29.09.2011

Bastel, bastel, bastel

Folgende Tätigkeiten heute Morgen: Brötchen gebacken, Sohn in den Italienurlaub verabschiedet, gebastelt (Stationen), geschrieben (etwas über 2000 Wörter, allerdings nur: meine Probeerzählung).
Probeerzählung ist übrigens gut. Ich habe zwar überhaupt keinen Anspruch, was Aussage und Bedeutung dieser Erzählung angeht, aber ich finde immer wieder eine halbe Stunde, in der ich ein Stück weiterschreibe. Mit dem Spracherkennungsprogramm läuft das recht flott, so dass 2000 Wörter in gut einer Stunde zu schaffen sind. Und da ich die Geschichte zunächst komplett durchgeplant habe, ist es fast ein Herunterschreiben. Ich hatte zwar gegenüber Anja Wurm geäußert, dass es für mich nur eine Fingerübung ist, dass ich tatsächlich nur neugierig war, ob man Geschichten auch einsprechen könne und damit angedeutet, dass ich die Erzählung auch eventuell abbreche, aber insgesamt ist es einfach zu nett. Mal sehen, mal sehen!


28.09.2011

Heftromane

Frank Braun alias Benjamin Cook auf Wortwellen im Gespräch.
Mein Fazit zu seiner Serie: Trash für 4,95 Euro ist zu teuer. Auch wenn es ein gedrucktes Heftchen ist. Inhaltlich kann ich nichts sagen. Ich habe die Serie nicht gelesen. Aber wenn ich wirklich Trash haben will, kaufe ich mir einen Fitzek oder einen Hohlbein (oder lass es bleiben).


Amazon

Ich habe gerade festgestellt, dass Christas Buch doch noch nicht freigegeben ist oder die Freigabe schon wieder zurückgezogen wurde, warum auch immer. An dem Buch selbst kann es nicht liegen. Ich bin etwas genervt, da ich keine Lust habe, die nächsten Tage immer wieder in Christas Konto hineinzuschauen. Ich habe gerade mit ihr telefoniert und sie gebeten, mal in ihr E-Mail-Fach zu schauen.
Erzählen tue ich das hier eigentlich nur, um die ganzen verschiedenen Wege aufzuzählen, wie das mit Kindl in der Praxis klappt.


Feminismus und Biologie

Ich habe gestern meine Bloglinks überprüft und dabei festgestellt, dass Lucia schon lange nicht mehr in meiner Blogroll aufgetaucht ist. Gut: ich hatte auch viel Stress am Hals und wenig außerhalb meiner Bereiche gelesen. Jedenfalls hat Lucia ihren einen Blog geschlossen und einen anderen aufgemacht. Dieser ist jetzt auch wieder in meiner Liste "eingemeindet".
Über Lucia bin ich auf einige Blogs gestoßen, die sich um den Status des Feminismus streiten. Da in der Theorie der Behinderung manchmal Biologie und Kultur ähnlich seltsam gegenüberstehen, habe ich mich damit intensiver auseinandergesetzt. Einige der Blogs (und sehr viele der Kommentare) sind kaum der Rede wert. Hier wird jeder etwas logischere Argumentation durch die Fixierung, es ginge nur um das Verhältnis von Mann und Frau, unterbunden. Jedenfalls habe ich selbst einen Kommentar verfasst und den möchte ich hier veröffentlichen (den Zusammenhang findet ihr auf Alles Evolution).
Dass in der Realität und vor allem in Institutionen nicht alles rund läuft, ist die eine Sache. Ich zum Beispiel werfe aber dem institutionalisierten Feminismus vor, Judith Butler nicht gut genug gelesen zu haben.
Es sind zwei verschiedene Dinge, die Praxis der Frauenförderung und die Gender theory zu kritisieren, auch wenn diese immer irgendwie miteinander zusammen hängen.
Für die Begriffe sex/gender müssen Sie zwischen Substrat und Form unterscheiden. Butler leugnet nicht, dass es ein biologisches Substrat gibt. Aber sie befragt, ob es diese Form sein muss. Das Gehirn zum Beispiel hat zwar ein recht eindeutiges Substrat, aber durchaus keine eindeutige Form. Jede realisierte Verknüpfung schließt automatisch andere mögliche Verknüpfungen aus und da sich diese Verknüpfungen anhand von Sinnesreizen bilden, also von etwas, was außerhalb des Gehirns liegt, kann man diese Verknüpfungen durchaus als kulturell bezeichnen (wobei man nicht vergessen sollte, dass kulturelle Strukturen sich nicht direkt in Wahrnehmungen oder Verknüpfungen niederschlagen).
Selbst auf der genetischen Ebene gibt es Einflüsse der Umwelt, siehe die Genexpression.

Was ich hier lese, ist, dass Sie eine Differenz wollen, ohne die Gefahr der Hierarchie. Die gibt es aber meiner Meinung nach nicht, da jede Differenz in Prozesse eingebunden ist, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen. Vielleicht rührt auch daher Ihr Missverständnis bei Butler, da diese hier durchaus doppelt argumentiert, nämlich die Differenz zu ermöglichen und die Hierarchie zu verhindern.

Wenn Sie allerdings nur mit Biologie argumentieren wollen, dann vergessen Sie (1) das Problem von Substrat und Form. Dazu hatte ich schon einiges gesagt. Zum (2) vergessen Sie das Problem der Interpretation. Eine Interpretation, die sich auf Biologie stützt ist noch lange keine Biologie. Natürlich gilt auch umgekehrt, dass eine Argumentation, die sich als Feminismus schmückt, noch lange kein Feminismus sein muss. Hier muss man eben streiten. Was ich nicht leiden kann, sind diese Pauschalisierungen. Es gibt nicht den einen Feminismus, es gibt ja noch nicht mal die eine Lesart von Butler. Selbst das Gehirn ist nicht in der Lage, eine eindeutige Interpretation von Sinnesreizen anders zu erstellen, als durch Selbstfestlegung. Sobald wir etwas interpretieren, haben wir es mit einer Struktur zu tun und Struktur heißt immer: mehrere Differenzen deshalb empfehle ich, nicht einfach nur auf die zentralen Differenzen von Mann und Frau oder sex/gender zu starren, sondern auch die nicht direkt zu diesem Thema gehörigen Differenzen zu beachten, wie zum Beispiel die Differenz Substrat/Form oder Struktur/Interpretation oder Institution/(kritische) Theorie. Ich setze das Wort „kritisch“ einmal in Klammern, weil auch darin ein Streitwert liegt.

27.09.2011

was Leser zu mir bringt

Manchmal ist man erstaunt, welche Suchbegriffe einem Leser bringen. Gerade zum Beispiel: "Argument für Lamarck". Gefunden wurde damit mein Artikel Induktive Argumente, der besonders durch einen sehr netten Kommentar glänzt.


Die Kritik an NLP und ihrem Gebrauch der Metaphern

Nach langer Zeit habe ich mal wieder einen Artikel auf suite101.de veröffentlicht, den ihr hier finden könnt: Die Kritik an NLP und ihrem Gebrauch der Metaphern.
Eigentlich wollte ich mich mit diesem Thema nicht mehr beschäftigen, weil es gar so ärgerlich ist, aber es ist auch immer gut, hier den Widerstand offen zu zeigen, vor allem, wenn man hier von verschiedener Seite Ermutigung erfährt. Zudem habe ich den Artikel gleich dazu verwendet, um für Christas Buch ein wenig Werbung zu machen und es zu verlinken. Schließlich bezahlt sie mich ja auch für das Cover, die Formatierung und dafür, dass ich ihr vor zwei Jahren bei den ersten Hürden geholfen habe (wobei ich dieses Geld schon bekommen habe).

Metaphern. Genau so ist es!

Darüber hinaus ist nach Auffassung des Rezensenten das gesamte scheinbar so logisch konzipierte und geschlossene Gedankengebäude des NLP – um, sensu Lakoff, in dem metaphorischen Konzept THEORIEN SIND GEBÄUDE zu bleiben – bei nur leichtem kritischen Kratzen und prüfendem Bohren höchst einsturzgefährdet. In der Konstruktion desselben scheinen die Neurolinguistischen Programmierer Opfer ihrer eigenen (metaphorischen) Denkzwänge geworden zu sein. Mohl drückt ihr Bedauern darüber aus, dass das NLP „für die akademische Zunft immer noch anrüchig“ sei.
Um das zu ändern, so ist zu erwidern, wäre ein gründliches, theoretisch fundiertes „Reframing“ dieser Psychotechnik erforderlich - metaphorisch gesprochen v.a. ein Spielen mit offenen Karten. Von persönlichem Unbehagen, ethischen Bedenken und Sprachkritik abgesehen: Es gibt bisher keine einzige ernst zu nehmende Studie, die die behaupteten, willkürlich aus kognitionspsychologischen Theorieversatzstücken und Plattitüden zusammengesetzten Prämissen des NLP bestätigt, noch eine, die die so marktschreierisch angepriesene Effizienz und schnelle Wirksamkeit beweist.
Gansen, Peter: Dunkel ist’s im Zauberwald – zur Verwendung von Metaphern in NLP-Ratgeberliteratur. Online hier erschienen.
Gansen formuliert damit auf andere Weise meine Kritik an dem Metaphernbegriff im NLP. Eine deutliche, wenn auch klassische Darstellung zur Metapherntheorie und eine kurze, beispielhafte Analyse findet ihr hier: Politsprech, Nachschlag


Jedem Tierchen sein Plaisirchen

Neulich saß ich im Park und musste mir anhören, wie ein kleines Mädchen bei seiner Mutter um ein weiteres Kaninchen bettelte.
"Aber du hast doch schon zwei Kaninchen!", sagte die Mutter.
"Ja", entgegnete das Mädchen, "aber die sind beide gefleckt und Dorothea verkauft ihres und das ist schwarz. Außerdem ist Dorothea meine beste Freundin."
Mich hat gewundert, warum die Mutter nun auf ihr Kind so genervt reagiert hat. Eigentlich hätte sie doch Freudensprünge machen müssen, denn was hat das Mädchen eigentlich ausgedrückt? Dass sie ideal geeignet ist für den Beruf des Managers.

Sie hätte das auch ganz einfach feststellen können. Die Verbindlichkeiten, die sie (also die Tochter) ihrer Freundin Dorothea gegenüber sieht, weisen auf ein gesundes Bewusstsein für den üblichen Filz in den oberen Etagen hin. Später kann sie dann (hoffentlich mit genau derselben nörgeligen Stimme) sagen: Du hast schon dreimal bankrott gemacht? Kein Problem, wir finden schon eine Bank, die dir 200 Millionen leiht. Ich rufe mal Sandra an. Die ist Vorstandsmitglied bei …

Doch das ist nicht das einzige Zeichen, das die unaufmerksame Mutter übersehen hat. Viel wichtiger ist, dass dieses aufstrebende Kind ein Tier erwähnt. Denken Sie sich nur, ein Tier! Jede gute Mutter im Prenzlauer Berg würde jetzt sofort 17 SMS an ihre besten Freundinnen schicken und mindestens drei Facebookeinträge kreieren. Ab sofort gälte dieser Tag als familiärer Feiertag, weil das Kind seinen Berufswunsch entdeckt hat. Kaninchen! Managerin! So geht das.
Aber das ist mal wieder typisch für die Eltern, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht ordentlich wahrnehmen wollen. Vermutlich hat die Mutter an etwas ganz anderes gedacht, eventuell, was sie zu essen kochen soll (gibt es da nicht Restaurants?) oder ob sie mit ihrem Kind noch in einen Buchladen gehen soll. Alles Unsinn! Tiere. Das brauchen Kinder, die Manager werden wollen!

Schauen Sie sich doch die Managerwelt an: da haben wir Mäusestrategien, Giraffenkommunikationen, Wolfsmanager. Ein Berater heißt heute Coach und er hat auch nicht studiert, sondern er hat ein Zertifikat für Delphin-Intelligenz. Wer in einem stressigen Arbeitsumfeld zu tun hat, der schafft sich nicht einfach nur ein dickes Fell an, der braucht heute eine Kakerlaken-Gesundheit. Überleben Sie die berufliche Atombombe durch die Kakerlaken-Strategie! So etwas muss ein Trainer heute vermitteln können: sich wie eine Kakerlake zu verhalten. Einfach die Gammastrahlen zu ignorieren und weiter nach dem nächsten Futternapf suchen, den man leerputzen kann.

Oder die Kookabura-Kompetenz. Die ist besonders wichtig. Da kann der Trainer mit seinem Manager schon eine Stunde alleine an diesem Wort üben, um das richtig auszusprechen. Das sind bereits 600 Euro für diese Dienstleistung des Trainers. Und dann ist das auch noch eine Alliteration! Und was ist ein Kookabura? Ein Tier. Wunderbar. Wie geschaffen für einen Manager. Der Kookabura ist ein australischer Vogel, den man auch als "lachenden Hans" bezeichnet. Dessen Ruf klingt ähnlich wie das Lachen eines Menschen. Und das ist doch beim Manager auch so. Bei dem klingt das häufig auch ähnlich dem Lachen eines Menschen. Da kann man doch für ein Wochenendseminar mal 12.000 Euro ausgeben und nach Südchina jetten, wo das Seminar stattfindet. Und seine Freunde treffen. Die anderen Topmanager.

Tiere sind einfach großartig. Das erinnert dann auch noch so schön an George Orwell und daran, dass sich am Ende die ausbeutenden Schweine von den ausbeutenden Menschen gar nicht mehr unterscheiden. Das Schweinebuch für Manager! So macht man das, so verdient man Geld. Auch als gekürztes Hörbuch, wahlweise von Guido Westerwelle oder Mario Barth gelesen. In Fünf-Minuten-Häppchen, also ideal für die Zeit zwischen den Videokonferenzen. Gedruckt fast genauso gut, weil man es in jedem Portfolio verstecken kann. Und wer versteckt nicht mal gerne etwas in einem Portfolio, was auf eine Schweinerei hinweist?

Wir können also mit Fug und Recht feststellen, dass diese Mutter keine Ahnung von der Wirklichkeit und einer guten Erziehung hat. Wahrscheinlich hat die sich beim Stricken von Socken mit alternativ gewonnener Wolle das Hirn weggebrannt. Und ihre Tochter muss die jetzt auch noch tragen, die Socken. Hätte sie mal lieber ihrer Tochter ein weiteres Kaninchen erlaubt.
Dann hätte sie gleich die Kaninchen-Strategie üben können, die heute unsere Topmanager alle draufhaben müssen: passiert etwas Unerwartetes, wie zum Beispiel dass Aktienblasen platzen oder ganze Staaten pleite gehen, dann einfach zwei Minuten aufhören vor sich hin zu mümmeln und so tun, als sei man völlig überrascht.

Mir jedenfalls tut das Mädchen außerordentlich leid. Manchmal sind es einfach die Eltern, die einem systematisch jede Karriere verbauen.

26.09.2011

eine seltsame Metapher: sich dem Objektivitätsfetisch unterwerfen

Auch das ist ja nur eine Metapher: "sich diesem Objektivitätsfetisch zu unterwerfen" (Seite 27)
Schon der Vorwurf des "Unterwerfens" ist seltsam, denn in einem positiven Sinne kann man sagen, dass die Linguistik (auf die Jäger sich hier bezieht) sich um Nachvollziehbarkeit bemüht, das heißt gerade nicht um Willkürlichkeit.
Aber auch der Begriff des Fetisch ist hier zumindest befremdlich, wahrscheinlich metaphorisch (aber darüber müsste man nachdenken), oder katachretisch, auf jeden Fall aber auch denunzierend, pejorativ.

Jäger, Siegfried: Kritische Diskursanalyse. Duisburg 1999.


Abenteuergeschichten

Mein Buch über Abenteuergeschichten verkauft sich nicht übermäßig gut. Aber zumindest schreiben die Käufer interessante (und teilweise sehr kritische) E-Mails. Mittlerweile habe ich so viele Aspekte beisammen, dass ich mich an eine neue Fassung machen kann. Allerdings werde ich auch hier, das ist immer ein Problem bei einem Buch, beschränken müssen. Und ich kann auch nicht jede Kritik übernehmen. Durch meinen stark sprachwissenschaftlichen Hintergrund habe ich bei bestimmten Sachen einfach einen ganz anderen Blick entwickelt.
Diesen Blick mag ich aber nicht noch einmal umfangreich in meinem Buch darstellen. Dazu finden sich auch in meinem Blog (unter dem Label schreiben) zahlreiche Anmerkungen. Oder ich schreib gleich ein ganzes neues Buch über Theorie und Praxis des Erzählens.


Stationenunterricht und Plutchik

Eigentlich ist der Montag mein Bürotag und eigentlich hatte ich auf Facebook meinem radikal verallgemeinerten Freundeskreis versprochen, dass sich aus diesem Montag einen Sonntag mache, weil mein Sonntag (also gestern) mich über 16 h am Computer festgehalten hat.
Allerdings hat mich Christa eiskalt erwischt. 2009 hatte ich die Emotionspsychologie als Thema beiseite gelegt, und das keine vier Wochen durchgehalten. Trotz dieser lange Zeit bin ich eigentlich immer noch in der Sammlungsphase, immer noch in der Phase des Ausprobierens. Meine Art penibel zu sein. Christa finde ich sehr angenehm, weil sie sich ebenfalls viel mit der Theorie von Robert Plutchik beschäftigt hat. Durch ihre Tätigkeit als Berater und weil sie wesentlich länger den Plutchik verwendet, bringt sie hier viele Erfahrungen mit und wir haben uns neulich sehr ausführlich über Gefühle unterhalten. Das war ein sehr interessantes Gespräch. Effekt war, dass ich wieder viele Ideen und Gedanken zur Emotionspsychologie sammle. Mittlerweile ist das auch viel angenehmer, weil ich meine ganzen Fragmente nicht mehr eintippen muss, sondern sie einfach ins Mikrofon spreche.
Sehr fleißig bin ich auch beim Stationenunterricht. Ich habe am Wochenende ein wenig gebastelt, bin immer noch am Planen und wegen der Fortbildung aufgeregt. Ich habe zu diesem Thema eben noch nie eine Fortbildung gemacht; bisher habe ich vor allem Vorträge in Schulen gehalten.


Letzte Tat für heute:

Schlafen gehen. Sitze nämlich seit 7:00 Uhr am Computer und langsam mag mein Hirn wie grüner Glibber aussehen. Nicht gut!


Christa

Eigentlich wollte ich das ja nicht machen, doch jetzt habe ich mich breitschlagen lassen und für Christa Willms ein Cover für ihr Buch gestaltet (ich bin nicht zufrieden), ihren Text Korrektur gelesen und das Ganze auch bereits über Kindl veröffentlicht.

Mich hat dieses Buch nun nicht überschäumen lassen. Vieles war mir, rein theoretisch, bekannt. Trotzdem ist es ein gutes Buch, weil man eine solche Verwobenheit von Praxis und Theorie in der modernen Ratgeber-Literatur nur selten findet. Christa erklärt diese Verbindungen auch schön einfach und mit eindrücklichen Beispielen. Einmal deutet sie auch an, dass sie sich sehr auf Kant bezieht. Allgemein liest man diesen Bezug mit, auch wenn Christa eher für den Laien verständliche Erklärungen gebraucht.

Besonders gefreut haben mich aber ihre kleinen, kritischen Anmerkungen. Christa kann auf einer sehr unterschwelligen Ebene herrlich bissig sein. Ich habe mich köstlich amüsiert.
Da Christa mit dem ganzen "Computer-Zeugs" nicht so zurecht kommt, darf ich die Werbung im Internet (auch noch) übernehmen. Ich würde das nicht tun, wenn die Telefonate mit ihr nicht so bezaubernd wären. Solch geistig quirlige Frauen anfang 70 findet man selten. Tatsächlich bin ich sogar ein wenig verliebt (was mir Christa bitte verzeihen mag, aber sie hat es provoziert).

Hier veröffentliche ich einen Ausschnitt aus dem Buch, das "Leben lernen und Selbstbewusstsein aufbauen" heißt (kein toller Titel, aber einer, der noch verfügbar war):

Petra: Also ist die Wut immer auf ein konkretes Ziel gerichtet, aber man braucht sozusagen auch ein Ziel hinter diesem Hindernis?
Christa: Das ist wie in Romanen. Das Hindernis ist immer ein Zwischenschritt. Am Ende eines Romans steht eine Lösung, eine Art idyllischer Zustand. Der Held will natürlich seinen Widersacher unschädlich machen, aber das ist kein Selbstzweck. Der Widersacher verhindert das gute Leben des Helden. Deshalb muss der Widersacher weg. Das eigentliche Ziel ist das gute Leben.

Petra: Thomas hat seine Wut gegen seine Eltern gerichtet. Und gewonnen hat er dann ein zufriedeneres Dasein.
Christa: Bei Thomas war das unkompliziert. Anne zum Beispiel ist in einem sehr kalten Elternhaus aufgewachsen. Ihre Eltern haben sie nicht geschlagen, aber missachtet. Anne hatte immer das Gefühl, dass sie nicht existiert und sie hat das so gut gelernt, dass sie sich überall in den Hintergrund zurückgezogen hat, obwohl sie eigentlich eine sehr intelligente und kluge Frau war. Nachdem sie festgestellt hat, dass sie eine ganz andere Kindheit hätte haben können, wenn ihre Eltern sich nur für sie interessiert hätten, ist sie auf ihre Eltern sehr sauer geworden.
Und das ist zunächst ja auch vollkommen richtig. Ich komme als Kind auf die Welt, ich nehme doch an, dass meine Eltern mich haben wollten. Wenn sich dann keiner für mich interessiert, dann läuft irgendetwas ziemlich falsch und das kann nicht ich sein. Ich habe mich dafür nie entscheiden können.
Anne war also sehr sehr sauer. Aber sie hat ein anderes Problem entwickelt. Sie ist in dieser Wut hängen geblieben. Sie hat keine Gegenidee für ihr zukünftiges Leben entwickelt und eine ganze Zeit lang war ihr Lebensinhalt, auf ihre Eltern wütend zu sein. Sie hat sich damit motiviert und stabilisiert.

Petra: Das hört sich unheimlich an.
Christa: Das war auch unheimlich. Denn nach und nach hat sich dieser Gedanke, dass sie sich an ihren Eltern rächen müsste, verselbstständigt. Es ging Anne gar nicht mehr darum, dass sie mit ihrem Leben zufrieden ist, sondern dass sie irgendeinen Weg findet, sich in einer legitime Art und Weise an ihren Eltern zu vergehen. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
Was Anne aber nicht gesehen hat, war, dass sie mit diesem Gefühl der Rache Monat um Monat verplempert hat, in denen sie längst schon hätte ganz andere Dinge tun können, Dinge die sie wesentlich weniger belasten oder ihr vielleicht sogar Vergnügen bereiten. Rache ist eine Falle, ist eine richtige emotionale Falle.
Die Ursache dafür liegt in dieser Wut. Was macht die Wut? Sie will zu etwas hin, sie will eine Verbindung schaffen, um das dann zu zerstören, um eine Trennung zu schaffen. Verbindung und Trennung; und da liegt der Widerspruch in der Wut, den ich normalerweise durch ein Nacheinander, durch zwei aufeinander folgende Phasen löse.
Wir dürfen in unserer Gesellschaft aber bestimmte Sachen nicht kaputtmachen. Wir dürfen kein fremdes Eigentum zerstören. Wir dürfen keine Leben gefährden oder vernichten. Gegen diese erste Phase unserer Wut, wenn sie sich zum Beispiel auf Personen richtet, stehen die gesellschaftlichen Normen. Und auch wenn mir das im Moment lästig ist, ist es doch insgesamt sinnvoll, dass es diese Normen gibt. Nur kann ich dann meine Wut nicht mehr ausleben.
Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich kann entweder in dem Zustand der nie wirklich geäußerten Wut bleiben oder ich kann mir einen anderen Weg suchen, mich von diesem unangenehmen Hindernis zu trennen.
Die Rache bleibt in diesem verhängnisvollen Zustand. Sie sucht nach einem Weg, die Wut doch noch zu verwirklichen. Darum ist die Rache auch so erfinderisch, so listig, und schafft es ja manchmal, auf einem sehr krummen Weg, doch noch zum Ziel zu kommen. Es wird häufiger davon berichtet, dass Menschen, die Amok gelaufen sind, nach diesem Amoklauf vollkommen einsichtig sind, dass sie einen Riesenfehler begangen haben. Sie haben sozusagen diesen Zustand der Rache endlich umgesetzt, endlich zu einem Ergebnis gebracht und sind jetzt emotional bereit bin, ihre eigene Tat nüchterner zu bewerten.
Aber Rache ist natürlich nicht hilfreich, vor allem nicht, wenn man dann auch noch eine Straftat begeht. Es gibt andere Möglichkeiten, sich von etwas zu trennen, auch emotional von etwas zu trennen.
Plutchik nennt ein anderes Gefühl, das Anne auf ihre Art und Weise ausgelebt hat, den Ekel. Der Ekel dient normalerweise dazu, ein Gift loszuwerden, bzw. ein mögliches giftiges Objekt gar nicht erst zu sich zu nehmen. Bei Beziehungen muss man das ganz metaphorisch sehen. Anne hat zu einer Zeit, als ihre Wut auf ihre Eltern extrem groß war, den Kontakt zu diesen abgebrochen. Und einmal sagte sie zu mir auch, dass sie sich vor ihren Eltern ekle. Ihr war damals noch nicht klar, dass sie sich damit auch selbst schützt, denn es verging kein Tag, an dem sie nicht Wünsche äußerte, wie sie ihre Eltern fertig machen könnte. Indem sie sich auf den Ekel eingelassen hat, hat sie eine andere Strategie ausprobiert.


25.09.2011

Schaubild zu den acht basalen Emotionen (Plutchik)

Christas Buch steht auf Amazon bereit. Dazu gehört ein externes Schaubild. Hier ist der Link mit dem Schaubild: Acht basale Emotionen nach Plutchik.
Um die Grafik auf Ihren Computer zu laden gehen Sie bitte ganz links auf "File" und in dem aufklappenden Menü auf "Download original".
Da die Grafik sehr viele Details enthält, ist der Download sinnvoll. Übrigens ist diese Grafik nicht nur mit dem Buch interessant. Ich selbst hatte zu Plutchik auf suite101.de einige Artikel veröffentlicht.
Die Grafik habe ich als gemeinfrei ins Netz gestellt. Sie kann also weiter gegeben werden. Ein Interview mit Christa findet ihr hier: Selbstvertrauen aufbauen: ein Gespräch mit Christa Willms.

23.09.2011

Photoshop (zum zweiten Mal heute)

So richtig mag ich heute in den Schreibfluss nicht hineinkommen. Das liegt aber auch daran, dass ich Photoshop jetzt erst wirklich entdecke. Ich habe mich an Angela Merkel verbrochen. Zuerst kommt das Original, dann zwei (leichte) Veränderungen.

Photoshop

So langsam muss ich mir auch wieder Gedanken über meine Cover machen. Mein Buch zum Stationenunterricht gedeiht, ebenso meine Nebenarbeit zur Lesekompetenz.
Ich habe gestern wieder angefangen, mich mit Photoshop zu beschäftigen. Das ist, wenn man zwei Monitore hat, sehr angenehm. Ich kann das Lehrvideo auf den einen Bildschirm packen und das Programm auf den anderen, so dass die beiden sich nicht ständig überlagern.
Gestern abend habe ich allerdings nicht mehr viel geschafft. Ich habe die Benutzeroberfläche gründlicher ausprobiert, bin aber nicht zu den "eigentlichen" Funktionen gekommen.


21.09.2011

echt guter Tipp für junge Schriftsteller

"Wenn dich einer deiner Sätze an den Rüssel eines Elefanten erinnert, der versucht, eine Erdnuss aufzuheben, dann solltest du ihn überdenken."
Aus: Moers, Walter: Die Stadt der träumenden Bücher, München 2004, Seite 267

Christa, Schopenhauer, Deleuze

Am Wochenende war meine Schwester da und mein Sohn bei mir. Ich habe also nicht wirklich viel gemacht. Sonntag allerdings habe ich mir noch die neue Version von Freemind heruntergeladen; es ist immer noch eines der besten Mindmap-Programme und dazu kostenlos.

Metaphern
Am Sonntagabend habe ich auch damit mehrere Themen durchstrukturiert. Ich lese gerade das Buch Ärztliche Praxis von Christina Schachtner. Es erläutert, welche Metaphern dem Arzt die Praxis strukturieren und anleiten. Dabei bezieht sich die Autorin auf Lakoff (Metaphors we live by) und auf Pierre Bourdieu. Ich wollte schon lange mal wieder etwas zu Metaphern schreiben und hier habe ich eine Lektüre, mit der ich mich ganz gut auseinandersetzen kann. Auch mit Bourdieu wollte ich schon lange beschäftigen. Ich habe ihn in Paris in seiner Vorlesung besucht, mich danach aber nie gründlich mit ihm auseinandergesetzt.
So ist zunächst eine Mindmap zu den Metaphern nach Lakoff entstanden, die sich nur auf meinem Zettelkasten stützt. Mal sehen, was ich damit anfangen werde.

Christa
Am Montag hat sich Christa bei mir gemeldet. Wer ist das?
Vor zwei Jahren hatte ich mit Christa ein längeres Gespräch. Sie wollte ein Buch schreiben, wusste aber nicht genau, welche Form sie ihm geben soll. Christa war 20 Jahre lang beratend tätig und es ist mir sofort klar gewesen, dass sie ihren Beruf liebt und dass sie ihn gut durchdacht hat. Auf der anderen Seite gibt es ja schon so viele Bücher zu diesem Thema. Ich habe ihr also gesagt, dass, wenn sie dieses Buch schreibt, es ein Liebhaberbuch sein wird. Das hat Christa auch vollkommen akzeptiert.
Nun habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Als sie sich am Montag meldete, hatte sie ein fertiges Manuskript. Damals habe ich ihr den Vorschlag unterbreitet, keine übliche Darstellung zu nutzen, sondern das Ganze in Dialogen aufzubereiten. Diese Form kannte sie schon, weil sie Gregory Bateson sehr intensiv gelesen hat. Sein Buch Ökologie des Geistes beginnt mit einigen so genannten Metalogen. Das sind sehr niedliche Unterhaltungen zwischen einem Vater und seine Tochter über teilweise sehr gravierende (theoretische) Probleme. Auch im wunderschönen Buch von Hofstadter, in Gödel Escher Bach, finden sich sehr lehrreiche Dialoge und weiteren Möglichkeiten und Formen kann man zum Beispiel auch bei Goethe, Tucholsky oder Brecht entdecken.
Daran hat Christa gearbeitet. Ich wollte zuerst gar nicht das ganze Manuskript durchlesen, aber da es erstens ganz spannend zu lesen ist, viel spannender als einfach nur eine Darstellung, da es zweitens vielen meiner Themen sehr nahe steht (Christa hat sich zum Beispiel intensiv mit der Emotionspsychologie von Plutchik auseinandergesetzt, schon in den achtziger Jahren, während ich diese erst 2002 entdeckt habe) und weil viele Sachen, die sie berichtet, mich auch persönlich immer wieder beschäftigen, aus all diesen Gründen also habe ich den Text dann doch vollständig durchgelesen und finde, dass sie etwas sehr eigenständiges und sehr neues daraus gemacht hat.
Was ich besonders an dieser ganzen Aufarbeitung liebe, ist, dass sich Christa über bestimmte Sachen so herrlich aufregen kann und dann auch so deutlich wird, was ihr missfällt. Auf der anderen Seite begründet sie aber auch immer sehr sehr gut, warum ihr das missfällt. Und wie bei allen Menschen, die eine lange Erfahrung in einem bestimmten Gebiet gesammelt haben, schaut sie sehr auf die Hintergründe und kritisiert weniger die Phänomene als die Strukturen. An mehreren Stellen sagt sie das auch so.

Das Manuskript und seine Kapitel
Jedenfalls habe ich vorgeschlagen, ihr Manuskript zunächst in kleinere Kapitel einzuteilen, damit der Leser sich von Anfang an besser orientieren kann, wo er welches Thema findet. Bisher hatte Christa nämlich alle fünf oder sechs Seiten (in Word) ein neues Kapitel; ich habe ihr vorgeschlagen, auf jeder Seite (ungefähr) ein neues Kapitel anzufangen, bzw. einfach eine neue Überschrift zu setzen. Leser kann man heute nicht mehr mit diesen ewig langen Abschnitten, die Kant oder Schopenhauer machen, locken.

Theorie und Praxis
Ansonsten höre ich jetzt schon wieder die Klagen von irgendwelchen Trainern, dass viel zu wenig Praxis und viel zu viel Theorie in diesem Buch zu finden sei. Aber Christa ist hier völlig klar (und ich stimme mit ihr überein), dass die Theorie und die Auseinandersetzung mit der Theorie dazu dient, (anders) wahrnehmen zu lernen und dass die Übungen dazu dienen, eine andere Praxis zu lernen. Beides gehört zusammen.
Ich weiß noch, wie wir uns damals darüber unterhalten haben, dass so viele Menschen zwar ihre Praxis ändern wollen, aber nicht ihre Wahrnehmung. Bei manchen Menschen wird die Veränderung der eigenen Wahrnehmung durch eine so große Angst blockiert, dass ich das schon für krankhaft halte. Aber natürlich ist es auch viel einfach nur eine Bequemlichkeit. Man bestimmt einfach seine Wahrnehmung als die Realität; und man wird schon irgendjemanden finden, dem man diese Realität aufdrücken kann.
Auch hier hat mich das Manuskript einfach interessiert. Es tut gut, dies nochmal von einem anderen (lebenden) Menschen zu hören. Ansonsten ist der Gedanke ja nichts Neues. Ich verweise an dieser Stelle immer auf Kant und Schopenhauer, nicht, weil sie die einzigen waren, bei denen man das findet, sondern um zu zeigen, wie lange dieser Gedanke schon gut ausgearbeitet vorliegt und wie wenig er in unserer Kultur bisher angekommen ist.

Schopenhauer (oder Deleuze)
Die Werke von Schopenhauer habe ich übrigens zu Ende gelesen und mir auch einiges dazu notiert. Allerdings sind viele seiner Gedanken für mich Selbstgänger, das heißt ich habe sie einfach durchgewunken und gesagt: einverstanden, einverstanden!
Jetzt bin ich mir allerdings unschlüssig, ob ich von hier aus nochmal zu Nietzsche gehe oder zu Kant. Letzte Woche habe ich mir die gesammelten Werke von Leibniz gekauft, die ich eigentlich schon seit langer Zeit einmal lesen wollte. Aber auch Deleuze wollte ich mal wieder in Angriff nehmen. Mein Problem mit ihm war immer, dass ich die Philosophen, auf die er sich bezogen hat, nur bedingt kannte; und ich hatte mich auch in viele Auseinandersetzungen noch nicht eingearbeitet, auf die Deleuze mit seinen Büchern reagiert hat.
In den letzten Jahren habe ich das nachgeholt. Ich habe Bergson und Spinoza gelesen, vor zwei Monaten zum Beispiel auch Uexküll (auf den in Tausend Plateaus sehr häufig angespielt wird), ich habe Kant gelesen, Hume und nochmal viele Stellen von Whitehead. Meine Basis ist jetzt sehr viel gefestigter, um die Interpretationen von Deleuze nachvollziehen zu können.

Fleißig
Aber ich war auch noch in einer anderen Hinsicht fleißig. Ich habe selbst viel geschrieben und vor allem aus den Zetteln meines Zettelkastens längere Texte verfasst. Ich habe gemerkt, dass ich mich in den letzten Jahren sehr an diese kurzen Texte gewöhnt habe und diese zu undurchdacht und zu ungeordnet für meine zukünftigen Publikationen verwendet habe. Auf der anderen Seite mag ich meine Schreibweise sehr, die zwischen der Erörterung von Begriffen und dem Erlernen von einer anderen Praxis hin- und herspringt.
Jedenfalls habe ich in den letzten zwei Tagen, und das sehr nebenbei, über 20.000 Wörter geschrieben, bzw. eingesprochen. Vieles davon erscheint mir ganz nützlich; und bei einigen dieser Texte (es waren ja eigentlich nur sieben) bin ich deutlich über 3000 Wörter hinaus, also über das, was man in meinem Blog oder in meinen online-Artikeln an Wortzahlen findet.

15.09.2011

(zweiter) Nachtrag zu Dragon NaturallySpeaking

Dienstag war ich schreibfaul. Mittwoch hatte ich nur ein kurzes Telefonat zu erledigen, dann habe ich mich (1) an die Ordnung meiner Notizen zu (a) der Erörterung, (b) Lesekompetenz (die zum Teil auch in meinem Buch zum Kompetenzaufbau erscheinen soll) und (c) zur Stationenarbeit gemacht.

Buch zum Kompetenzaufbau
Ja, ich wollte eigentlich mein Buch zum Kompetenzaufbau längst veröffentlicht haben. 30.000 Wörter sind geschrieben und es fehlt nur noch der Anhang. Selbst die Grafiken habe ich schon eingebunden. Aber gerade bei den Bereichen, bei denen ich mich hervorragend auskenne, und dazu gehört nunmal die Lesekompetenz, bin ich auch höchstpenibel. Ein Effekt war, dass ich den Homo Faber noch einmal auf allen Ebenen, wenn auch nicht wirklich systematisch, durchkommentiert habe. (Siehe zum Beispiel hier.)

Zudem ist dieses geplante Buch ja nur einer von zwei Teilen. Der erste Teil beschäftigt sich mit den kognitiven Aspekten des Kompetenzaufbaus und die sind nun recht einfach zu erklären. Der zweite Teil dagegen befasst sich mit den emotional-volitiven Aspekten und dort werde ich mich nochmal intensiv mit der Fachliteratur und natürlich philosophischen Büchern auseinandersetzen müssen. Ich empfinde diesen Bereich als weitläufig und voller Missverständnisse, Unsachlichkeiten und Selbstbeweihräucherungen. Und gegen solche Mythen, die ja vor allem Mythen durch ihren Dogmatismus sind, schreibe ich natürlich auch an (man vergleiche nur die typische Trainerliteratur zur emotionalen Kompetenz mit den bisherigen Ergebnissen der Emotionspsychologie).

Buch zur Stationenarbeit
Meine Lust pendelte aber heute eindeutig zum Stationenunterricht. Ich habe gestern abend meine Mindmap dazu noch erweitert, habe mir Notizen gemacht, wie ich diese Unterrichtsform in eine Praxis umsetze, die selbst den Stationenunterricht nutzt und habe auch all meine alten Ideen, um Spiele und Übungen herzustellen, aus meinem Zettelkasten hervorgekramt. Mit dieser Mindmap auf meinem Schreibtisch, meinem Zettelkasten auf dem einen Monitor und meinem Dokument auf dem anderen Monitor habe ich dann eineinhalb Stunden gesprochen, mit dem Ergebnis, dass ich 4.500 Wörter eindiktiert hatte. Da sich bei mir im letzten Jahr alles zum Lernpsychologie und Methodik gedreht hat, macht mein Spracherkennungsprogramm nur noch wenige und leicht zu korrigierende Fehler.

Übrigens hatte ich am Montag gemeint, dass mein Buchlein dazu recht dünn wird. Leichtsinnig war das; denn nachdem ich mir aufgeschrieben habe, welche Arbeitsformen ich vorstellen möchte, nachdem ich dann doch einiges zu der Psychologie geschrieben habe, die für den Stationenunterricht wichtig ist, nachdem ich mich auch entschlossen habe, hier meine kleinen Tricks beim Erstellen einer Station (also eigentlich eine handwerkliche Tätigkeit, ein Basteln), nachdem ich also mein Wissen zum Stationenunterricht zusammengetragen habe, wird das Buch eher umfangreich. Und - im Unterschied zu meinem Buch zum Kompetenzaufbau - sehr ausführlich praktisch. Dafür werde ich bei der Einführung der Begriffe kürzen und mich nur auf die notwendigsten beschränken.


14.09.2011

Stationenarbeit

Gestern hatte ich einen sehr schreibunlustigen Tag. Ich war am Morgen in einer Schule, um eine Fortbildung abzusprechen (dazu gleich mehr), und bin mit meinem Fahrrad morgens dorthingefahren und dann wieder zurück. Das waren etwa gefühlte 100 km. Ich habe mich also erstmal geduscht, dann habe ich mich aufs Ohr gehauen und bis 7:00 Uhr abends geschlafen. Aber danach war mit mir auch nicht mehr viel los. Am Sonntag habe ich eine Mindmap zum Stationenunterricht angelegt, die ich erweitert und ergänzt habe; aber allzuviel ist bei mir gestern auch nicht mehr entstanden.

Eigentlich wollte ich meine Schrift zur Erörterung/Argumentation weiterschreiben, eben eine mit linguistischen Übungen versehene Anleitung zum Schreiben von Erörterungen in der Schule (der Fehler vieler solcher Einführungen ist, dass sie die Ebene der Anschauung und der grundlegenden Techniken komplett aussparen; dagegen ist zum Beispiel Schopenhauer sehr instruktiv und das einzige, was ich hier eigentlich mache, ist Schopenhauer in eine moderne und mit Übungen versehene Sprache zu übersetzen, und eben ein wenig Handwerkszeug in Bezug auf die Anschauung einzuführen).
Das wollte ich eigentlich. Tatsächlich habe ich jetzt angefangen, den Stationenunterricht zu verschriftlichen. Es ist eine wunderbare Unterrichtsform. Sie ist vielfältig und für die Schüler sehr motivierend. Die ersten Wochen sind für den Lehrer allerdings aufregend und — diese Erfahrung mache ich immer wieder — bei aller Praxisorientierung, die die Lehrer von sich zu behaupten pflegen, fehlt hier eine grundlegende Fantasie, wie man ganz übliche Aufgaben in neues Material umsetzt. Vielleicht fällt mir das deshalb so leicht, weil ich vor dem Studium eine Lehre gemacht habe und dann zunächst zwei Semester Industriedesign studiert habe.


13.09.2011

nur kein Stress, Sloterdijk, …

… die Freiheit ist mit dir. Denn was lese ich in deinem Erguss "Stress und Freiheit"? Wenig, ein bisschen Luhmann, ein bisschen Schopenhauer, aufgepäppelt mit Neologismen. Aber vermutlich musst du dir den einen oder anderen Slotti noch dazu verdienen. Auch ich habe meinen Anteil geleistet.
Ich hätte auch schon einen Folgetitel. Nicht "Schuld und Sühne" oder "Stolz und Vorurteil", sondern "Plapperei und Frechheit". Das wäre doch endlich mal was kritisches, vielleicht sogar selbstkritisches!

12.09.2011

Schlechtes Knödeln



Exultate Jubilate - Elisabeth Schwarzkopf, zweiter Teil.
Und das reicht ja wohl auch. Nun, die Koloratur ist gut und nicht geknödelt. Aber sonst singt sie viel zu tief im Hals. Lucia Popp (hier, allerdings nur das Alleluia) ist wesentlich besser.


Gutes Knödeln: Shirley Bassey



(erster) Nachtrag zu Dragon NaturallySpeaking

Ich bin heute Morgen um 6:30 Uhr aufgestanden. Nach dem Frühstück hatte ich noch Zeit und Lust, ein wenig an meiner Geschichte weiterzuschreiben (siehe auch hier). Und dann ging alles relativ flott. Zweitausend Wörter. Vermutlich muss ich mich erst an diese Art, Geschichten zu schreiben, nämlich mithilfe des Spracherkennungsprogramms, gewöhnen.

Begriffsbildung
Jetzt habe ich eine halb vollendete Diplomarbeit vor mir, bei der der Autor stecken geblieben ist. Dies scheint mir die übliche Ursache zu sein; der Autor hat die Begriffe vorher nicht genügend geklärt und jetzt verschwindet ihm seine Argumentation im Begriffsnebel. Also werde ich ihm als nächstes die Begriffsbildung (die gute Begriffsbildung) beibringen.

Stationenarbeit
Nebenbei (noch gestern) meine Anmerkungen zur Stationenarbeit geordnet (im Zettelkasten, den Daniel Lüdecke programmiert hat). Auch daraus könnte ich ein Büchlein machen, obwohl es wahrscheinlich ein sehr kurzes Büchlein wird, wenn ich es nicht mit 1000 Beispielen vollpacke. Auf der anderen Seite gibt es überhaupt keine Literatur, wie man eine Stationenarbeit ordentlich plant und welche unterschiedlichen Typen es von ihr gibt. Genau das habe ich hervorragend systematisiert.
Da ich demnächst eine Fortbildung habe, in der ich auch die Stationenarbeit vorstellen möchte (die Schule hatte eine Evaluation und es wurde bemängelt, dass der Unterricht vor allem frontal abliefe), muss ich sowieso nochmal meine ganzen Papiere dazu überarbeiten. (zu einer Kritik der Stationenarbeit siehe hier)

11.09.2011

Narration, Kausalität (und Schopenhauer)

Vor über drei Jahren habe ich zu den Elementen der Schlagfertigkeit geschrieben. Dabei habe ich neun Elemente herausgestellt. Im siebten Element (Illustrieren) gebe ich die Definition der minimalen Erzählung, so wie die Linguistik diese bezeichnet:
der narrative Kern (zwei Handlungen, die zusammenhängen)
Bei Schopenhauer findet man (in Über den Satz vom Grunde) folgende Definition der Kausalität: diese bestehe aus zwei Formveränderungen, die miteinander zusammenhängen, wobei dieser Zusammenhang rein subjektiv zu lesen ist. Schopenhauers Argumentation ist hier ziemlich eindrücklich, vor allem, weil er eine strenge Begründung für den Unterschied zwischen Form und Material einführt.
In unserem Zusammenhang ist aber vor allem wichtig, dass eine Handlung mit einer körperlichen Veränderung einhergeht, also eines Wechsels der "Körperform", zwei Handlungen also zwei solcher Wechsel sind und diese damit analog zur Kausalität bei Schopenhauer gelesen werden können.
Der narrative Kern (das ist meine eigene Formulierung) ist also die Kausalität (nach Schopenhauer) im sozialen Bereich.
Ich hatte schon vor Wochen angefangen, Schopenhauers Werke mit dem Erzählen zu verknüpfen. Diese Parallele könnte zu einem Kern werden, auf den Schopenhauer sich (für mich) hinlesen lässt.

Romane schreiben und Dragon NaturallySpeaking

In den letzten Monaten habe ich schon zahlreiche Sachtexte mit meinem Spracherkennungsprogramm eingesprochen. Letztes Jahr hat mir das Programm noch relativ viele Fehler in den Texten hinterlassen (und ein Problem dabei ist, dass man seine eigenen Texte sehr viel ungenauer liest, als die fremder Menschen). Dieses Jahr aber konnte ich nach und nach die Erkennungsgenauigkeit verbessern.
Vorgestern habe ich mich dann an einen fiktiven Text gesetzt. Während meiner Arbeit zum Buch über Abenteuergeschichten habe ich zahlreiche Plots entworfen und meine ganzen Übungen aus dem Buch noch einmal selbst ausprobiert. Dabei sind einige Geschichten entstanden, die ich ganz in Ordnung fand. Und da ich Lust hatte, mal wieder eine Geschichte zu schreiben, vor allem eine längere Geschichte (und nicht, wie ich das in den letzten zwei Jahren vor allen Dingen gemacht habe, Passagen aus Geschichten, die ich gar nicht selbst, sondern Kunden entworfen hatten), habe ich mich Freitag an eine genauere Planung gesetzt, diese auch weitestgehend fertig gestellt und seit gestern bin ich am Schreiben. Dabei zeigt sich aber, dass Dragon NaturallySpeaking sich sehr auf das bisher gebrauchte Vokabular einstellt. Gestern musste ich den ganzen Tag immer wieder Wörter neu einsprechen, weil diese bisher kaum eine Rolle in meinen Texten gespielt haben. So habe ich gestern mir zwar mutig das Tagesziel von 5000 Wörter gesetzt, aber nur 2000 erreicht. Heute erging es mir ebenso. Allerdings habe ich heute auch bis zum frühen Nachmittag die deutsche Satzsemantik (Peter von Polenz) an meinen Lieblingsstellen durchkommentiert.

Ich finde es übrigens angenehm, fiktive Texte zu schreiben.
Bei meinen wissenschaftlichen Texten habe ich immer das Gefühl, dass ich mir einen so besonderen Blickpunkt erarbeitet habe, dass ich diesen kaum noch vermitteln kann. Oder anders gesagt: manche Gebiete denke ich so vernetzt, dass ich sofort mitten im "Geschehen" bin, wo andere sich noch mühsam einen Weg bahnen müssen.



Good Shoes

Für einen Besuch im Wakulla State Forest gibt jemand den Tipp (und die Erklärung): Wear good shoes, its all outside.


10.09.2011

Breaking Down - oder: mongoloide Vampire

weiss jemand ab wievielen jahren breaking down ist?
fragt eine Internet-Existenz namens Partyknaller und erklärt:
hallo leute, mir gefallen die filme von twilight ... ich habe mich schon gefreut, dass der film bald in die kinos kommt, aber dann hat man mir gesagt, dass der film ab 16 jahren ist, stimmt das? danke!
Lunani schreibt dazu:
In Breaking Down dürfen leider nur Leute mit Trisomie 21, tut mir leid.
(Tut mir auch leid für den geschmacklosen Witz, ich hab nichts gegen Menschen mit Trisomie 21, aber auf DAS Wortspiel wollte ich nicht verzichten)
Ich könnte auch meinen Cousin mal fragen, den Chris Weitz.


09.09.2011

Abenteuergeschichte: Twilight

Ob das ganze, was ich in meinem Buch Abenteuergeschichten planen und schreiben geschrieben habe, auch mit Twilight funktionieren würde, fragt J. in einer Mail. Ja, tut es. — Da ich im Vorwort versprochen hatte, Verständnisfragen zu beantworten, gibt es hier nun eine kleine Analyse, nicht vollständig, aber weitreichend genug. Ich beziehe mich allerdings nur auf meine Notizen zu Twilight, da ich weder den Film noch das Buch besitze (selbstverständlich habe ich die Bücher gelesen und, soweit sich deren habhaft werden konnte, auch die Filme angeschaut).


Für alle diejenigen, die mit der folgenden Analyse Probleme haben: die grundlegenden Begriffe habe ich in meinem Buch Abenteuergeschichten planen und schreiben beschrieben. Es ist ein großartiges Buch, nebenbei gesagt (das bisschen an Eigenwerbung ist ja wohl erlaubt).
Wenn Sie auf die Bilder klicken, kommen Sie auf die entsprechende Seite von www.amazon.de.




Kriegsparteien I: die Eltern
Jeder Abenteuerroman besteht aus mindestens zwei Kriegsparteien. Twilight ist hier nun recht verwickelt. Zudem darf man das Wort "Krieg" nicht so wörtlich nehmen; die ersten beiden Kriegsparteien, die hier auftauchen, sind nämlich Vater und Mutter von Bella. Die beiden haben sich getrennt und befinden sich in einem Zustand, den man als gegenseitige diplomatische Missachtung bezeichnen könnte. Durch die Eltern und natürlich durch die Scheidung wird Bella automatisch zu einer nomadischen Figur. Sie ist an beide Seiten gebunden und muss vorsichtig auswählen, auf welcher Seite sie sich gerade in welcher Art und Weise bewegt. Dieser Konflikt ist nicht dramatisch, vor allem, weil er üblich ist und weil Bella von ihren Eltern geliebt wird und ihre Unabhängigkeit (also ihr Nomadentum) akzeptiert wird.

Kriegsparteien II: die neue Schule
Als Bella umzieht, wechselt sie natürlich die Schule. Hier gibt es wiederum einen "Krieg", den man keineswegs wörtlich nehmen darf. Zunächst gehörte Bella zu ihrer alten Schule (von der nie etwas gesagt wird, die also gar nicht auftaucht), dann aber zur neuen Schule, bzw. eben nicht, weil sie noch niemanden kennt. Sie ist unsicher, ob sie an der neuen Schule akzeptiert wird. Und auch das ist eine Form des Nomadentums. Ein Nomade zu sein heißt, nicht zu wissen, wo man hingehört. Alle Helden in Geschichten sind immer irgendwelche Nomaden.
Später, im zweiten Buch, wird Bella nicht wissen, ob sie zu Edward oder zu Jacob gehört. Die Kriegsparteien bestehen hier aus den Werwölfen und den Vampiren; und deren Protagonisten sind eben Edward und Jacob.

Kriegsparteien IIIa: die Morde
Neben der Liebesgeschichte entspinnt sich die Suche nach dem mordenden "Tier", dem mehrere Menschen zum Opfer fallen. Aus der Sicht der Menschen (und ich meine jetzt nur die normalen Menschen) gibt es einen Konflikt zwischen einem unbekannten Tier und den Menschen. Dementsprechend wird nach diesem Tier gesucht, um es zur Strecke zu bringen.
Dieser Konflikt allerdings basiert schon auf einer List (zu der Definition dieses Begriffes siehe mein Buch). Das "Tier" sind in Wirklichkeit Vampire, die eine Grenze übertreten haben. Diese Grenze ist doppelt: auf der einen Seite gibt es das Territorium der Cullens, der anderen Vampiren den Zutritt verwehrt (zumindest solange sie Respekt haben); auf der anderen Seite gibt es die moralische Grenze der Menschen, die gebietet, dass man nicht töten solle.
Die dritte Grenze, die nicht überschritten wird, ist die der Geheimhaltung. Die Menschen wissen nicht, dass Vampire existieren und — von Seiten der Vampire aus — sollte auch so bleiben. Die Morde bedrohen diese Geheimhaltung.
Eine Morde also zeigen eine Übertretung der moralischen Grenzen an, eine Kriegserklärung an die Menschen. Zum Krieg in einem echten Sinne kommt es allein deshalb nicht, weil die eine Kriegspartei (die Menschen) die andere Kriegspartei (die Gruppe von Vampiren) wegen der Geheimhaltung falsch interpretiert.

Kriegsparteien IIIb: Bedrohung der Geheimhaltung
Für die ansässigen Vampire, also die Cullens, sieht die Sache ganz anders aus. Für sie sind die fremden Vampire eine Bedrohung. Dieser Konflikt wird ermöglicht, weil sich die einen und die anderen Vampire durch ihren Lebensstil unterscheiden. Die einen Vampire töten Menschen, die anderen nicht. Der Konflikt wird aber auch dadurch ermöglicht, dass die Menschen nichts von den Vampiren wissen. Es gibt auf der Seite der Menschen ein Informationsdefizit.
Dies ähnelt von der Seite der Menschen in Bezug auf die Vampire dem Verhältnis des Kommissars in Bezug auf den Täter. Der Kommissar weiß nämlich nicht, wer der Täter ist, zumindest am Anfang nicht. Er verdächtigt meist mehrere Personen. Ähnlich verdächtigt der Vater von Bella ein unbekanntes Tier. Und genauso, wie der Täter versucht, seine Identität geheimzuhalten und alles Bedrohliche abwehrt, so versuchen die Vampire diese Bedrohung abzuwehren.
In Bezug auf die Geheimhaltung sind die fremden Vampire die Nomaden. Sie überschreiten die Grenze.

Konflikte und Wandel der Konflikte
Twilight bietet ein gutes Beispiel, wie sich verschiedene Kriegsparteien und verschiedene Nomaden in eine Geschichte einflechten. Dies geschieht jedes Mal durch Konflikte. So hat Edward zu Beginn mit Bella einen Konflikt, weil er sie auf eine Art und Weise begehrt, die er sich selber versagen muss (innerer Konflikt). Dieser Konflikt wird im Laufe der Geschichte durch den Konflikt zwischen Bella und ihrem Vater (verschweigen) und zum Teil zwischen Bella und Jasper ersetzt. Beide Konflikte spielen in der Geschichte allerdings nur eine nebensächliche Rolle; sie erhöhen die Spannung, insofern sind sie atmosphärisch wichtig, aber sie stehen nicht im Zentrum.
Viel wichtiger ist, dass die fremde Gruppe der Vampire spätestens ab dem Baseballspiel zu einer Kriegspartei wird, also ihr Nomadentum verlässt. Jetzt ist dieser Konflikt mit den Cullens deutlich.

Der Schatz
Mit dem Wandel des Konfliktes gibt es einen Wandel des wertvollen Objektes. Bis Bella von der Existenz der Vampire erfährt, ist die Information, dass es Vampire gibt, das wertvollste Objekt (für die Vampire, aber auch für den Leser). Auch danach bleibt diese Information konfliktbestimmend, bis Bella selbst zum wertvollen Objekt wird. Sie wird der Schatz, um den die beiden Vampirgruppen kämpfen.
Dieser Konflikt wird aber schon vorher angedeutet: die Indianer (bzw. die Werwölfe) sehen die Menschen als schützenswert an und stehen damit mit den Vampiren in einem (potentiellen) Krieg. Im ersten Buch wird dies aber lediglich angedeutet. Erst im zweiten Buch wird dieser Konflikt dann geschichtstreibend.
Es ist also ein grundlegendes Prinzip von Twilight, das wertvolle Objekt im Laufe der Geschichte zu tauschen oder zu ersetzen. Der Schatz materialisiert das Problem, das zwei Lager miteinander haben; wer den Schatz (endgültig) besitzt, hat für sich das Problem gelöst und den Sieg über das andere Lager errungen. Man kann also sagen: Bella besiegt Edward, als sie ihn dazu bringt, sein vampirisches Dasein zu offenbaren. Im Konflikt um die Information unterliegt er. Später, in dem Konflikt um Bella als wertvollstes Objekt, siegt allerdings Edward über den Vampir James.

Den Wandel gestalten
Eine Kunst, Geschichten zu erzählen, besteht darin, den Wandel dieser Konflikte und den Wandel des Schatzes, d.h. des wertvollen Objektes, zu gestalten. Nehmen wir als Beispiel noch einmal den Krimi: zunächst muss der Detektiv die Bedeutung der Spuren am Tatort erkennen. Das wertvolle Objekt sind also die Spuren und was sie verursacht hat. Sind diese Spuren gelesen, hat also der Detektiv den Schatz erobert, muss er als nächstes herausfinden, mit welchen Werkzeugen aus welchen Geschäften diese Spuren verursacht wurden.

Um ein bereits häufiger in diesem Blog erwähntes Beispiel zu nehmen: in Donna Leons Krimi Venezianische Scharade sucht Brunetti (der Kommissar dieser Krimiserie) zunächst die Spuren zusammen; ein roter Schuh und ein rotes Kleid und ein Mann, der diese trägt; der Mann ist tot und wird auf einem Feld hinter einem Autobahnstrich gefunden. Schon hier geht der Krimi in seine "zweite Phase": wo kommt der Mann her? Wo hat er die roten Schuhe gekauft?
Der nächste für den Detektiv zu erobernde Schatz sind also die Herkunft all der Dinge, die diese Spuren am Tatort verursachen. Bei Agatha Christie sind diese Phasen deutlicher voneinander getrennt. In Tod über den Wolken wird ein Mann mithilfe eines Blasrohres und eines vergifteten Pfeiles getötet; Hercule Poirot (der Detektiv) macht sich also auf die Suche nach dem Geschäft, in dem der Mörder ein solches Blasrohr kaufen konnte. — Wenn Sie weitere Krimis durchlesen, werden Sie immer wieder auf diese Abfolge der Phasen stoßen.
Es gibt noch eine dritte Phase im Krimi, die den eigentlichen Täter als Schatz hat: zu den Spuren und der Herkunft müssen jetzt Gelegenheit und Motiv gefunden werden. Wer hat was wann gekauft? Wer hatte überhaupt die Gelegenheit zu dem Mord und wer hatte ein Motiv?

Der Whodunnit
Im klassischen Whodunnit ist diese Phase der Moment, in dem der Detektiv alle möglichen Verdächtigen zusammenruft und seine Schlussfolgerungen darlegt. So erörtert Poirot in Christies Klassiker Zehn kleine Negerlein im letzten Kapitel, warum der Mörder nur eine bestimmte Person sein kann. In modernen Krimis sind diese drei Phasen nicht mehr so deutlich getrennt.

Autoren wie Simenon, Leon oder — um eine junge Autorin der deutschen Krimiszene zu nennen — Henrike Heiland (der Roman Der frühe Tod, den sie unter ihrem Pseudonym Zoe Beck veröffentlicht hat, ist großartig) gestalten ihren Plot wesentlich komplexer (d.h. die Phasen sind nicht so deutlich getrennt) und legen den Schwerpunkt der Geschichte auf diese dritte Phase. Krimis, die vor allem aus dem Lesen von Spuren bestehen (die ich als Indianer-Krimis bezeichne), findet man bei Agatha Christie oder Chesterton (Father Brown-Stories). Der Klassiker jedoch dürfte Doyle mit seinem Sherlock Holmes sein.


Simenon und die Gespenstergeschichte
Krimis, die ihr Gewicht auf die dritte Phase legen, also auf die Gelegenheiten und Motive des Täters, sind häufig sozialkritische oder psychologische Krimis. Der Klassiker dieser Art von Kriminalroman ist Simenon; aber auch Wilkie Collins, bedingt auch Dickens oder Balzac, Washington Irving (der die Kurzgeschichte Sleepy Hollow geschrieben hat) oder Mark Twain gehören zu dieser Art von Romanautoren. Derjenige Roman, der lange Zeit prägend war, ist Raskolnikov (früher: Schuld und Sühne) von Dostojewski. (Übrigens haben viele klassische Gespenstergeschichten einen ähnlichen Aufbau, nämlich die Suche nach dem Motiv, warum das Gespenst spukt. Typisch für solche Arten der Gespenstergeschichte ist wiederum Sleepy Hollow.)

Zusammenfassung
Twilight erreicht seine Komplexität der Geschichte durch innere Konflikte (allen voran Edward und Bella), durch mehrere Gruppen und Personen, die Nomaden sind (zunächst Bella, dann aber auch die Cullens und schließlich die fremden, feindseligen Vampire) und durch den Wechsel der Konfliktparteien.

Finanzblase anschaulich

Gefunden in der Chilloutzone: Finanzblase anschaulich erklärt. - Wundervoll! Oder beunruhigend.

Argumentation und Erzählung

Nachdem ich heute Morgen noch einmal viel Text für meine Kunden geschrieben habe, bin ich am Nachmittag (mal wieder) zur Argumentation als Thema übergewechselt. Dieser Aspekt der Sprache beschäftigt mich seit vielen Jahren, nicht nur in Bezug auf die wissenschaftliche Arbeit.

Leserorientierung
Die Argumentation spielt auch eine wichtige Rolle bei Erzählungen, wenn auch in ganz anderer Form als im wissenschaftlichen Text. Sie liegt der so genannten Leserorientierung zu Grunde. Als Leserorientierung bezeichnet man all jene Aspekte einer Erzählung, die dem Leser beim Aufbau eines Gesamtzusammenhanges helfen. Dazu gehört zum Beispiel der Hintergrund der Erzählung (also das, was man als Setting bezeichnet), so zum Beispiel in einem historischen Roman der geschichtliche Hintergrund, in einem Bildungsroman der soziokulturelle Hintergrund oder in einem Fantasyroman die fantastische Welt, in der diese Erzählung spielt.

Spannungsaufbau
Ein anderes wichtiges Beispiel ist der Spannungsaufbau. Dieser funktioniert nun ganz anders als die wissenschaftliche Argumentation. Während bei dieser ein Problem oder eine Fragestellung auseinander gepflückt wird, wird beim Spannungsaufbau ein solches Problem oder eine solche Frage erzeugt, bzw. — besser gesagt — konstruiert. Dass dieses Problem häufig recht simpel und konventionell ist, ist typisch für Spannungserzählungen. Denn häufig ist das Problem folgendes: überleben oder sterben?

Kriminalromane (Whodunnits)
Und eine dritte Art und Weise, die Argumentation im Erzählungen zu nutzen, sind die Kriminalromane, vor allem die Whodunnits (siehe zum Beispiel: Krimis plotten und schreiben: Spuren, Indizien, Rätsel). Diese entfalten sich nämlich auf der Basis von Schlussfolgerungen, die aus einem Verbrechen und dem dazugehörigen Tatort gezogen werden. Krimis stehen also den wissenschaftlichen Arbeiten nahe, zumindest näher als reine Abenteuerromane, wie zum Beispiel Herr der Ringe. Allerdings unterscheiden sich Krimis auch wieder vom wissenschaftlichen Schreiben, als hier Argumentationsformen zugelassen sind, die nicht streng wissenschaftlich sind.
Zum Beispiel sind dies Ahnungen. Simenon hat mit seinem Inspektor Maigret einen Kriminalisten erschaffen, der — so scheint es zumindest — hochsensibel für zwischenmenschliche Wirkungen ist. Diese sind allerdings kaum empirisch fassbar und wenn man sich die Krimis von Simenon unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Argumentation ansieht, sind sie manchmal sogar geradezu lächerlich. Trotzdem beeindrucken uns diese Bücher, auch, wohl weil wir im alltäglichen Umgang ähnlich argumentieren, nämlich unwissenschaftlich und auf Ahnungen gestützt.

Erörterung
In der Deutschdidaktik gibt es zwei Bereiche, die eng miteinander verschränkt sind, aber selten als solche (nämlich als verschränkte) miteinander diskutiert werden. Dies sind die Argumentationslehre und die Aufsatzlehre. Eine der zweifelhaften Höhepunkte im Deutschunterricht ist die so genannte dialektische Erörterung, die Schüler in der neunten Klasse zu erlernen und zu schreiben haben.
Eine Erörterung ist eine schriftliche Argumentation; diese betrifft eine Fragestellung, bzw. ein Problem.
Erörterungen sollen, so legt es das Unterrichtsmaterial nahe, wissenschaftlich und empirisch sein. Doch natürlich kann man dies von Schülern in der neunten Klasse nicht in demselben Maße erwarten, wie von Studierten (obwohl man auch bei diesen manchmal ziemlich überrascht wird, wie sehr man es von ihnen auch nicht erwarten kann). Ein grundlegendes Problem also ist das Maß an Wissenschaftlichkeit, was man von einem Schüler verlangen darf. Auf wie viel Ahnungen darf er sich stützen, wie weit reichend dürfen diese Ahnungen sein, wie systematisch müssen die Begründungen geführt werden?
Nicht nur Kenner der Materie werden hier erahnen (erahnen!), welche Probleme dies für die Praxis darstellt, zum Beispiel für die Bewertung und Benotung von Erörterungen. Man sollte aber sagen: darstellen müsste! Denn wirklich diskutiert wird dieses Problem nicht. Ich musste mich letztes Jahr mit einer Lehrerin herumstreiten, deren Anforderungen an die Qualität einer Erörterung undurchsichtig waren, abgesehen davon, dass ihre eigene Interpretation des Textes an einigen Stellen unhaltbar war (die Erörterung, bzw. Interpretation bezog sich auf den Homo Faber, zu dem ich hier im Blog bereits vieles veröffentlicht habe, nur nie eine Interpretation).

Erörterung (und andere Textmuster)
Geht man davon aus, dass die Erörterung eine Textform ist, in der "gut" argumentiert wird (was immer das jetzt auch heißt), dann muss man auch davon ausgehen, dass in den Textformen, die Schüler vorher lernen (zum Beispiel die verschiedenen Formen des Berichts, des Protokolls, der Nacherzählung, der Inhaltsangabe, der Beschreibung, usw.) sich ebenfalls Argumentationen finden. Diese müssten der Argumentation in Erzählungen nahe stehen, bzw. bei der Form der Erzählung durch den Schüler diesen gleichen.
Parallel zum Sachbereich "Argumentieren" (also der Argumentationslehre) ist die Entwicklung der Argumentationsfähigkeit, also der entwicklungspsychologische Aspekt, interessant und lehrreich. Es gibt von Jean Piaget ein in Deutschland wenig rezipiertes Buch — Jugement et raisonnement chez l'enfant —, das diese Aspekte zumindest bei jüngeren Kindern auseinander faltet. Diese beiden Begriffe lassen sich mit Urteilskraft und Vernünftigkeit übersetzen, wobei die Urteilskraft das Erfassen und Versprachlichen von Wahrnehmungsfolgen (oder, wie Schopenhauer sagen würde, Kausalitäten) betrifft, die Vernünftigkeit dagegen die Anordnung der Begriffe untereinander (und die Argumentation hat, wenn man Schopenhauer folgt, zum Ziel, die Begriffe gut untereinander anzuordnen).
Es gälte also, die verschiedenen Textmuster anhand ihrer stilistischen Aspekte untereinander zu vergleichen, und diese eng an verschiedene Formen der Argumentation, bzw. des Urteils zu binden, diese in einer sinnvollen Abfolge aufzuschlüsseln und so didaktisch umzusetzen.

Was ich allerdings eigentlich schreiben wollte
Dass ich mir nämlich meinen Nachmittag mit solchen Fragen um die Ohren geschlagen habe. Hintergrund ist auch, dass ich eigentlich schon letztes Wochenende einen längeren Text schreiben wollte, darüber, wie man Erörterungen schreibt. Penibel, wie ich bin, habe ich den Rest meiner Freizeit damit zugebracht, psychologische und sachliche Hintergründe zu klären.
Heute Nachmittag habe ich einen recht umfassenden "Probetext" geschrieben; der allerdings wird in meiner Papiertonne landen, da ich mit der Form der Darstellung überhaupt nicht zufrieden bin.


08.09.2011

Schreiben und PowerPoint

Eine Kundin hat es mir nachgetan, hat sich während der Diplom-Arbeit alle ihre Notizen in eine PowerPointPräsentation gesetzt, diese dann geordnet und erst dann mit dem Schreiben angefangen. Ihr Thema: Die Möglichkeit, durch Industrievliese Katalyseprozesse bei der Oxydation zu steuern (jedenfalls so ähnlich). Ich habe von der technischen und chemischen Seite kaum etwas verstanden.
Seit Anfang dieses Jahres nutze ich PowerPoint immer häufiger, um Kunden Material aufzubereiten, das individuell zugeschnitten und großzügig gestaltet ist. Gerade bei der Planung kann man so rasch Übersichten erstellen und hin- und herschicken.

Nachtrag: ich liebe meinen Zettelkasten trotzdem sehr, auch wenn ich durch mein Spracherkennungsprogramm so viel Material erstelle, dass ich den Überblick verloren habe (nun gut, ich arbeite auch nicht mehr als Ausbilder für Quereinsteiger, insofern reduziert sich das Themenspektrum enorm).

Phosphoreszieren

Und noch ein schöner Fund, gleich danach:
Endlich saß sie [das weibliche Gespenst] vor mir: im Reifrock, eine ältere Dame, durchsichtig und korpulent. Ihr Busen wogte und sie phosphoreszierte heftig.
»Phosphoreszieren Sie bitte nicht so unangenehm,« sagte ich, »ich habe Sie hierher gebeten, um mich über Ihre Spukangelegenheiten zu unterhalten, nicht um Ihre transparenten Eigenschaften zu bewundern oder Ihre selbsttätige Leuchtfähigkeit festzustellen.«
aus: Kyber, Manfred: Grotesken

Grundsätze von Damen

Es war ferner eine Dame mit Grundsätzen, aber welche Dame hat keine Grundsätze? Und schließlich sind Grundsätze doch dazu da, um überwunden zu werden, und besonders solche von Damen.
aus: Kyber, Manfred: Grotesken
Das ist eine wunderbare, humorvolle Argumentation, ganz beiläufig ins Geschehen eingeflochten.

Arroganz (zu den Homo faber-Interpretationen im Internet)

Gerade habe ich noch ein wenig im Internet herumgestöbert, auf der Suche nach anderen Blickrichtungen auf den Homo Faber. Ich habe nichts wirklich gutes gefunden, ähnlich wie in den Büchern, die Hilfestellung zur Interpretation geben sollen. Eine alte und sehr auf Behauptungen angelegte Interpretation, das ist das, was die Leute noch zu können scheinen, auch Lehrer.

Vulgäre Psychologie
So trifft man auf zahlreiche Charakterisierungen Fabers, die mit keiner einzigen Textstelle belegt sind und — so möchte ich behaupten — sich auch nicht belegen lassen, jedenfalls zum Teil nicht. Eine Charakterisierung (elfte Klasse, Leistungskurs Deutsch) listet sogar nur psychologische Adjektive auf, die aus der komplexen Figur des Walter Faber, der Sabeth, der Hanna und der Ivy (warum sieht eigentlich niemand, dass Ivy eine höchst zentrale Figur ist, geradezu ein weiblicher Hermes, die symbolisch zwischen Natur und Technik, Seele und Objekt vermittelt, also zwischen Walter und Hanna?) geradezu Witzfiguren macht. Mit ein wenig vulgärer Psychologie ist eine Interpretation nicht zu leisten.

Arroganz
Roland Barthes schreibt:
Unter der Bezeichnung Arroganz versammle ich all die »(Sprech-)Akte«, die den Diskurs der Einschüchterung, Unterwerfung, Beherrschung, der hochmütigem Behauptung ausmachen: die sich einer Autorität, der Garantie einer dogmatischen Wahrheit, eines Anspruchs unterstellen, der das Begehren des anderen nicht denkt und für es unempfänglich ist.
Barthes, Roland: Das Neutrum, Frankfurt am Main 2005, Seite 253

Neugier
"Aber wie muss ich das denn jetzt machen?", fragte mich ein Schüler, nachdem ich ihm zwei grundlegende Schritte des Interpretierens vorgestellt habe. Er wollte (immer noch) die Interpretation in einem Hauruck-Verfahren sofort zu einem Ergebnis bringen. Erst nach und nach (eigentlich sogar erst zwei Jahre später) konnte er sich für die zunächst schlichte Oberfläche des Textes, für das, was dort sichtbar geschrieben steht, begeistern. Erst dann kann man zu den narrativen, semantischen und rhetorischen Schichten eines Textes weitergehen.
Man braucht also, wenn man interpretiert, vor allem auch eine Neugier auf die Oberfläche, auf die ästhetische (wahrnehmbare) Schicht eines Textes.


Die Kunst der Interpretation
Auch die Interpretation ist dialogisch, ist zunächst ein Gespräch zwischen einem erfahrenen Interpreten und einem unerfahrenen. Erst nach und nach wird diese Kunst verinnerlicht, wird sie zu einem Rhythmus zwischen Anschauung und Begriffsbildung, zwischen Verstand und Vernunft. Wie Wygotski schrieb: Jede höhere psychische Funktion wurde ursprünglich dialogisch geteilt.
— Die Interpretation ist eine solche höhere psychische Funktion.


07.09.2011

Atheistisches Pamphlet

Neulich habe ich, mal wieder, dank eines dozentierbeflissenen Kundens, gelernt, was ein Pamphlet ist. Eine Streitschrift (um den richtigen Glauben) nämlich. Phantomscherz hat ein nettes Bild dazu in seinem Blog gepostet. Das mag ich euch zeigen:

tolle Werbung

Eine Beratung wirbt mit den Qualitäten:
anonym und persönlich

Amazon-Widgets

Habe ich ein wenig mit den Widgets von Amazon herumgespielt. Glücklich bin ich damit nicht.

Holm: und natürlich Keidtel

Ganz anlässlich des heutigen Geburtstages von Matthias Keidtel (herzlichen Glückwunsch!) nochmal eine Literaturempfehlung, die wahrscheinlich offene Türen aufzustoßen versucht: die Holm-Trilogie; sehr komisch, sehr vergnüglich.



06.09.2011

Kleine Monatsstatistik

Es mag auch daran liegen, dass mein Blog so unterschiedliche Themen aufgreift, jedenfalls habe ich reichlich Besucher. Fast 94.000 waren es in den letzten 30 Tagen, eine Zahl, die mir eher unvorstellbar erscheint. Am meisten gesucht wurde die Charakterisierung von Personen (1500 mal), dicht gefolgt von Krimis plotten und schreiben (1400), sinnentnehmenden Lesen (800), Grammatikunterricht (700), Metaphern (700), …
Was mich erstaunt, ist, dass Final Destination 5 immerhin 180 mal zu meiner Seite geführt hat; erstaunlich ist das deshalb, weil es ein sehr frischer Film ist, von dem man meinen sollte, dass er im Internet sehr präsent ist. Weit abgeschlagen (was ich schade finde) ist zum Beispiel die Raumsoziologie (3), Peter Handke Bildverlust (2), Elfriede Jelinek (2). Heute auch mal wieder: deleuzianische Logik. Deleuze kennt man wohl im Internet nicht.


Junger Autor

Gerade öffne ich eine Mail von gestern Nachmittag: ein Jugendlicher (14) und sein Plotentwurf plus einer kleinen Leseprobe. Fantasy-Roman, und man erwartet das Schlimmste. Aber im Gegenteil: ein guter Schreibstil, ein guter Plot. Und das einzige Problem ist, dass er seinen Eltern davon nichts sagen darf (warum auch immer). Wie aber soll man mit einem Jugendlichen einen Vertrag machen, wenn die Eltern nicht einwilligen? Im übrigen sehe ich mich nicht als das große Problem an: wer so gut schreibt, dem geb ich auch mal kostenlos Tipps, vor allem wenn jemand so jung ist. Aber das nächste Problem sind die Verlage. Auch mit denen sollte man einen Vertrag abschließen, sinnvollerweise. — Mal sehen, was sich für den jungen Kerl tun lässt.


immer noch Homo Faber

Der Homo Faber ist ja nicht nur deshalb ein so berühmtes Buch, weil es die moderne Identitätsskrise so gekonnt beschreibt, sondern auch wegen der unaufdringlichen, aber dichten Symbolik. Dieser symbolischen Schicht (die laut Lotman zur rhetorischen Schicht gehört, was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann) folge ich zur Zeit.

Schichten

Jeder Text "besitzt" eine ästhetische Schicht (dieser Begriff findet sich bei Bachtin in dem Aufsatz Das Problem von Inhalt, Material und Form im Wortkunstschaffen). Diese bezieht sich auf die Wahrnehmung; eines der berühmtesten Beispiele ist die Analyse des Gedichtes Les Chats von Charles Baudelaire durch Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss. Es findet sich in dem Aufsatzband Semiologie von Jakobson.
Dieses Beispiel zeigt aber auch deutlich, dass eine reine Beschreibung der ästhetischen Schicht nicht möglich ist und zwar nicht alleine deshalb, weil Gedichte aus Sprache bestehen, sondern weil die Beschreibung sprachförmig ist. Diese Beschreibung bringt sofort die Sinnhaftigkeit ins Spiel, sei es durch Pointierung, durch Zusammenfassung oder durch neue Verbindungslinien.

Ich liebe es, wie sich nach und nach Schichten freilegen, die zunächst Ereignisse, Personen, Orte betreffen, dann bestimmte Passagen, die nach und nach eine hintergründige Komplexität gewinnen und schließlich die symbolischen und rhetorischen Schichten, die eine ganz andere Anordnung zulassen, eine, die weder der Chronologie des Romans noch der Chronologie des Lesens folgt.

Hier also einige meiner Anmerkungen zum Homo Faber aus den letzten Tagen:

Wortfeld: schleimig/klebrig

Seite 33 f.: "Hitze mit schleimiger Sonne und klebriger Luft"
Seite 39: "später Mond, schleimig, Sterne sah man nicht, dazu war es zu dunstig"
Seite 42: "Die schleimige Sonne —"
Seite 45: "eine heiße Nacht mit schleimigem Mond"
Seite 69: "der Morgen war heiß und dampfig, die Sonne schleimig wie je"
Seite 126: "Mundschleimhaut"
Seite 167: "Ich finde den Motor vollkommen verschlammt von Regengüssen, alles muss gereinigt werden, alles verfilzt und verschleimt, Geruch von Blütenstaub, der auf Maschinenöl klebt und verwest, aber ich bin froh um Arbeit —"
Seite 35: "das warme Wasser war ebenfalls klebrig, nicht zuckerig, aber salzig, und die Finger stanken nach Tang, nach Motoröl, nach Muscheln, nach Fäulnis unbestimmbarer Art"
Seite 50: "das Zeug klebte in den Pneu-Rillen"
Seite 52: "die Sonne wie in Watte, klebrig und heiß, dunstig mit einem Regenbogenring."
Seite 165: "Die klebrige Luft —"
Seite 195 f.: "Unser Flugzeugschatten über Moränen und Gletschern: wie er in die Schlünde sackt, man meint jedesmal, es sei verloren und verlocht, und schon klebt er an der nächsten Felswand, im ersten Augenblick: wie mit einer Pflasterkelle hingeworfen"

Thema: das Wetter und sein Einfluss auf das Material

Wind (Wetter überhaupt) als Symbol
Die Böen können als Symbol für die unerwarteten Stöße des Lebens gesehen werden.
Seite 8 (zweimal), 19 (zweimal), 20, und das war es auch schon. (Wortfeld untersuchen!)

"Ausfall" von Sinnesorganen

Noch einmal der Ausfall von Sinnesorganen: "Jedenfalls sanken wir, der Lautsprecher knackte und knarrte, so dass man von den Anweisungen, die gegeben werden, kaum ein Wort versteht." (Seite 19)

Ironie (Lächerlichkeit):

"Meine erste Sorge: wohin mit dem Lunch?" (Seite 19)
Auch der nächste Satz hat eine komische Logik: "Wir sanken, obschon zwei Motoren, wie gesagt, genügen sollten, das reglose Pneu-Paar in der Luft, wie üblich vor einer Landung, und ich stellte meinen Lunch einfach auf den Boden des Korridors, dabei befanden wir uns noch mindestens fünfhundert Meter über dem Boden." (Seite 19 f.)
Was die Höhe des Flugzeuges mit dem Abstellen des Lunch zu tun hat, bleibt ein Rätsel.

Symbol: Fahrzeuge

Überhaupt die Fahrzeuge: man könnte diese alle noch einmal auf eine symbolische Lesart überprüfen.
Beispiel: "Plötzlich war unser Fahrgestell neuerdings ausgeschwenkt, ohne dass eine Piste kam, dazu die Bremsklappen, man spürte es wie eine Faust gegen den Magen, Bremsen, Sinken wie im Lift, im letzten Augenblick verlor ich die Nerven, so dass die Notlandung — ich sah nur noch die flitzenden Agaven zu beiden Seiten, dann beide Hände vors Gesicht! — nichts als ein blinder Schlag war, Sturz vornüber in die Bewusstlosigkeit." (Seite 20)
Erstens taucht hier der Magen auf (wichtig, weil Faber daran erkrankt), dann die Bewusstlosigkeit, die die Ohnmacht auf der Toilette verdoppelt, allerdings zuvor: "beide Hände vors Gesicht", das Nicht-sehen-wollen, welches die Nüchternheit Fabers umdreht und konterkariert.
Symbolische Lesart: zum Beispiel, dass das ausgefahrene Fahrgestell und die fehlende Piste als Analogie zum Heiraten zu lesen sind: der eine will, der andere nicht.

Thema: welche Körperteile thematisiert Faber? (Nerven, Gesicht, Magen, Hände, …) und wie werden sie thematisiert?
(Auch die Körperfunktionen, insbesondere der Schweiß!)

Die Wahrscheinlichkeit und das Übliche; Erklärung über die Wahrscheinlichkeit: Seite 22

Heiß/kalt — Faber vor seiner Ohnmacht: draußen heiß, innen kalt (Seite 11); in der Wüste: tagsüber heiß, plötzlich zu kalt (Seite 23)
der Temperaturwechsel, kombiniert mit dem Licht oder mit dem Gebäude (alternativ das Fahrzeug)

Das Mathematische ist unpersönlich; die Wahrscheinlichkeit realisiert sich oder realisiert sich nicht. Das Schicksal dagegen ist auch eine Frage des Charakters, welcher Mensch man ist. Faber weigert sich, dieses Persönliche anzuerkennen. (Seite 22)
Er lehnt das Erlebnis ab. (Seite 23, 24f.)

Ebenso: die Farben des Schachs und das Schach selbst, weiß/schwarz, hell/dunkel
Schach zum Beispiel: Seite 23
Weiß/schwarz zum Beispiel: Seite 161 ("Hanna in Schwarz, ihr Eintreten in mein weißes Zimmer.")

Frau als Sphinx:

"Ich verstehe Hanna überhaupt nicht, ihr Lächeln, wenn ich frage, ihr Blick an mir vorbei, manchmal habe ich Angst, sie wird noch verrückt." (Seite 161)
(Außerdem Sphinx: Seite 142 zusammen mit Ödipus)

Doppelgänger

Der unbekannte Mensch am eigenen Telefonanschluss: noch ein Doppelgänger (Seite 163 f.)

Ereignis, Halluzination

Die realen Ereignisse werden zu Halluzinationen (Seite 165); das Erlebnis erscheint wie eine Art Hyperbel auf das Ereignis, eine Art mnemotechnischer Trick, damit es seine Wirklichkeit langfristig behaupten kann. (Dies ein eigener Gedanke)
Oder: Verdrängung? (was legt Frisch nahe?)

Natur und Technik

Die ganze Szene mit dem Nash (Seite 166 ff.): Die Nutzlosigkeit der Technik, wenn man sie nicht nutzen will.
Auch: die Natur ist der Technik nicht entgegengesetzt, sondern verdirbt sie nach und nach.
Herbert: das Kaputt-gehen-lassen (Brille, Nash, aber auch die Beziehung nach Deutschland)
Auch: des öfteren werden Personen ersetzt ("Herbert wie ein Indio!" (Seite 168)), hier der Eigenname durch eine fremde Gattung
danach: die Diskussion mit Hanna über die Technik (Seite 169)
Thema auch: Isolation/Blindheit

Thema: Spiegel

Seite 11: das farbige (= kranke) Gesicht, kurz vor der Ohnmacht (überhaupt: die Farben, im Kontrast zu schwarz/weiß)
Seite 18: die sich spiegelnde Sonne
Seite 98: das Restaurant mit den Spiegeln, die Selbstbespiegelung, die Spiegelung in achtfacher Ausfertigung, im Goldrahmen
Seite 109: Sabeth in der Spiegelung einer Vitrine (Hier ein Palimpsest: Sabeth und die etruskischen Scherben)
Seite 140: "Der Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau nur als seinen Spiegel." (Walters Distanz gegenüber Spiegeln = Ablehnung der Frau?)
Seite 152: sein Hemd im Spiegel sehen
Seite 170: zum ersten mal in den Spiegel sehen nach der Krankenhauseinlieferung, etwas erschrecken

Metaphern-Spiel

Seite 195: Wiederholung des Metaphern-Spiels (diesmal ohne Sabeth)

Zähne:

"Schlimm nur die Zähne. Ich habe sie immer gefürchtet; was man auch dagegen tut: ihre Verwitterung." (Seite 171)
Wortfeld: Verfall

Und weiter:
"Überhaupt der ganze Mensch! — als Konstruktion möglich, aber das Material ist verfehlt: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch." (Seite 171)
Irgendwo: die Neger hätten ein ganz anderes Fleisch (Station auf Kuba?), Vergleich mit dem "amerikanischen Fleisch" (Thema auch: der schöne Wilde)

Wir spielen euch jetzt

düdel düdel schluff schluff.
Ich war auf einem Jazz-Abend im Schlot. Mit Nico und Martin.
Die Band: M&M, sehr nett, mal Bebop, mal aber auch Anklänge an die frühen Werke von Genesis; will sagen: so ganz hat sich die Band noch nicht entschieden, ob sie eher trocken oder schwülstig Musik machen möchte.

03.09.2011

Homo Faber (Interpretation und Metakognition)

Gestern habe ich eine ganze Ladung an Literaturinterpretationen bekommen, unter anderem auch zum Homo Faber von Max Frisch. Ganz brauchbar, wenn auch recht konventionell, sind die Büchlein aus der Serie Lektüreschlüssel, die im Reclam erschienen sind und mit drei Euro erschwinglich. Mir fehlt hier allerdings grundlegend das Vorgehen, wie eine gute Interpretation zu leisten ist. Eine Schülerhilfe sollte das, also Techniken der Interpretation, auch thematisieren.

Interpretation und Metakognition
Obwohl ich damals das Wort nicht kannte, habe ich doch schon recht früh angefangen, metakognitiv zu arbeiten, d.h. ich habe meine Interpretationen mit Notizen versehen, woher mir diese Idee zu diesem Text kommt. Soweit ich mich zurückerinnere, kam mir diese Vorgehensweise von einem recht berühmten Text (den ich leider immer noch nicht besitze), der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich hatte damals irgendwelche Sekundärliteratur gelesen und darin kam natürlich die Passage über die Madeleine vor und die Assoziativität dieser Passage. Ich habe mich davon beeindrucken lassen und diese Arbeitsweise übernommen.
Heute wird das als (Aspekt der) Metakognition bezeichnet und gilt als eine der wichtigsten Techniken auf dem Weg zu einem kompetenten Lernen.
Ich bin nicht wirklich begeistert von dieser neuen Liebe zur Metakognition (ähnlich wie das Modellieren verkommt es zum Modewort und wird mehr und mehr inhaltsleer). In einem stimme ich aber mit diesem Konzept vollkommen überein: die Reflexion darauf, wie in unserem Leben Informationen verarbeitet werden, welche Techniken es gibt (und seien das Automatismen, die wir aus unserer Kultur erlernt haben) und welche Techniken wir noch nicht können oder übersehen haben, ist enorm wichtig für eine gute Interpretation.
Bachtin spricht von einer ästhetischen Schicht eines Kunstwerkes und meint damit (ungefähr), was wir als reine Anschauung von einem Kunstwerk besitzen, also seine Form. Wichtig allerdings ist dann auch der Übergang zu den Begriffen (hier folge ich Schopenhauer), also der Ordnung der Anschauung und der angeschauten Objekte durch Gemeinsamkeiten (im weitesten Sinne). Sowohl die Reflexion auf die ästhetischen Schicht als auch auf die begriffliche Denkweise fällt vielen Menschen schwer. Je weniger darüber nachgedacht wird oder je ungekonnter dies passiert, umso stärker erscheint mir der narzisstische Anteil im Charakter.
Die Interpretation von literarischen Texten scheint mir deshalb nicht nur für den Umgang mit Kultur sinnvoll zu sein, sondern auch für die Fähigkeit, sich selbst besser zu kennen, zu reflektieren.

Homo Faber
Ich finde es wieder einmal faszinierend, wie sich mit jeder neuen Lektüre aus einem Roman neue Schichten des Sinns herausschälen. In der Interpretation finde ich die eigentliche Beziehung zwischen Faber und den Frauen gar nicht so interessant, auch die (vermeintliche) Technikgläubigkeit von dem Protagonisten. Zur Zeit sammle ich vor allen Dingen Aspekte des Sehens und Hörens (ganz häufig tauchen erkannte oder unerkannte Geräusche auf, die teilweise das Sprechen zerstückeln oder ganz unmöglich machen); zudem gibt es recht viele "Rassismen", bzw. vulgäre Ansichten über Völker (zum Beispiel Herbert auf Seite 9 oder zwei Seiten später die "dicke Negerin").
Außerdem: die technischen Prothesen und ihre Produkte (allen voran der Fotoapparat von Faber), siehe vor allem Seite 12: "Großaufnahme aus Afrika" (als "Umschreibung" der Negerin) und die enge Verknüpfung mit den Ruinen (Seite 42: "er behauptete steif und fest, man könne diese Hieroglyphen und Götterfratzen nicht fotografieren, sonst wären sie sofort tot.").

Das Wort "üblich" findet sich 50 mal im Roman, besonders gehäuft bis zum ersten Aufenthalt in Palenque, und dann noch einmal in Paris. Gerade zu Beginn klingt es wie eine Beschwörungsformel (allerdings habe ich diese Stellen noch nicht analysiert).
Zudem gibt es (mindestens) zwei starke literarische Bezüge durch das ganze Buch hinweg: das ist zum einen Kafkas "Der Prozess", zum anderen Albert Camus' "Der Fremde".

Im übrigen finde ich den Homo Faber humorvoll, fast heiter, jedenfalls immer die tragische Geschichte gedoppelt durch einen ironischen Unterton.