13.12.2015

Erster Versuch: politische Begriffe mit Martenstein

Solange Harald Martenstein nicht von Politik redet, ist er ganz erträglich, zuweilen sogar amüsant. Politik aber liegt dem guten Menschen überhaupt nicht, und dann all diese seltsamen Begriffe: alleine dieses Wort gender Mainstreaming, das so schwer auszusprechen ist, und das dann vielleicht auch noch schwerer zu verstehen ist, vor allem, wenn der Begriff teilweise recht unterschiedlich aufgefüllt wird.
Nun versucht sich Martenstein an dem Begriff Sozialdarwinismus.

Lageso

Zugegeben: die Situation ist dramatisch. Das Lageso, das Landesamt für Gesundheit und Soziales, registriert auch die Flüchtlinge, neben vielen anderen Aufgaben. Wie Martenstein berichtet, klafft die Möglichkeit, die Flüchtlinge zu registrieren und die täglich Wartenden weit auseinander. 200 Leute könne man jeden Tag „bearbeiten“, 500 würden warten. Martenstein brandmarkt diese Situation als schlimm. Ich würde ihm zustimmen, wenn nicht … 

Sozialdarwinismus

Die verzweifelten Flüchtlinge, so weiß ein anderer Flüchtling zu berichten, würden die Sicherheitsleute bestechen: mit Geld, und, aber wie das funktionieren soll, fällt mir nicht ein, mit Stärke. Der genaue Wortlaut von Martenstein:
Die Stärksten und die mit Geld kommen angeblich durch, Berliner Sozialdarwinismus.
Abgesehen davon, dass dies nur eine einzelne Stimme ist, relativiert jenes „angeblich“ die Wahrheit zu einer Wahrscheinlichkeit. Aber um dies zu kaschieren gibt es die Emphase, eben jenes Wort vom Sozialdarwinismus. Nur darin eben irrt Martenstein; der Sozialdarwinismus behauptet einen biologischen Determinismus, der einem guten oder schlechten Erbmaterial entstammt; zudem könne durch Selektion, d.h. in diesem Fall geplante Selektion (Verbote von Fortpflanzung, Sterilisation, Ermordung), ein besseres Erbgut herangezüchtet werden, so dass eine überlegene Menschengruppe (Rasse) entstehe (obwohl das nicht für alle Ausprägungen des Sozialdarwinismus gilt).
Bedenkt man allerdings, dass der Sozialdarwinismus eine prägende Theorie bei nationalsozialistischen Ideologen war, und auch in zeitgenössischen rechtsextremen Gruppen eine wichtige Rolle spielt, sollte man vielleicht mit diesem Begriff etwas vorsichtiger umgehen, als Martenstein dies tut.

Hoffnungslose Randexistenzen

Nein, nein, so weit geht mein Urteil über Martenstein dann doch nicht. Martenstein benutzt es selbst, benutzt es in Bezug auf die Flüchtlinge. Nicht jeder, aber doch viele stünden vor einer „hoffnungslosen Randexistenz“. Das ist nicht ganz so hübsch gesagt. Aber wir verstehen Martenstein schon.
Viel schlimmer sei, dass die Flüchtlinge bald „desillusioniert“ sein werden. Und wenn man jetzt denkt, sie kämen damit in der nicht ganz so hübschen Realität Deutschlands an, der wird eines Besseren belehrt. Sofort wendet Martenstein ein:
Aber „Realismus“ ist zur Zeit ein Unwort.
Wer also desillusioniert ist, für den ist, verstehe ich das richtig?, Realismus ein Unwort, oder für den könne Realismus nicht mehr gelten, oder wie, oder was? Und wenn derjenige, der desillusioniert ist, auch verführbar ist, dann wohl durch die Realität. Kraft seiner Argumente geraten Illusion und Realität einmal tüchtig durcheinander. Welcher philosophischen Tradition unser verehrter Journalist damit folgt, ist allerdings unklar.
Zumindest aber wäre das eine Erklärung dafür, dass Martenstein gelegentlich so sonderliche Sachen von sich gibt: Illusion ist Realität, und Desillusionierung führt in die hoffnungslose Randexistenz. Wo Martenstein sich ungerne sehen will, möchte ich behaupten.

Brutstätten

Dürfen eigentlich Stadtteile dasselbe wie eingebürgerte türkische Schriftsteller? Dann wäre jetzt vielleicht die Gelegenheit, Martenstein mit einer Unterlassungsklage zu überziehen: Gettos seien „immer Brutstätten … für Frustration, organisiertes Verbrechen und Islamismus.“ Zugegeben: die Pariser banlieus sind gelegentlich schlimm, die Zustände seit 25 Jahren und länger schlimm; die Integration auch französischer Menschen kam viel zu spät und nur sehr schleppend in Gang. An Jugendliche wurde zunächst überhaupt nicht gedacht, weder mit umfangreicheren Möglichkeiten zum Sport (es gibt in Frankreich längst nicht eine so ausgeprägte Vereinskultur wie in Deutschland), noch mit anderen Freizeitaktivitäten. Das Schulsystem ist auf Faktenwissen aufgebaut; problemlösender oder handlungsorientierter Unterricht findet eher selten statt. Damit sind die Schüler dann wohl auch einerseits kognitiv unterfordert, andererseits überfordert damit, ihre Sinnlichkeit einzudämmen.
Trotzdem: von den vielen 100.000 Franzosen, die in Paris, Lyon, Marseille in Elendsvierteln wohnen, werden nur etwa 2000 als fundamentalen Islamisten eingestuft. Bei Martenstein hört sich dies drastischer an.

Unsauberer Journalismus

Nein, ich mag Pirinçci immer noch nicht. O. k., zehn Minuten war ich auch über die Nachricht empört, die in den Medien über Pirinçci verbreitet wurde, dann habe ich ich angefangen, seine Rede genauer zu analysieren. Dies hat einer anderen Empörung Platz gemacht. Gegenüber Pirinçci, aber auch gegenüber den Nachrichtenmagazinen. Die Enerviertheit angesichts einer solchen Berichterstattung war gut (auch wenn sie nicht immer von einem guten Standpunkt aus getan wurde). Eventuell hätte dies jetzt zu einem Umdenken führen können, zu einer besseren Wortwahl, zu einer ausgewogeneren Argumentation. Zumindest bei Martenstein ist davon wenig zu spüren.
Dies mag aber auch verständlich machen, warum ich mich immer noch und immer wieder auf die rhetorische Analyse zurückziehe. Zum einen ist die rhetorische Analyse ein grundlegendes Handwerkszeug des Journalismus (aber selbst das schützt nicht vor Fehlurteilen, macht sie aber unwahrscheinlicher); zum anderen weiche ich damit gut einer tiefergehenden politischen Beurteilung aus, die ich mir immer noch nicht zutraue.
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