09.09.2011

Argumentation und Erzählung

Nachdem ich heute Morgen noch einmal viel Text für meine Kunden geschrieben habe, bin ich am Nachmittag (mal wieder) zur Argumentation als Thema übergewechselt. Dieser Aspekt der Sprache beschäftigt mich seit vielen Jahren, nicht nur in Bezug auf die wissenschaftliche Arbeit.

Leserorientierung

Die Argumentation spielt auch eine wichtige Rolle bei Erzählungen, wenn auch in ganz anderer Form als im wissenschaftlichen Text. Sie liegt der so genannten Leserorientierung zu Grunde. Als Leserorientierung bezeichnet man all jene Aspekte einer Erzählung, die dem Leser beim Aufbau eines Gesamtzusammenhanges helfen. Dazu gehört zum Beispiel der Hintergrund der Erzählung (also das, was man als Setting bezeichnet), so zum Beispiel in einem historischen Roman der geschichtliche Hintergrund, in einem Bildungsroman der soziokulturelle Hintergrund oder in einem Fantasyroman die fantastische Welt, in der diese Erzählung spielt.

Spannungsaufbau

Ein anderes wichtiges Beispiel ist der Spannungsaufbau. Dieser funktioniert nun ganz anders als die wissenschaftliche Argumentation. Während bei dieser ein Problem oder eine Fragestellung auseinander gepflückt wird, wird beim Spannungsaufbau ein solches Problem oder eine solche Frage erzeugt, bzw. — besser gesagt — konstruiert. Dass dieses Problem häufig recht simpel und konventionell ist, ist typisch für Spannungserzählungen. Denn häufig ist das Problem folgendes: überleben oder sterben?

Kriminalromane (Whodunnits)

Und eine dritte Art und Weise, die Argumentation im Erzählungen zu nutzen, sind die Kriminalromane, vor allem die Whodunnits (siehe zum Beispiel: Krimis plotten und schreiben: Spuren, Indizien, Rätsel). Diese entfalten sich nämlich auf der Basis von Schlussfolgerungen, die aus einem Verbrechen und dem dazugehörigen Tatort gezogen werden. Krimis stehen also den wissenschaftlichen Arbeiten nahe, zumindest näher als reine Abenteuerromane, wie zum Beispiel Herr der Ringe. Allerdings unterscheiden sich Krimis auch wieder vom wissenschaftlichen Schreiben, als hier Argumentationsformen zugelassen sind, die nicht streng wissenschaftlich sind.
Zum Beispiel sind dies Ahnungen. Simenon hat mit seinem Inspektor Maigret einen Kriminalisten erschaffen, der — so scheint es zumindest — hochsensibel für zwischenmenschliche Wirkungen ist. Diese sind allerdings kaum empirisch fassbar und wenn man sich die Krimis von Simenon unter dem Aspekt der wissenschaftlichen Argumentation ansieht, sind sie manchmal sogar geradezu lächerlich. Trotzdem beeindrucken uns diese Bücher, auch, wohl weil wir im alltäglichen Umgang ähnlich argumentieren, nämlich unwissenschaftlich und auf Ahnungen gestützt.

Erörterung

In der Deutschdidaktik gibt es zwei Bereiche, die eng miteinander verschränkt sind, aber selten als solche (nämlich als verschränkte) miteinander diskutiert werden. Dies sind die Argumentationslehre und die Aufsatzlehre. Eine der zweifelhaften Höhepunkte im Deutschunterricht ist die so genannte dialektische Erörterung, die Schüler in der neunten Klasse zu erlernen und zu schreiben haben.
Eine Erörterung ist eine schriftliche Argumentation; diese betrifft eine Fragestellung, bzw. ein Problem.
Erörterungen sollen, so legt es das Unterrichtsmaterial nahe, wissenschaftlich und empirisch sein. Doch natürlich kann man dies von Schülern in der neunten Klasse nicht in demselben Maße erwarten, wie von Studierten (obwohl man auch bei diesen manchmal ziemlich überrascht wird, wie sehr man es von ihnen auch nicht erwarten kann). Ein grundlegendes Problem also ist das Maß an Wissenschaftlichkeit, was man von einem Schüler verlangen darf. Auf wie viel Ahnungen darf er sich stützen, wie weit reichend dürfen diese Ahnungen sein, wie systematisch müssen die Begründungen geführt werden?
Nicht nur Kenner der Materie werden hier erahnen (erahnen!), welche Probleme dies für die Praxis darstellt, zum Beispiel für die Bewertung und Benotung von Erörterungen. Man sollte aber sagen: darstellen müsste! Denn wirklich diskutiert wird dieses Problem nicht. Ich musste mich letztes Jahr mit einer Lehrerin herumstreiten, deren Anforderungen an die Qualität einer Erörterung undurchsichtig waren, abgesehen davon, dass ihre eigene Interpretation des Textes an einigen Stellen unhaltbar war (die Erörterung, bzw. Interpretation bezog sich auf den Homo Faber, zu dem ich hier im Blog bereits vieles veröffentlicht habe, nur nie eine Interpretation).

Erörterung (und andere Textmuster)

Geht man davon aus, dass die Erörterung eine Textform ist, in der "gut" argumentiert wird (was immer das jetzt auch heißt), dann muss man auch davon ausgehen, dass in den Textformen, die Schüler vorher lernen (zum Beispiel die verschiedenen Formen des Berichts, des Protokolls, der Nacherzählung, der Inhaltsangabe, der Beschreibung, usw.) sich ebenfalls Argumentationen finden. Diese müssten der Argumentation in Erzählungen nahe stehen, bzw. bei der Form der Erzählung durch den Schüler diesen gleichen.
Parallel zum Sachbereich "Argumentieren" (also der Argumentationslehre) ist die Entwicklung der Argumentationsfähigkeit, also der entwicklungspsychologische Aspekt, interessant und lehrreich. Es gibt von Jean Piaget ein in Deutschland wenig rezipiertes Buch — Jugement et raisonnement chez l'enfant —, das diese Aspekte zumindest bei jüngeren Kindern auseinander faltet. Diese beiden Begriffe lassen sich mit Urteilskraft und Vernünftigkeit übersetzen, wobei die Urteilskraft das Erfassen und Versprachlichen von Wahrnehmungsfolgen (oder, wie Schopenhauer sagen würde, Kausalitäten) betrifft, die Vernünftigkeit dagegen die Anordnung der Begriffe untereinander (und die Argumentation hat, wenn man Schopenhauer folgt, zum Ziel, die Begriffe gut untereinander anzuordnen).
Es gälte also, die verschiedenen Textmuster anhand ihrer stilistischen Aspekte untereinander zu vergleichen, und diese eng an verschiedene Formen der Argumentation, bzw. des Urteils zu binden, diese in einer sinnvollen Abfolge aufzuschlüsseln und so didaktisch umzusetzen.

Was ich allerdings eigentlich schreiben wollte

Dass ich mir nämlich meinen Nachmittag mit solchen Fragen um die Ohren geschlagen habe. Hintergrund ist auch, dass ich eigentlich schon letztes Wochenende einen längeren Text schreiben wollte, darüber, wie man Erörterungen schreibt. Penibel, wie ich bin, habe ich den Rest meiner Freizeit damit zugebracht, psychologische und sachliche Hintergründe zu klären.
Heute Nachmittag habe ich einen recht umfassenden "Probetext" geschrieben; der allerdings wird in meiner Papiertonne landen, da ich mit der Form der Darstellung überhaupt nicht zufrieden bin.

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