01.09.2011

Lüge und Wahrheit, Authentizität

"Ich schreibe gerade ein Buch darüber, wie man sofort weiß, was andere Menschen denken." Geht das? frage ich. "Wenn man die Menschen gut beobachtet." — Aber hatten wir das nicht gerade? Doch, da gibt es dieses Buch Menschen lesen, das Buch Durchschaut, und, wenn man etwas länger sucht, auch noch einige andere.
Was aber bieten solche Bücher? — Zunächst sind sie auf einem äußerst gefährlichen Mythos aufgebaut, auf dem Mythos von Lüge und Wahrheit. Obwohl es mich seit mindestens zwanzig Jahren langweilt, immer wieder darauf hinzuweisen: So einfach ist das alles nicht. Ja, ja, sagen jetzt viele und verlassen sich trotzdem darauf, wenn es um ihre eigene Sache geht.
Eine Ableitung von diesem Mythos ist die Authentizität. Als ob man von einem so hochkomplexen Wesen wie dem Menschen abfordern könnte, echt zu sein. Echt ist nur eine Metapher dafür, dass man die Herkunft, die Verbindung durch die Kausalität genau angeben kann. Kann man das? Ist es möglich, in sich selbst eine Einsicht zu gewinnen, der kausal ist? Nicht wirklich.
Ich mag solche Bücher nicht. Primitive Denker glauben immer, dass ihre Gedanken die Welt seien. Und diese Bücher unterstützen sie in ihrer Arroganz.
Müssen Sie dieses Buch wirklich schreiben?, frage ich. - "Ich stütze mich auf neueste Forschungen." - Nun, gut. Ich muss ja auch mein Geld verdienen. Immerhin habe ich ihm die hübschen Büchlein Die Wut des Verstehens und Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft - beide von Jochen Hörisch - empfohlen und ein wenig Textmuster-Training.


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