28.09.2011

Feminismus und Biologie

Ich habe gestern meine Bloglinks überprüft und dabei festgestellt, dass Lucia schon lange nicht mehr in meiner Blogroll aufgetaucht ist. Gut: ich hatte auch viel Stress am Hals und wenig außerhalb meiner Bereiche gelesen. Jedenfalls hat Lucia ihren einen Blog geschlossen und einen anderen aufgemacht. Dieser ist jetzt auch wieder in meiner Liste "eingemeindet".
Über Lucia bin ich auf einige Blogs gestoßen, die sich um den Status des Feminismus streiten. Da in der Theorie der Behinderung manchmal Biologie und Kultur ähnlich seltsam gegenüberstehen, habe ich mich damit intensiver auseinandergesetzt. Einige der Blogs (und sehr viele der Kommentare) sind kaum der Rede wert. Hier wird jeder etwas logischere Argumentation durch die Fixierung, es ginge nur um das Verhältnis von Mann und Frau, unterbunden. Jedenfalls habe ich selbst einen Kommentar verfasst und den möchte ich hier veröffentlichen (den Zusammenhang findet ihr auf Alles Evolution).
Dass in der Realität und vor allem in Institutionen nicht alles rund läuft, ist die eine Sache. Ich zum Beispiel werfe aber dem institutionalisierten Feminismus vor, Judith Butler nicht gut genug gelesen zu haben.
Es sind zwei verschiedene Dinge, die Praxis der Frauenförderung und die Gender theory zu kritisieren, auch wenn diese immer irgendwie miteinander zusammen hängen.
Für die Begriffe sex/gender müssen Sie zwischen Substrat und Form unterscheiden. Butler leugnet nicht, dass es ein biologisches Substrat gibt. Aber sie befragt, ob es diese Form sein muss. Das Gehirn zum Beispiel hat zwar ein recht eindeutiges Substrat, aber durchaus keine eindeutige Form. Jede realisierte Verknüpfung schließt automatisch andere mögliche Verknüpfungen aus und da sich diese Verknüpfungen anhand von Sinnesreizen bilden, also von etwas, was außerhalb des Gehirns liegt, kann man diese Verknüpfungen durchaus als kulturell bezeichnen (wobei man nicht vergessen sollte, dass kulturelle Strukturen sich nicht direkt in Wahrnehmungen oder Verknüpfungen niederschlagen).
Selbst auf der genetischen Ebene gibt es Einflüsse der Umwelt, siehe die Genexpression.

Was ich hier lese, ist, dass Sie eine Differenz wollen, ohne die Gefahr der Hierarchie. Die gibt es aber meiner Meinung nach nicht, da jede Differenz in Prozesse eingebunden ist, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen. Vielleicht rührt auch daher Ihr Missverständnis bei Butler, da diese hier durchaus doppelt argumentiert, nämlich die Differenz zu ermöglichen und die Hierarchie zu verhindern.

Wenn Sie allerdings nur mit Biologie argumentieren wollen, dann vergessen Sie (1) das Problem von Substrat und Form. Dazu hatte ich schon einiges gesagt. Zum (2) vergessen Sie das Problem der Interpretation. Eine Interpretation, die sich auf Biologie stützt ist noch lange keine Biologie. Natürlich gilt auch umgekehrt, dass eine Argumentation, die sich als Feminismus schmückt, noch lange kein Feminismus sein muss. Hier muss man eben streiten. Was ich nicht leiden kann, sind diese Pauschalisierungen. Es gibt nicht den einen Feminismus, es gibt ja noch nicht mal die eine Lesart von Butler. Selbst das Gehirn ist nicht in der Lage, eine eindeutige Interpretation von Sinnesreizen anders zu erstellen, als durch Selbstfestlegung. Sobald wir etwas interpretieren, haben wir es mit einer Struktur zu tun und Struktur heißt immer: mehrere Differenzen deshalb empfehle ich, nicht einfach nur auf die zentralen Differenzen von Mann und Frau oder sex/gender zu starren, sondern auch die nicht direkt zu diesem Thema gehörigen Differenzen zu beachten, wie zum Beispiel die Differenz Substrat/Form oder Struktur/Interpretation oder Institution/(kritische) Theorie. Ich setze das Wort „kritisch“ einmal in Klammern, weil auch darin ein Streitwert liegt.
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