27.09.2011

Jedem Tierchen sein Plaisirchen

Neulich saß ich im Park und musste mir anhören, wie ein kleines Mädchen bei seiner Mutter um ein weiteres Kaninchen bettelte.
"Aber du hast doch schon zwei Kaninchen!", sagte die Mutter.
"Ja", entgegnete das Mädchen, "aber die sind beide gefleckt und Dorothea verkauft ihres und das ist schwarz. Außerdem ist Dorothea meine beste Freundin."
Mich hat gewundert, warum die Mutter nun auf ihr Kind so genervt reagiert hat. Eigentlich hätte sie doch Freudensprünge machen müssen, denn was hat das Mädchen eigentlich ausgedrückt? Dass sie ideal geeignet ist für den Beruf des Managers.

Sie hätte das auch ganz einfach feststellen können. Die Verbindlichkeiten, die sie (also die Tochter) ihrer Freundin Dorothea gegenüber sieht, weisen auf ein gesundes Bewusstsein für den üblichen Filz in den oberen Etagen hin. Später kann sie dann (hoffentlich mit genau derselben nörgeligen Stimme) sagen: Du hast schon dreimal bankrott gemacht? Kein Problem, wir finden schon eine Bank, die dir 200 Millionen leiht. Ich rufe mal Sandra an. Die ist Vorstandsmitglied bei …

Doch das ist nicht das einzige Zeichen, das die unaufmerksame Mutter übersehen hat. Viel wichtiger ist, dass dieses aufstrebende Kind ein Tier erwähnt. Denken Sie sich nur, ein Tier! Jede gute Mutter im Prenzlauer Berg würde jetzt sofort 17 SMS an ihre besten Freundinnen schicken und mindestens drei Facebookeinträge kreieren. Ab sofort gälte dieser Tag als familiärer Feiertag, weil das Kind seinen Berufswunsch entdeckt hat. Kaninchen! Managerin! So geht das.
Aber das ist mal wieder typisch für die Eltern, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nicht ordentlich wahrnehmen wollen. Vermutlich hat die Mutter an etwas ganz anderes gedacht, eventuell, was sie zu essen kochen soll (gibt es da nicht Restaurants?) oder ob sie mit ihrem Kind noch in einen Buchladen gehen soll. Alles Unsinn! Tiere. Das brauchen Kinder, die Manager werden wollen!

Schauen Sie sich doch die Managerwelt an: da haben wir Mäusestrategien, Giraffenkommunikationen, Wolfsmanager. Ein Berater heißt heute Coach und er hat auch nicht studiert, sondern er hat ein Zertifikat für Delphin-Intelligenz. Wer in einem stressigen Arbeitsumfeld zu tun hat, der schafft sich nicht einfach nur ein dickes Fell an, der braucht heute eine Kakerlaken-Gesundheit. Überleben Sie die berufliche Atombombe durch die Kakerlaken-Strategie! So etwas muss ein Trainer heute vermitteln können: sich wie eine Kakerlake zu verhalten. Einfach die Gammastrahlen zu ignorieren und weiter nach dem nächsten Futternapf suchen, den man leerputzen kann.

Oder die Kookabura-Kompetenz. Die ist besonders wichtig. Da kann der Trainer mit seinem Manager schon eine Stunde alleine an diesem Wort üben, um das richtig auszusprechen. Das sind bereits 600 Euro für diese Dienstleistung des Trainers. Und dann ist das auch noch eine Alliteration! Und was ist ein Kookabura? Ein Tier. Wunderbar. Wie geschaffen für einen Manager. Der Kookabura ist ein australischer Vogel, den man auch als "lachenden Hans" bezeichnet. Dessen Ruf klingt ähnlich wie das Lachen eines Menschen. Und das ist doch beim Manager auch so. Bei dem klingt das häufig auch ähnlich dem Lachen eines Menschen. Da kann man doch für ein Wochenendseminar mal 12.000 Euro ausgeben und nach Südchina jetten, wo das Seminar stattfindet. Und seine Freunde treffen. Die anderen Topmanager.

Tiere sind einfach großartig. Das erinnert dann auch noch so schön an George Orwell und daran, dass sich am Ende die ausbeutenden Schweine von den ausbeutenden Menschen gar nicht mehr unterscheiden. Das Schweinebuch für Manager! So macht man das, so verdient man Geld. Auch als gekürztes Hörbuch, wahlweise von Guido Westerwelle oder Mario Barth gelesen. In Fünf-Minuten-Häppchen, also ideal für die Zeit zwischen den Videokonferenzen. Gedruckt fast genauso gut, weil man es in jedem Portfolio verstecken kann. Und wer versteckt nicht mal gerne etwas in einem Portfolio, was auf eine Schweinerei hinweist?

Wir können also mit Fug und Recht feststellen, dass diese Mutter keine Ahnung von der Wirklichkeit und einer guten Erziehung hat. Wahrscheinlich hat die sich beim Stricken von Socken mit alternativ gewonnener Wolle das Hirn weggebrannt. Und ihre Tochter muss die jetzt auch noch tragen, die Socken. Hätte sie mal lieber ihrer Tochter ein weiteres Kaninchen erlaubt.
Dann hätte sie gleich die Kaninchen-Strategie üben können, die heute unsere Topmanager alle draufhaben müssen: passiert etwas Unerwartetes, wie zum Beispiel dass Aktienblasen platzen oder ganze Staaten pleite gehen, dann einfach zwei Minuten aufhören vor sich hin zu mümmeln und so tun, als sei man völlig überrascht.

Mir jedenfalls tut das Mädchen außerordentlich leid. Manchmal sind es einfach die Eltern, die einem systematisch jede Karriere verbauen.
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