21.12.2015

Kurze und lange Sätze mit Stephan Waldscheidt

Gelegentlich liebe ich ihn, gelegentlich finde ich für ihn nur Verachtung. Stephan Waldscheidt, Autor und Textcoach. Gerade lese ich von ihm einen Text über Sätze.
He missed the point, möchte ich behaupten. Und wenn man den Nährwert seines Textes ansieht, dann geht dieser gegen null. Gut seien kurze Sätze, wobei man längere Sätze nicht unbedingt verachten müsse.

Syntax und Satzsemantik

Äußere und innere Struktur

Richtiger ist das so: die Schulgrammatik, bzw. die formale Grammatik, stellt die äußere Struktur der Sprache dar, in Form von Regeln und Ausnahmen. Für den Satz gibt es hier die Teildisziplin der Syntax. Diese äußere Struktur hängt mit einer inneren Struktur zusammen. Die innere Struktur wird von der Semantik beschrieben, im Falle des Satzes von der Satzsemantik. Semantik, so lässt sich das in Kurzform sagen, ist die Lehre von der Bedeutung. Sätze haben eine äußere, grammatische Struktur, und eine innere, semantische.
Nun liest niemand einen Satz, weil er eine so schöne äußere Struktur hat. Sätze sind dadurch attraktiv, dass sie eine Bedeutung transportieren. Transportieren darf hier nicht allzu wörtlich genommen werden, denn wenn man tiefer in das Gebiet der Semantik eindringt, dann stellt sich der Sachverhalt als wesentlich komplexer dar: ein Satz ist kein Paket, dessen Hülle durch die Grammatik und dessen Inhalt durch die Semantik bestimmt wird.

Innere Logik

Solange wir zu einem Satz eine innere Logik aufbauen können, solange sind wir mit dem Satz einverstanden. Schwierig wird es erst, wenn wir nicht mehr zu einem guten Zusammenhang finden. Dann mag der Satz zwar grammatisch korrekt erscheinen, aber inhaltlich unklar.
Was aber ist eine solche innere Logik? Dies ist nicht mehr ganz so einfach zu beantworten; bleiben wir bei den Schriftstellern, also jenem Metier, auf die Stephan Waldscheidt mit seinem Artikel abzielt, können wir tatsächlich auf eine langgepflegte Tradition zurückblicken. Die innere Logik stolpert nicht, wenn der Schriftsteller uns mit den vier typischen Formen des semantischen Gedächtnisses beliefert. Dies sind: die Proposition, das Bild, die Handlungsfolge und das Begriffsnetz (ich wähle hier noch ein möglichst einfaches Vokabular).

Das semantische Gedächtnis

Mit diesem Begriff bezeichnet man die Erinnerung von Bedeutungen. Wissenschaftlich gesehen ist es ein Konstrukt, dessen Vorhandensein nie wirklich bewiesen werden konnte. Da es aber so gut für Erklärungen taugte und auch in der Praxis hervorragend genutzt werden konnte (zum Beispiel in der Pädagogik), gehört es heute zu den Feld-, Wald- und Wiesenmodellen der Psychologie.

Die Proposition

Die Proposition ist ein gedachter Satz, genauer: das mentale Abbild eines Satzes. Im Mittelpunkt steht ein Verb, wobei aktive Verben für das Erinnern besonders günstig sind; dazu gesellen sich so genannte Aktanten, die in etwa mit den Satzteilen deckungsgleich sind. Aus der Psychologie wissen wir auch, dass ein Mensch ungefähr vier Elemente gleichzeitig überblickt, woraus man folgern kann, dass ein Satz vorzugsweise aus vier Satzteilen oder weniger bestehen sollte.

Das Bild

Als Komplex, komplexive Vernetzung, Image und noch unter einigen anderen Bezeichnungen findet man eine Art von Bild als Gedächtnistyp. Bilder kann man sich zunächst eben tatsächlich wie Bilder vorstellen. Sie bestehen aus einer Anordnung von verschiedenen, meist visuellen Elementen: Hier stehe ich, mit meinem Gewehr in der Hand, und überblicke die sanft gewellten Hügel bis hin zu der Triceratops-Herde jenseits des Flusses, dessen silbernes Band das dichte Grün der Wiesen zerschneidet.
Obwohl dieser letzte Satz deutlich über das Richtmaß für die Länge eines Satzes hinausgeht, macht dieser Satz doch keine Mühe, da das Bild konkret und vorstellbar bleibt.
Offensichtlich schafft es dieser Gedächtnistyp, eine größere Anzahl von Elementen zu vereinen und dadurch auch längere Sätze zu ermöglichen.

Die Handlungsfolge

Diese findet man auch unter der Bezeichnung Skript, was eine bessere Alternative ist. Denn nicht immer geht es beim Skript um Handlungen, manchmal lediglich auch um Ereignisse. Die Elemente in einem Skript werden nicht räumlich, sondern zeitlich geordnet. James Bond lehnt sich an die Theke, bestellt sich einen Martini mit Olive, und kehrt, während er die attraktive Blondine beobachtet, die ihm gleich nach seinem Eintritt ins Casino aufgefallen ist, an den Roulette-Tisch zurück.
Hier kann man tatsächlich behaupten, dass ein geradliniger Satz eine geradlinige Handlung beschreibt. Versucht dieser, Parallelhandlungen einzubeziehen, wird er kompliziert. Dies wird euch aufgefallen sein, als ich die Parallelhandlung Blondine-beobachten eingeführt habe. Ist eine Handlung allerdings geradlinig, kann der Satz durchaus länger werden, ohne an leichtgängigem Verständnis zu verlieren.

Das Begriffsnetz

Begriffsnetze sind vielleicht am problematischsten zu erklären. Wir brauchen Begriffe, um unsere Umwelt zu erfassen. Einfach gesagt kombinieren Begriffe Wahrnehmungen und mögliche Handlungen. Um zum Beispiel einen Teller als Begriff zu besitzen, muss ich wissen, wie ein Teller aussieht, und was ich mit ihm tun kann. Demnach kombinieren Begriffe Bilder und Handlungsfolgen und unterscheiden sich damit kaum von diesen Gedächtnistypen. Deutlicher werden Begriffsnetze dann, wenn sie sich vom Alltag entfernen, zum Beispiel in einer wissenschaftlichen Disziplin mit ihren Fachbegriffen. Begriffsnetze hängen damit eng mit der Spezialisierung zusammen.
Deutlich wird dies auch darin, dass ein Sachverständiger in seiner Disziplin längere Sätze leichter lesen kann, als ein Laie.

Was heißt das für die Praxis?

Zunächst ist ein Schriftsteller damit gut beraten, einfach zu schreiben. Die Sätze sollten mäßig lang sein, die Sprache bildhaft, die Bilder geordnet, die Handlungen nachvollziehbar und nicht zu ungewöhnlich; Fachbegriffe in eigenen (erzählenden) Texten sollten besonders kritisch beäugt werden.
Das sind allerdings noch die relativ groben, die bereits gut bekannten Tipps.
Schaut man sich große Schriftsteller genauer an, dann verflechten die Sätze sich untereinander und bilden größere Einheiten. Das sind die sogenannten Textmuster, die in erzählenden Texten dann natürlich Erzählmuster heißen. Und hier sind eine ganze Menge Möglichkeiten gegeben, um auch längere Sätze vorzubereiten und nachzubearbeiten.

Verknotungen

Betrachten wir folgenden Satz aus Kai Meyers Roman Die Wellenläufer:
Die beiden Boote des Spaniers befanden sich an den Seiten des Rumpfes; eines war von einer Kugel der Maddy gestreift worden, ein Teil der Aufhängung war zerfetzt, und nun schaukelte das kleine Boot bei jeder Erschütterung gegen den mächtigen Rumpf und erzeugte dunkle, hohle Laute. (S. 8)
Dieser Satz ist relativ lang. Bis Meyer ihn allerdings schreibt, hat er bereits die Umgebung umfassender geschildert. Dies alles ist in relativ kurzen Sätzen geschehen. Der zitierte Satz ist der bis dahin längste. Auffällig an dem Beginn dieses Romans ist dann auch, dass die Sätze nach und nach länger werden, dass sich, nach einigen recht kurzen Sätzen, immer längere einschleichen. Allerdings überwiegen die einfachen Sätze. Die längeren Sätze haben dabei auch die Aufgabe, die kürzeren gelegentlich zusammenzufassen und dadurch Ereignisse zu verknoten.

Informationswert

Vergleicht man aber, wie neu die Informationen sind, die der oben zitierte Satz liefert, dann kann man sagen, dass der Leser wenig Neues erfährt. Bekanntes wird lediglich in etwas anderen Worten ausgedrückt. Dagegen ist der Zusammenhang der einzelnen Satzteile, bzw. des dahinter stehenden Bildes, neu. Die kurzen Sätze führen neue Elemente ein, die langen Sätze neue Konstellationen; beides in Bezug auf den Leser gesehen: denn es geht hier nicht darum, dass der Leser sich etwas noch nicht denken könne, sondern dass er diese Situation noch nicht wissen kann. Eine Erzählung mag etwas ganz gewöhnliches schildern, etwas, was jeder Mensch jeden Tag erlebt; und trotzdem darf der Autor nicht über solche Situationen hinwegspringen, weil der Leser noch nicht wissen kann, ob seine Alltagserfahrung auch in diesem Roman gilt.
Daraus kann man einen Schreibtipp erstellen:
  • Schildere neue Elemente (eine Seeschlacht, einen Klassenraum, das Schmieden eines Schwerts) in kurzen Sätzen, den Zusammenhang dagegen in längeren; die Länge sollte allerdings dem Zusammenhang angemessen bleiben.


Zusammenfassung: Tipps für Autoren

  • Schreibe kurze Sätze! (Achte auf die 4-Elemente-Regel der Aufmerksamkeit.)
  • Ganz konkrete Bilder erlauben dir das Schreiben längerer Sätze.
  • Gut vorbereitete Elemente (Gegenstände, Ereignisse, Personen, Handlungen) ermöglichen nicht nur längere Sätze (mit diesen Elementen), sondern erfordern sie sogar, um all diese Elemente in einen Zusammenhang zu bringen. – Allerdings ist gerade der letzte Tipp nicht einfach nur den Sätzen aufzubürden, sondern insgesamt den Wörtern, Sätzen und Textmustern. Die Wörter müssen zu der Gesamtbedeutung passen, die Sätze müssen sich in die Logik des größeren Zusammenhangs einpassen, und die Textmuster müssen diesem größeren Zusammenhang einen Rahmen geben.

Solche Tipps sind übrigens nicht beim ersten Schreiben nützlich. Sie dienen eher dazu, die eigenen Texte daraufhin zu überprüfen. Texte sind relativ komplizierte Sachen. Wollte man alle Regeln gleich richtig anwenden, müsste man viel zu viel gleichzeitig beachten. Auch Schriftsteller können eben nicht mehr als vier konkrete Elemente gleichzeitig überdenken. Deshalb plant man, schreibt drauflos und überarbeitet später.
Kommentar veröffentlichen