26.09.2011

Christa

Eigentlich wollte ich das ja nicht machen, doch jetzt habe ich mich breitschlagen lassen und für Christa Willms ein Cover für ihr Buch gestaltet (ich bin nicht zufrieden), ihren Text Korrektur gelesen und das Ganze auch bereits über Kindl veröffentlicht.

Mich hat dieses Buch nun nicht überschäumen lassen. Vieles war mir, rein theoretisch, bekannt. Trotzdem ist es ein gutes Buch, weil man eine solche Verwobenheit von Praxis und Theorie in der modernen Ratgeber-Literatur nur selten findet. Christa erklärt diese Verbindungen auch schön einfach und mit eindrücklichen Beispielen. Einmal deutet sie auch an, dass sie sich sehr auf Kant bezieht. Allgemein liest man diesen Bezug mit, auch wenn Christa eher für den Laien verständliche Erklärungen gebraucht.

Besonders gefreut haben mich aber ihre kleinen, kritischen Anmerkungen. Christa kann auf einer sehr unterschwelligen Ebene herrlich bissig sein. Ich habe mich köstlich amüsiert.
Da Christa mit dem ganzen "Computer-Zeugs" nicht so zurecht kommt, darf ich die Werbung im Internet (auch noch) übernehmen. Ich würde das nicht tun, wenn die Telefonate mit ihr nicht so bezaubernd wären. Solch geistig quirlige Frauen anfang 70 findet man selten. Tatsächlich bin ich sogar ein wenig verliebt (was mir Christa bitte verzeihen mag, aber sie hat es provoziert).

Hier veröffentliche ich einen Ausschnitt aus dem Buch, das "Leben lernen und Selbstbewusstsein aufbauen" heißt (kein toller Titel, aber einer, der noch verfügbar war):

Petra: Also ist die Wut immer auf ein konkretes Ziel gerichtet, aber man braucht sozusagen auch ein Ziel hinter diesem Hindernis?
Christa: Das ist wie in Romanen. Das Hindernis ist immer ein Zwischenschritt. Am Ende eines Romans steht eine Lösung, eine Art idyllischer Zustand. Der Held will natürlich seinen Widersacher unschädlich machen, aber das ist kein Selbstzweck. Der Widersacher verhindert das gute Leben des Helden. Deshalb muss der Widersacher weg. Das eigentliche Ziel ist das gute Leben.

Petra: Thomas hat seine Wut gegen seine Eltern gerichtet. Und gewonnen hat er dann ein zufriedeneres Dasein.
Christa: Bei Thomas war das unkompliziert. Anne zum Beispiel ist in einem sehr kalten Elternhaus aufgewachsen. Ihre Eltern haben sie nicht geschlagen, aber missachtet. Anne hatte immer das Gefühl, dass sie nicht existiert und sie hat das so gut gelernt, dass sie sich überall in den Hintergrund zurückgezogen hat, obwohl sie eigentlich eine sehr intelligente und kluge Frau war. Nachdem sie festgestellt hat, dass sie eine ganz andere Kindheit hätte haben können, wenn ihre Eltern sich nur für sie interessiert hätten, ist sie auf ihre Eltern sehr sauer geworden.
Und das ist zunächst ja auch vollkommen richtig. Ich komme als Kind auf die Welt, ich nehme doch an, dass meine Eltern mich haben wollten. Wenn sich dann keiner für mich interessiert, dann läuft irgendetwas ziemlich falsch und das kann nicht ich sein. Ich habe mich dafür nie entscheiden können.
Anne war also sehr sehr sauer. Aber sie hat ein anderes Problem entwickelt. Sie ist in dieser Wut hängen geblieben. Sie hat keine Gegenidee für ihr zukünftiges Leben entwickelt und eine ganze Zeit lang war ihr Lebensinhalt, auf ihre Eltern wütend zu sein. Sie hat sich damit motiviert und stabilisiert.

Petra: Das hört sich unheimlich an.
Christa: Das war auch unheimlich. Denn nach und nach hat sich dieser Gedanke, dass sie sich an ihren Eltern rächen müsste, verselbstständigt. Es ging Anne gar nicht mehr darum, dass sie mit ihrem Leben zufrieden ist, sondern dass sie irgendeinen Weg findet, sich in einer legitime Art und Weise an ihren Eltern zu vergehen. Auge um Auge, Zahn um Zahn!
Was Anne aber nicht gesehen hat, war, dass sie mit diesem Gefühl der Rache Monat um Monat verplempert hat, in denen sie längst schon hätte ganz andere Dinge tun können, Dinge die sie wesentlich weniger belasten oder ihr vielleicht sogar Vergnügen bereiten. Rache ist eine Falle, ist eine richtige emotionale Falle.
Die Ursache dafür liegt in dieser Wut. Was macht die Wut? Sie will zu etwas hin, sie will eine Verbindung schaffen, um das dann zu zerstören, um eine Trennung zu schaffen. Verbindung und Trennung; und da liegt der Widerspruch in der Wut, den ich normalerweise durch ein Nacheinander, durch zwei aufeinander folgende Phasen löse.
Wir dürfen in unserer Gesellschaft aber bestimmte Sachen nicht kaputtmachen. Wir dürfen kein fremdes Eigentum zerstören. Wir dürfen keine Leben gefährden oder vernichten. Gegen diese erste Phase unserer Wut, wenn sie sich zum Beispiel auf Personen richtet, stehen die gesellschaftlichen Normen. Und auch wenn mir das im Moment lästig ist, ist es doch insgesamt sinnvoll, dass es diese Normen gibt. Nur kann ich dann meine Wut nicht mehr ausleben.
Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Ich kann entweder in dem Zustand der nie wirklich geäußerten Wut bleiben oder ich kann mir einen anderen Weg suchen, mich von diesem unangenehmen Hindernis zu trennen.
Die Rache bleibt in diesem verhängnisvollen Zustand. Sie sucht nach einem Weg, die Wut doch noch zu verwirklichen. Darum ist die Rache auch so erfinderisch, so listig, und schafft es ja manchmal, auf einem sehr krummen Weg, doch noch zum Ziel zu kommen. Es wird häufiger davon berichtet, dass Menschen, die Amok gelaufen sind, nach diesem Amoklauf vollkommen einsichtig sind, dass sie einen Riesenfehler begangen haben. Sie haben sozusagen diesen Zustand der Rache endlich umgesetzt, endlich zu einem Ergebnis gebracht und sind jetzt emotional bereit bin, ihre eigene Tat nüchterner zu bewerten.
Aber Rache ist natürlich nicht hilfreich, vor allem nicht, wenn man dann auch noch eine Straftat begeht. Es gibt andere Möglichkeiten, sich von etwas zu trennen, auch emotional von etwas zu trennen.
Plutchik nennt ein anderes Gefühl, das Anne auf ihre Art und Weise ausgelebt hat, den Ekel. Der Ekel dient normalerweise dazu, ein Gift loszuwerden, bzw. ein mögliches giftiges Objekt gar nicht erst zu sich zu nehmen. Bei Beziehungen muss man das ganz metaphorisch sehen. Anne hat zu einer Zeit, als ihre Wut auf ihre Eltern extrem groß war, den Kontakt zu diesen abgebrochen. Und einmal sagte sie zu mir auch, dass sie sich vor ihren Eltern ekle. Ihr war damals noch nicht klar, dass sie sich damit auch selbst schützt, denn es verging kein Tag, an dem sie nicht Wünsche äußerte, wie sie ihre Eltern fertig machen könnte. Indem sie sich auf den Ekel eingelassen hat, hat sie eine andere Strategie ausprobiert.


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