19.12.2015

Fear - Künstlerische Freiheit?

Solche Herzchen wie Birgit Kelle oder Hedwig von Beverfoerde waren mir bis heute nicht bekannt. Beatrix von Storch, Erika Steinbach und Eva Herman, die kannte ich allerdings. Auch Matthias Matussek ist mir ein Begriff, ein recht vertrauter. Meine Vorliebe gilt nicht den Protagonisten dieser politischen Couleurs. Oftmals habe ich gegen sie angeschrieben (zum Beispiel hier). Sie sind nicht analytisch genug, verdrehen die Tatsachen durch ihre Rhetorik, vereinfachen ungebührlich, mit anderen Worten: es sind eigentlich recht uninteressante Menschen, die sich einem aber aufdrängen, weil sie im öffentlichen Raum vorhanden sind.

Das Stück Fear

Trotzdem (und unter dem Vorbehalt, ich das Stück nur aus der Darstellung in den Medien kenne): was Falk Richters Stück Fear betreibt, halte ich für unanständig und ästhetisch wirkungslos. Unanständig ist es deshalb, weil es den „Gegner“ so eindeutig zu benennen weiß. Dass eine Eva Hermann oder ein Matthias Matussek gelegentlich oder regelmäßig geistig zündeln, das ist die eine Sache. 
Dass ihre Hinrichtung in gewisser Weise auf einer Bühne demonstriert wird, ist ein Umgang mit solchen Personen, der sich keineswegs als besser darstellen kann. Und ästhetisch halte ich dieses Stück deshalb für wirkungslos, weil man in einer dermaßen polarisierten öffentlichen Meinung mit einer weiteren Polarisierung nichts Neues zu sagen weiß. 
Das Stück bricht eigentlich nicht mehr mit einem demokratisch nicht legitimierbaren Tabu, und, sofern die Darstellungen unterschiedlicher Autoren nicht allesamt wesentliche Aspekte des Stückes unterschlagen, trägt es auch nichts zum Verständnis der aktuellen Situation bei. Hervorheben oder verständlich machen sind zwei mögliche ästhetische Strategien. Dem würde ich durch die Kunstfreiheit Schutz gewähren. Einer weiteren Polarisierung einer sowieso schon sehr angespannten Situation dagegen nicht.

Argumentationsweisen

Und man verstehe mich recht: ich möchte, wenn es nach mir geht, lieber nicht, dass die Meinungen einer Beatrix von Storch oder einer Eva Hermann in unserer Gesellschaft breiteren Fuß fassen. Als Meinungen von randständigen Existenzen: bitte schön. Ich behaupte ja nicht, dass die Bewegung des Gender-Mainstreaming nur Licht und ohne Schatten sei. Da darf es auch den einen oder anderen Spott, den einen oder anderen scharfen Artikel geben; Meinungsstreit ist eben auch ein Zeichen der Demokratie. 
Hier fehlt denn auch eher, und deshalb sind mir diese Menschen durchaus sehr unbehaglich, die gute Recherche, die präzise Begriffsbildung, die feinsinnige und nicht durch rhetorische Verdrehungen verknotete Argumentation; also gerade nicht, dass sie gegen das gender oder die „unchristliche“ Ehe seien, sondern mein Einspruch erfolgt gegen den Weg, auf dem diese Menschen zu ihrer Meinung finden. Ein Einspruch, der gelegentlich auch die Menschen trifft, die eine gewisse Art des Gender-Mainstreamings propagieren. 
Zudem kann der Begriff des gender durchaus angegriffen werden, ganz grundsätzlich sogar angegriffen werden, und hierin sehe ich noch einen Restbestand an „Wahrheit“, wie er von einem Akif Pirinçci oder einer Eva Herman vertreten wird. Allerdings sehe ich das Problem des gender-Begriffs auf einer ganz anderen Ebene und meine sich nach und nach verfertigende Kritik an diesem Begriff läuft über ganz andere Aspekte als bei Pirinçci oder Herman oder von Storch. Und mir geht es auch weniger darum, dem Begriff seine Legitimation zu entziehen, als die Grenzen des Begriffs genauer festzulegen und den Bedingungen, unter denen dieser Begriff verwendet wird.
Was die Hypothese des kulturellen Geschlechts (gender) angeht, so sind einfach die Befunde der letzten hundert Jahre zu deutlich, um von diesem Begriff leichtfertig abzurücken. Dass der Begriff immer noch Probleme bereitet, ernsthafte Probleme, sollte zu einer gewissen Gelassenheit und Besonnenheit auch auf Seiten der Wissenschaft und Politik führen (und insofern dies nicht geschieht, spreche ich gerne auch mal vom gender-Gedöns).

Theorien der kulturellen Evolution

Ich verweise noch einmal auf die Theorien der kulturellen Evolution, aus denen sich auch kulturelle Geschlechter als evolutionäre Formen ableiten lassen; und ich verweise auf Theoretiker, die mit der gender-Theorie eigentlich nichts am Hut haben:
  • Jurij Lotman: Die Innenwelt des Denkens. – In diesem Buch geht es in weiten Teilen um die Dichtungen Puschkins. Lotman zeigt, wie sich die dichterische Sprache mit und gegen eine herrschende Sprache entwickelt und sich – bedingt – dadurch die herrschende Sprache verändert.
  • André Leroi-Gourhan: Hand und Wort. – Dieses Buch zeigt aus der Sicht eines Paläontologen die Entwicklung menschlicher Kulturen bis in die Neuzeit.
  • Gabriel Tarde: Die Gesetze der Nachahmung. – Tarde betrachtet die Gesellschaften unter dem Aspekt kreativer Entwicklungen, weist die möglichen Mechanismen einer solchen Kreativität auf und die daraus entstehenden (positiven wie negativen) Wirkungen.
  • Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel. – Metzinger zeigt aus der Sicht der Neurophysiologie, wie sich das Gehirn ein „phänomenales Selbst“ zurecht bastelt, und dass dieses Bild keineswegs der Wirklichkeit, sondern den Bedingungen der neuronalen Struktur geschuldet sind. Zu den Bedingungen der neuronalen Struktur gehört natürlich auch, dass das Gehirn ein Reiz verarbeitendes Organ ist, also dazu gemacht worden ist, bestimmte energetische Einflüsse der Umwelt intern in Prozesse einzubinden. Es gibt also eine Verbindung zwischen „Realität“ und Abbild, aber keine einfache, keine eindeutige.
  • Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. – Der Autor postuliert, dass das menschliche Denken sich auf sozial vermittelte Wissensbestände genau so stützt, wie auf der Verarbeitung von Reizen. Die Wertung der Reize, die Aufmerksamkeit für sie und die Art und Weise, wie sie zu komplexeren kognitiven Funktionen zusammengesetzt werden, ist durch die engere soziale Umgebung vermittelt und kann sich innerhalb weniger Jahre deutlich wandeln. Selbst faktisches Wissen ist dadurch eher als ein Zeichen der Zusammengehörigkeit, denn als eine vom Sozialen unabhängige Wahrheit zu betrachten.
  • Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. – In diesem Buch ist es vor allem das dritte Kapitel, jenes über die Evolution der Kommunikation, die die historische Fassung möglicher Existenzen erläutert. Berufe, politische Rollen, wissenschaftliche Forschungsmethoden, Romanstrukturen, und eben auch das kulturelle Geschlecht unterliegen der Entwicklung von Symbolsystemen, die nach Luhmann in der eisernen Dreifaltigkeit von Variation, Selektion und Restabilisierung geschehen.
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