03.09.2011

Homo Faber (Interpretation und Metakognition)

Gestern habe ich eine ganze Ladung an Literaturinterpretationen bekommen, unter anderem auch zum Homo Faber von Max Frisch. Ganz brauchbar, wenn auch recht konventionell, sind die Büchlein aus der Serie Lektüreschlüssel, die im Reclam erschienen sind und mit drei Euro erschwinglich. Mir fehlt hier allerdings grundlegend das Vorgehen, wie eine gute Interpretation zu leisten ist. Eine Schülerhilfe sollte das, also Techniken der Interpretation, auch thematisieren.

Interpretation und Metakognition
Obwohl ich damals das Wort nicht kannte, habe ich doch schon recht früh angefangen, metakognitiv zu arbeiten, d.h. ich habe meine Interpretationen mit Notizen versehen, woher mir diese Idee zu diesem Text kommt. Soweit ich mich zurückerinnere, kam mir diese Vorgehensweise von einem recht berühmten Text (den ich leider immer noch nicht besitze), der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich hatte damals irgendwelche Sekundärliteratur gelesen und darin kam natürlich die Passage über die Madeleine vor und die Assoziativität dieser Passage. Ich habe mich davon beeindrucken lassen und diese Arbeitsweise übernommen.
Heute wird das als (Aspekt der) Metakognition bezeichnet und gilt als eine der wichtigsten Techniken auf dem Weg zu einem kompetenten Lernen.
Ich bin nicht wirklich begeistert von dieser neuen Liebe zur Metakognition (ähnlich wie das Modellieren verkommt es zum Modewort und wird mehr und mehr inhaltsleer). In einem stimme ich aber mit diesem Konzept vollkommen überein: die Reflexion darauf, wie in unserem Leben Informationen verarbeitet werden, welche Techniken es gibt (und seien das Automatismen, die wir aus unserer Kultur erlernt haben) und welche Techniken wir noch nicht können oder übersehen haben, ist enorm wichtig für eine gute Interpretation.
Bachtin spricht von einer ästhetischen Schicht eines Kunstwerkes und meint damit (ungefähr), was wir als reine Anschauung von einem Kunstwerk besitzen, also seine Form. Wichtig allerdings ist dann auch der Übergang zu den Begriffen (hier folge ich Schopenhauer), also der Ordnung der Anschauung und der angeschauten Objekte durch Gemeinsamkeiten (im weitesten Sinne). Sowohl die Reflexion auf die ästhetischen Schicht als auch auf die begriffliche Denkweise fällt vielen Menschen schwer. Je weniger darüber nachgedacht wird oder je ungekonnter dies passiert, umso stärker erscheint mir der narzisstische Anteil im Charakter.
Die Interpretation von literarischen Texten scheint mir deshalb nicht nur für den Umgang mit Kultur sinnvoll zu sein, sondern auch für die Fähigkeit, sich selbst besser zu kennen, zu reflektieren.

Homo Faber
Ich finde es wieder einmal faszinierend, wie sich mit jeder neuen Lektüre aus einem Roman neue Schichten des Sinns herausschälen. In der Interpretation finde ich die eigentliche Beziehung zwischen Faber und den Frauen gar nicht so interessant, auch die (vermeintliche) Technikgläubigkeit von dem Protagonisten. Zur Zeit sammle ich vor allen Dingen Aspekte des Sehens und Hörens (ganz häufig tauchen erkannte oder unerkannte Geräusche auf, die teilweise das Sprechen zerstückeln oder ganz unmöglich machen); zudem gibt es recht viele "Rassismen", bzw. vulgäre Ansichten über Völker (zum Beispiel Herbert auf Seite 9 oder zwei Seiten später die "dicke Negerin").
Außerdem: die technischen Prothesen und ihre Produkte (allen voran der Fotoapparat von Faber), siehe vor allem Seite 12: "Großaufnahme aus Afrika" (als "Umschreibung" der Negerin) und die enge Verknüpfung mit den Ruinen (Seite 42: "er behauptete steif und fest, man könne diese Hieroglyphen und Götterfratzen nicht fotografieren, sonst wären sie sofort tot.").

Das Wort "üblich" findet sich 50 mal im Roman, besonders gehäuft bis zum ersten Aufenthalt in Palenque, und dann noch einmal in Paris. Gerade zu Beginn klingt es wie eine Beschwörungsformel (allerdings habe ich diese Stellen noch nicht analysiert).
Zudem gibt es (mindestens) zwei starke literarische Bezüge durch das ganze Buch hinweg: das ist zum einen Kafkas "Der Prozess", zum anderen Albert Camus' "Der Fremde".

Im übrigen finde ich den Homo Faber humorvoll, fast heiter, jedenfalls immer die tragische Geschichte gedoppelt durch einen ironischen Unterton.


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