08.09.2011

Arroganz (zu den Homo faber-Interpretationen im Internet)

Gerade habe ich noch ein wenig im Internet herumgestöbert, auf der Suche nach anderen Blickrichtungen auf den Homo Faber. Ich habe nichts wirklich gutes gefunden, ähnlich wie in den Büchern, die Hilfestellung zur Interpretation geben sollen. Eine alte und sehr auf Behauptungen angelegte Interpretation, das ist das, was die Leute noch zu können scheinen, auch Lehrer.

Vulgäre Psychologie
So trifft man auf zahlreiche Charakterisierungen Fabers, die mit keiner einzigen Textstelle belegt sind und — so möchte ich behaupten — sich auch nicht belegen lassen, jedenfalls zum Teil nicht. Eine Charakterisierung (elfte Klasse, Leistungskurs Deutsch) listet sogar nur psychologische Adjektive auf, die aus der komplexen Figur des Walter Faber, der Sabeth, der Hanna und der Ivy (warum sieht eigentlich niemand, dass Ivy eine höchst zentrale Figur ist, geradezu ein weiblicher Hermes, die symbolisch zwischen Natur und Technik, Seele und Objekt vermittelt, also zwischen Walter und Hanna?) geradezu Witzfiguren macht. Mit ein wenig vulgärer Psychologie ist eine Interpretation nicht zu leisten.

Arroganz
Roland Barthes schreibt:
Unter der Bezeichnung Arroganz versammle ich all die »(Sprech-)Akte«, die den Diskurs der Einschüchterung, Unterwerfung, Beherrschung, der hochmütigem Behauptung ausmachen: die sich einer Autorität, der Garantie einer dogmatischen Wahrheit, eines Anspruchs unterstellen, der das Begehren des anderen nicht denkt und für es unempfänglich ist.
Barthes, Roland: Das Neutrum, Frankfurt am Main 2005, Seite 253

Neugier
"Aber wie muss ich das denn jetzt machen?", fragte mich ein Schüler, nachdem ich ihm zwei grundlegende Schritte des Interpretierens vorgestellt habe. Er wollte (immer noch) die Interpretation in einem Hauruck-Verfahren sofort zu einem Ergebnis bringen. Erst nach und nach (eigentlich sogar erst zwei Jahre später) konnte er sich für die zunächst schlichte Oberfläche des Textes, für das, was dort sichtbar geschrieben steht, begeistern. Erst dann kann man zu den narrativen, semantischen und rhetorischen Schichten eines Textes weitergehen.
Man braucht also, wenn man interpretiert, vor allem auch eine Neugier auf die Oberfläche, auf die ästhetische (wahrnehmbare) Schicht eines Textes.


Die Kunst der Interpretation
Auch die Interpretation ist dialogisch, ist zunächst ein Gespräch zwischen einem erfahrenen Interpreten und einem unerfahrenen. Erst nach und nach wird diese Kunst verinnerlicht, wird sie zu einem Rhythmus zwischen Anschauung und Begriffsbildung, zwischen Verstand und Vernunft. Wie Wygotski schrieb: Jede höhere psychische Funktion wurde ursprünglich dialogisch geteilt.
— Die Interpretation ist eine solche höhere psychische Funktion.


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