26.01.2012

Teilgebiete und Nachbargebiete der Rhetorik

Soeben habe ich einen netten Kommentar erhalten:
Tag,
Genial! Am besten empfehlen sie mir ein Buch zur deutschen Grammatik etc.
In dem Buch sollten Dinge wie Inversion, Alliteration etc. erläutert werden.
Ich erhoffe mir dadurch meine Sprachkenntnisse zu verbessern.
MfG
Schüler


Lieber unbekannter Schüler!
Ich wollte schon seit längerer Zeit einen Artikel schreiben, der wichtige Gebiete der Literaturwissenschaft noch mal in knappen Worten und alltäglicheren Beispielen erklärt. Sie haben mich hier motiviert, diesen zu beenden. Hier also eine Übersicht. Ich zeige aber eher Tendenzen auf, wohin die Reise geht, wenn Sie sich mit dem einen oder anderen Gebiet auseinandersetzen werden und liefere keine wissenschaftliche oder vollständige Beschreibung (was Bücher benötigen würde). Allerdings fehlen hier auch wichtige Gebiete, zum Beispiel die Semiotik oder die Semantik, die Satz- und Textlinguistik und die Pragmatik.
Was die rhetorischen Figuren angeht, so schreibe ich gerade an einem Kindle-Buch, das etwas umfangreicher und mit Übungen in dieses Thema einführt.
Wenn du Fragen hast, kannst du mir aber auch eine E-Mail schreiben (findest du ganz unten im Impressum). Ich werde bloß nicht immer so rasch antworten, da ich Geld verdienen muss und zur Zeit auch sehr eingespannt bin.

Grammatik
Was die Grammatik angeht, so muss ich gleich eine wichtige Einschränkung machen: was Sie in der Schule lernen, ist Schulgrammatik. Die "echte" Grammatik dagegen ist philosophisch hoch anspruchsvoll und - ich möchte das mal so behaupten - für den Normalbürger nicht geeignet. Hier eine umfassendere Anmerkung.
Falls Sie sich aber dennoch mit der philosophischen Grammatik beschäftigen wollen, dann seien Ihnen folgende zwei Werke von mir empfohlen (Achtung! Beide sind "knackig", das heißt nicht so rasch zu lesen.):
  • Schneider, Hans Julius: Phantasie und Kalkül. Über die Polarität von Handlung und Struktur in der Sprache. Frankfurt am Main 1999.
  • Stetter, Christian: Schrift und Sprache. Frankfurt am Main 1999.

Rhetorik
Die Rhetorik ist die Lehre von der (guten) Rede.
Was solche Figuren wie Inversion und Alliteration angeht, so finden Sie hier eine Liste mit rhetorischen Figuren.
Außerdem habe ich zu Metaphern einen recht beliebten Aufsatz geschrieben, und einen zu Techniken der Schlagfertigkeit.

Stilistik
Die Stilistik ist im weitesten Sinne die Lehre vom sprachlichen Ausdruck der Gedanken. Als praktische Anweisung des verständlichen Schreibens wird sie auch Stillehre genannt. Hier empfehle ich das Buch Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte von Wolf Schneider (Reinbek bei Hamburg 2007), obwohl man nicht alles ganz so dogmatisch nehmen darf.
Was die wissenschaftliche Stillehre angeht, so ist diese höchst umstritten. Welchen Stil ein Autor "hat", hängt nämlich davon ab, was der Untersuchende als wichtig in einem Text ansieht. Und natürlich auch, ob sich verschiedene Ebenen eines Textes (zum Beispiel bestimmte rhetorische Figuren und die Komposition der Handlung) überhaupt in einen begründeten Zusammenhang setzen lassen.
Mein Lieblingsbuch:
  • Riffaterre, Michael: Strukturale Stilistik. München 1973
Die Stilistik wird aber auch mit der lexis, bzw. elocutio vermischt (was angemessen ist): diese ist als dritte, bzw. vierte Phase des Redenschreibens die Bemühung um den sprachlichen Ausdruck der Rede und gehört damit zur Rhetorik.
Die fünf, bzw. sechs Phasen der Rede sind (die erste Phase fehlt häufig, bzw. die ersten beiden Phasen werden oft zusammengenommen):
  • intellectio: Klärung des Redegegenstandes
  • invention: Finden und Erfinden des Stoffes (siehe unten: Topik)
  • dispositio: Ordnen des Stoffes (siehe unten: Aufsatzlehre)
  • elocutio: Sprachlicher Ausdruck der Gedanken (also: Stilistik)
  • memoria: Einprägen der Rede ins Gedächtnis
  • pronuntiatio, actio: Vortrag (pronuntiatio) und "körperliche Beredsamkeit" (actio)

Poetik
Die Poetik ist von der Stilistik häufig nur schlecht zu unterscheiden. Das liegt an einem zum Teil sehr begrenzten Poetik-Begriff, zum Teil aber auch daran, dass es hier normative (vorschreibende) und deskriptive (beschreibende) Poetiken gibt.
Die Poetik ist zunächst die Lehre und Wissenschaft von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung sowie den ihnen eigenen Gehalten, Techniken, Strukturen und Darstellungsmitteln (vgl.: Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1989, hier: Seite 688).

Nehmen wir ein konkreteres Beispiel, den Kriminalroman. Zunächst kann man diesen in typische Tendenzen aufteilen. Es gibt den klassischen Whodunnit: jemand wird umgebracht, alle möglichen Verdächtigen sind an einem Ort versammelt, der Detektiv oder Kommissar untersucht den Fall und findet schließlich heraus, wer der Mörder ist. Es gibt den Hard-boiled: jemand wird umgebracht, und es ist ungefähr klar, wer es gewesen sein könnte, der Detektiv muss die Beweisführung "dingfest" machen, doch der Mörder sperrt sich dagegen (es kommt zu weiteren Toten, der Beseitigung von Zeugen, zu falschen Spuren, verführerischen und verräterischen Frauen, Verfolgungsjagden und Schießereien, schließlich oft zu einem großen Showdown).
Damit haben wir zwei typische "Gehalte" von Kriminalromane: den Whodunnit für den Mord in kultivierteren Kreisen, den Hard-boiled für den Mord in "niederen" gesellschaftlichen Kreisen. Und wir haben typische Strukturen: der Whodunnit endet mit der großen Beweisführung des Detektivs, der sich der Täter dann beugt, während der Hard-boiled nach der Entlarvung des Täters noch die "Dingfestmachung" des Täters schildert.
Es gibt typische Darstellungsmittel in solchen Romanen, die aber auch von Autor zu Autor verschieden sein können, zum Beispiel den running gag in den Montalbano-Krimis von Andrea Camilleri (der eine burleske Version des Whodunnit schreibt) oder die harten, knappen Dialoge von einsilbigen Typen in den Krimis von Raymond Chandler (einer der Urväter des hard-boiled).
Dies in etwa untersucht die "wissenschaftliche" Poetik. Da sich die Literaturwissenschaft heute nicht nur für hohe Literatur, sondern auch für niedere Literatur und Gebrauchstexte interessiert, gibt es dann auch vereinzelt hier Poetiken. Allerdings ist dieses Gebiet in einem gewissen Sinne schon vorher besetzt gewesen und zwar durch den Journalismus.

Der Journalismus nun hat keine deskriptive Poetik, sondern eine normative. Er definiert, was eine Nachricht, ein Bericht, eine Glosse ist und gibt Tipps zum Schreiben solcher Textsorten.
Oder es gibt die Schreibratgeber: Wie Sie einen verdammt guten Roman schreiben; Krimis schreiben; How to write a Mystery.
Diese Bücher schreiben vor, wie man einen Roman, einen Krimi, einen Vampirroman, einen Fantasy schreiben soll, ebenso wie man in der Journalistenschule lernt, wie man eine Nachricht verfasst.

Der Unterschied lässt sich an "schlechten" Romanen deutlich machen. Die wissenschaftliche Poetik müsste den schlechten Roman wertneutral ansehen und untersuchen, welche Techniken der Autor verwendet, wie sein Roman aufgebaut ist, welche rhetorischen Mittel er verwendet und wie häufig. Die normative Poetik dagegen untersucht, ob der Autor bestimmten Regeln des Schreibens gefolgt ist, wobei die Untersuchung häufig nur punktuell stattfindet und sehr viel mehr eine Geschmacksfrage ist und was üblich gerne gelesen wird. Wenn ich bei John Asht die Adjektivitis kritisiere, dann beziehe ich mich auf eine normative Poetik und auf die Norm, wesentlich sparsamer mit Adjektiven umzugehen. 
In einer deskriptiven Poetik hätte ich zuerst die Anzahl der Adjektive in einem Textabschnitt ermittelt, diese dann zum Beispiel weiter aufgeteilt (sind Farb-Adjektive besonders häufig? gibt es besonders viele zusammengesetzte Adjektive wie sonnenhell und kastanienbraun? etc.).
In meiner Argumentation dagegen habe ich eine Mischform verwendet: ich habe in etwa deskriptiv gearbeitet, aber keine vollständige Aufzählung erstellt, sondern Beispiele gebracht. Dann aber bin ich umgeschwenkt und habe diese Beispiele in Bezug auf Schreibnormen bewertet.

Argumentationslehre
Die Argumentationslehre oder Dialektik (das "Auseinanderfalten" der Wörter) bezieht sich auf die Anordnung von Argumenten (das sind auf deutsch: Beweisgründe, also Aussagen über die Welt, die als Beweise in einer Argumentation taugen können), die Form der Schlussfolgerungen (zum Beispiel Induktion und Deduktion), und geht von hier aus in die Aufsatzlehre über, die die Anordnung von Redeteilen (die dispositio in der Rhetorik), bzw. die Anordnung von Textteilen (zum Beispiel: Einleitung: Vorstellen der Hypothese, Hauptteil: Argumentation verschiedener Standpunkt, Schluss: Zusammenfassung und Stellungnahme) behandelt.
In die Argumentationslehre gehören mittlerweile aber auch Texte, die nur unterschwellig argumentieren, so zum Beispiel die Beschreibung eines Ortes oder die Schilderung einer Handlung in einem Roman. Darauf hatte ich in meinem Beitrag zu John Asht ganz am Schluss angespielt. Diese Form der Argumentation wird nicht systematisch dargestellt, auch, weil sie, wenn man sie wissenschaftlich beschreiben will, äußerst voraussetzungsreich ist. Häufig findet man sie aber in Monografien zu bestimmten Werken, zum Beispiel zur Mutter Courage von Brecht, dann aber nicht mit dem Hinweis auf eine Argumentation, sondern auf den Verlauf der Geschichte oder eines Geschichtsabschnitts und was der Autor damit zeigen will.
Neulich las ich in diesem Zusammenhang von einer metaphorischen Argumentation. Dieser Begriff ist für Geschichten aber selten richtig und verkürzt um die wesentlich wichtigere metonymische Argumentation (siehe Argumentation und Erzählung und Krimis plotten und schreiben: Spuren, Indizien, Rätsel, außerdem eine Einführung in die Metonymie: Metonymien: Konnotationen). Trotzdem gibt es auch metaphorische Formen, allerdings nicht (oder äußerst selten) in dem üblichen Unterhaltungsroman, sondern eher bei Max Frisch oder Elfriede Jelinek.
Falls Sie hier ein wirklich gutes Buch lesen wollen:
  • Bayer, Klaus. Argument und Argumentation. Göttingen 2007
Das ist auch hinreichend verständlich geschrieben und mit schönen Beispielen aus Literatur und Alltag belegt.
Ansonsten habe ich hier einen Artikel verfasst, der erstmal grundsätzlich die Anordnung von Argumenten beschreibt (allerdings noch nicht die Schlussfolgerungen):

Logik
Dies ist die Lehre von den (guten) Bedingungen einer (guten) Schlussfolgerung.
Dazu gehörte zum Beispiel lange der Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Ein Mensch sei entweder ein Mann oder eine Frau. Etwas anderes sei nicht möglich. Der Logiker Johansson allerdings zeigte, dass aus einem Widerspruch eine beliebige Aussage folgt. Etwas ähnliches schreibt der deutsche Soziologe Niklas Luhmann für den sozialen Konflikt (in Soziale Systeme, im Kapitel zum Konflikt): auf der einen Seite sind Konflikte durch eine harte Gegeneinandersetzung gekennzeichnet: du hast schuld - nein, du - nein, du - usw. Auf der anderen Seite ziehen Konflikte fast beliebige Ereignisse an, um sie auf den Konflikt zu trimmen: Dass du die Butter in die linke Ecke des Kühlschranks gestellt hast, zeigt mal wieder, dass du mit mir nicht zusammenleben möchtest und deshalb generell zur Untreue neigst.
Heute hat man das Geschlechterverhältnis in ganz andere Kategorien eingeteilt. Es gibt ein biologisches und ein kulturelles Geschlecht; und während das biologische Geschlecht zwar eindeutig ist, aber wenig besagt (obwohl es durchaus biologische Einflüsse gibt), ist das kulturelle Geschlecht vieldeutig und für das konkrete Sexualverhalten äußerst wichtig. Man sehe sich nur männliche Homosexuelle an.
Die Logik ist also ein wichtiger Bezugspunkt für Argumentationen.

Topik
Das ist die Lehre von den Orten, an denen man Argumente findet. In der Rhetorik gehört sie zu der inventio, also dem Finden und Erfinden eines Stoffes.
Nehmen wir an, ich wollte einen Artikel schreiben, in dem ich die Arbeitsunwilligkeit bestimmter Bevölkerungsschichten anprangern möchte. Dort macht es einen Unterschied, ob ich eine Statistik zitiere, um mein Argument zu stützen, oder eine bekannte Person, die sich abfällig über Arbeitslose geäußert hat. 
Klassische Topiken haben hier eine rechte Systematisierungswut entwickelt und unterscheiden zum Beispiel zwischen beliebten und wenig beliebten Personen. So würde es einen Unterschied machen, ob ich Franz Beckenbauer, Peter Sloterdijk oder Guido Westerwelle zitieren würde. Franz Beckenbauer könnte meinen Zuhörern zu bodenständig sein. Sloterdijk als berühmtester, lebender Philosoph wäre genau der richtige und Westerwelle gilt eher als verpönt.
Trotzdem gibt es hier auch Möglichkeiten, eher verpönte oder allzu bodenständige Personen sprechen zu lassen, zum Beispiel, um einen Gedankengang weiter auszuführen und diesen dann ins Absurde zu treiben oder mit seinen eigenen Argumenten zu schlagen. Und auch so etwas lehrt die Topik, insbesondere die juristische Topiklehre für die Gerichtsrede mit fingiertem Einlenken auf die Position des Klägers oder Verteidigers oder die Predigtlehre mit einem ebensolchen Einlenken auf die Position der Schwach- und Ungläubigen.
Die Topik ist ein stiefmütterlich behandeltes Gebiet der Rhetorik. Der modernen Rhetorik ist die Haltbarkeit ihrer Argumente ja sch***-egal: die wollen teilweise nur verkaufen und sich selbst verkaufen, ob das Produkt nun Substanz hat oder nicht. In den Wissenschaften scheint diese Lehre als unschick zu gelten, da hier offenbar die Überzeugung herrscht, ein Argument fände sich immer in der Sache selbst. Doch bei hochkomplexen und dynamischen Sachverhalten, also zum Beispiel der Gesellschaft in der Soziologie oder der Seele in der Psychologie, hat man keine einfachen und schlicht zutage liegenden Sachverhalte. Und hier ist eine Topik schon nützlich, um alle möglichen Gebiete, die eine Argumentation stützen können, systematisch zu überprüfen.
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