05.12.2015

Grüner Sandkasten

Alexander Kissler ist Resort-Leiter beim Cicero, einer Zeitschrift, die ich nur gelegentlich lesen kann, weil mich vieles, was darin geschrieben wird, aufregt. Aufregen tut mich dies vor allem der Argumentation wegen, nicht unbedingt des Inhalts.

Politische Abstinenz

Ich hatte mir, eigentlich schon vor zwei Jahren, eine Art politische Abstinenz verordnet; ich wollte politische Begriffe, politische Argumentationsweisen klären, weil ich gegenüber der Selbstverständlichkeit politischer Lager, aber auch gegenüber der eigenen Gewissheit der politischen Meinung, immer unsicherer geworden bin. Ich wollte für mich das Politische noch einmal grundsätzlich durchdenken.
Aus diesem Vorsatz (von dem ich noch nicht einmal weiß, ob er gut oder schlecht war) ist nicht allzu viel geworden. In gewisser Weise machen es einem aber auch manche Autoren furchtbar einfach, sie in das Reich der Lächerlichkeit zu verbannen und sich ein wenig „politisch erhaben“ zu fühlen.

Mind the gender-Gap

Kissler jedenfalls scheint so beeindruckt davon zu sein, dass man jedes Mal neu den gender-Gap lächerlich finden müsse, dass er sich bei allem, was der Bundesdelegiertenkongress der Grünen im November zustande gebracht hat, gerade nur auf das gender-Sternchen stürzt. Vielmehr suggeriert er dann auch noch, es habe auf diesem Parteitag nichts anderes gegeben, als eben jene „geschlechtergerechte“ Sprache.
Nun sehe ich diese Formierung der Sprache zu einer geschlechtergerechten Sprache durchaus als kritisch. Mich stört weniger daran, dass hier eine offizielle Regelung durchgesetzt wird, als den Nutzen einer solchen Maßnahme. Das ist eine Veränderung an der Oberfläche, deren tiefgreifende Wirkung wohl eher herbeigewünscht, als wirklich umgesetzt wird. Leser meines blogs wissen, dass ich bestimmte gender-Theoretiker, wie zum Beispiel Judith Butler oder Luce Irigaray, sehr hochhalte und ihre Bücher für wichtig und lesenswert erachte, im Gegensatz zu solchen Menschen wie Matussek oder Mursula. An denen ich ja auch nicht zu allererst die Inhalte ihrer Meinungen bemängele, sondern die Art und Weise, wie sie argumentieren.
Ich verbanne also nicht, auch wenn mir dies gelegentlich vorgeworfen wird (in Unkenntnis anderer Artikel auf meinem Blog), die gender-Theorie in das Reich der Blödsinnigkeit. Ich folge bloß nicht jeder Behauptung in blinder Gutgläubigkeit, in der das Wort gender auftaucht. Was auch daran liegt, dass ein Satz selten für sich alleine steht, sondern innerhalb eines Argumentationsgangs und eines Meinungsmilieus beurteilt werden muss.

In ernsten Zeiten

Alexander Kissler also bemängelt am Parteitag der Grünen, dass dieser sich mit der geschlechtergerechten Sprache auseinandersetzt, und beginnt seinen Artikel wie folgt:
In ernsten Zeiten muss man Prioritäten setzen. Freiheit, Sicherheit, Islamismus – vor diesem Hintergrund wird das Kräftefeld der Zivilgesellschaft neu austariert.
Im zweiten Absatz schreibt er dann:
Ebenso trotzig auf ihrer Lizenz zur Weltrettung durch Indianerspiele auf Nebenschauplätzen beharren die „Grünen“, eine Partei, die bis vor Kurzem sogar von klugen Zeitgenossen ernst genommen worden ist.
Was dann folgt, ist eine Schmähung der geschlechtergerechten Sprache. Und man könnte dies tatsächlich als eine halbwegs sinnvolle Kritik wahrnehmen, wenn Kissler nicht im Vorhinein klargemacht hätte, dass auf diesem Parteitag nichts anderes passiert sei, als eine Debatte über die geschlechtergerechte Sprache.
Ein Blick auf die Tagesordnung dieses Parteitags belehrt einen des Besseren. Der Beschluss über die geschlechtergerechte Sprache ist dort eine Randnotiz, und das, was laut Kisslers Artikel scheinbar fehlt, wird in Kernpunkten und an prominenter Stelle besprochen.
Kissler verursacht, was er bemängelt, eindeutig selbst. Und noch eher muss man ihm vorwerfen, dass er gerade nicht das (eventuell) Kritisierenswerte der zentralen Themen dieses Parteitags heraushebt, also eben jene Auseinandersetzung mit „Freiheit, Sicherheit, Islamismus“. Und wieder einmal darf man sich wundern, ob seine Vorwürfe nicht gerade für ihn selbst gelten, ob er vielleicht einfach nicht kompetent genug ist, um solche ernsthaften, zentralen Themen zu besprechen, ob er vielleicht zu feige oder zu blöde dafür sei.
In ernsten Zeiten sollte sich vielleicht ein Feuilletonkasper wie Alexander Kissler auf die ernsthaften Themen beziehen. Falls er dazu überhaupt in der Lage ist.

Böse Buben

Wie komme ich aber darauf? Warum stolpere ich über Alexander Kissler?
Mit diesem habe ich mich vor anderthalb Jahren schon einmal auseinandergesetzt, im Zuge der Debatte um die Rede von Sibylle Lewitscharoff. Auch damals habe ich ihm vorgeworfen, dass er sich sein gegnerisches Lager herbeiredet und seine Argumentationen so offensichtlich durch reine Rhetorik und rhetorische Verdrehungen getragen werden, dass man ihn kaum ernst nehmen kann. Über meinen eigenen Artikel bin ich gerade gestolpert, weil ich etwas auf meinem Blog gesucht habe, das zu meiner derzeitigen Auseinandersetzung mit der Didaktik der Geometrie hätte passen können. Stattdessen habe ich mir meine rhetorische Analyse von Kisslers Artikel durchgelesen. Und habe, um mich zu aktualisieren, nach Kissler gesucht.
Politische Abstinenz fällt einem schwer, wenn man trotz gravierender Zweifel an sich selbst und der Haltbarkeit seiner politischen Meinung über öffentliche Beiträge stolpert, die so leicht als egomanischer Unsinn zu entlarven sind. Dagegen ist selbst ein Akif Pirinçci noch ein intellektuelles Schwergewicht.
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