24.01.2012

John Asht

Völlig an mir ist bisher ein Internet-Aufreger vorbei gegangen, der seit dem 17. Dezember letzten Jahres im Internet tobt.

Gehobene Literatur?
Losgetreten wurde dieses Sturm von Myriel, die in ihrem Blog Bücherzeit ein Buch von einem gewissen John Asht rezensierte. Dieses Buch, Twin-Pryx. Zwillingsbrut, riss die Bloggerin nicht zu Begeisterungsstürmen hin, sondern zu folgendem:
Bei meinem ersten Versuch mit diesem Buch habe ich es nicht mal bis Seite 30 geschafft, beim zweiten Anlauf immerhin bis Seite 90. Einen Dritten wird es nicht geben. Denn auf diesen Seiten sind mir schon so viele Dinge aufgefallen und haben mir quer im Magen gelegen, so dass ich gar nicht erst wissen möchte, wie es weiter geht.
Daraufhin postete ebenbesagter Autor folgendes:
Na ja, von einer 23-jährigen Fantasy-Leserin, die mit gehobener Literatur überhaupt nichts anfangen kann, erwarte ich auch nicht mehr als eine solch’ unqualifizierte Pseudo-Rezi.
Womit klar ist, dass Herr Asht sein eigenes Werk als gehobene Literatur bezeichnet. Aber wenn Herr Asht nur ein billiges Machwerk geschrieben hätte (was die Rezensentin übrigens nie behauptet hat), dann ist es tatsächlich kaum mehr als einer Pseudo-Rezi wert.

Genres
Asht fährt dann fort:
Mädel, schreib’s dir hinter die Ohren: Phantastische Literatur ist nicht „Fantasy“.
Also, tu uns allen einen Gefallen und bleib bei deinen Zwergen und Elfen – für mehr reichts nicht!
Der erste Satz ist eine recht mystische Behauptung: wer legt denn die Grenzen des Genres fest? Die Literaturwissenschaft hat sich seit langer Zeit (zumindest theoretisch) von den Klassikern als ihrem einzigen Untersuchungsobjekt befreit (vgl. zum Beispiel Bachtin, Michael: Die Ästhetik des Wortes). Was natürlich nicht heißt, dass man jetzt Brecht oder Goethe nicht mehr lesen sollte.
Aber auch die feineren Grenzen geraten ins Schwimmen: Harry Potter etwa ist zu großen Teilen wie ein Kriminalroman geschrieben, wenn auch als Kriminalroman in einer phantastischen Welt. Andrea Camilleri belebt die Burleske im Kriminalroman. Steam Punk versucht der Fantasy-Literatur neue Szenerien einzuhauchen, ebenso die sogenannte Urban Fantasy. Und der Thriller wird heutzutage ja recht wahllos auf alle möglichen Werke draufgepappt, wenn diese sonst nicht einzuordnen sind. 
Zu der phantastischen Literatur zählen, folgt man Tzvetan Todorov (Phantastische Literatur) oder Brittnacher (Ästhetik des Horrors) vor allem Topoi, also typische Figuren-/Konfliktkonstellationen, bzw. auch bestimmte Figurentypen, wie bei Harry Potter die Geschichte vom verlorenen Sohn aufgenommen wird oder in Twilight die Schöne und das Biest. Nun wird die Kritik der topoi generell nicht mehr gepflegt. Warum auch? An einem Roman wird doch (oft) gerade das Neue und Abweichende geschätzt, also das, was die Grenzen eines topos aufweicht. (Michael Crichtons Werk Jurassic Park wird als Thriller bezeichnet, ist aber auch eine "realitätsnahe" Dystopie.)
Deshalb wirkt die Antwort von Antje Roder, offensichtlich die Inhaberin des Verlages, in dem Herr Asht sein Werk veröffentlicht hat, besonders lächerlich:
Sie sind keine studierte Literaturkritikerin – das sieht man allein schon daran, dass Sie den fantastischen Abenteuerroman „Twin-Pryx, Zwillingsbrut“ fälschlicherweise in die Kategorie „Fantasy“ abgeheftet haben.
Wo aber könnte man (abgesehen davon, dass der Begriff des Genres ein sehr zweifelhafter ist) Literaturkritik studieren? Es gibt Literaturwissenschaftler und es gibt Kulturjournalisten. Vermutlich auch einige andere Studiengänge, die sich "offiziell" dazu berechtigt fühlen.
Und - ich kann es nur noch einmal betonen -: warum sollte sich ein Literaturkritiker mit dem Werk von Herrn Asht herumschlagen? Es ist schließlich "nur" Fantasy!

Das Mädel
Das abfällige "Mädel" korrespondiert übrigens mit der kaum verhohlenen Arroganz, die dieser Autor an den Tag legt. Und anders als hirnlos zu polarisieren scheint Herr Asht auch nicht zu können.
Da mag die Bloggerin denn auch den nächsten Satz nur zu beherzigen wissen: hat sie doch mit ihrer Rezension einen literarischen Zwerg beglückt (dazu unten mehr). Denn eines ist sicher: Herr Asht schreibt keinesfalls gehobene Literatur.

Literatur-Kriminalität
Man muss sich kein weiteres Bild von dem Autor machen. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Er schreibt auf seinem Blog denn auch von der Literatur-Kriminalität, in einem hasserfüllten und abfälligen Ton, ohne auch nur das mindeste an Belegen zu liefern oder mit Gegenargumenten zu kommen.
Gab es da nicht mal sowas wie Verfolgungswahn?

Der Roman
Was also leistet dieser Roman?
Immerhin kann der Autor ordentliche Sätze schreiben. Die Rechtschreibung ist ordentlich überprüft worden. Nur kommt man damit leider nicht weit.
Es gibt zahlreiche verstörende Elemente in diesem Roman, und zwar erzähltechnisch verstörende Elemente. Da ich bei einem solchen Werk vor allem Unterhaltung erwarten würde, sind erzähltechnisch verstörende Elemente nicht angebracht.
Es gibt drei große Tendenzen, die in einem Unterhaltungsroman beachtet werden sollten: Leserorientierung, Spannungsaufbau und Charakterisierung.

Leserorientierung I
Die Leserorientierung orientiert den Leser, wie eine Person in ihre Umwelt "eingebaut" ist. Diese Kategorie ist sicherlich unscharf, da hier jeder Autor auch eigene Wege finden kann. Trotzdem sollte sich ein Autor klar werden, was wann wie wichtig ist. Dass man daran scheitern kann, ist ebenfalls klar.
Es geht also darum, den Leser nicht nur in die Welt einzuführen, sondern in die Welt für die Protagonisten. Doch davon weiß der Autor Asht nur wenig zu sagen. Besonders auffällig jedoch ist, dass im Prolog eine Burg angedeutet, aber nicht wirklich dargestellt wird, diese aber im ersten Kapitel als bekannt vorausgesetzt wird. Gerade diese Burg aber ist wichtig, denn die "junge Frau" aus dem Prolog bewacht die Protagonistin aus dem ersten Kapitel, die in dieser Burg lebt.
Und hier gibt es eine ungeschriebene Regel, die aber von allen "großen" Autoren (Ausnahme: Burlesken) befolgt wird: nimm dir für die Beschreibung der wichtigen Orte Zeit. Zweite wichtige Regel: Wichtige Orte müssen mehrmals (wenn auch variantenreich) beschrieben werden.
Man lese nur Jurassic Parc, in dem Crichton seine Insel Stück für Stück und immer wieder neu in Worte fasst. An dieser Stelle hätte ich, als Lektor, angemerkt, dass der Autor diese Burg zumindest etwas genauer verbildlichen hätte sollen, d.h. beschreiben.
Asht nun schafft weder das eine noch das andere. Seine Orte wirken wie plötzlich dazuerfunden. Als habe er seine Geschichte nicht geplant, vor allem nicht auf Leserorientierung geplant, sondern von mal zu mal eine weitere Wendung gesucht.

Leserorientierung II
Die Leserorientierung ist eine Kategorie, deren Sinn und Zweck ich anzweifle. Anzweiflen tue ich dies, weil die Kategorie zu weit, zu unscharf gefasst ist, also garnicht den Begriff der Kategorie verdient. 
Ein anderes Problem ist die Abgrenzung zur Charakterisierung. Protagonisten charakterisieren sich für gewöhnlich dadurch, wie sie sich in einer bestimmten Umwelt verhalten. Damit sind in der Charakterisierung auch Elemente der Leserorientierung enthalten.
Deshalb bezeichne ich die drei Elemente Leserorientierung, Spannungsaufbau und Charakterisierung auch als Tendenzen, nicht als (wissenschaftliche) Kategorien.

Leserorientierung III
Was bietet Asht in Bezug auf Leserorientierung?
Wenig.
Die Burg taucht im Prolog zwar sofort auf, wird dann aber eher in Teilorte zersplittert (Burggraben), denn sinnlich beschrieben. Sie ist "da", aber eher als ideell-abstraktes Gebilde.
Ebenfalls:
"Ich bin da", sprach sie zu dem Wirbel, der sich nun in den Schatten der großen, frei stehenden Eiche bewegte.
Diese Eiche, die auffällig sein sollte und narrativ relevant (wenn auch nur in diesem Abschnitt), wird vorher mit keinem Wort erwähnt. Es erscheint wie der launische Einfall des Autors, nicht wie eine durchkomponierte Szene. Launisch ist dies auch auf grammatikalischer, bzw. syntaktischer Ebene, weil das Wort "der" in "der großen, frei stehenden Eiche" suggeriert, dass der Autor diesen Baum schon vorher eingeführt habe.
Erzählerisch birgt diese Stelle noch eine zweite Unklarheit: bewegt sich der Wirbel in den Schatten hinein (dann wäre der Akkusativ korrekt) oder bewegt sich der Wirbel im Schatten selbst (dann müsste dort der Dativ stehen).

Häufung rhetorischer Figuren
Weiters scheint der Autor immer wieder in das Gebiet der durchrhythmisierten Prosa einzudringen. Dies macht sich durch die Häufung rhetorischer Figuren deutlich, zum Beispiel durch Frequenzen auf der phonologischen Ebene, sprich (auf deutsch gesagt): Häufungen gleicher Laute, zum Beispiel in der Alliteration und der Assonanz:
  • wohlgeformter Wuchs (Alliteration)
  • Maag Mell (Alliteration)
  • Bergbrise (Alliteration)
  • Sommeranfang, Landschaft, war, bald, Waldrand (Assonanz durch den Vokal a)
  • ...
Eine weitere Häufung findet auf der Satzebene statt, vor allem durch Inversionen (Satzumstellungen) und durch Passivkonstruktionen (die zwar nicht zu den "rhetorischen" Mitteln gehört, man aber durchaus als eine solche behandeln kann):
  • "Aus einem dieser dunklen Flecken trat eine junge Frau am Waldrand hervor ..." (Inversion)
  • "Ihre kastanienbraunen Haare waren von einem bunten Stirnband umkränzt ..." (passivische Konstruktion)
Die bei jungen Schriftstellern sehr beliebte Inversion ist sowieso ein rechter Unsinn. Was macht nämlich eine Inversion? Sie stellt einen besonders bedeutsamen Satzteil vorneweg. Ist dieser Satzteil allerdings nicht wirklich bedeutsam, wie zum Beispiel hier "dunkle Flecken" (sie haben für die Geschichte keinerlei Relevanz), dann wirkt die vermeintliche Bedeutsamkeit eher lächerlich.
Noch schlimmer aber sind die Häufungen von Inversionen, die ständig Bedeutsamkeit suggerieren.

Adjektivitis
Ein nächstes Problem sind die Adjektivhäufungen, die zudem oft Komposita sind (kastanienbraunes, altkeltischer), mit Modalwörtern versehen sind (angenehm kühle, kunstvoll geflochtene, auffallend mystisch grüne), gehäuft sind (zierliche, silberne).
Diese bremsen den Lesefluss. Nun ist das noch kein Nachteil, kein Tadel, wenn der Roman (1) diesen Stil durchhalten würde und (2) diese Art des Schreibens Sinn machen würde. Zu dem ersten Punkt kann man dem Autor Asht allerdings nur eine gebrochene Schreibweise zusprechen, was den zweiten Punkt fragwürdig werden lässt.
In Fantasy-Romanen (oder auch phantastischer Literatur) ist eine solche Schreibweise allerdings schon deshalb fraglich, weil der Leser sie gerne "verschlingen" möchte. Hier wird die Häufung von Adjektiven als Adjektivitis gebrandmarkt. Kern des sinnlich-konkreten Schreibens ist eben nicht das Adjektiv, sondern die konkrete Tätigkeit. Adjektive sind notwendig, sollten aber vorsichtig gesetzt werden. Asht schreibt zumindest genreuntypisch und muss daher mit Ablehnung rechnen.

Manierismus
Ich denke, es reicht an dieser Stelle.
Die Häufung von rhetorischen Figuren führen zu einem ungewöhnlichen Schreibstil, den man als manieristisch bezeichnen muss. Der Manierismus stellt die Häufung rhetorischer Figuren bewusst oder unbewusst über die inhaltliche Klarheit.
Nun ist Asht nicht wirklich unklar: aber es gibt keinen "Drive", keinen Sog, der mich als Leser in den ersten Konflikt zieht und das liegt an einer Sprache, die sich immer wieder über die Handlung schiebt, mich also daran erinnert, dass ich lese und mich nicht eine Geschichte "erleben" lässt. Das wäre kein Fehler, ist aber - wie gesagt - genreuntypisch.

Alltagslogik und Beschreibungen
Man müsste hier noch einiges zur Alltagslogik sagen.
So tritt die junge Frau (im dritten Satz) "aus einem dieser dunklen Flecken ... hervor", und der Leser assoziiert dies mit den Schatten der Schäfchenwolken im zweiten Satz. Wie eine junge Frau allerdings aus dem Schatten einer Schäfchenwolke hervortreten kann, ist unklar.
Der Autor meint wohl, dass die junge Frau aus einem Schatten des Waldes am Waldrand hervortritt, zerreißt aber durch seine Satzinversion ("Aus einem dieser dunklen Flecken trat eine junge Frau am Waldrand hervor") den üblichen Zusammenhang. Dies wird noch durch das pointierte Demonstrativpronomen ("dieser") verschärft.
Beschreibungen in Romanen sind nicht unschuldig. Man sehe sich zum Beispiel die Beschreibungen in Max Frischs Homo Faber oder im Stiller an. Diese fangen den Leser an einer spezifischen Stelle ein und führen ihn zu einer pointiert anderen Stelle. Es gibt bei Frisch dann zwar keine Handlung (oder zumindest nur eine sehr reduzierte), aber eine deutliche Bewegung des Sinns. So gibt es auch in Beschreibungen eine Art Logik, bzw. Argumentation.
Aber man muss garnicht in die "klassische" Literatur gehen. Auch Michael Crichton scheint seine Beschreibungen so anzufertigen. Stephen King ebenso. Joanne Rowling. Stephenie Meyer. Kai Meyer. Und so fort.
Eine solche "narrative Argumentation" gehört mit zur Leserführung und zum Spannungsaufbau. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich seit Jahren an diesem Problem arbeite. Ich habe noch keine deutliche Lösung gefunden (nur Tendenzen), auch, weil die Poetik des Unterhaltungsromans kaum von seiner Produktionsseite aus untersucht wird, also: Wie schreibt ein Autor einen Unterhaltungsroman? Welche Techniken muss er beherrschen? Die meisten wissenschaftlichen Poetiken sind beschreibend, während eine Poetik der Produktion vorschreibend, also normativ wäre, nur eben nicht auf der Ebene der Übungsbücher, sondern an wissenschaftliche Kategorien angelehnt.
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