel für die Bedürfnisse und Motivationen von Romanpersonen.
Ich stelle hier diese Pyramide als Liste dar. Der erste Punkt bildet das Fundament der Pyramide und der letzte Punkt deren Spitze. Nach Maslow müssen zuerst die fundamentalen Bedürfnisse hinreichend befriedigt sein, damit ein Mensch mit den folgenden Bedürfnissen und deren Anforderungen gut umgehen kann. Werden Zwischenglieder übersprungen, kann es zu krankhaften Verformungen der Seele kommen; so würde – nach Maslow – zum Beispiel das ästhetische Bedürfnis nach Ordnung ohne ein hinreichendes kognitives Bedürfnis von Verstehen und Entdecken die Gefahr einer Deformation und einer pathologischen Entwicklung erhöhen.

Hier also die acht Bedürfnisse:
1. körperliche Bedürfnisse: Atmung, Wärme, Trinken, Essen, Schlaf;
2. Sicherheit: Schutz vor Gefahren, Wohnung, fester Arbeitsplatz, Gesetze, Versicherungen, Gesundheit, Ordnung, Religion;
3. soziale Beziehung: Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Kommunikation, Fürsorge;
4. soziale Anerkennung: Status, Wohlstand, Geld, Macht, Karriere, sportliche Siege, Auszeichnungen, Statussymbole, Rangerfolge;
5. kognitive Bedürfnisse: zu wissen, zu verstehen und zu entdecken;
6. ästhetische Bedürfnisse: Symmetrie, Ordnung, Schönheit;
7. Selbst-Aktualisierung: Selbsterfüllung finden und das eigene Potential entwickeln;
8. Selbst-Transzendenz: sich mit etwas jenseits des Selbst verbinden und anderen Menschen auf dem Wege ihrer Selbsterfüllung helfen.

Analytische Übung
Hier ist natürlich zuerst eine Analyse sinnvoll; eine Analyse, die sich mit einer Geschichte, einem Roman auseinandersetzt. Mein Tipp dazu: fangen Sie mit dem zentralen Bedürfnis der Hauptfigur des Romans an; zentral heißt: das große, grundlegende Bedürfnis, Ihrer Meinung nach. Dann suchen Sie die zentralen Bedürfnisse einiger weiterer Figuren, insbesondere des großen Gegenspielers, wenn es denn einen gibt. (Harry Potter besitzt solch einen Gegenspieler in Voldemort. Bei Kellers Grünen Heinrich werden Sie einen solchen stellenweise finden und Goethes Wilhelm Meister kommt fast ganz ohne diese bedrohliche Figur aus.)
Dann können Sie sich an kleinere Abschnitte machen, zum Beispiel nach Kapiteln und hier je ein Bedürfnis pro Person notieren. Bleiben Sie dabei ruhig exemplarisch, ja karg. Ein Vorteil von einer solchen Verengung ist ja auch, dass sich unsere Einbildungskraft dagegen wehrt und je knapper und monotoner wir etwas fassen, umso stärker spüren wir diese Kraft. Jedenfalls geht es mir immer so.

Reflektierende Übung
Wenn Sie diese Einteilung, diese Analyse durchgeführt haben, schlage ich hier nun ganz das Gegenteil vor: schreiben Sie ohne Punkt und Komma alles auf, was Ihnen zu dieser Übung noch einfällt, was Ihnen gefehlt hat, wie es Ihnen mit dieser Übung ergangen ist. – Diese Technik liegt sehr dicht am free-writing und am brainstorming, nur ist sie nicht mit einer Idee oder einem Stichwort verbunden, sondern mit der Erfahrung des Analysierens. Meiner Ansicht nach sind solche gegensätzlichen Momente notwendig, um von dort aus den Gedankenhorizont wieder auszudehnen und sich nach der Konzentration erneut dem freien Fließen der Assoziationen zu überlassen.

Übung: Jagen, Sammeln, Verarbeiten
Übrigens können Sie mit der Bedürfnispyramide auch auf Ideenjagd in Ihrer Umwelt gehen. Notieren Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und die möglichen Bedürfnisse Ihrer Mitmenschen. Sie haben als Schriftsteller ja hoffentlich einen Skizzenblock, den Sie ständig bei sich führen.
Haben Sie so eine Reihe von Bedürfnissen gesammelt, können Sie folgendes ausprobieren: Skizzieren Sie Hindernisse, die sich der Befriedigung eines Bedürfnisses entgegenstellen und Möglichkeiten, wie der Mensch damit umgehen könnte. – Schon haben Sie den Keim zu einer Geschichte.

Beispiele:
1. um bei seinen Freunden mitreden zu können, möchte ein Mann ein bestimmtes Buch lesen (Bedürfnis: soziale Beziehung) – dieses Buch ist in der Bibliothek nicht vorhanden (Hindernis) – der Mann diskutiert mit der Bibliothekskraft, warum sich die Bibliothek dieses Buch unbedingt zulegen sollte und überfährt mit seiner aggressiven Art die Frau vollkommen (Umgang mit dem Hindernis); (habe ich übrigens tatsächlich erlebt)
2. eine Frau ist innerlich sehr angespannt und redet während eines Arbeitstreffens pausenlos (Bedürfnis: Sicherheit, Selbst-Aktualisierung; also im Prinzip eine pathologische Deformation, wenn wir Maslow glauben wollen) – ein Kollege unterbricht sie und bittet sie, beim Thema zu bleiben (Hindernis) – die Frau gibt dem Kollegen recht und redet weiter pausenlos (Umgang mit dem Hindernis)

Charakterisierung von Personen (kreatives Schreiben)

Ich hatte weiter oben schon versprochen, dass ich noch einmal darstelle, wie man von einer Fragestellung zu einer Typologie zu Übungen kommt. Hier also zu der Personencharakterisierung. Die ersten beiden Abschnitte (Charakterisierung und Frage) verdeutlichen nur meinen Ausgangspunkt. Wenn Sie selbst eine Typologie zusammenstellen, können Sie dies weglassen. In Elemente beschreiben zeige ich beispielhaft, wie ich an einem konkreten Text arbeite. Was hier fertig aussieht, war für mich natürlich ein Suchprozess; meine Rohfassung sah etwas anders aus: durcheinander, mit vielen Durchstreichungen und Verbesserungen. Denken Sie daran, wenn Sie selbst Elemente beschreiben. Die Typologie stellt dann eine fertige Liste mit Elementen vor und in Übungen finden Sie Beispiele, welche kleine Aufgaben man sich ausdenken kann. Schließlich werden Sie in Noch etwas zu den Übungen ein paar Anmerkungen finden, die den Zweck und die Reichweite dieser Übungen betreffen.

Charakterisierung

Unter Charakterisierung verstehe ich all die schriftstellerischen Mittel, mit denen ein Autor seine Person beschreiben kann. (→ Normalerweise nutze ich eine solche explizite Definition nicht. Ich habe ja bereits eine Vorstellung davon, wonach ich suche. Dieser Schritt ist nur für Sie als Leser dieses Blogs gedacht.)

Frage

Wie charakterisiert man eine Person in einem erzählenden Text? (→ auch dies nur zur Verdeutlichung.)

Elemente beschreiben

1.
"Uff!", stöhnte Seppel, "und das am Sonntag!" (aus: Hotzenplotz)
→ ich notiere: a) wertender Ausruf, bzw. Personenkommentar; b) Verb, das gleichzeitig eine Handlung schildert und ein Befinden der Person ausdrückt.

2.
Nachdem er alles in Ordnung gebracht hatte, hatte er sie gefragt, ob sie einmal »zum Schwoof« mitkommen wollte. Anderson hatte höflich abgelehnt, und Chiles hatte sie mit einem Ausdruck bedacht, der weltmännisches Wissen andeuten sollte und dem nicht viel an Dummdreistigkeit fehlte. (aus: Das Monstrum)
→ ich notiere: a) jemanden zu etwas bewegen wollen → eine Motivation ausdrücken; b) ein spezifisches Wort (»zum Schwoof«) benutzen; c) das charakterisierende Adverb (höflich); d) ein Gesicht (durch den Autor) interpretieren.

Die Typologie

Jede Typologie sollte von hier aus 1. eine Art Benennung erhalten und 2. ein (möglichst selbst entworfenes) Beispiel einbringen.
Das könnte dann so aussehen:
1. Adjektive, die sehr momenthaft gehalten sind, also meist Adverbien → »Florian reckte sich stolz.«
2. Verben, die zugleich eine Handlung und eine Charaktereinfärbung haben → »Annegret seufzte.«
3. Charakterisierung von einem Geschehen → »Klara hatte einen scheußlichen Abend.« („scheußlich“ charakterisiert nicht nur den Abend, sondern wie Klara diesen Abend empfunden hat.)
4. Personenkommentar → »„Was für ein Unglück!“, schrie sie.«
5. indirekt wertende Erklärung → »„Lass das Buch mal stehen. Du hast sicher dreckige Finger.“« (D. h. die Person achtet auf die Sauberkeit ihrer Bücher.)
6. Als-ob-Ausruf → »Er hatte sich so viel Mühe gegeben. Und jetzt sollte er alles noch mal schreiben.« (Der Ausruf geschieht nur indirekt: in diesem indirekten Ausruf vermischt sich die Empörung der Person mit der Empörung des Erzählers.)
7. direkte Charakterisierung mit anschließender Erklärung oder Anekdote → »Dieter war die Zurückhaltung in Person. Er überließ jedem den Vortritt, der an der Supermarktkasse drängelte; er duldete wortlos, dass die Nachbarin seine Rosen abschnitt, um sich daraus Sträuße zu machen; ja, es kam des Öfteren vor, dass er sich im Kreise seiner Freunde meldete, wenn er etwas sagen wollte.«
8. Person sich selbst charakterisieren lassen → »Ich bin gar nicht intellektuell. (Es gibt sich nur niemand Mühe, mich verstehen zu wollen).«
9. Als-ob-Gesicht, das eine Absicht ausdrückt, diese durch a) einen typischen Satz ergänzt oder b) durch eine Außenwirkung kontrastiert → »Rosi kniff Augen und Mund zusammen, als wollte sie damit andeuten, dass Janes Verhalten genauso sauer sei, wie eine Zitrone.«
10. typische Wortwahl → »Das kleine Mädchen sagte, sie wolle ihr „Leseexemplar“ gerne noch zwei Wochen „zum Studieren“ behalten.«
11. innere Stellungnahme → »Mist! Mist! Mist! Die Tintenflecke bekommt er doch nie raus.«
12. innerer Dialog → »Und wenn doch? Ja, was wenn doch? Oder bildete er sich das alles nur ein?«

Übungen

1. + 2. Hier können Sie zunächst einmal zu jedem Typ der Charakterisierung Beispiele sammeln. Diese Übung ermüdet rasch (aber fangen Sie trotzdem erst mal mit dieser Übung an). Schreiben Sie also zu den Beispielen kleine Erzählabschnitte auf, also alles, was drumherum passiert. Kleine Erzählabschnitte heißt nicht, dass es sinnvolle Geschichten sein müssen. Fangen Sie irgendwo an und hören Sie irgendwo auf. Hauptsache ist, dass das Beispiel nicht alleine steht.
3. Nehmen Sie sich einige Stellen aus Romanen vor. Schreiben Sie diese um, bürsten Sie sie gegen den Strich, was die Charakterisierung angeht, ja, am besten füllen Sie diese Stellen so sehr mit Charakterisierungen auf, dass sie ungenießbar werden.
Beim Lesen der folgenden Stelle werden Sie feststellen, dass zwar aus der personalen Sicht erzählt wird, aber eher andeutungsweise. Schreiben Sie den Text so um, dass Lothar, der hier in eine Redaktion eingeführt wird, durch möglichst viele Momente charakterisiert wird. Behalten Sie dabei aber den Gang der Geschichte bei und verändern Sie möglichst wenig die Abfolge der Wörter:
»Eine alte Frau, das runzelige Gesicht von einer Spitzenhaube umrahmt, saß auf einem Lehnsessel am Fenster und wärmte sich im Sonnenstrahl, der durch das Laub der Topfpflanzen auf dem Fensterbrett auf sie fiel. Den Kopf zurückgebogen, schlummerte sie. Zu ihren Füßen, auf einem Schemel, saß ein schmächtiges, sechzehnjähriges Mädchen; dünnes, flachsblondes Haar war ihm am Nacken zu einem mageren Knötchen aufgesteckt; das bleiche, lasterhafte Gesichtchen steckte es in ein Buch, aus dem es mit traurig singender Stimme vorlas, dass es wie ein Schlummerlied klang. »Das ist die Frau Fliege - - von der haben wir die Zimmer gemietet,« erklärte Rotter. »Eine brave, alte Frau; unsere Zukunfts-Witwe, wie Oberwimmer sie nennt. Wir gehen hier rechts.« Die Redaktion bestand aus zwei Zimmern, die nach einem kleinen Nebenhof hinauslagen, und daher stets eine bleiche, graue Beleuchtung hatten. In der Mitte des ersten Zimmers befand sich ein großer Schreibtisch von Stühlen umringt. Ein kleiner Tisch stand an dem einen Fenster, ein Stehpult an dem anderen. Von der Decke hing eine mächtige Lampe mit grünem Schirm nieder. An dem Mitteltisch saß ein kränklich aussehender Schreiber und schrieb, während neben ihm Oberwimmer auf dem Sitzbock des Stehpultes ritt, eine mittelgroße Gestalt, sehr sorgsam gekleidet; ein hübsches, zartes Knabengesicht mit kurzsichtigen, graublauen Augen, roten Wangen und Lippen und einer Fülle kurzer, blonder Locken. Mit hoher Stimme diktierte er dem Schreiber etwas und drehte sich auf seinem Sitzbock in die Runde.« (aus Eduard von Keyserling: Die dritte Stiege)
Falls Ihnen dieses Beispiel nicht passt, suchen Sie sich andere Beispiele aus ihren liebsten oder verabscheuenswürdigsten Romanen.
4. Nutzen Sie andere Medien, Foto, Malerei, Film: Beschreiben Sie entweder sachlich den Charakter der dargestellten Menschen, Mimik, Gestik, Haltung, Stimme; oder erzählen Sie diese (bei einem Film natürlich nur ausschnittsweise).

Noch etwas zu den Übungen

1. Übungen sind natürlich Übungen. Literarische Qualität sollte Sie hier nicht so sehr interessieren. Natürlich können Sie die Übungen verbessern und an ihnen herumfeilen, wenn Ihnen das wichtig ist. Aber das ist erst der zweite Schritt.
2. Bei den Charakterisierungen dürfte Ihnen aufgefallen sein, dass nicht nur das charakterisiert, was man hinschreibt, sondern auch das, was man weglässt. Kinderbücher wie der Hotzenplotz zeichnen sich dadurch aus, dass sie stark von außen her charakterisieren, während ein psychologischer Roman die Personen mit all ihren inneren Vorgängen abschildert und das heißt natürlich mit solchen Typen wie innerer Stellungnahme und innerem Dialog. Forschen Sie dem ein bisschen nach.
3. Wenn Sie sich selbst Übungen entwerfen, achten Sie darauf, dass Sie nicht nur die Muster nachahmen, sondern Sie in größere Strukturen einbinden, wie hier im Falle der Charakterisierung in kleine erzählende Abschnitte. Finden Sie da für sich selbst die richtige Mischung aus Nachahmung (von Mustern) und freiem Schreiben.

Kreatives und konstruktives Schreiben

Folgendes ist bei mir in den letzten Tagen passiert: 1. habe ich eine Typologie zur Personencharakterisierung unternommen; 2. habe ich einen Weg zumindest teilweise aufgeschrieben, wie man von dem Ende eines Romans zu einem Anfang kommt, also im Prinzip den Esel vom Schwanz her aufzäumt. 3. habe ich einen Plot entworfen, in dem ich meine Erkenntnisse zu verwenden suche.

Typologien
Ich habe schon des öfteren festgestellt, dass andere Menschen Probleme mit meinen Typologien haben. Dabei sind Typologien ganz einfach, zumindest diejenigen, die ich mir ausdenke. Wenn ich zum Beispiel eine Frage wie Welche Konflikte gibt es? habe, dann suche ich mir in der Literatur alle möglichen Aussagen zu Konflikten. Teilweise sind das wissenschaftliche Äußerungen, teilweise aber auch Konflikte, die in fiktionalen und narrativen Texten dargestellt werden.
Mein einziger aktiver Schritt ist nun, hier eine kurze Beschreibung zu liefern, was durch ein Stück Text ausgedrückt wird. Handelt es sich um einen wissenschaftlichen Text, schreibe ich knapp auf, wie dieser Text mit einem erzählenden Text zusammenhängt: sei es, um einen erzählenden Text zu analysieren, sei es, um einen solchen zu produzieren.
Handelt es sich um einen erzählenden Text, beschreibe ich, was für ein Stück Theorie darin stecken könnte.

Im Prinzip also übersetze ich nur vom wissenschaftlichen zum textproduzierenden Pol, oder umgekehrt.
Es gibt keine tiefere Vernunft in solchen Typologien. So können sich einzelne ihrer Elemente widersprechen oder überlagern. Das erscheint mir interessanter, als eine vollständig gesäuberte Systematik zu schaffen. Was natürlich auch daran liegt, dass mir der Essay wesentlich mehr behagt als der wissenschaftliche Beitrag. Siehe zum Beispiel meine Texte zur Kreativität und zum Queer.

Vom Ende her denken
Zu Kai Meyer habe ich einiges geschrieben. Das meiste habe ich hier nicht mehr veröffentlicht. Eines seiner großen Probleme ist, dass seine Geschichten zum Ende hin immer dünner von der Handlung werden und damit immer weniger die Spannung tragen können.
Das hat mich natürlich veranlasst, über das gute, das konfliktstärkste Ende nachzudenken und wie man auf dieses Ende zusteuert. Die Idee war dann recht simpel: entwirf ein knalliges Ende und konstruiere von dort her den restlichen Plot. Gesagt, getan. Und während ich also diese Idee ausformuliere und mir immer neue Übungen einfallen lasse, umso schwieriger erscheint mir die Idee. Ich habe also neben einer Art Unterrichtseinheit zum Plotten zahlreiche Plots konstruiert, um meine Ideen auszuprobieren.
Ja, der Ansatz ist gut mit dem Moment zu beginnen, wo der Held und sein Widersacher voreinander stehen und dem ganzen Konflikt ein Ende bereiten (müssen). Aber beim Entwerfen bin ich dann doch wieder zwischen Anfang und Ende und Mitte hin und her gesprungen. Man muss wohl beides machen: den Ausgangspunkt und das zentrale Duell entwerfen. Der Rest ist - entschuldigt meine Schnoddrigkeit - Problemlösen.

Konstruktives Schreiben
Konstruktives Schreiben - das ist im Prinzip nur ein Kampfbegriff. Das kreative Schreiben verharrt zu oft in einem Ich-tue-jetzt-mal-was. Und da fehlt dann jede Leserorientierung. Doch genau diese muss ein guter Text besitzen. Deshalb schreibe ich konstruktiv, das heißt, ich gebe meinen Texten möglichst eine Struktur, die dem Leser einen Halt gibt, und ihn vom Selber-Denken hinreichend entlastet, zumindest in Unterhaltungstexten. Zudem brauche ich die Konstruktion, um ein Rätsel in die Geschichte einzuweben. Jede Spannung wird durch Rätsel erzeugt. Und diese Rätsel wieder brauchen die Struktur, damit sie erst nach und nach gelöst werden.
Natürlich ist auch das eine kreative Tätigkeit, aber hier müssen zusätzlich Materialien geordnet werden und man muss ihnen eine Folgerichtigkeit abzwingen. Das aber ist konstruktiv.

Mein neuester Plot - eine Übung
Selbst wenn man nun gewisse Techniken zum Plotten beherrscht, kann man dadurch noch lange nicht einen guten Roman schreiben. Deshalb habe ich meine Arbeit vom Anfang der Woche unterbrochen und statt dessen zahlreiche Plots entworfen und einen setze ich gerade um. Dabei merke ich, wie anregend und störend zugleich meine Typologien sind. Vielleicht muss ich diese Typologien dann doch noch einmal überarbeiten. Aber das glaube ich erstmal nicht. Wichtiger erscheint mir die Frage, wie sehr ich mich an bestimmte Muster des konstruktiven Schreibens gewöhnt habe. Und wenn ein Muster noch ungewohnt ist, geht es mir natürlich nicht leicht von der Hand.
Dann muss man ein wenig hartnäckig sein und eine Übung mehrmals wiederholen, bis sie eben sitzt.

Übungen
Und a propos Übungen. Ich teile meine Übungen immer in analytische und konstruktive Übungen ein. Die analytischen Übungen dienen dazu zu sehen, wie es andere Schriftsteller machen. Und die konstruktiven Übungen sind vor allem solche, in denen man bestimmte Muster anwendet.
Dabei finde ich es unwichtig, ganze Geschichten zu schreiben. Beziehungsweise: es ist zunächst unwichtig; zwischendurch darf man sich dann doch immer wieder an eine Geschichte oder einen Roman machen, wobei ich Kurzgeschichten sehr empfehle.
Bei den Übungen muss man zwei Sachen beachten: sie müssen kurz sein, das heißt, sich zwei-, dreimal hintereinander wiederholen lassen. Und man muss sie auch wirklich mehrmals wiederholen.
Drittens sollte man sich dringend daran gewöhnen, dass diese Übungen nicht nach einem gelungenen Text bewertet werden, sondern dass man ein Muster konsequent anwendet. Konsequent heißt: so genau wie möglich.

Man kann sich auch selbst Übungen entwerfen. Neben den vielen Übungen, die man sich aus Büchern heraussucht, sind die Übungen, die man sich selbst zurechtbastelt, meiner Ansicht nach die fruchtbarsten.
Wenn ich also hingehe und mich frage: Wie charakterisiere ich eine Figur in einem Roman?, dann entwerfe ich zuerst eine kleine Typologie. Ich habe mich übrigens neulich genau mit dieser Frage beschäftigt und die Typologie anhand der ersten beiden Kapitel aus dem Hotzenplotz und zwei Abschnitten aus Kings Das Monstrum entworfen. Zur Ergänzung kamen dann noch zwei Stellen aus Fontanes Cécile und Steinbecks Tortilla Flat hinzu.
Zu dieser Typologie habe ich dann einzelne Übungen entworfen. Normalerweise hat eine solche Typologie zwischen drei und zwanzig Elementen und dementsprechend viele Grundübungen gibt es.
Bei einer Charakterisierung gibt es allerdings viele dieser Typen gleichzeitig: und insofern ist es hier sinnvoll, bei einer Übung nicht zu scharf zu trennen. Zum Verdeutlichen werde ich zwei Übungen weiter oben einstellen: zur Charakterisierung und zu Motivationen/Bedürfnissen. Sie können aber zum Beispiel auch bei den Mustern zur Schlagfertigkeit ein solches Beispiel finden.

Nebenbei: wenn Sie selbst eine Typologie aufstellen, versuchen Sie möglichst verschiedene Literatur heranzuziehen. Je mehr Unterschiede Sie hereinholen können, umso deutlicher werden die Werkzeuge, die Möglichkeiten, die Sie hier haben, und umso mehr Möglichkeiten haben Sie später beim Schreiben, wenn Sie zum Beispiel eine Person charakterisieren möchten oder die Spannung erhöhen wollen.

Schluss
Eine ereignisreiche Woche also; ich habe wieder zahlreiche Zettel auf meinem Schreibtisch herumfliegen, die ich dringend in meinen elektronischen Zettelkasten einarbeiten muss, sonst fliegen sie nur bei mir herum. Das werde ich in den nächsten Tagen tun müssen. Dann habe ich mir zwei weitere Bücherregale gekauft. Grins und ohne Worte. Dabei bekomme ich derzeit alle meine Bücher nur über media-mania. Zwei Texte habe ich begonnen zu schreiben: einen zur Ausgestaltung von Konflikten und einen, der sich allgemeiner um das Plotten dreht.
Und natürlich habe ich gelesen. Was die fiktive Literatur angeht, nur die Bücher, die ich sowieso besitze. Ansonsten lese ich zur Zeit (und kommentiere durch) von Sartre Das Imaginäre in Kombination mit Barthes Die Vorbereitung des Romans. -

20.07.2008

Paulo goes Raubkopie

Paulo Coelho, wer kennt ihn nicht.
In der neuesten Ausgabe von Federwelt kann man nun nachlesen, dass Coelho seine eigenen Bücher als Raubkopien ins Internet gestellt hat. Statt aber, wie man glauben könnte, nun weniger Bücher zu verkaufen, hat er mehr verkauft, bzw. den Verkauf in Russland erst so richtig angekurbelt. Statt 1000 Büchern hatte er nach Verbreitung der russischen Raubkopie 100.000 Exemplare verkauft.
Na, wie man das wohl beurteilen soll?

Blogs, szenisches Schreiben

Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk und eine Form des Klapperns besteht darin, andere Blogs zu besuchen, dort Kommentare zu hinterlassen und sich dadurch zu verlinken. So richtig hat mir die Sache aber nicht behagt: kommentieren, weil man sich nur selbst bekannt machen möchte? Keine gute Idee.

Aber zumindest kann ich hier auf einige Blogs verweisen. Suchbegriff war: szenisches Schreiben.

Szenisches Schreiben
1. Den ersten Blog, den man hier findet, ist der Blog von Nicola Hahn. Schöne Fotos, aber kaum brauchbares zum Schreiben selbst. Also für einen angehenden Autoren, der nach Werkzeugen sucht, nicht empfehlenswert. (Allerdings sind die Fotos teilweise wunderschön. Die Bücher von Nicola Hahn kenne ich nicht.)
2. Als zweites kommt dann mein eigener Blog. Ich bin natürlich ganz toll.
3. Peter Jüde's Blog schreiberfahrungen ist der dritte in der Reihe. Jüde kann viel Wissenswertes aus der aktuellen Literaturkultur mitteilen, aber auch hier gibt es wenig an wirklichen Schreiberfahrungen. Insofern stimmt der Titel nicht. Auch dieser Blog ist gut, trifft jedoch das Thema nicht.
4. Der Blog SCHREIBSCHRIFT dagegen ist sehr ans Herz zu legen. Mit einer gewissen Schnoddrigkeit und klaren, knappen Sätzen äußern sich die beiden Autoren zu Themen wie kreatives Schreiben, lesen, Schreibaufgaben, Schreibideen, und so weiter. Obwohl erst vier Monate im Netz, kann der Leser auf über 400 (!) Beiträge zugreifen, die allesamt mindestens brauchbar, teilweise sogar richtig klasse sind.
5. Der dramablog kümmert sich vor allem um die Theaterlandschaft; alles sehr nett und mit einer gewissen Ironie geschrieben und deshalb lesenswert. Aber nichts zu meinem Thema.
6. Die Literatur-Schreibwerkstatt von Harald Hillebrand bietet eine Mischung aus Informationen zur Literaturszene, eigenen Texten als Beispiele für kreatives Schreiben und Schreibtipps. Ein sehr engagierter Blog. Richtig anfreunden kann ich mich mit ihm nicht: mir erscheint er zu oberflächlich.
7. Literaturwelt - zu dem ich nicht viel sagen muss: der Blog ist seit zwei Jahren von mir verlinkt. Trotzdem: wenig bis nichts zum Sich-kreativ-ausprobieren.

Ein Problem bei der Suche nach guten Blogs dürfte sicherlich sein, dass szenisches Schreiben vor allem das Schreiben für's Theater ist. Außer dem Blog Schreibschrift kann ich hier keinen Blog - in Bezug auf diesen Aspekt - empfehlen.

Ferien und Faschismus

Die Ferien reißen ein Loch in meine Besucherstatistik. Aber das nur nebenbei.

Heute lese ich im Spiegel, dass eine Gewöhnung an faschistische und nationalsozialistische Symptome eintritt. Durch Einschüchterung, aber auch durch Wegsehen oder Nicht-Wahrnehmen-wollen findet diese Gewöhnung statt. Mich schaudert dabei.
Und ich habe durchaus keinen Grund, stolz zu sein, auch wenn ich hier den Zeigefinger hebe. Während eines Arbeitsverhältnisses, das schon länger zurückliegt, habe ich auch solche Gedanken geduldet. Dafür schäme ich mich. Es gibt dafür keine Entschuldigung.
Betrachtet man sich die faschistischen Gedanken, die in manchen Blogs veröffentlicht werden, wünscht man sich mehr Gegenöffentlichkeit. Mehr andere Blogs, die sich dem demokratischen Gedanken verpflichtet fühlen. Zum Glück kenne ich einige. Was ich dagegen nicht verstehen kann, sind all die Menschen, die in diesen Blogs so eifrig diskutieren und den Blogbetreibern nur noch mehr Möglichkeiten bieten, sich darzustellen. Sollte man doch lieber selbst einen Blog schreiben und das Wesen der Demokratie beleuchten.
Was mir auch Sorgen bereitet, das ist die Faulheit vieler so genannter demokratischer Institutionen, sich dieser Öffentlichkeit zu präsentieren.

Dabei ist nur eine Sorge, dass das Verhältnis von Theorie und Praxis nicht geklärt wird. Ich hatte vor einigen Wochen die Benutzung abstrakter Begriffe in den Parteiprogrammen der NPD und der Linken beleuchtet.
Mir wurde noch gesagt, ich sei zu theoretisch und ich habe keinen wissenschaftlichen Unterbau. Und das gleichzeitig. Wie man diesen widersprüchlichen Vorwurf zusammen bringen könne, ist bis heute ungeklärt. Tatsache ist, dass es keine Theorie gibt und auch keine Praxis. Das sind Überbleibsel aus einer Zeit, da die Vernunft hoch im Kurs stand. Heute kann sie nicht mehr leuchten. Wir sind weit entfernt von einem Zeitalter der Unvernunft. Zum Glück. Aber es gibt bisher noch wenig Alternativ-Vorschläge zur Vernunft.
Nehmen wir als Beispiel den Vorwurf: "Das ist Theorie. Hier geht es um die Praxis." - Ein schlagfertiges Argument dazu ist: "Ach, Sie denken also nicht, während Sie handeln."
Tatsache ist auch, dass es Begriffe gibt. Begriffe sind eine Sache der Theorie. Aber sie müssen hergestellt und angewendet werden. Und das ist eine Sache der Praxis. In den Begriffen - als Beispiel - vermengen sich also Denken und Handeln, Theorie und Praxis. Und wo dies besonders prekär und zerbrechlich ist, eben bei politischen Begriffen, muss man besonders darauf bedacht sein, den Unterbau aufzufüllen. - Das ist natürlich mit Arbeit verbunden.

Wenn also Begriffe der Demokratie nicht gut genug bekannt sind, und sie sind es nicht, wie ich mir in einer kleinen Stichprobe erlaubt habe festzustellen, wenn also diese Begriffe nicht bekannt sind, gibt es auch keine geordnetere, tiefergehende demokratische Praxis. Die kleine Stichprobe entstand durch sechs Gespräche, die ich in den letzten zwei Tagen geführt habe und in denen ich nach bestimmten Begriffen gefragt habe und wie die Gesprächspartner sie definieren. Das Ergebnis ist tatsächlich erschütternd. Zwar gibt es einen guten Willen zur Demokratie, aber ein nur wenig begriffliches Denken dazu.
Es bleibt Aufgabe der politischen Bildung, diese abstrakten Begriffe zu vermitteln und sie in der Art und Weise zu vermitteln, dass demokratisches Handeln möglich, wenn es geht sogar selbstverständlich wird. Es bleibt die Aufgabe jedes einzelnen Bürgers, sich dort mit Hintergrundwissen zu versorgen, mit Theoriewissen, wo die Schule, der Leitartikel und das Feuilleton dies nicht (mehr) tun.

17.07.2008

Paella und was folgt ...

Gestern war es wieder soweit: Cedric hat sein Schuljahr abgeschlossen - diesmal das fünfte - und danach gab es eine Paella, ganz traditionell, mit Scampis, Mettwurst und Safran, und natürlich selbstgemacht. Lecker!

Das Wetter ist scheußlich umgeschlagen und ich hoffe, dass das nur ein kurzer Einbruch des Sommers ist. Gerade habe ich mir zwei kurze Hosen gekauft. Und wozu nützen die, wenn man sich nicht die Sonne auf die Waden scheinen lassen kann?
Seit heute nachmittag sammle ich alle möglichen Stellen aus allen möglichen Büchern zusammen, die sich um alle möglichen Themen drehen. Genauer geht es leider nicht, wenn ich nicht wieder halbe Romane schreiben will.

Einen etwas längeren Aufenthalt habe ich mir allerdings bei Lacan gegönnt, dessen dritten Abschnitt aus Introduction du Grand Autre ich übersetzt habe, zu finden im Seminaire II, Le moi dans la théorie de Freud et dans la technique de la psychanalyse. Die Stelle ist deshalb so berühmt, weil sie die imaginäre Verflechtung und die Lokalisation des Unbewussten erläutert.
Da diese Stelle auch um die Übersetzung und die Zerstückelung kreist, habe ich - wie schon bei anderen Lacan-Übersetzungen - keine möglichst wörtliche Übersetzung geschaffen, sondern eine, die sich stellenweise von dem lacanianischen Text gänzlich absetzt. Als Beispiel mag folgender Satz dienen: "Il [le moi] est là, en bas à droite.", den ich mit "Es ist aber dort, ein rechtschaffenes Minderes, das in der Unterhöhlung der Zeilen redlich läuft." übersetzt habe. -
Ich habe schon länger die Idee, einige der lacanianischen Schemata hier vorzustellen, auch, um für mich noch einmal das Band zwischen einer Semiologie und Rhetorik und der psychoanalytischen Erkenntnistheorie und ihrer Ethik zu erfassen. Andererseits sind gerade diese Themen wieder sehr speziell.

Einen anderen Schwerpunkt habe ich in der Geschichte Die Zeugin, von Joyce Carol Oates. Mittlerweile habe ich so viel Material dazu gesammelt, dass mir mein Vorhaben einer Interpretation zersplittert und ich es mehr mit Bruchstücken zu tun habe, als mit einem kompakteren Modell. Doch das ist ja nur sinnvoll. Kein Text ist eine Einbahnstraße.
Man findet im übrigen bei Oates eine ganze Reihe lacanianischer Gedanken in Reinform, und ich frage mich, ob Lacan sich hier deshalb so deutlich darstellt, weil er so universell ist oder ob Oates nicht Lacan kennt und ihn nutzt.

Lacan findet man aber an den unmöglichsten Orten. So illustriert das Kapitel Der Spiegel Nerhegeb aus Harry Potter und der Stein der Weisen, wie das Ideal-Ich - dasjenige, das man von sich in dem Spiegel sieht - dem anderen Betrachter unzugänglich bleibt, es sei denn, man beschreibt es für den anderen. So übersetzt sich die spekulative Beziehung des Ideal-Ich in die symbolische Ordnung. Dumbledore erzählt Harry, dass manche Zauberer vor dem Spiegel verrückt geworden seien, das heißt, zwischen der Betrachtung des Ideal-Ichs und sich selbst keinen Unterschied mehr machen konnten. Das ideelle Bild ist buchstäblich zum Gefängnis des Menschen geworden und hat ihn darin kaltgestellt. Und auf der anderen Seite ist das, was Dumbledore im Spiegel sieht, ein ganz wundervolles Bild: er bekommt dort Socken geschenkt, Socken, die bei Benjamin ein Sinnbild für den Menschen sind, da die Socken, in sich selbst eingerollt, zugleich Inhalt und Umhüllung sind, sich also selbst als Botschaft enthalten. Und auch der Mensch bringt sich selbst mit, enthält sich selbst als Botschaft.
Wie wenig diese Deutung von der Hand zu weisen ist, kann man an der psychotischen Episode des fünften Bandes ablesen, in der die symbolischen Mauern zwischen Voldemort und Harry Potter immer wieder einbrechen und Harry sich selbst nicht mitbringen kann. Zwischen Inhalt und Umhüllung besteht plötzlich ein Unterschied. Darum weicht Dumbledore auch Harrys Blicken aus: denn hier könnte die imaginäre Beziehung, die für das Menschsein so notwendig ist, vollends zusammenbrechen und Harry dem Weder-tot-noch-lebendig der schizophrenen Besessenheit ausliefern.
Nicht zu vergessen: Als Harry im zweiten Band das Tagebuch von Tom Riddle in einer Socke einpackt, und dies Lucius Malfoy in die Hand drückt, versteht Malfoy nicht, dass die Botschaft nicht das Tagebuch ist, das man behält, sondern die Socke, die man wegwirft. Hier ist einmal die Botschaft umgedreht, als ob nicht der auf's Papier geschriebene Text, sondern der Briefumschlag die Botschaft enthält. Die Socke, die Malfoy fallen lässt, bedeutet für Dobby die Freiheit.

14.07.2008

Mein Montag

Heute habe ich mal nicht für den Blog geschrieben. Statt dessen bastele ich 1. an meinem Buch über Kreatives Schreiben herum; 2. an meiner Geschichte um das gestohlene Einhorn und 3. habe ich zweieinhalb weitere shortest stories geschrieben.

Etwas frustriert bin ich von der Diskussion über die richtige Art des Schreibens. Ich weiß, dass ich gut schreiben kann und kann mir mittlerweile auch den Weg dorthin klar machen. Und ich weiß, wohin begriffsloses Schreiben führt: zu grotesken Verunstaltungen und langweiligen Geschichten. Ich sollte mich auf solche Diskussionen eben nicht einlassen. - Aber es packt mich dann doch jedesmal wieder.

Ich habe also an meinem Buch über Kreatives Schreiben weitergearbeitet. Nachdem ich ja lange Zeit vor allem Fragmente gesammelt habe und bestimmte Aspekte wie Spannung und Verrätselung immer wieder durchgearbeitet habe, bin ich jetzt zu einer ganz guten Klarheit gekommen. Heute habe ich vor allem die Personencharakterisierung beschrieben und die Übungen dazu entwickelt. Den Abschnitt über Leserorientierung habe ich begonnen, und zur Hälfte beendet.
Die Geschichte vom gestohlenen Einhorn schreibt sich recht leichtfüßig hinunter, jetzt, da ich an meine Kurzgeschichte, die ich vor zwei Jahren fertig gestellt habe, einen sehr trickreichen Plot angehängt habe. Ziel bei dieser Geschichte war es, jedes Kapitel so weit in sich zu schließen, dass sie wie einzelne Kurzgeschichten wirken. Ganz werde ich das nicht durchhalten können. Zumindest aber entwickelt sich der Erzählstil genau so, wie in der Kurzgeschichte, mit einem grotesken Humor. Und die Geschichte wird nicht jugendfrei sein.
Zwischendrin habe ich eine etwa zweieinhalb Seiten lange shortest story geschrieben, die zur Zeit noch "Stollen" heißt. Eine zweite, halbseitige Geschichte "Der kaputte Engel" habe ich gleich danach geschrieben. Und eine dritte, längere Geschichte - "Ghettokids" - ist irgendwo zwischen Anfang und Ende.
Eigentlich sind diese shortest stories ja nur Fingerübungen für Zwischendrin. Aber ich kann in ihnen viel an Ausdruckskraft entwickeln, Humor, Dramatik, rhetorische Figuren und die Symbolisierung einüben, und einige meiner kleinen Werke fand ich sofort gut und finde sie immer noch gut.

Intellektuell

Ich gestehe, dass ich mit diesem Wort arge Probleme habe.
Bisher konnte mir kein Mensch erklären, was es bedeutet. Trotzdem werde ich immer wieder als "zu intellektuell" bezeichnet, oder behauptet, ich würde "zu sehr intellektualisieren".

Meine Lieblingsunterscheidung dagegen ist abstrakt/konkret, oder, wenn man will: sinnlich/ideell.
Nimmt man zum Beispiel Bücher zum Schreiben lernen, so fallen einem sofort viele Abstraktionen ins Auge, die nicht weiter aufgelöst werden. Auflösen, das heißt: dem Leser Werkzeuge an die Hand geben, mit denen er konkret etwas üben kann.
Um einem Leser allerdings diese Werkzeuge an die Hand zu geben, muss man zunächst analysieren. Das scheint vielen Autoren (von Büchern zum Schreiben lernen) arge Kopfschmerzen zu machen. Deshalb unterlassen sie es lieber gleich.
Umgekehrt scheinen die Leser sich oftmals lieber mit Wischi-waschi-Behauptungen abspeisen zu lassen, hinter denen nichts steht. Schon mehrmals habe ich das für solche Begriffe wie Szene oder Spannung oder Charakterisierung durchexerziert. An diese Diskussionen mag ich garnicht denken.
Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis bleibt meist so diffus, so unausgegoren, dass dieser Raum abstrakt, ja furchterregend erscheint.

Dabei gibt es ganz einfache Mittel, um sich diesen Raum zu gestalten: Beobachtungen, Zusammenfassungen, Verbindungen, Funktionen, die man nach und nach klärt. Das heißt, man steigt langsam, nach und nach, vom Konkreten zum Abstrakten auf und füllt diesen Weg mit Begriffen. Oder man nimmt sich einen problematischen Begriff - wie zum Beispiel Szene, wie zum Beispiel Spannung - und prüft, welche Phänomene man diesem Begriff zuordnen kann. Dass sich der Begriff dabei notwendig wandelt, versteht sich von selbst.
Um diesen Weg vom Konkreten zum Abstrakten zu klären, braucht es ein gutes Maß an Darstellung. Man muss - will man dies anderen Menschen verdeutlichen - den Weg nachvollziehbar machen. Das heißt, dass man vieles immer wieder aufgreift und noch einmal sagt. Vielleicht ist das hin und wieder langweilig. Aber für einen guten Begriff ist ein etwas größerer Aufwand immer sinnvoll, oder?

Ich kenne also keine intellektuellen Menschen. Ich kenne aber viel zu viele Menschen, die sich mit abstrakten Begriffen zufrieden geben, ohne sie konkretisieren zu können.
Wenn ich eine Sache bei meiner Literaturprofessorin Marianne Schuller gelernt habe, dann die dichte Arbeit am Text. Dicht an den Phänomenen, immer wieder dieses: hier, dieses Wort, das hier steht. Und zugleich darüber hinaus dieses: alles steht in irgendeiner Verbindung. Es gibt kein Phänomen, kein Wort ohne eine Struktur, die "mitmacht". Aus diesen Strukturen zieht man sich Begriffe.
Wer meine Begriffe kennt, weiß, dass ich sie sehr flüchtig benutze. Morgen sind es andere Begriffe, die mir gefallen. Aber ich möchte auch immer wieder Übungen anbieten, durch die man die Begriffe benutzen lernt und bestimmte Texte zum Beispiel besser schreiben kann.
Letztlich führt mein Weg von Begriffen, die darstellen, zu Begriffen, die man zur Herstellung nutzen kann. Zu Werkzeugen eben. Analysen gehören notwendig dazu. Ob man sie so ausführlich machen muss, bleibt dahingestellt.


Im übrigen mache ich auch immer wieder die Erfahrung, dass Menschen vor Begriffen erstarren wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Das ist mir bei Kommilitonen aufgefallen, die Luhmann verstehen wollen. Luhmann ist eigentlich ganz einfach. Wenn man Luhmann nicht versteht, dann liegt das oft daran, dass man versucht, ein Mehr an Bedeutung hinter seinen Aussagen zu lesen, wo doch ein Weniger an Bedeutung angebracht wäre.
Wenn Luhmann zum Beispiel schreibt, Integration sei die Einschränkung an Freiheitsgraden, bzw. Entscheidungsmöglichkeiten, dann ist genau dies und nicht mehr gemeint. An den einfachsten Beispielen muss sich dieser Begriff dann bewähren. Ich kann zum Beispiel sagen, dass ein Bäcker, der zwei Brötchensorten anbietet, mir weniger Entscheidungsmöglichkeiten lässt, als einer, der zehn Brötchensorten anbietet. Das heißt, ich bin bei dem ersten Bäcker mehr integriert als beim zweiten. - Natürlich hat Luhmann seine Begriffe dafür nicht entworfen. Sie sind weiterreichend, als dieses Beispiel deutlich macht. Aber selbst hier muss der Begriff funktionieren.
Wenn man also einen Begriff findet, oder einen Begriff erfindet, sollte man sich dringend folgende Haltung zulegen: Schick! Den probiere ich mal aus und sehe, was ich mit seiner Hilfe entdecken kann.

Wer mehr Begriffe besitzt, um Texte zu schreiben, wer mehr Begriffe besitzt, um Texte zu analysieren, wer mehr Begriffe vorweisen kann, um schlagfertige Antworten zu produzieren, der hat mehr Handlungsspielraum in dieser Welt. Und wer - bitte schön - möchte sich nicht mehr Handlungsmöglichkeiten und mehr Entscheidungsspielraum gönnen?
Alles andere ist doch Käse!

12.07.2008

KungFu Panda

Das war der Film, den Cedric und ich uns heute angesehen haben. Nett, aber auch nett zu vergessen.

Cedric und ich haben eine neue Abendlektüre: Die griechischen Heldensagen. Nachdem Cedric im Geschichtsunterricht die antiken Griechen behandelt hat, dachte ich, es sei Zeit für Schwabs Schönste Sagen des klassischen Altertums. Sein Kommentar: Das ist ja schlimmer als Sex and the city. Frage ich: Du schaust Sex and the city? Sagt er: Nö!

11.07.2008

Schlagfertigkeit und figurale Muster

Inhalt:
Praktizieren/Umschreiben
Umschriften
Muster: → Umdefinieren durch Personifikation → den Fetischismus ausspielen → der Klimax → falsche Antithese → Exclamatio / Tautologie → ironische Antithese / Antiklimax → Subversion (Umdefinition und Gegenschlag) → rhetorische Frage + Pejorativ
Und wenn’s mal kein Vorwurf ist?

Praktizieren/Umschreiben
Zur Schlagfertigkeit mag ich noch mal auf den Internet-Auftritt von Matthias Pöhm verweisen. Herr Pöhm sagt ja, man müsse die einzelnen Muster der Schlagfertigkeit ordentlich durchüben. Ich sage, umschreiben ist auch sinnvoll. Umschreiben verbindet das oberflächliche Muster, das jede Übung zunächst ist, mit dem individuellen Gedächtnis, und individualisiert dadurch auch die Muster selbst. Das Praktizieren dagegen erfasst vor allem die sinnlichen und emotionalen Aspekte des Musters.
Hätte ich nur eine Möglichkeit zur Auswahl, Muster der Schlagfertigkeit zu trainieren, würde ich mir auf jeden Fall das Praktizieren aussuchen. Da ich beide Möglichkeiten aber zur Verfügung habe, nutze ich sie natürlich auch.

Umschriften
Ich komme von einer klassischeren Rhetorik her als Matthias Pöhm und so hat es sich angeboten, die Schlagfertigkeitsmuster noch einmal auf der Ebene der klassischen Rhetorik zu rekonstruieren. Tatsächlich wurden meine Aufzeichnungen dazu rasch sehr komplex, vor allem, da viele witzige Antworten auf Metaphern beruhen und die Metapherntheorie ein Feld ist, das fast die ganze Philosophie des 20. Jahrhunderts umfasst. Aber selbst wenn man nur auf den einfachen Definitionen beharrt, kommt man rasch ins Schleudern, denn diese können nicht genau die Mechanismen des Witzes erklären.
Deshalb werde ich nur für ein Muster eine etwas genauere Erklärung liefern und die restlichen Vorschläge nur kurz behandeln.

Muster
→ Umdefinieren durch Personifikation
Jeder Vorwurf begründet sich in bestimmten Persönlichkeitseigenschaften, die gut, und gegenteiligen, die schlecht sind. Um eine schlechte Eigenschaft in etwas Gutes zu verwandeln, braucht man für die Antwort etwas, das dieses Gute genießt. Was aber, wenn ein solcher Mensch nicht zur Hand ist? Die Lösung lautet hier: Personifikation. Ich tue so, als sei ein bestimmtes Etwas belebt und habe genau diese schlechte Eigenschaft dringend nötig.
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Meine Kleider finden den Boden halt sympathisch.“ (oder: „Ich verschaffe meinen Sachen eben regelmäßig neue Perspektiven.“)
Der Witz liegt erstens in dem unlogischen Sprung: von der Schlampigkeit zur Sympathie (bzw. im zweiten Beispiel: zum Perspektivwechsel & Lernen) ist ebenso bizarr, wie die Tatsache, dass es unbelebte Gegenstände sind. Gerade das aber lässt das Gegenüber stutzen oder lachen: die schlagfertige Antwort weißt einfach zu wenig gewohnheitsmäßige Anschlüsse auf, und setzt den Gegner unter Druck: Nun muss er erstmal nachdenken, was er hier erwidern kann.
Ein weiteres Beispiel:
  • „Sie stehen am falschen Platz.“ → „Bisher hat sich der Platz mit mir ganz wohlgefühlt.“ (oder: „Ich weiß, aber der Platz wollte partout nicht gehen.“)
  • „Du machst immer wieder dieselben Fehler.“ → „Ja, der Fehler hat sich schon mehrmals beschwert, dass ihn jemand beseitigt, sobald ich ihn mache.“

→ den Fetischismus ausspielen

In jedem Vorwurf steckt eine Norm. Überspitzt man diese Norm ins Dinghafte (den Fetisch), spielt man den Fetischismus aus. Übrigens ist der Fetischismus meist sexuell eingefärbt, manchmal sogar sehr offen.
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Wenn ich Lust gehabt hätte, gut zu kochen, hätte ich einen Mann mit Geschmack geheiratet.“ (oder: „Warum soll ich gut kochen? Wer mich heiratet, hat eh’ keinen Geschmack.“ → analog zu Woody Allens: „Ich kann mit keiner Frau zusammensein, die bereit ist, mich als ihren Partner zu akzeptieren.“ → oder: „Chef, ich kann Sie einfach nicht ernst nehmen, solange Sie mich als Mitarbeiter akzeptieren.“)
  • „Du bist doch schwul.“ → „Wieso? Wird dein Schwanz noch schlaffer als sonst?“ (oder: „Wieso? Kriegste endlich mal ’nen Steifen?“)

→ der Klimax

Der Vorwurf wird überspitzt und ins Ironische gewendet.
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Und ich färbe ab. Das gibt besonders hässliche Flecken.“
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Nicht ungewöhnlich bei meinen dreckigen Gedanken.“
  • (Bei dem Nicht ungewöhnlich handelt es sich übrigens um einen Litotes, einer Verstärkung durch eine scheinbare Abschwächung.)
  • „Du hast ja wieder scheußlich gekocht.“ → „Da solltest du mich erstmal im Bett erleben.“

→ falsche Antithese
Die Antithese widerspricht normalerweise der These: „Die Erde ist flach.“ ↔ „Die Erde ist rund.“ – Bei der falschen Antithese wird zwar widersprochen (1. Schritt), der Vorwurf dann aber indirekt bestätigt (2. Schritt).
  • „Du bist doch schwul.“ → „Ich bin nicht schwul. Ich bin eine Königin.“
  • „Du bist aber schlampig.“ → „Ich bin nicht schlampig. Ich lebe nur gerne im Müll.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Keineswegs. Ich mag halt fades Gemüse und verbranntes Fleisch.“
  • „Du bist ja unsicher.“ → „Quatsch. Ich fische ganz entschieden im Trüben.“

→ Exclamatio / Tautologie
Die Exclamatio, der Ausruf, verbunden mit der Tautologie, dem unnötig wiederholten Gleichen, kann einem verbalen Angriff rasch den Wind aus den Segeln nehmen.
  • „Du bist immer so schlampig.“ → „Ach, deshalb bin ich so unordentlich.“ („Ach, deshalb lebe ich in einem Saustall.“)
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Ach, deshalb habe ich so wenig Verständnis für dich.“
  • „Sie sind ein armer Schlucker.“ → „Ach, deshalb verdiene ich so wenig.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Darum schmeckt mein Essen so scheiße.“

→ ironische Antithese / Antiklimax
Hier wird der Vorwurf durch eine Umdeutung und oft auch einer gegenläufigen Steigerung umgewendet.
  • „Sie sind ein armer Schlucker.“ → „Wenn man das Maß tief hängt, verschafft man selbst Stümpern Erfolgserlebnisse.“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Super! Ich hatte Angst, du wolltest dich gar nicht beschweren.“

→ Subversion (Umdefinition und Gegenschlag)
Statt gegen den Vorwurf direkt vorzugehen, wird die Voraussetzung des Vorwurfs denunziert.
  • „Du bist aber schlampig.“ → „Du hast einfach kein Gefühl für subtile Ordnung.“
  • „Du bist ein Idiot.“ → „Das merkst du? Das hätte ich von einer Seegurke wie dir nicht gedacht.“
  • „Sie sind doch ein armer Schlucker.“ → „Ich habe halt mein ganzes Geld in Bildung gesteckt. Und du sparst für ein neues Hirn?“
  • „Du bist eine miese Köchin.“ → „Wundervoll, und ich dachte schon, dir sei dein Geschmack gänzlich flöten gegangen.“

→ rhetorische Frage + Pejorativ
Die rhetorische Frage fragt, gibt sich aber implizit oder explizit selbst die Antwort. Das Pejorativ ist eine eindeutige Abwertung.
  • „Du bist ein Idiot.“ → „An welchen Zeichen haste denn das erkannt, du Intelligenzindianer?“
  • „Du bist doch schwul.“ → „An welchen Spuren haste denn das gelesen, du Geschlechtsdetektiv?“

Und wenn’s mal kein Vorwurf ist?
Auch hier kann man schlagfertig sein. Man kann eine Aussage behandeln, als sei sie ein Vorwurf und darauf kontern.
So sagte meine Chefin vor drei Tagen zu mir: „Du warst echt super.“, darauf ich: „Ach, ist’s schon wieder vorbei?