28.01.2012

Adjektivitis und einiges anderes

Ich glaube, ich muss mal wieder eine kleine Serie zur normativen Stilistik (wie schreibe ich gut?) verfassen. Normen haben natürlich ihre Probleme: man muss sie nicht anerkennen. Insofern finde ich die normative Stilistik auch nicht sonderlich spannend. Trotzdem: als Anregung und als Reibungsfläche kann sie durchaus qualifizieren.
Weil sich gerade die Gelegenheit dazu ergeben hat, gibt es hier einige Anmerkungen zu dem Roman "Das Flüstern der Nacht" (im Original: Desert Spear) von Peter Brett, immerhin ein Bestseller. Der deutsche Text fängt folgendermaßen an:
"Es geschah in der Nacht von Neumond, in der dunkelsten Stunde, als nicht einmal die Spur eines silbernen Streifs zu sehen war [when even that bare sliver had set]. Aus einer kleinen, stockfinsteren Stelle [a small patch of true darkness] unter den mächtigen Ästen einer Baumgruppe stieg eine bösartige Substanz aus dem Horc [Core] auf.
Der düstere Nebel verdichtete sich langsam zu einem Paar riesenhafter Dämonen, deren grobe, braune Haut knorrig und rau war wie Baumrinde. Sie hatten eine Schulterhöhe von neun Fuß, und ihre gekrümmten Klauen gruben sich in den mit gefrorenem Gestrüpp und Kiefernadeln bedeckten Boden, während sie witternd die Luft einsogen. Ein leises Grollen drang aus ihren Kehlen, und mit schwarzen Augen überprüften sie die nähere Umgebung der Baumgruppe [A low rumble sounded in their throats as black eyes scanned their surroundings].
Zufriedengestellt rückten sie ein Stück weit auseinander [they moved apart] und nahmen eine geduckte, sprungbereite Haltung ein [squatted on their haunches, coiled and ready to spring]. An der stockfinsteren Stelle hinter ihnen vertieften sich noch die Schatten, und Verdorbenheit schwärzte den Waldboden, als zwei weitere nebelhafte Umrisse aufstiegen." (Seite 9)

Die Übersetzung

Zunächst muss man etwas zur Übersetzung sagen. Schon der Titel wurde äußerst fragwürdig eingedeutscht. Offensichtlich lagen hier Marketing-Entscheidungen vor.
Der Übersetzer allerdings scheint es sich einfach zu machen. Aus dem "kleinen Fleck wahrer Dunkelheit" wird eine "kleine, stockfinstere Stelle"; aus der Umgebung wird die "nähere Umgebung der Baumgruppe"; aus "hockten sich auf ihre Hinterteile" (haunch ist sowohl die Hüfte, als auch die Lende, ein amerikanisches Idiom, das man nicht wörtlich ins Deutsche übersetzen kann) wird "geduckte Haltung einnehmen".
Diese Entscheidungen sind befremdlich. Andererseits hat das amerikanische Original deutliche Schwächen, die dann auch in der Übersetzung auftauchen.

Adjektive

Wo das Original schon verschwenderisch Adjektive benutzt, wird die Übersetzung fast grotesk. Aus "a small patch of true darkness", das man durchaus mit einer Genitiv-Konstruktion hätte eleganter lösen können, wird eine Adjektivhäufung. Ebenso wird in "geduckte, sprungbereite Haltung" die im Original wesentlich komplexere Konstruktion wiederum in Adjektive übersetzt.
Ein Problem solcher Adjektive bei Übersetzungen ist auch, dass die englischen Adjektive meist wesentlich kürzer sind als die deutschen. Wo sich im englischen Original häufig einsilbige oder zweisilbige Wörter finden, stehen in der Übersetzung oft viersilbige. Dadurch überwuchern die Adjektive den deutschen Text sehr viel stärker als das Original. Verschlimmernd wirkt hier, dass der Übersetzer andere Möglichkeiten des Beschreibens nicht nutzt, selbst wenn die Übersetzung unproblematisch ist, wie zum Beispiel bei "patch of true darkness".
So wird gerade der deutsche Text fortwährend ausgebremst und der Lesefluss verlangsamt. Ich möchte jedoch behaupten, dass dies nicht die Absicht des Autors war: solche Romane sollen, wie das der englische Ausdruck "pageturner" so treffend sagt, rasch durch die Geschichte führen.
Adjektive sollten deshalb sparsam gebraucht werden, seltener jedoch gehäuft (geduckte, sprungbereite Haltung), ebenso selten als Komposita (stockfinster, kastanienbraun, telefonzellenhäuschenmagenta) oder als berühmt-berüchtigte Einschübe (den mit gefrorenem Gestrüpp und Kiefernnadeln bedeckten Boden).
Dann gibt es auch noch diesen Manierismus, Adjektive zu erweitern. Die Dämonen sind nicht riesig, sondern riesenhaft; die Substanz ist nicht böse, sondern bösartig. Und schon wird das schlankere Adjektiv aufgebläht und besagt trotzdem nicht mehr.

Infodump

Doch schon das Original bringt viel zu viel unnütze Informationen. So hätte es gereicht, die Dämonen als riesig zu bezeichnen. Dem wird aber eine präzisere Angabe nachgeschoben (9 Fuß), ein wenig so, als handele es sich um eine naturwissenschaftliche Beschreibung.
Warum sich unbedingt die gekrümmten Klauen in den mit gefrorenem Gestrüpp und Kiefernadeln bedeckten Boden graben müssen, warum diese Informationen hier nützlich sein soll, kann ich nicht nachvollziehen.

Die Logik der Verbindung I

Besonders schlimm ist aber die innere Logik dieser Textstelle. Betrachten wir einfach mal den folgenden Satz:
"Sie hatten eine Schulterhöhe von neun Fuß, und ihre gekrümmten Klauen gruben sich in den mit gefrorenem Gestrüpp und Kiefernnadeln bedeckten Boden, während sie witternd die Luft einsogen."
Abgesehen davon, dass "witternd" eine Freiheit des Übersetzers ist: was hat die Schulterhöhe der Dämonen damit zu tun, dass sich ihre gekrümmten Klauen in den Boden graben? Auch bei einer Beschreibung sollte man auf eine gewisse, logische Konsistenz achten. Das Wörtchen "und" signalisiert einen Zusammenhang, der sich allerdings bei näherer Betrachtung als geradezu absurd erweist.
Peter von Polenz untersucht in seinem Buch Deutsche Satzsemantik die semantischen  Verknüpfungsformen im Satz. Dabei muss man das Wörtchen "und" zu den kopulativen Verknüpfungen (siehe Seite 268 f.) zählen. Doch selbst von Polenz führt hier nicht das Problem an, dass eine Anhäufung mittels "und" oder eine Koordination mehrerer Teile logisch gesehen zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Die Anhäufung kann auf der einen Seite einfach nur das Nebeneinanderliegen verschiedener Dinge bedeuten, während eine Koordination auf ihren funktionalen Zusammenhang anspielt.
Doch so weit kommen wir hier gar nicht. Im Original deutet das Gerundium einen fast noch stärkeren Zusammenhang an, der zwischen der Schulterhöhe und den Klauen zu ziehen sei, als das "und" im Deutschen.
Die Frage muss also immer lauten: Ist der Zusammenhang, den ich durch logische Partikel suggeriere, gerechtfertigt?

Die Logik der Verbindung II

So finden wir hier auf der einen Seite eine zu scheinhafte Logik. Auf der anderen Seite allerdings unternimmt der Erzähler nichts, um Sätze miteinander zu verbinden. Schon die ersten beiden lassen einen guten Zusammenhang vermissen:
"Es geschah in der Nacht von Neumond, in der dunkelsten Stunde, als nicht einmal die Spur eines silbernen Streifs zu sehen war. Aus einer kleinen, stockfinsteren Stelle unter den mächtigen Ästen einer Baumgruppe stieg eine bösartige Substanz aus dem Horc auf."
Hier fehlt in irgendeiner Weise eine Einordnung der Baumgruppe in ihre größere Umgebung, einen Bezug zwischen den folgenden Geschehnissen und dem (vom Autor) ausgewählten Ort.
Überhaupt wirft diese Stelle zahlreiche Probleme auf. Während das amerikanische Original durch die Konstruktion "that bare sliver" noch auf den Mond hinweist, der nun vollständig verschwunden ist, kann man hier der deutschen Version alles mögliche unterstellen, worauf sich der "silberne Streif" bezieht.
Der erste Satz hätte schlanker sein dürfen, zum Beispiel: "Es geschah in der Nacht von Neumond." Dies ist ein ganz übliches Vorgehen: ein Ereignis wird angekündigt und im folgenden näher ausgeführt.
Dann aber erweist sich die ganze folgende Passage als erzähltechnisch ungünstig. Die Geschichte beginnt nicht mitten im Geschehen, sondern an einem Nebenschauplatz. Der eigentliche Handlungsort ist die auf den Seiten 12-15 geschilderte Schlacht. Und sofern nicht dieser eine oder dieser andere Dämon eine wichtige Rolle in der Geschichte einnimmt, geht es auch nur um die Schlacht. Der Anfang ist also "überflüssig".
Bei der Schlacht allerdings ist bis zum Ende unklar, wer diese gewinnt. Wenn man sich den ganzen Prolog genauer ansieht, liegt das auch daran, dass einzelne Stellen des Textes aus der Logik des Gesamtzusammenhanges herausbrechen, bzw. dieser Gesamtzusammenhang gar nicht erst hergestellt wird.

Sinnlich und konkret

Nur scheinbar sind viele Adjektive sinnlich. Die wirkliche Sinnlichkeit einer Geschichte besteht allerdings in den konkreten, aktiven Verben. Solche Verben schaffen von Satz zu Satz einen Zusammenhang, eine Handlungslogik. Auch darauf sollte ein Autor achten.
Brett verknüpft nicht nur einzelne Sätze nicht miteinander, sondern wechselt auch häufiger die Perspektive, so zum Beispiel auf Seite 14 oben. Plötzlich befinden wir uns nicht mehr auf der Seite der Dämonen (und diese wurden als Perspektive im Prolog eingeführt), sondern auf der Seite der Menschen.
Ebenso inhaltsleer ist folgender Satz: "Schreie ertönten, als der Mann vortrat." (Seite 14) Zum einen bietet dieser Satz keine Information, die für die Geschichte wesentlich ist. Zum anderen muss es in der Geschichte etwas geben, vor das man treten kann: man tritt vor einer Gruppe, ein Zelt. Doch was dies hier genau ist, erfährt der Leser nicht. Es fehlt der sinnlich-konkrete Zusammenhang.
Besonders schlimm aber ist dann der nächste Absatz. "Unter der Führung des neu hinzu gekommenen Kriegers erinnerten sich die Übrigen an ihre Pflichten und stellten den früheren Zusammenhalt wieder her." (Seite 14)
Dieser Satz ist eine reine Zusammenfassung. Geschichten bestehen aber daraus, dass Handlungen (auch Kriege oder Schlachten) exemplarisch erzählt werden, d.h. in Beispielen. Die Zusammenfassung gehört in das Exposé, nicht in die Geschichte selbst. Jeder Autor sollte also überprüfen, ob er nicht noch konkreter werden kann, noch besser eine Handlung durch konkrete Verben schildern kann. Dazu gehört natürlich auch, dass man die größere Komposition auf solche Handlungen anlegt. Und dazu gehört wiederum die Frage, was man als Autor eigentlich erzählen will.
Brett möchte (das unterstelle ich ihm) die Opposition zwischen Speer und Dämonen einführen (siehe Seite 14). Dass dieser Speer den Dämonen gefährlich werden könnte, hätte man kompositorisch allerdings auch anders lösen können. So hätte man zum Beispiel die Geschichte dieser Schlacht als Mythos erzählen können oder als ein objektives Geschehen, also von einem auktoriale Erzähler aus, der keine Ausflüge in die personale Erzählperspektive unternimmt, oder man hätte gleich aus der Sicht eines Menschen schildern können, was passiert. Wie auch immer: der Prolog, so wie er zu lesen ist, zerbricht an der fehlenden Funktionalität genauso wie an den logischen Brüchen oder den zu unkonkreten Handlungszusammenhängen.
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